Die Siebenmeilenpedale

Clemens Gleich - 11.01.2010

Aus­ge­rech­net das Fahr­rad mit Hilfs­mo­tor schickt sich an, das *spuck* poli­tisch kor­rekte Fort­be­we­gungs­mit­tel der Zukunft zu wer­den. Intel­li­gente Elek­tro­an­triebe für den per­ma­nen­ten Rückenwind.

Ich wohne in der Stadt. Im Plu­ral, genauer gesagt, schuld sind Umzüge. Ich ten­diere außer­dem zur Selbst­be­ob­ach­tung. Dabei wird einem schnell klar, wie lang­sam ein Auto in der Stadt eigent­lich ist. Die Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit ist schon nicht son­der­lich hoch, vor allem zur Rush Hour, aber der echte Kil­ler sind die Park­plätze, weil sie näm­lich nie vor­han­den sind. Zu Stoß­zei­ten sind 40 Pro­zent des inner­städ­ti­schen Auto­ver­kehrs Park­platz­su­chende, an lan­gen Sams­ta­gen macht die Park­platz­war­te­schleife laut ADAC gar bis zu 75 Pro­zent aus. 75 Pro­zent! Misst man also mit der Stop­uhr die tat­säch­li­chen Zei­ten von Tür zu Tür, sieht das Auto ganz schön alt aus. Nach Erhe­bun­gen des Umwelt­bun­des­am­tes ist das Fahr­rad im Bun­des­ge­samt­schnitt auf Stre­cken bis 7 km das schnellste Fort­be­we­gungs­mit­tel. Die meis­ten per Auto gefah­re­nen Stre­cken sind kür­zer. Als ich in Han­no­ver lebte, erle­digte ich jeden Orts­wech­sel auf dem Fahr­rad, mein Auto fand ich wie­der, als es nach Mona­ten des Ver­ges­sens total ver­staubt war, ein Pen­ner darin seine Wohn­statt ein­ge­rich­tet hatte und es von sei­nem Dau­er­park­platz weg­ge­scho­ben (Bat­te­rie leer, klar) wer­den musste, weil die Stadt dort eine Bau­stelle eröff­nen wollte. Ich habe die Immo­bi­lie dann ver­schenkt. Das war vor mehr als sie­ben Jahren.

Jetzt wohne ich in Stutt­gart. Han­no­ver ist flach und ist vol­ler Fahr­rad­wege, Stutt­gart … nicht. Stutt­gart ist ein Tal­kes­sel mit hun­der­ten von Metern Höhen­un­ter­schied, alles ist vol­ler aggres­si­ver Por­sche­pro­le­ten, und wenn ich zum Bäcker muss, geht der gesamte Weg, hin und zurück, aus­schließ­lich berg­auf. Wie bei Opa frü­her. Rad­wege habe ich hier noch nicht bemerkt, außer­dem scheint es eine Son­der­kom­mis­sion der Poli­zei zu geben, deren Auf­gabe es ist, die ver­blie­be­nen Rad­fah­rer so lange zu drang­sa­lie­ren, bis sie per Pro­le­ten­prä­mie Por­sche kau­fen. Mein Fahr­rad steht an der Straße unter der Laterne und ver­wit­tert. Nein, Moment, ich sehe gerade aus dem Fens­ter, dass sich jemand sei­ner erbarmt und es geklaut hat. Emo­tio­nal tan­giert mich das nur peri­pher, denn für das Mit­tel­ge­birge Stutt­gart ist es nicht das schnellste Ver­kehrs­mit­tel. Ich fahre hier Motor­rad. Es steht vor mei­ner Tür, ich fahre es zur Ziel­tür, was mit dem viel grö­ße­ren Auto ja nicht geht. Die Tür-zu-Tür-Zeiten sind daher trotz Helm auf­set­zen phä­no­me­nal. Doch eine feu­er­spei­ende ita­lie­ni­sche Höl­len­ma­schine beim Bröt­chen holen zuschan­den zu rei­ten kann defi­ni­tiv nicht der Weis­heit letz­ter Schluss sein. Es ver­saut einem außer­dem den Auf­tritt bei die­sen Bio­na­de­bie­der­män­nern, die sich bei zuneh­men­dem Lebens­al­ter spon­tan im Freun­des­kreis bilden.

