Der alte Mann und das Messer

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 28.12.2009

Das Mes­ser ist das zweit­ein­fachste Werk­zeug der Welt. Doch gerade in die­ser Schlicht­heit liegt die Schön­heit einer Klinge. Wir besu­chen einen Mes­ser­ma­cher mit einem Herz für Stahl und schauen ihm in sei­ner Werk­statt über die Schulter.

Als vor Mil­lio­nen von Jah­ren der erste Vor­mensch sei­nem Vor­mit­men­schen einen Faust­keil in den Schä­del rammte, war das Prin­zip ent­deckt: Wir kön­nen Ener­gie auf einen Punkt (Faust­keil) oder eine Linie (ande­rer Faust­keil) kon­zen­trie­ren. Der getrof­fene Vor­mensch fiel, der tref­fende Vor­mensch stand vor einer Welt von Mög­lich­kei­ten. Er konnte zum Bei­spiel sel­ber grö­ße­res Wild jagen und das dann auch auf­bre­chen, denn durch die Haut so eines Urviehs kam er weder mit Fin­gern noch mit Zäh­nen. Es blieb ihm vor­her nur, Aas zu essen, wenn ihm nach Schnit­zel war. Jeder mit schlech­ten Fast-Food-Erfahrungen wird ver­ste­hen, wie er sich fühlte. Das Prin­zip der Schneide, ein­mal ent­deckt, blieb beste­hen. Ana­log zum Hub­kol­ben­ver­bren­nungs­mo­tor gab es große Fort­schritte in Fer­ti­gung wie Mate­ri­al­tech­nik, doch der Vor­mensch würde ein heu­ti­ges Mes­ser als sol­ches erken­nen, genauso wie der alte Carl Benz einen aktu­el­len Motor erken­nen würde.

2009 lie­gen in jeder Küchen­schub­lade Dut­zende von Mes­sern. Sie sind ein indus­tri­el­les Mas­sen­pro­dukt und der­art bil­lig, dass die meis­ten Leute jeg­li­che Werk­zeug­kul­tur ihnen gegen­über ver­lo­ren haben. Hal­ten Sie sich nur ein­mal vor Augen, bei wie vie­len Ihrer Bekann­ten Sie Toma­ten mit faust­keil­stump­fen Schnei­den zer­drü­cken müs­sen, statt sie schnei­den zu kön­nen. Unsere Vor­fah­ren waren groß­ar­tige Klin­gen­schmiede. Sie hät­ten ange­sichts sol­cher Toma­ten — noch bevor die Zwie­beln dran wären — bit­ter­lich geweint. Aktu­ell gibt es eine kleine Renais­sance des Klin­gen­hand­werks. Inter­es­sierte kön­nen wie­der Mes­ser und Schwer­ter in hoher Qua­li­tät zu noch höhe­ren Prei­sen kau­fen. Und dann gibt es noch Karl Wall. Wenn Sie ein per­fek­tes, schö­nes, hand­ge­fer­tig­tes Mes­ser wol­len, gehen Sie dann zu ihm? Nein. Sie ken­nen ihn ja gar nicht. Sie gehen natür­lich zu einem der bekann­te­ren Mes­ser­ma­cher, bei dem sie bereit sind, ein paar hun­dert Ihrer Euros zu las­sen. Einige die­ser Mes­ser­ma­cher gehen aller­dings wie­derum zu Karl, um ihn für sie beson­ders auf­wän­dige oder schwie­rige Arbei­ten machen zu las­sen — das Her­aus­schlei­fen der Klin­gen­form zum Bei­spiel. Zwar ist Karl heute ein Pen­sio­när, der Mes­ser macht, weil sein Herz dran hängt, er hat jedoch ers­tens den hand­werk­li­chen Hin­ter­grund des Kunst­schlos­sers und zwei­tens eine Lebens­zeit an stäh­ler­ner Erfah­rung im Rücken. Außer­dem weiß er, wor­auf es bei Waf­fen ankommt. Er war lange bei der Bun­des­wehr und lehrt heute Modern Arnis, eine waf­fen­las­tige Kampf­kunst von den Phil­li­pi­nen. Er ist einer die­ser alten Män­ner, die erst über ihren Rücken kla­gen und einem dann drei­mal in den Arsch tre­ten, wäh­rend man ein­mal blin­zelt, hart wie so ein bor­ki­ger Baum.

