Die Siebenmeilenpedale

Ausgerechnet das Fahrrad mit Hilfsmotor schickt sich an, das *spuck* politisch korrekte Fortbewegungsmittel der Zukunft zu werden. Intelligente Elektroantriebe für den permanenten Rückenwind.

Ich wohne in der Stadt. Im Plural, genauer gesagt, schuld sind Umzüge. Ich tendiere außerdem zur Selbstbeobachtung. Dabei wird einem schnell klar, wie langsam ein Auto in der Stadt eigentlich ist. Die Durchschnittsgeschwindigkeit ist schon nicht sonderlich hoch, vor allem zur Rush Hour, aber der echte Killer sind die Parkplätze, weil sie nämlich nie vorhanden sind. Zu Stoßzeiten sind 40 Prozent des innerstädtischen Autoverkehrs Parkplatzsuchende, an langen Samstagen macht die Parkplatzwarteschleife laut ADAC gar bis zu 75 Prozent aus. 75 Prozent! Misst man also mit der Stopuhr die tatsächlichen Zeiten von Tür zu Tür, sieht das Auto ganz schön alt aus. Nach Erhebungen des Umweltbundesamtes ist das Fahrrad im Bundesgesamtschnitt auf Strecken bis 7 km das schnellste Fortbewegungsmittel. Die meisten per Auto gefahrenen Strecken sind kürzer. Als ich in Hannover lebte, erledigte ich jeden Ortswechsel auf dem Fahrrad, mein Auto fand ich wieder, als es nach Monaten des Vergessens total verstaubt war, ein Penner darin seine Wohnstatt eingerichtet hatte und es von seinem Dauerparkplatz weggeschoben (Batterie leer, klar) werden musste, weil die Stadt dort eine Baustelle eröffnen wollte. Ich habe die Immobilie dann verschenkt. Das war vor mehr als sieben Jahren.

Jetzt wohne ich in Stuttgart. Hannover ist flach und ist voller Fahrradwege, Stuttgart … nicht. Stuttgart ist ein Talkessel mit hunderten von Metern Höhenunterschied, alles ist voller aggressiver Porscheproleten, und wenn ich zum Bäcker muss, geht der gesamte Weg, hin und zurück, ausschließlich bergauf. Wie bei Opa früher. Radwege habe ich hier noch nicht bemerkt, außerdem scheint es eine Sonderkommission der Polizei zu geben, deren Aufgabe es ist, die verbliebenen Radfahrer so lange zu drangsalieren, bis sie per Proletenprämie Porsche kaufen. Mein Fahrrad steht an der Straße unter der Laterne und verwittert. Nein, Moment, ich sehe gerade aus dem Fenster, dass sich jemand seiner erbarmt und es geklaut hat. Emotional tangiert mich das nur peripher, denn für das Mittelgebirge Stuttgart ist es nicht das schnellste Verkehrsmittel. Ich fahre hier Motorrad. Es steht vor meiner Tür, ich fahre es zur Zieltür, was mit dem viel größeren Auto ja nicht geht. Die Tür-zu-Tür-Zeiten sind daher trotz Helm aufsetzen phänomenal. Doch eine feuerspeiende italienische Höllenmaschine beim Brötchen holen zuschanden zu reiten kann definitiv nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Es versaut einem außerdem den Auftritt bei diesen Bionadebiedermännern, die sich bei zunehmendem Lebensalter spontan im Freundeskreis bilden.

“Meeeeeeeh“

Was ist also das hippe, alltagstaugliche Stadtvehikel der Zukunft? Es ist ausgerechnet das Fahrrad mit Hilfsmotor. Doch. Früher waren diese unsäglichen Geräte mit so einer nervend nölenden Zwiebacksäge (“mmeeeeeeeeh!“) bestückt, und das war erst die Oma im Sattel. Mit der Kombination aus leisem Elektromotor, leichten Lithium-Ionen-Akkus und neuen Namen auf Denglisch (“Pedelec“ oder „e-Bike“, klingt doch gleich ganz anders) wird aus dieser vormals scheußlichen Kombination für scheußliche Personen jedoch etwas Wunderbares für alle und deren Alltag. Ja, Pedelecs sind das politisch korrekteste Fortbewegungsmittel der Welt, sie machen Sinn, und so weiter blah blah blah, doch ihr eigentlicher Charme erschließt sich beim Aufsitzen. Auf einmal geht es nur noch bergab, auf der Hin- wie Rückfahrt zum Bäcker. Die Post in Stuttgart verwendet bereits tausende solcher Fahrräder, die den Briefträgern helfen, ihre Körbe voll Papier die Berge hochzustrampeln.