Meeeeeeeh“

Was ist also das hippe, all­tags­taug­li­che Stadt­ve­hi­kel der Zukunft? Es ist aus­ge­rech­net das Fahr­rad mit Hilfs­mo­tor. Doch. Frü­her waren diese unsäg­li­chen Geräte mit so einer ner­vend nölen­den Zwie­back­säge (“mmeeeeeeeeh!”) bestückt, und das war erst die Oma im Sat­tel. Mit der Kom­bi­na­tion aus lei­sem Elek­tro­mo­tor, leich­ten Lithium-Ionen-Akkus und neuen Namen auf Deng­lisch (“Pedelec” oder “e-Bike”, klingt doch gleich ganz anders) wird aus die­ser vor­mals scheuß­li­chen Kom­bi­na­tion für scheuß­li­che Per­so­nen jedoch etwas Wun­der­ba­res für alle und deren All­tag. Ja, Pedel­ecs sind das poli­tisch kor­rek­teste Fort­be­we­gungs­mit­tel der Welt, sie machen Sinn, und so wei­ter blah blah blah, doch ihr eigent­li­cher Charme erschließt sich beim Auf­sit­zen. Auf ein­mal geht es nur noch bergab, auf der Hin– wie Rück­fahrt zum Bäcker. Die Post in Stutt­gart ver­wen­det bereits tau­sende sol­cher Fahr­rä­der, die den Brief­trä­gern hel­fen, ihre Körbe voll Papier die Berge hochzustrampeln.

Klei­nes Kraft­rad für und aus Stutt­gart: Elmoto (Bild: Hersteller)

Das Grund­prin­zip die­ser Pedel­ecs (“Pedal Elec­tric Cycle”) ist ein­fach: Ein Sen­sor (zum Bei­spiel im Tret­la­ger) stellt fest, dass der Fah­rer stram­pelt und schal­tet dann eine meist ein­stell­bare Menge an Leis­tung über einen klei­nen Elek­tro­mo­tor zu. Der Strom hierzu kommt aus einem leich­ten, moder­nen Akku, meist Lithium-Ionen-Technik wie beim Note­book. Je nach Stre­cke, Fahr­weise und Akku­ka­pa­zi­tät hilft der Motor 20 bis 100 km lang mit, danach müs­sen die Beine es allein schaf­fen. Abends nimmt der Besit­zer den Akku her­aus, um ihn daheim zu laden. Der Antrieb hilft bei Standard-Pedelecs nur bis 25 km/h, womit das Gefährt als Fahr­rad gilt, also weder Ver­si­che­rung noch Helm ver­langt. Mitt­ler­weile gibt es auch schon schnel­ler zuge­las­sene Pedel­ecs, die erst bei 40 km/h den Motor abschal­ten. Zwar benö­ti­gen Sie dafür ein klei­nes Ver­si­che­rungs­kenn­zei­chen wie beim Mofa, aber den­noch kei­nen Helm. Sie benö­ti­gen außer­dem einen Füh­rer­schein Klasse M. Der ist Bestand­teil jedes ande­ren Füh­rer­scheins, und Geburts­jah­ren vor dem 1. April 1965 genügt hier der Per­so­nal­aus­weis. Ver­si­che­rungs­kenn­zei­chen kos­ten je nach Ver­si­che­rung ab etwa 50 Euro für ein Jahr. Setzt man dann noch einen Helm auf, darf man auch das moderne Äqui­va­lent des Mopeds fah­ren, das meist “E-Bike” in einer der vie­len mög­li­chen Schreib­ar­ten heißt. Das futu­ris­ti­sche Elmoto (auch aus Stutt­gart) ist dazu ein Bei­spiel. Es hat keine Pedale mehr, der Fah­rer dosiert die Leis­tung statt­des­sen via Dreh­griff, es fährt 45 km/h, wiegt 45 kg und kos­tet 4000 Euro (www.elmoto.com). Das Ber­li­ner e-Rockit geht noch einen Schritt wei­ter, denn es fährt bis zu 80 km/h schnell, darf damit sogar auf die Auto­bahn, doch als Leicht­kraft­rad fällt es lei­der in die Füh­rer­schein­klasse A1. Die muss man extra erwer­ben, ent­we­der direkt als 16-Jähriger oder ab 18 als Teil des gro­ßen Motor­rad­füh­rer­scheins Klasse A.