Making Mes­sers

Roh­ma­te­ria­lien für neue Messer

Wenn Karl ein Mes­ser macht, gibt es zwei Aus­gangs­punkte: Ent­we­der er weiß, was er am Ende haben will und kauft die dafür pas­sen­den Roh­ma­te­ria­lien ein oder er fin­det auf dem Trö­del­markt Roh­stoffe und sieht, was dort für eine Klinge drin­steckt, die er her­aus­ar­bei­ten könnte. Ein ehe­ma­li­ges Metz­ger­ha­cke­beil liegt da zum Bei­spiel, kom­plett mit ein­ge­kerb­tem Schwei­ne­kopf und einer Schleif­an­wei­sung. “Dazu habe ich hier einen ver­zier­ten Kasuar­kno­chen”, sagt Karl, “das wird der Griff.” Beson­ders belieb­ter Werk­stoff für Mes­ser­klin­gen ist Dama­sze­n­er­stahl, oft “Damast” genannt. Damast besteht aus Schich­ten ver­schie­den legier­ter Stähle, und diese Schich­ten wer­den sicht­bar, wenn der Her­stel­ler das Mes­ser am Ende ätzt oder poliert. Je nach­dem, wie die Schich­ten ver­dreht, gebo­gen, gefal­tet, gene­rell ange­ord­net sind, ent­ste­hen beim Schliff unter­schied­li­che, holzartig-organisch wir­kende Mase­run­gen auf den Klin­gen­flan­ken. Einen von Karls Dol­chen ziert zum Bei­spiel eine V-förmige Struk­tur um den Mit­tel­grat, wäh­rend die Schich­ten an den Schnei­den par­al­lel ver­lau­fen. “Dazu ver­dreht man zwei Stü­cke Roh­da­mast für die Mitte, ver­schweißt sie mit­ein­an­der und mit den Schnei­den, dann formt man die Klinge aus”, erklärt Karl. “Nach dem Schlei­fen, Polie­ren und Ätzen erscheint die­ses Mus­ter.” Er hat dazu auch Anschau­ungs­ma­te­rial aus dem Mit­tel­al­ter, das er bei einer Woh­nungs­auf­lö­sung gekauft hat. An der kor­ro­dier­ten Schwert­klinge erkennt man die­sel­ben Struk­tu­ren wie am moder­nen Dolch, die eine Klinge damals wie heute ihrer Ästhe­tik wegen stolz zei­gen durfte. Frü­her konn­ten die Schmiede mit die­sem Viennetta-Eis-artigen Stahl die so essen­zi­elle Balance zwi­schen Härte und Fle­xi­bi­li­tät steu­ern. Heute jedoch gibt es für Mes­ser Mono­stähle, also Stähle aus einem homo­ge­nen Stück Mate­rial, die das genau­so­gut kön­nen. Es bleibt die Schön­heit, und über die ver­kauft sich Damast immer noch.

Dama­sze­n­er­stahl an einem Dolch

Mit­tel­al­ter­li­che Schwert­klinge, damasziert

Bei den Roh­stof­fen liegt neben dem Schwei­ne­mes­ser auch ein Stück Damast, pul­ver­me­tall­ur­gisch her­ge­stellt von einem gro­ßen Stahl­pro­du­zen­ten. Der künf­tige Klin­gen­um­riss ent­steht bei Karl als Skizze auf Papier oder er malt die Umrisse gleich aufs Werk­stück. Und dann wird erst­mal ein­fach aus­ge­schnit­ten, wie bei einem Stück Holz eben. Nur ist Stahl um ein Viel­fa­ches här­ter und zäher. “Bei sehr har­tem Stahl bohre ich Löcher vor, um das Sägen zu erleich­tern”, sagt Karl. Ja, womit schnei­det er eigent­lich? “Damit”, ant­wor­tet er und zeigt auf eine hunds­nor­male Metall­säge, wie sie in jeder Werk­statt hängt. Selbst mit Löcher boh­ren dau­ert es nicht län­ger als eine halbe, drei­vier­tel Stunde, die Umrisse aus­zu­schnei­den, was eines klar­macht: Man braucht oben­drein einen Wil­len, der här­ter ist als der zu schnei­dende Stahl und Mus­keln, die das mit­ma­chen. In der indus­tri­el­len Mas­sen­fer­ti­gung stanzt eine Maschine die Umrisse gleich küchen­schub­la­den­weise aus einem gro­ßen Stück Stahl­blech. Klei­nere Serien arbei­ten mit auto­ma­ti­schen Schneid– und Fräs­ma­schi­nen, die exakt, immer gleich und kal­ku­lier­bar preis­wert arbei­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund ist eines von Karls Mes­sern beson­ders beein­dru­ckend. Es sieht auf den ers­ten Blick wie ein wuch­ti­ges, haifischförmig-schönes Mes­ser aus einem ein­zi­gen, durch­ge­hen­den Stück Metall mit etwas Holz für die Griff­scha­len. Auf den zwei­ten Blick fällt einem ein Karo­mus­ter am Parier­stück auf, und für den drit­ten Blick erklärt Karl, dass die­ses Mus­ter noch vom Roh­stoff ist, denn die­ses Mes­ser war mal eine große Feile. Er hat das Mes­ser samt Knauf kom­plett aus die­sem Metall­stück her­aus­ge­sägt und –gefeilt! “Die ande­ren Mes­ser­ma­cher haben gesagt: ‘Du bist bekloppt, wenn du das machst’”, lacht Karl und erzählt wei­ter, wie er die Klinge her­aus­ge­ar­bei­tet hat, indem er an den Sei­ten der Länge nach von oben nach unten Mate­rial mit einer pop­li­gen klei­nen Metall­säge abge­schnit­ten hat, um die Klinge auf ihre end­gül­tige, nötige Schmal­heit zu brin­gen. Wie lange dau­ert das? “Oh, lange… Tage…” Tage, nur am Sägen, Fort­schritte von weni­gen Mil­li­me­tern in einer Stunde vol­ler Schweiß, für ein End­pro­dukt, das man auf tau­send ande­ren Wegen ein­fa­cher erhielte (zum Bei­spiel Kau­fen). Ja, das könnte man Irr­sinn nen­nen. Oder Hin­gabe. Passt auch.