Kleines Kraftrad für und aus Stuttgart: Elmoto (Bild: Hersteller)

Das Grundprinzip dieser Pedelecs (“Pedal Electric Cycle“) ist einfach: Ein Sensor (zum Beispiel im Tretlager) stellt fest, dass der Fahrer strampelt und schaltet dann eine meist einstellbare Menge an Leistung über einen kleinen Elektromotor zu. Der Strom hierzu kommt aus einem leichten, modernen Akku, meist Lithium-Ionen-Technik wie beim Notebook. Je nach Strecke, Fahrweise und Akkukapazität hilft der Motor 20 bis 100 km lang mit, danach müssen die Beine es allein schaffen. Abends nimmt der Besitzer den Akku heraus, um ihn daheim zu laden. Der Antrieb hilft bei Standard-Pedelecs nur bis 25 km/h, womit das Gefährt als Fahrrad gilt, also weder Versicherung noch Helm verlangt. Mittlerweile gibt es auch schon schneller zugelassene Pedelecs, die erst bei 40 km/h den Motor abschalten. Zwar benötigen Sie dafür ein kleines Versicherungskennzeichen wie beim Mofa, aber dennoch keinen Helm. Sie benötigen außerdem einen Führerschein Klasse M. Der ist Bestandteil jedes anderen Führerscheins, und Geburtsjahren vor dem 1. April 1965 genügt hier der Personalausweis. Versicherungskennzeichen kosten je nach Versicherung ab etwa 50 Euro für ein Jahr. Setzt man dann noch einen Helm auf, darf man auch das moderne Äquivalent des Mopeds fahren, das meist „E-Bike“ in einer der vielen möglichen Schreibarten heißt. Das futuristische Elmoto (auch aus Stuttgart) ist dazu ein Beispiel. Es hat keine Pedale mehr, der Fahrer dosiert die Leistung stattdessen via Drehgriff, es fährt 45 km/h, wiegt 45 kg und kostet 4000 Euro (www.elmoto.com). Das Berliner e-Rockit geht noch einen Schritt weiter, denn es fährt bis zu 80 km/h schnell, darf damit sogar auf die Autobahn, doch als Leichtkraftrad fällt es leider in die Führerscheinklasse A1. Die muss man extra erwerben, entweder direkt als 16-Jähriger oder ab 18 als Teil des großen Motorradführerscheins Klasse A.

Das Erockit aus Berlin kostet die Welt und ist theoretisch ein serieller Hybrid (Bild: Erockit)

Aber die e-Rockit ist ohnehin eine unbezahlbare Seltenheit, ein Nischenprodukt. Ganz im Gegenteil zu Pedelecs, die sich gegenwärtig verkaufen wie geschnitten Brot. Die Fahrradfirma Derby Cycle Deutschland, die mit ihrer Marke Kalkhoff eine ganze Reihe verschiedener Modelle im Angebot hat, verkaufte im eben abgelaufenen Geschäftsjahr 2009 um die 40.000 Elektrofahrräder. Der Gesamtmarkt aller Hersteller im Kalenderjahr 2008 war rund 100.000 Einheiten groß. Statistiker und Fahrradfachmänner sehen darin jedoch erst den Anfang. Das elektrisch unterstützte Fahrrad schickt sich an, ein tragender Pfeiler moderner urbaner Fortbewegung zu werden. In Holland, wo das Fahrrad ohnehin als Nutzfahrzeug angesehen wird, ist der Markt noch viel größer: 2008 wurden dort 140.000 Pedelecs verkauft, obwohl dort weniger als ein Viertel so viele Menschen leben wie in der BRD. Heute ist dort schon jedes dritte verkaufte Fahrrad eines mit elektrischem Zusatzantrieb. Das ist umso erstaunlicher, als diese Fahrzeuge nicht gerade billig sind. Ein typisches Kalkhoff-Pedelec schlägt mit rund 2000 Euro zu Buche, und die 40 km/h schnellen, neuen Modelle mit Versicherungskennzeichen für 2010 legen da noch einen Tausender oben drauf. Während also die Autohersteller durch ihre Krise sumpfen, sorgen sich die Elektrofahrradhersteller eher darum, ob sie genug Fahrzeuge produzieren können, um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Die ersten Pedelecs waren nutzwertige Stadträder mit tiefem Einstieg, schnell folgten Touring- und Trekking-Räder und mittlerweile gibt es sogar die ersten sportlich orientierten Modelle. Klar fährt man damit keinen Downhill-Parcours, allerdings fährt man damit den Downhill-Berg auch selber wieder hoch, wo die anderen die Zahnradbahn nehmen müssen.

