Ulle kommt

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 20.12.2009


geschrie­ben und mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Hel­mut Wicht

(Das fol­gende hat inso­fern mit Motor­rä­dern zu tun, als ich mit einem dahin gefah­ren bin. Mehr nicht. Ihr könnt also auf­hö­ren, wei­ter zu lesen. Das, was folgt, ist ein­fach nur der Ver­such eines Stü­ckes Lite­ra­tur. Herz­Schmerz­Liebe, und am Ende gibt es sogar einen Witz.)

“Ulle kommt!”

Das stand im “Betreff” eines emails, das ich vor ein paar Wochen von einer mir gänz­lich unbe­kann­ten Frauke M. erhielt. Nor­ma­ler­weise drück’ ich sowas unge­le­sen in den Müll.  Aber das … “Ulle” … Ulrike O.? Meine erste Liebe?

Ja. Ulrike O. kommt. Das Mäd­chen, das ich, als Knabe, zuerst liebte. Ihr kennt das: die­ses erste Mal, wenn die Kin­der­freund­schaft den bit­ter­süs­sen Geschmack der Erwach­se­nen­liebe bekommt. Diese Sehn­sucht nach Kör­per­lich­keit, die­ser Ver­lust an Leich­tig­keit der ein­fa­chen, kind­li­chen Freund­schaft, die­ses schmerz­hafte Begeh­ren des ande­ren. Schade. Nie hab’ ich Ulle gehabt, es blieb rein pla­to­nisch, aber ver­ges­sen hab’ ich sie auch nie ganz. Wie könnt’ ich auch: hab’ ich sie auch nicht am Leibe, so hat sie mich doch im Geiste ent­jung­fert. Sowas sitzt.

Das war in der Unter­ter­tia. Dann hab’ ich die Schule gewech­selt und anderswo Abitur gemacht und anders­wen geliebt und an ande­ren gelit­ten. Und  ich hab’ Ulle nur noch ein­mal, vor 25 Jah­ren, kurz und zufäl­lig wie­der­ge­se­hen. Damals stu­dier­ten wir beide noch.

Und jetzt: “Ulle kommt!”. Nach Darm­stadt, zum “Grohe”, in die Stamm­kneipe all derer, die jemals Darm­städ­ter waren.

Im email steht, dass Ulrike jetzt in Afrika lebt, weil sie einen Sene­ga­le­sen gehei­ra­tet habe. Sene­gal … da wo die Neger nicht nur schwarz, son­dern schwarz-blau sind. Damals, als ich Ulle liebte, trug sie ein Mal an sich. Sie war teils dun­kel, teils weiss: Sie hatte so eine Pig­men­tie­rungs­stö­rung der Haut und sie sah aus wie ein grob­ge­fle­cker Leo­pard. Oder wie ein Sche­cken. Braun-weiss. Ich fand das sehr bemer­kens­wert und sexy.

“Ulle kommt!”

Sie kommt zum “Grohe”, ich auch, mit’m Krad. Und Ulle, die jetzt im Sene­gal, in Dakar lebt, sitzt da, und ist käse­weiß. Eine hüb­sche Albina…

“Weisst Du”, sagt Ulle, “das mit der Pig­ment­stö­rung ist weg­ge­gan­gen. Frü­her war ich braun-weiss gescheckt. Jetzt bin ich nur noch weiss. Und muss im Sene­gal höl­lisch auf­pas­sen, dass ich mich nicht ver­senge. Son­nig und warm ist’s da näm­lich… anders­rum wär’s prak­ti­scher gewesen.”

Gut, sie ist wei­ßer als weiß, dafür hat sie einen net­ten Neger gehei­ra­tet und erzählt von ihrem Leben in Dakar. Ärztin ist sie, All­ge­mein­me­di­zi­ne­rin, und ver­dok­tert, was ihr so in die Pra­xis läuft.

“Und”, frag’ ich, “ernährt das seine Frau?”
“Naja,”, meint sie, “die Frau schon, nicht aber die ganze Fami­lie, zwei Kin­der, Mann … und die Kund­schaft hat oft kein Geld und will in Natu­ra­lien zah­len.”
“Was”, frag’ ich wei­ter, “macht denn dein Mann?”
“Hüh­ner­zucht”, sagt sie.

Und erzählt, wie sie in Ham­burg, wo sie als Ärztin ohne rechte Per­spek­tive und Lust arbei­tete, auf einem Rock-Konzert einen fröh­li­chen Sene­ga­le­sen ken­nen und lie­ben lernte. Und wie die deut­schen Behör­den die­sen Sene­ga­le­sen, als er arbeitl­sos wurde, für­sorg­lich unter ihre Fit­ti­che nah­men: “Aus­bil­dung oder Aus­wei­sung”. Und das erste Aus­bilungs­an­ge­bot, das man ihm machte, nahm er vor lau­ter Schreck an: Heizungsbauer.

“Weißt du”, sagt Ulle (und guckt sor­gen­voll auf ihre herr­lich weiße, son­nen­brand­ge­fähr­dete Haut),  “für Hei­zungs­bauer gibt es nicht wirk­lich einen Markt in Dakar …”
“Hätt’ er nicht Kli­ma­tech­nik machen kön­nen?”, frag ich zurück.
“Womög­lich”, sagt sie, “aber als ich ihn ken­nen­lernte, war er schon mit­ten im Heizungsbau.”

“Und mit­un­ter”, so nahm  ich das Gespräch spä­ter wie­der auf, “mit­un­ter bezah­len dich deine Pati­en­ten in Natu­ra­lien?”
“Ja.”
“Aber Hüh­ner nimmst du nicht an?”
(Sie lacht wie damals und mein Herz blu­tet)
“Nein.”

Danach hat sie mich kurz in die Arme genom­men, und dann bin ich auf’s Motor­rad gestie­gen und heim gefah­ren. Leicht sicht­be­hin­dert, feuch­ten Bli­ckes. Irgend­was muss mir in die Augen gekom­men sein, viel­leicht war’s ja auch nur ein stau­bi­ger Wind. Das kennt man ja, fei­ner, hel­ler Saha­ra­sand, der aus dem tie­fen Süden zu uns gebla­sen wird.

Sene­ga­le­sen zu Hei­zungs­bau­ern!
Eski­mos zu Käl­te­tech­ni­kern!
Lie­bende zu Freunden!

Ach…

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