Zwei Kombi-Heckklappen“

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , – 31.12.2009

Der Flü­gel­tü­rer SLS mit sei­nen gekonn­ten Zita­ten der Legende Mer­ce­des 300 SL war der Star der dies­jäh­ri­gen IAA. Wir besuch­ten AMG in Affal­ter­bach, um her­aus­zu­fin­den, wie man so einen Super­sport­wa­gen baut.

Viel­leicht waren Sie auf der IAA. Mit Sicher­heit haben Sie dort den Mer­ce­des SLS AMG gese­hen. Wahr­schein­lich hat er Ihnen gefal­len. Weni­ger wahr­schein­lich ist, dass Ihrer Bank der Vor­schlag gefal­len wird, Ihnen bis 2010 bei Erschei­nen des Wagens knapp 180.000 Euro aus­zu­hän­di­gen, die Sie dann in einen SLS anle­gen. Aber wir sind ja nicht nur das Volk der Dich­ter und Den­ker, wir sind vor allem das Volk der Maschi­nen­bauer und Bast­ler. Wir haben den ers­ten funk­tio­nie­ren­den Ver­bren­nungs­mo­tor gebaut. Wir haben den ers­ten in der Pra­xis funk­tio­nie­ren­den Elek­tro­mo­tor gebaut. Schauen wir uns also mal an, wie AMG den ers­ten funk­tio­nie­ren­den SLS baut. Viel­leicht kön­nen Sie dann in bes­ter deut­scher Manier in Ihrer Garage mit ein biss­chen Hirn­schmalz und viel Bier Ihren eige­nen Flü­gel­tü­rer bauen. Man kann immer hoffen.

So hat Mer­ce­des den SLS gezeich­net. Jetzt sind Sie dran.

Orts­ter­min Affal­ter­bach auf dem schwä­bi­schen Land. Dort ent­wi­ckelte die Mercedes-Tochter AMG mit dem SLS erst­mals ein Fahr­zeug tutti com­pletti. Chris­toph Jung, stra­te­gi­scher Pro­jekt­lei­ter des SLS, sagt dazu: “Die Ent­schei­dung war damals klar: Wir machen ein kom­plett eige­nes Fahr­zeug, einen Super­sport­wa­gen im Seg­ment Fer­rari F430, Por­sche 911 Turbo, Audi R8 V10.” Anders als diese Kan­di­da­ten sollte der Motor des Wagens jedoch nicht hin­ter dem Fah­rer­sitz (F430, R8) oder gar hin­ter der Hin­ter­achse (911) sit­zen, son­dern direkt hin­ter der Vor­der­achse als soge­nann­ter Front-Mittelmotor. Autos mit die­ser Moto­ren­a­n­ord­nung haben sehr cha­rak­te­ris­tisch lange Schnau­zen. Aston Mar­tin baut so. Der Mase­rati Quat­tro­porte ist ein wei­te­res Bei­spiel. Sie sehen anhand der Bei­spiele schon, dass man über diese lan­gen Hau­ben wun­der­bare Linien zie­hen kann.

Laa­ange Schnauze für den Front-Mittelmotor

Die Linien des SLS stam­men aus der Desi­gnab­tei­lung von Mer­ce­des. Sie müss­ten das dann sel­ber zeich­nen. Klauen könn­ten Sie die Idee der Flü­gel­tü­ren. Das ist auch tech­nisch weni­ger auf­wen­dig, als Sie viel­leicht glau­ben. “Vom Kon­struk­ti­ons­prin­zip her sind das zwei seit­lich ange­schla­gene Kombi-Heckklappen”, meint Chris­toph Jung lapi­dar. “Schar­niere, Gas­druck­dämp­fer, die Teile gibt es ja alle schon.” Kom­bi­heck­klap­pen an einem Super­sport­wa­gen sind hier die neue Idee. Die Ent­würfe von Mer­ce­des über die tech­ni­schen Vor­ga­ben von AMG erin­ner­ten an den alten Mer­ce­des 300 SL aus den Fünf­zi­gern, den Flügeltür-Ahnen. Als anhand die­ser Skiz­zen jemand einen sol­chen Ein­stieg vor­schlug, war die Sache schon ziem­lich sicher geritzt. Für Ihre in der Garage geden­gel­ten Flü­gel­tü­ren aus, was weiß ich, alten Golf-Kombi-Heckklappen oder so zitiere ich jedoch zum Beden­ken noch­mal Herrn Jung: “Reden wir doch mal Klar­text: Nur Mercedes-Benz konnte die Flü­gel­tü­ren so glaub­wür­dig wie­der­be­le­ben.” Stren­gen Sie sich halt an, um ihn zu widerlegen.

Am alten SL machte die Tür­lö­sung dem Chas­sis Platz.