Das Ero­ckit aus Ber­lin kos­tet die Welt und ist theo­re­tisch ein seri­el­ler Hybrid (Bild: Erockit)

Aber die e-Rockit ist ohne­hin eine unbe­zahl­bare Sel­ten­heit, ein Nischen­pro­dukt. Ganz im Gegen­teil zu Pedel­ecs, die sich gegen­wär­tig ver­kau­fen wie geschnit­ten Brot. Die Fahr­rad­firma Derby Cycle Deutsch­land, die mit ihrer Marke Kalk­hoff eine ganze Reihe ver­schie­de­ner Modelle im Ange­bot hat, ver­kaufte im eben abge­lau­fe­nen Geschäfts­jahr 2009 um die 40.000 Elek­tro­fahr­rä­der. Der Gesamt­markt aller Her­stel­ler im Kalen­der­jahr 2008 war rund 100.000 Ein­hei­ten groß. Sta­tis­ti­ker und Fahr­rad­fach­män­ner sehen darin jedoch erst den Anfang. Das elek­trisch unter­stützte Fahr­rad schickt sich an, ein tra­gen­der Pfei­ler moder­ner urba­ner Fort­be­we­gung zu wer­den. In Hol­land, wo das Fahr­rad ohne­hin als Nutz­fahr­zeug ange­se­hen wird, ist der Markt noch viel grö­ßer: 2008 wur­den dort 140.000 Pedel­ecs ver­kauft, obwohl dort weni­ger als ein Vier­tel so viele Men­schen leben wie in der BRD. Heute ist dort schon jedes dritte ver­kaufte Fahr­rad eines mit elek­tri­schem Zusatz­an­trieb. Das ist umso erstaun­li­cher, als diese Fahr­zeuge nicht gerade bil­lig sind. Ein typi­sches Kalkhoff-Pedelec schlägt mit rund 2000 Euro zu Buche, und die 40 km/h schnel­len, neuen Modelle mit Ver­si­che­rungs­kenn­zei­chen für 2010 legen da noch einen Tau­sen­der oben drauf. Wäh­rend also die Auto­her­stel­ler durch ihre Krise sump­fen, sor­gen sich die Elek­tro­fahr­rad­her­stel­ler eher darum, ob sie genug Fahr­zeuge pro­du­zie­ren kön­nen, um der stei­gen­den Nach­frage gerecht zu wer­den. Die ers­ten Pedel­ecs waren nutz­wer­tige Stadt­rä­der mit tie­fem Ein­stieg, schnell folg­ten Tou­ring– und Trekking-Räder und mitt­ler­weile gibt es sogar die ers­ten sport­lich ori­en­tier­ten Modelle. Klar fährt man damit kei­nen Downhill-Parcours, aller­dings fährt man damit den Downhill-Berg auch sel­ber wie­der hoch, wo die ande­ren die Zahn­rad­bahn neh­men müssen.

Kalkhoff-Tourenfahrrad: Fährt mit Strom. (Bild: Kalkhoff)

