Grüßen und Posen

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 13.01.2010

Das bin ich, weil es keine Bil­der aus dem Osten gibt. Kame­ras funk­tio­nie­ren dort näm­lich nicht. (Illus­tra­tion: Georg Zitzmann)

Mein Vater sagte immer dum­mes Zeug wie „man ist so alt wie man sich fühlt“, und in mei­nem gefühlt immen­sen Alter hat man gele­gent­lich (Früh­jahr) bis andau­ernd (Novem­ber) das Gefühl, schon alles gese­hen zu haben. Der Mond geht immer rund­herum, und manch­mal fällt mein Schat­ten drauf, die Sterne gehen an und aus, die Leute leben, lie­ben, gebä­ren, ster­ben und gehen sich und mir dazwi­schen unglaub­lich auf die Ner­ven. Und Deutsch­land, ne, da kenn ich mich eh aus. Allet schon jesehn.

Das ist natür­lich eine sehr makro­sko­pi­sche Betrach­tung, ähnlich „Ich weiß, wo ich im Uni­ver­sum bin. Näm­lich drin.“ In Wirk­lich­keit kenne ich mich in Deutsch­land über­haupt nicht aus, was mir ein ein­fa­cher Wech­sel der Werk­zeuge vor Augen führte: Wenn die Kawa ZX-10 R ein Tele­skop ist, um die Ent­fer­nun­gen zwi­schen den Ster­nen zu ver­mes­sen, dann ist die Apri­lia Shi­ver ein Mikro­skop für die feins­ten Gefäße des Ver­kehrs­kreis­laufs Deutsch­lands. Eigent­lich war Eile gebo­ten, schnell am Sach­sen­ring sein für unser Renn­trai­ning, also ver­suchte ich den Weg nach Hohenstein-Ernstthal zunächst auf der Auto­bahn. Dort läuft die Shi­ver in der Gegend von 220 gegen ein Gum­mi­band, denn sie macht bei ca. 10.000/min sel­ber ihre Dros­sel­klap­pen etwas bei. Und als Fah­rer sitzt man drauf mit der nagen­den Gewiss­heit, dass man gerade ver­sucht, mit dem Mikro­skop nach Betel­geuse zu gucken, um mal bei obi­ger Meta­pho­rik zu bleiben.

Im Thü­rin­ger Wald, Ober­hof, beim Tan­ken oben auf dem Berg gab ich den Ver­such „Shiver-Bahn“ auf. Die Tan­ket­ap­pen der Shi­ver waren bis dahin fast gleich denen der Zeh­ner, nur dass die Shi­ver dabei nicht vom Fleck kommt. Auf der Land­straße hin­ge­gen passt die Shi­ver mir ergo­no­misch nähe­rungs­weise per­fekt, und den Kur­ven eben­falls. Die neuen Rei­fen wollte ich eh nicht gleich eckig fah­ren. Die Erst­be­rei­fung Dun­lop Qua­li­fier hielt gut 4800 km, dann kam der Met­ze­ler Z6 Inter­act drauf. Ohne direk­ten Ver­gleich behaupte ich, dass er bes­ser ist als der alte Z6. Viel­leicht ist es auch ein­fach das Motor­rad. Bei­spiel: Die kal­ten, unge­fah­re­nen Rei­fen ein­mal die vier, fünf Kilo­me­ter zu mir run­ter gerollt, gesamte Lauf­flä­che benutzt. Ja, ja, das ist bei euch Usus, aber ich fange sowas nor­ma­ler­weise immer recht zöger­lich an und lass mir Zeit. Die Shi­ver gibt einem das sel­tene, viel­leicht gefähr­li­che Gefühl, alles jeder­zeit im Griff zu haben. Der­zeit kenne ich kaum ein Krad, das ein­fa­cher schnell zu fah­ren ist. Es ist wie eine klei­nere, güns­ti­gere Ver­sion der KTM Super­duke ohne Len­ker­flat­tern oder WP-Fahrwerk (Gabel tram­pelt bissi).

Fak­ten, Fak­ten, Fak­ten… Wo war ich eigent­lich? Genau, im Thü­rin­ger Wald. Den kannte ich zum Bei­spiel so noch nicht. Schöne, kleine, stre­cken­weise sogar gut asphal­tierte Sträß­chen völ­lig ohne Ver­kehr, schon gar kein Ein­spur­ver­kehr. Außer ver­ein­zel­ten Welt­rei­sen­den auf brei­tär­schi­gen, weil voll­be­kof­fer­ten BMW GS traf ich dort keine Kra­dis­ten und obwohl es gegen die Rush Hour ging, traf ich auch kaum Autos. Das Essen ist gut, denn die Kul­tur nebst Dia­lekt ist eher frän­kisch denn dun­kel­deutsch und die Zivi­li­sa­tion liegt trotz der sub­jek­ti­ven Abge­schie­den­heit immer in Schlag­weite: zurück nach Bayern/Oberfranken ist’s bei der rich­ti­gen Rou­ten­pla­nung nie weit.