Der alte SL ver­dankte seine “Möwen­flü­gel” (Gull­wings), wie sie die Ame­ri­ka­ner nann­ten, der Erkennt­nis, dass sein Fahr­ge­stell aus Stahl­git­ter­rohr an den Sei­ten ein gutes Stück höher war als der Fah­rer­hin­tern. Also klappte man die Türen kur­zer­hand nach oben auf. Stahl­git­ter­rohr ist ideal für Ihre Garage, das kön­nen Sie von Hand schwei­ßen. Dar­über stülpte Mer­ce­des damals eine Karos­se­rie aus Stahl­blech und Alu­mi­nium oder gegen Auf­preis eine kom­plett aus Leicht­me­tall. Der SLS hin­ge­gen hat eine selbst­tra­gende Ske­lett­ka­ros­se­rie (neu­deutsch: Space Frame) aus Alu­mi­nium, das heißt ers­tens, dass es keine Tren­nung zwi­schen Fahr­werk und Karos­se­rie gibt, weil Letz­tere auch das Ers­tere ist, und das heißt zwei­tens, dass Sie das woan­ders fer­ti­gen las­sen müs­sen, weil Alu­mi­ni­um­guss­teile und –strang­press­pro­file in die Domäne der Groß­se­ri­en­fer­ti­gung gehö­ren. AMG etwa lässt die SLS-Karosserie in den müt­ter­fir­ma­li­chen Mercedes-Werken fer­ti­gen. Mit die­ser Art Karos­se­rie kön­nen Sie die Türen dann anschla­gen, wie Sie wol­len, zum Bei­spiel auch her­kömm­lich, wie es der kom­mende, offene SLS Roads­ter tut.

Ein Mann, ein Motor. Auf einem Wägelchen.

Reden wir über Gewicht. Gewicht ist schlecht. Gut, das sagt auch jeder Arzt, ein Inge­nieur weiß aber, dass Glei­chun­gen mit Gewicht und Geschwin­dig­keit qua­dra­tisch sind, und das ist expo­nen­ti­ell schlecht: Wenn Sie dop­pelt so schnell fah­ren, erzeu­gen Sie vier Mal so hohe Mas­sen­kräfte. Aus einem Kas­ten Bier im Kof­fer­raum wer­den vier — lei­der nur ener­gie­rech­ne­risch. Ganz ohne Gewicht geht es eben­falls nicht, also setzt man das Gewicht mög­lichst nied­rig ein, damit ein Fahr­zeug sta­bil auf der Straße liegt — wie beim Steh­auf­männ­chen. Schwere Kom­po­nen­ten im SLS lie­gen daher in puncto Höhe fast auf der Straße. Der V8-Antrieb zum Bei­spiel hat eine Tro­cken­sumpf­schmie­rung mit sepa­ra­tem Öltank, damit der tiefe Ölsumpf eines (übli­che­ren) Nas­sumpfs ent­fal­len und der Motor folg­lich tie­fer hän­gen kann. Die Abde­ckung der Ansaug­stut­zen des Saug­mo­tors als wei­te­res Bei­spiel liegt nur wenig höher, ist aber bereits aus leich­tem Magnesium.

Dicht­heit mit Spüli prü­fen. Alter Werkstatttrick.

Der Motor ensteht übri­gens direkt bei AMG in Hand­ar­beit, das sollte Ihnen also ent­ge­gen­kom­men. Im Werk schiebt jeder Ange­stellte der Fer­ti­gung sei­nen per­sön­li­chen Motor auf einem Wagen durch eine Halle, durch ver­schie­dene Sta­tio­nen mit Tei­le­re­ga­len, Mess­ge­rä­ten und spe­zi­el­len Mon­ta­ge­hil­fen. Da sind zum Bei­spiel Maschi­nen, die meh­rere Schrau­ben auf ein­mal auf ein exakt defi­nier­tes Dreh­mo­ment anzie­hen oder sehr exakt Dicht­masse auf­tra­gen. Viel­leicht könn­ten Sie sich dort mit Ihrem Eigen­baumo­tor ein­fach ein­schmug­geln und so tun, als gehör­ten Sie dazu. Am Ende wird jeder Motor mit der Pla­kette sei­nes Kon­struk­teurs ver­se­hen, noch­mals prü­fungs­hal­ber lau­fen gelas­sen und dann zur Mon­tage wei­ter­ge­reicht. AMG-Motoren lau­fen übli­cher­weise nicht nur mit stram­mer Leis­tung, sie lau­fen auch lange. Wenn Sie weni­ger Erfah­rung mit Moto­ren haben, suchen Sie sich zum Test­lauf erst­mal einen Schup­pen weit drau­ßen und gehen Sie bitte in Deckung, wenn (nicht falls) Ihnen die Kol­ben des explo­dier­ten Aggre­gats um die Ohren flie­gen. So hat AMG immer­hin auch angefangen.

Zurück zu den Kos­ten: Das Ganze sollte Sie nicht mehr als einige Mil­lio­nen Euro und ein paar Pro­zent Hör­fä­hig­keit (wegen der Explo­sio­nen) kos­ten. Gehen Sie also noch­mals zu Ihrer Bank und ver­lan­gen die­ses Geld, viel­leicht sind die freund­li­chen Bera­ter dann form­ba­rer, wenn es um im Ver­gleich dazu gera­dezu geschenkte 180.000 geht, um einen fer­ti­gen SLS AMG zu kaufen.

Try *this* at home!

Bil­der: Werk, nur die Spüli-Flasche ist von mir.

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