Kalkhoff-Tourenfahrrad: Fährt mit Strom. (Bild: Kalkhoff)

Die meisten Motoren in Pedelecs leisten um die 250 Watt. Das hört sich wenig an, wenn Sie es mit Ihrem Auto vergleichen, das hunderte *Kilo*watt leistet, das wird aber in der Realität angenehm viel, wenn man sich vor Augen führt, dass ein normaler, unambitionierter zur-Arbeit-Stramper selber nur gute 100 Watt in die Pedale leistet. An guten Fahrrädern ist die elektrische Hilfe in ihrer Stärke einstellbar, und bei Kalkhoff trägt schon die mittlere Stufe mit 100 Watt bei — es fühlt sich also an, als trete man doppelt so stark an. Die Headlines der Testberichte enthalten demzufolge auch gern die Worte „Superman“, „Rückenwind“, „immer bergab“ und weitere Begriffe aus diesem Bedeutungskreis. Schon vor Jahren nahm sich ausgerechnet das bergige Stuttgart vor, zur attraktiven Fahrradstadt zu werden. Die Pedelecs kamen da so recht wie ein erhörtes Gebet. Die Post nutzt sie bereits seit längerem und bis Ende 2011 sollen 850 Pedelecs im städtischen Fahrradmietsystem (das gibt es bereits, allerdings mit normalen Fahrrädern) zu finden sein. Die Abrechnung erfolgt weiterhin per Handy, die ersten 30 Minuten sind kostenlos und werden es wohl auch bleiben, ab dann wird minutengenau abgerechnet. Die genauen Preise stehen allerdings noch nicht fest. Schon jetzt gibt es 20 Pedelecs im Dienste der Stadt, die auch gern genommen werden. Wie gesagt, Stuttgart mit dem Auto bringt es eh nicht. Günter Stürmer von der Stadt Stuttgart leistet die Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt. Er wünscht sich für die Zukunft, dass die Stuttgarter ihr „Statusgehabe in Sachen eigenes Fahrzeug abbauen“. Erklärung für Nichtschwaben: Er meint damit die Porscheproleten und generell alle, die drei Tonnen SUV in Stuttgarts Stau stellen, um dort gemütlich zu warten. Stürmer hofft außerdem, dass „kollektive Besitzverhältnisse“ wie das Fahrradsystem Schule machen und dass die neuen Formen des Individualtransports besser mit den Öffis verzahnen. Ja, klingt wie kommunistischer Quatsch, macht für Stuttgart allerdings tatsächlich Sinn.

Die European Twowheel Retailers‘ Association (ETRA), also die europäische Händlervereinigung für Zweiräder, fordert derzeit ein Anheben der maximalen Motorleistung von 250 Watt auf 500 Watt für die zulassungsfreien Fahrräder und neue Unterkategorien bei den Kleinkrafträdern mit Versicherungskennzeichen, bei denen die Motoren 1000 Watt leisten. Vielleicht erinnern Sie sich gerade wehmütig an Ihre eigene Jugend, als Sie Mofas frisierten, um damit bergab die Schallmauer anzuvisieren. Freuen Sie sich: Das wird es weiter geben, nur etwas anders. Kommende Generationen werden die Elektronik der Steuergeräte hacken, die Begrenzer entfernen, sich bergab auf die Suche nach dreistelligen Geschwindigkeiten machen und der Polizei frech erzählen „das ist doch nur ein Fahrrad“.

Kommentare:

ältere
  • Kai meinte am 27. August 2010 um 11:15:

    Interessanter Beitrag. Schade dass sowas heute immer automatisch ideologisch überlagert und mit einer heftigen Portion Diffamierung anderer (z.B. der „Porscheproleten“ 😉 daherkommt. Das hättest Du eigentlich nicht nötig gehabt….

  • Clemens Gleich meinte am 30. August 2010 um 13:28:

    “Nötig“ ist nur der Tod. Die „ideologische Überlagerung“ und die „Diffamierung anderer“ sind schlicht meine Meinung, und die will ich hier in meinem Haus ja haben. Ich stehe dazu, dass die Proletenprämie ebendie ist.

    Wenn Du denselben Text in klassischerem Journalismus haben willst, findest Du ihn in einer meinungsarmen (meinungsfrei gibt es nicht) Variante bei Welt.de, weil Springer diesen Artikel damals bei mir gekauft hat. Wahrscheinlich ist diese Variante eher nach Deinem Geschmack.

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