Die meis­ten Moto­ren in Pedel­ecs leis­ten um die 250 Watt. Das hört sich wenig an, wenn Sie es mit Ihrem Auto ver­glei­chen, das hun­derte *Kilo*watt leis­tet, das wird aber in der Rea­li­tät ange­nehm viel, wenn man sich vor Augen führt, dass ein nor­ma­ler, unam­bi­tio­nier­ter zur-Arbeit-Stramper sel­ber nur gute 100 Watt in die Pedale leis­tet. An guten Fahr­rä­dern ist die elek­tri­sche Hilfe in ihrer Stärke ein­stell­bar, und bei Kalk­hoff trägt schon die mitt­lere Stufe mit 100 Watt bei — es fühlt sich also an, als trete man dop­pelt so stark an. Die Head­lines der Test­be­richte ent­hal­ten dem­zu­folge auch gern die Worte “Super­man”, “Rücken­wind”, “immer bergab” und wei­tere Begriffe aus die­sem Bedeu­tungs­kreis. Schon vor Jah­ren nahm sich aus­ge­rech­net das ber­gige Stutt­gart vor, zur attrak­ti­ven Fahr­rad­stadt zu wer­den. Die Pedel­ecs kamen da so recht wie ein erhör­tes Gebet. Die Post nutzt sie bereits seit län­ge­rem und bis Ende 2011 sol­len 850 Pedel­ecs im städ­ti­schen Fahr­rad­miet­sys­tem (das gibt es bereits, aller­dings mit nor­ma­len Fahr­rä­dern) zu fin­den sein. Die Abrech­nung erfolgt wei­ter­hin per Handy, die ers­ten 30 Minu­ten sind kos­ten­los und wer­den es wohl auch blei­ben, ab dann wird minu­ten­ge­nau abge­rech­net. Die genauen Preise ste­hen aller­dings noch nicht fest. Schon jetzt gibt es 20 Pedel­ecs im Dienste der Stadt, die auch gern genom­men wer­den. Wie gesagt, Stutt­gart mit dem Auto bringt es eh nicht. Gün­ter Stür­mer von der Stadt Stutt­gart leis­tet die Öffent­lich­keits­ar­beit für das Pro­jekt. Er wünscht sich für die Zukunft, dass die Stutt­gar­ter ihr “Sta­tus­ge­habe in Sachen eige­nes Fahr­zeug abbauen”. Erklä­rung für Nicht­schwa­ben: Er meint damit die Por­sche­pro­le­ten und gene­rell alle, die drei Ton­nen SUV in Stutt­garts Stau stel­len, um dort gemüt­lich zu war­ten. Stür­mer hofft außer­dem, dass “kol­lek­tive Besitz­ver­hält­nisse” wie das Fahr­rad­sys­tem Schule machen und dass die neuen For­men des Indi­vi­dual­trans­ports bes­ser mit den Öffis ver­zah­nen. Ja, klingt wie kom­mu­nis­ti­scher Quatsch, macht für Stutt­gart aller­dings tat­säch­lich Sinn.

Die Euro­pean Twowheel Retailers’ Asso­cia­tion (ETRA), also die euro­päi­sche Händ­ler­ver­ei­ni­gung für Zwei­rä­der, for­dert der­zeit ein Anhe­ben der maxi­ma­len Motor­leis­tung von 250 Watt auf 500 Watt für die zulas­sungs­freien Fahr­rä­der und neue Unter­ka­te­go­rien bei den Klein­kraft­rä­dern mit Ver­si­che­rungs­kenn­zei­chen, bei denen die Moto­ren 1000 Watt leis­ten. Viel­leicht erin­nern Sie sich gerade weh­mü­tig an Ihre eigene Jugend, als Sie Mofas fri­sier­ten, um damit bergab die Schall­mauer anzu­vi­sie­ren. Freuen Sie sich: Das wird es wei­ter geben, nur etwas anders. Kom­mende Gene­ra­tio­nen wer­den die Elek­tro­nik der Steu­er­ge­räte hacken, die Begren­zer ent­fer­nen, sich bergab auf die Suche nach drei­stel­li­gen Geschwin­dig­kei­ten machen und der Poli­zei frech erzäh­len “das ist doch nur ein Fahrrad”.

Kommentare

  1. Kai - geschrieben am 27. August 2010 um 11:15 Uhr - Kommentar-Link

    Inter­es­san­ter Bei­trag. Schade dass sowas heute immer auto­ma­tisch ideo­lo­gisch über­la­gert und mit einer hef­ti­gen Por­tion Dif­fa­mie­rung ande­rer (z.B. der „Por­sche­pro­le­ten“ ;-) daher­kommt. Das hät­test Du eigent­lich nicht nötig gehabt.…

  2. Clemens Gleich - geschrieben am 30. August 2010 um 13:28 Uhr - Kommentar-Link

    Nötig“ ist nur der Tod. Die „ideo­lo­gi­sche Über­la­ge­rung“ und die „Dif­fa­mie­rung ande­rer“ sind schlicht meine Mei­nung, und die will ich hier in mei­nem Haus ja haben. Ich stehe dazu, dass die Pro­le­ten­prä­mie eben­die ist.

    Wenn Du den­sel­ben Text in klas­si­sche­rem Jour­na­lis­mus haben willst, fin­dest Du ihn in einer mei­nungs­ar­men (mei­nungs­frei gibt es nicht) Vari­ante bei Welt.de, weil Sprin­ger die­sen Arti­kel damals bei mir gekauft hat. Wahr­schein­lich ist diese Vari­ante eher nach Dei­nem Geschmack.

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