Der Roh­ling und der Backofen

Alle Fei­len gut benutzt. Sonst wird schnell ein Mes­ser draus…

So oder so muss der Roh­ling jetzt in Form geschlif­fen wer­den. Die exak­ten For­men von Klinge und Ver­zie­run­gen ent­ste­hen bei Karl wie fast alles frei­hän­dig und nach Augen­maß. Zunächst ensteht die grobe Form der Klinge an der Band­schleif­ma­schine und auf der Werk­bank in allen drei Raum­di­men­s­tio­nen, also zum Bei­spiel auch die Ver­jün­gung der Klinge zur Schneide hin. Die­ses Vor-Messer ist noch ver­gleichs­weise weich, es muss daher gehär­tet wer­den. Dazu legt Karl seine Koh­len­stoff­stahl­klin­gen in einen Hoch­tem­pe­ra­turo­fen und bringt sie auf eine Tem­pe­ra­tur, bei der sich der in der Klinge vor­han­dene Koh­len­stoff im Eisen löst (wir spre­chen hier vom Prin­zip des Vor­gangs, die Exper­ten fügen men­tal ihre “-ite” ein). Kühlt man den Werk­stoff nun in einem Was­ser­bad oder einer ande­ren Flüs­sig­keit sehr schnell ab (das soge­nannte “Abschre­cken”), bleibt dem Vor­gang keine Zeit, rück­wärts abzu­lau­fen, und der Werk­stoff wird in sei­ner Mole­kül­git­ter­stru­kur in sich ver­spannt. Noch ein­fa­cher gesagt: Er wird dadurch här­ter. Er wird damit jedoch gleich­zei­tig sprö­der, daher steht unter Karls Hoch­tem­pe­ra­turo­fen ein alter her­kömm­li­cher Küchen­ofen mit einem Klin­gen­stän­der auf dem Rost. Dort wird die Klinge “ange­las­sen”, das heißt, nach ihrem Abküh­len noch­mals auf eine nied­ri­gere Tem­pe­ra­tur erhitzt, um ihr einen Teil der Ver­span­nung wie­der zu neh­men — eine Art ent­span­nen­des hei­ßes Bad für Messer.

Hand­po­lierte Klinge mit Hundekopf.