Von dort wei­ter kannte ich mich nun wirk­lich über­haupt nicht mehr aus. Es wurde unglaub­lich ruhig, weit, leer und erin­nerte mich an Schwedisch-Lappland, wobei in Lapp­land die Stra­ßen ein gutes Stück bes­ser sind. Von einem schlag­lochüber­sä­ten asphal­tie­ren Tram­pel­pfad ging es auf ein­mal ab auf eine gepflas­terte Straße. Hier gab es keine Schlag­lö­cher, denn die hatte man sorg­sam mit Sand und Kies gefüllt. Wahr­schein­lich datiert die gesamte Kon­struk­tion bis zurück in die Römer­zeit. Die Römer waren damals doch über­all – viel­leicht sogar hier. Mit­ten auf der Haupt­straße des Dor­fes baute ein apa­thi­scher Urein­woh­ner eine Art Sand­kas­ten. Ob er end­lich das „große Schlag­loch aus dem Krieg“ füllte oder eine deka­dente Spiel­ge­le­gen­heit für seine Nach­kom­men kon­stru­ierte, weiß ich nicht. Zunächst wollte ich mit der Shi­ver die Durch­que­rung der Sand­pas­sage wagen, erin­nerte mich dann aller­dings an Hel­mut Wichts Polen­tour, auf der er seine Honda Vara­dero in so ein Sand­grab rammte. Obwohl die Shi­ver deut­lich gelän­de­gän­gi­ger ist als Hel­muts rol­lende Gebirgs­wand, suchte ich sicher­heits­hal­ber eine alter­na­tive Route. Ankom­men statt Experimente.

Die Alter­na­tive führte mich durch eine Gegend vol­ler klei­ner Seen, zwi­schen denen etwas mäan­derte, was ich nur in Erman­ge­lung eines bes­se­ren Wor­tes „Straße“ nenne. Es hatte etwa die Breite eines klei­nen Ess­tischs und wurde von jemand erbaut, des­sen Begriff von „hoher Geschwin­dig­keit“ mit einem Pfer­de­kar­ren als Spitze sei­ner Skala endet. Doch auch die spä­ter wie­der auf­tre­ten­den grö­ße­ren Stra­ßen waren sehr mit Vor­sicht zu genie­ßen: Wer hier auf Gefühl fährt („die Art Kurve kenn ick!“), kommt nicht weit. Selt­samste Radi­en­ver­schie­bun­gen bestim­men das Stra­ßen­bild, die weder mit Land­schaft noch mit Logik etwas zu tun haben. Um das zu ver­ste­hen, sollte man wis­sen, dass es in die­sem Teil der Erde bis vor Kur­zem noch gar kei­nen Stra­ßen­ver­kehr im moder­nen Sinne gab. Es gab auch keine Autos. Noch vor zwei Jahr­zehn­ten hin­gen die Ein­ge­bo­re­nen hier viel­mehr einer Art Cargo-Kult an, in der sie Auto­at­trap­pen aus Baum­woll­pappe bau­ten und sich hin­ein­setz­ten. Dafür stan­den sie sogar Schlange.