Der nächste Schritt heißt “Polie­ren” und klingt wie eine Arbeit für Hiwis. Hier, du Depp, poliere mein Meis­ter­werk! Frü­her wie heute jedoch war der Beruf des Schlei­fers und Polie­rers ers­tens ein eige­ner, meist vom Schmied ver­schie­de­ner, und zwei­tens ein sehr ange­se­he­ner, denn hier unter­streicht der Polie­rer die Schlicht­heit des Werk­zeugs, betont For­men und sorgt dafür, dass die Klinge gut durch ihr Ziel­ma­te­rial glei­tet. Glatte, rei­bungs­arme Flä­chen bie­ten zum Bei­spiel einem Laib Brot weni­ger Wider­stand beim Durch­schnei­den, ein Prin­zip, dass die tef­lon­be­schich­te­ten Gar­ten­klin­gen von Fis­kars sehr gut ver­deut­li­chen, mit denen man sich für nur 30 Euro ver­se­hent­lich den Arm abschnei­den kann. Die Poli­tur muss außer­dem so exakt sein, dass eine in die Flucht gehal­tene Klinge keine Uneben­hei­ten zeigt, und der Polie­rer darf dafür nicht so viel Mate­rial abtra­gen, dass sich nach zu vie­len Ver­su­chen die Balance des Geräts ändert. Wenn der Vor­sch­liff das Herz des Mes­sers ist, dann ist das Polie­ren seine Seele. Karl poliert seine Klin­gen auf einem fest­mon­tier­ten Schwab­bel, das ist eine Maschine, die ihren Namen trägt, weil sie ein Polier­ma­te­rial schwab­belnd bewegt, damit der Polie­rer die Klinge dort hin­hal­ten kann. Den Schliff der Schneide macht Karl wie­derum von Hand, weil die­ser dann genauer wird als zum Bei­spiel auf dem Band­schlei­fer. Außer­dem darf die Schneide aus der Rei­bung nicht zu heiß wer­den, da sie sonst wie­der an Härte und damit Schnitt­hal­tig­keit ver­lie­ren könnte. Mes­ser­ma­cher, die auf dem Band schär­fen, ver­wen­den daher Kühl­was­ser. Das fer­tige Pro­dukt, das Karl in sei­ner win­zi­gen Werk­statt schließ­lich prä­sen­tiert, ist von einer Ober­flä­chen­güte und Maß­hal­tig­keit, die indus­trie­pro­dukt­ver­wöhnte Kon­su­men­ten ver­dat­tert, wenn sie nur geschlu­derte Hand­ar­beit ken­nen. Die mensch­li­che Hand-Auge-Koordination ist auf einen hun­derts­tel Mil­li­me­ter genau, sagt die Wis­sen­schaft, und diese Klin­gen sind ein schla­gen­der Beweis.

An die Hand

Die Zap­fen­struk­tur sorgt für diese Maserung

Das Mes­ser an sich ist jetzt fer­tig. In Japan war es frü­her üblich, ein Schwert mit einer scho­nen­den Mon­tie­rung zum Üben oder Auf­be­wah­ren zu ver­se­hen, und nur in der Schlacht oder beim öffent­li­chen Tra­gen die ver­zierte Rochen­haut­mon­tie­rung zu ver­wen­den. Das Schwert bezeich­nete streng genom­men nur die Klinge. Um ein Mes­ser oder ein Schwert jedoch kom­for­ta­bel benut­zen zu kön­nen, erhält es meis­tens einen Griff aus leich­ten, grif­fi­gen Mate­ria­lien, frü­her meis­tens aus Holz, heute meis­tens aus Plas­tik. Bei Küchen­mes­sern ver­wen­det man auch für den Griff oft ein­fach glat­ten Stahl oder fer­tigt das Mes­ser gleich aus einem Stück (zum Bei­spiel Glo­bal Mes­ser). Auch hier spielt die Optik eine große Rolle. Karls Griffe beste­hen meis­tens aus dem, was die Natur ihm so anbie­tet, zum Bei­spiel auf Floh­märk­ten: Holz, Kno­chen, Horn. Eins sei­ner Mes­ser nutzt die hand­pas­send fin­ger­brei­ten Rif­felam­pli­tu­den eines Anti­lo­pen­horns, um der Hand Halt zu geben. Die­ses Mate­rial mon­tiert er mit fin­ger­schüt­zen­den Parie­r­ele­men­ten und Dis­tanz­stü­cken an die Klin­gen­an­gel und befes­tigt den Griff mit Schrau­ben oder Nie­ten. Am Ende fixiert er alle Teile mit einem groß­zü­gi­gen Bat­zen Klebstoff.

Erst jetzt erhält ein Griff­stück seine end­gül­tige Form. Der Grund dafür ist Ergo­no­mie: Bei der Mon­tage des Griffs kann sich ein vor­ge­fer­tig­ter Griff gering­fü­gig ver­schie­ben, was sich ein­fach weni­ger als per­fekt anfühlt, und Karl ist kate­go­risch gegen das ganze Prin­zip von “weni­ger als per­fekt”. Er kann so außer­dem ein fast fer­ti­ges Mes­ser einem Inter­es­sen­ten in kur­zer Zeit an seine Hand anpas­sen. Der Inter­es­sent fühlt meis­tens die­ses Dritte-Welt-Schamgefühl, wenn Karl ihm den Dritte-Welt-Preis für seine Kunst­werke nennt. Ja, man könnte das Irr­sinn nen­nen. Aber Hin­gabe passt besser.

Der Hai­fisch, der mal eine Feile war

Pro­log

An die­ser Stelle endete mein ursprüng­li­cher Text, der am 10. Okto­ber 2009 in der Sams­tags­aus­gabe der Welt erschien (die Welt kauft nor­ma­ler­weise nur das Erst­ver­öf­fent­li­chungs­recht). Die Reso­nanz auf den Arti­kel war ebenso erstaun­lich wie erfreu­lich groß, hatte aber einen Haken: Außer net­ten Men­schen von Mes­ser­stamm­ti­schen und aus Schwert­schmie­den mel­de­ten sich haupt­säch­lich Leute, die den “Dritte-Welt-Preis” im Kopf behal­ten hat­ten. Diese eigent­lich nahe­lie­gende Asso­zia­tion zu über­se­hen war mein Feh­ler, den ich für diese Ver­öf­fent­li­chung kor­ri­gie­ren möchte: Karl Wall macht keine Mes­ser auf Bestel­lun­gen von Frem­den hin, er hat da ein­fach keine Lust drauf. Er macht Mes­ser für sich selbst, für Bekannte und Freunde. Wenn Sie ein Mes­ser in Auf­trag geben möch­ten, gibt es der­zeit jedoch eine große Aus­wahl ande­rer kom­pe­ten­ter Hand­wer­ker, die das gerne anneh­men. Bitte schrei­ben Sie diese statt Karl mit einer sol­chen Bestel­lung an. Über andere Wert­schät­zun­gen sei­ner Arbeit freut er sich wie jeder Mensch und ich leite der­ar­tige Mails gern an ihn weiter.

Der kleine Stin­ker nach sei­nem ers­ten Schul­tag: „Man darf in der Schule nicht zäh­len. Man muss zuhören.“

Der Text dreht sich um die Her­stel­lung von Mes­sern, weil er für diese neue Technik-Rubrik der Welt (aktu­ell heißt sie “Fort­schritt”) geschrie­ben war. Auf die Geschichte gekom­men bin ich jedoch, weil Karl ein­fach von einer Sorte ist, wie sie heute gar nicht mehr her­ge­stellt wird. Seit über sieb­zig Jah­ren ist er ein Kämp­fer, hat Sol­da­ten und Zivi­lis­ten trai­niert. Er ist ein alt­mo­di­scher Mensch. “Jedes Land hat Sol­da­ten”, sagt er zum Bei­spiel. “Wenn keine eige­nen, dann fremde.” Karl ist außer­dem alt­mo­disch groß­zü­gig. Als ich ihm Kopien der Fotos, die ich für den Arti­kel geschos­sen hatte, auf einem USB-Stick gab, den er behal­ten sollte für seine Zeit, gab er keine Ruhe, bis er mir nicht eine echt gute Trai­nings­klinge geschenkt hatte. Jeder Ver­such einer Bezah­lung sinn­los, jede Erklä­rung sinn­los, dass ich den USB-Stick sel­ber geschenkt bekom­men hatt. Genau­so­gut könnte man mit einem Bro­cken Gra­nit diskutieren.

Oder die schwie­rige Nach­bars­fa­mi­lie: Wenn Karl arbei­tet, passt er oft auf den klei­nen Nach­bars­jun­gen auf, den er lie­be­voll “klei­ner Stin­ker” nennt. Mit unend­li­cher Geduld ver­sucht er, dem Kind Uhr lesen bei­zu­brin­gen, hat sogar eine Uhr als Beloh­nung gekauft, die der kleine Stin­ker natür­lich ohne Uhr lesen ler­nen ein­fach so haben will. Der Welt­krieg prägte Karls eigene Kind­heit: “Ich seh immer noch die Lei­chen.” Als die Dis­kus­sion im Kel­ler­ge­wölbe, wo er mit sei­nen Kol­le­gen trai­niert, auf Spiel­zeug kam, sagte einer: “Ich war ja schon in der Gene­ra­tion Play­sta­tion mit elek­tro­ni­schem Spiel­zeug.” Ein ande­rer: “Ich hatte damals noch Spiel­zeug aus Holz. Karl, was hat­test du als Spielzeug?”

Karl: “Rui­nen und Munition.”

Man könnte (und sollte) ein Buch über Karls Lebens­ge­schichte schrei­ben, die ihn, glaube ich, ob ihrer Inten­si­tät zu so einem ech­ten, direk­ten Men­schen gemacht hat. Ich mag die Stutt­gar­ter nicht. Aber ich mag die­sen alten Kerl. Er ist defi­ni­tiv Einer von den Guten™.

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