Irgend­wann erbarm­ten sich die Göt­ter, erhör­ten sie und brach­ten ihnen den VW Pas­sat. Wie so oft in der Geschichte machte das die Kul­tis­ten jedoch nicht dau­er­haft glück­lich. Miss­mu­tig sit­zen sie in ihren Got­tes­ge­schen­ken und suchen Schlan­gen, an denen sie sich anstel­len kön­nen, um ihr Lebens­lei­den einen Augen­blick zu lin­dern. In der Medi­ta­tion des Schlan­ge­ste­hens fin­det man hier seine zeit­weise Erlö­sung. An einer Tank­stelle konnte ich die­ses Ver­hal­ten ein­drück­lich beob­ach­ten: Im Läd­chen stan­den zwei Men­schen bei den Süßig­kei­ten. Ein Drit­ter kam vom Tan­ken her­ein und stellte sich dahin­ter. Dann kam ein Vier­ter und tat das­selbe. Dann wandte ich mich vom Zeit­schrif­ten­re­gal ab und ging vor an die leere Kasse zum Bezah­len. Der­art als Außen­sei­ter ent­tarnt, ern­tete ich wütende Bli­cke. Die Schlange jedoch blieb bis zu mei­ner Abfahrt bestehen.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist auch klar, warum die Bevöl­ke­rung hier es so gar nicht sor­tiert bekommt, wenn sich der Kra­dist wie andern­orts üblich ein­fach vorne an der Ampel anstellt. Er läs­tert damit eine tief ver­wur­zelte reli­giöse Tra­di­tion. Zuhause mag das vorn anstel­len eine Lap­pa­lie sein, hier ist es blanke Blas­phe­mie. Es pro­vo­ziert eine ähnli­che Reak­tion wie ein Rau­cher, der sich aus einer Koran­seite ein Kipp­chen dreht, diese öffent­lich anzün­det und dem Imam sei­nen Rauch ins Gesicht bläst: Der ohne­hin ange­spannte Kopf des der­art Geschmäh­ten wird rot und in sei­ner Impo­tenz ver­sucht der Fah­rer des vor­mals ers­ten Wagens, mit quiet­schen­den Rei­fen und Voll­gas sei­nen hei­li­gen Anspruch durch­zu­set­zen. Da er jedoch einen Pas­sat fährt, merkt der Kra­dist das meist erst, wenn ihm das Auto nach einem hal­ben Kilo­me­ter inner­orts am Schutz­blech hängt. Der Ost­mensch will mit sei­nem Ver­hal­ten wahr­schein­lich ver­deut­li­chen, dass man einen gro­ßen Feh­ler gemacht hat. Am liebs­ten würde er den Fin­ger heben und zum Vor­trag anset­zen. Da die Spra­che hier sich bis­her jedoch jeg­li­cher For­schung wider­setzt, sollte man ein­fach wei­ter­fah­ren. So oder so ist das Leben in die­ser Gegend elend. Ein Pla­kat wirbt mit „Zwei­zim­mer­woh­nung mit 60 qm, 240 Euro“, doch es sieht aus, als stehe es dort schon seit Jah­ren, obwohl man für die­sen Preis in Stutt­gart nicht­mal einen Arsch­tritt bekäme. Eine Bat­te­rie bunt bemal­ter Trabi-Garagen aus der Kul­tis­ten­zeit ros­tet vor sich hin. Offen­bar pas­sen dort keine VW Pas­sat hinein.

Dann end­lich kam Posen. Nein, ich habe keine Ahnung, wo das ist. Google Maps kennt es eben­falls nicht. Ich glaube, es ist irgendwo in Sach­sen. Viel­leicht auch Thü­rin­gen. Auf jeden Fall im Osten. Erst hier und nur hier ver­misste ich unsere Kawa-Zehner mit ihren grü­nen Brems­schläu­chen, der Proll­scheibe und den gol­de­nen Ras­ten. Sie hätte mich in Posen sofort hei­misch gemacht. Die Shi­ver wurde immer­hin gedul­det. Und hier hatte ich einen Moment der inter­kul­tu­rel­len Kom­mu­ni­ka­tion über eine schein­bar unüber­wind­li­che Sprach­bar­riere hin­weg: Ein klei­nes Mäd­chen stand am Stra­ßen­rand an der Hand ihrer Mut­ter. Sie sah mich an, durch mein blick­dicht schwar­zes Visier in meine Augen, in mein Herz. Dann lächelte sie und winkte und ich spie­gelte sie. Kindlich-naive, reine Freude ob eines selt­sa­men, blub­bern­den Gefährts mit einem zebraf­ar­bi­gen, behelm­ten Huma­no­iden drauf. Ab hier fing ich an, Motor­rad­fah­rer zu grü­ßen, denn wenn sie auch nur einen Teil der Freude des klei­nen Mäd­chens emp­fin­den, wenn sie die Shi­ver mit einem Gleich­ge­sinn­ten im Sat­tel sehen, dann lohnt es sich, der­art bil­lig Freude auf der Welt zu ver­tei­len. In die­ser Gegend kannte man zwar das Grü­ßen nicht, aber viel­leicht freut sich jemand daheim.

Am Sach­sen­ring ange­kom­men, dis­ku­tierte ich ange­regt meine Fahr­tein­drü­cke mit Andy Glän­zel, unse­rem Stre­cken­fo­to­gra­fen. Er stimmte mir in allen Punk­ten zu, offen­bar kannte er die Gegend sel­ber gut. Der­ge­stalt ver­stan­den ließ ich mich dazu ver­lei­ten, in arro­gan­ter Tou­ris­ten­ma­nier den gesam­ten Osten flä­chen­de­ckend läs­ternd zu bom­bar­die­ren, weil mich einige der Bewoh­ner so ver­är­gert hat­ten. Erst, als ich lange nach dem Essen am offe­nen Fens­ter im Bett lag, fiel mir ein, dass Andy aus Kuh­schnap­pel kommt. In die­sem Fall weiß ich ganz genau, wo das ist, näm­lich direkt an der A4 unweit des Sach­sen­rings. Andy ist also trotz sei­ner mitt­ler­weile welt­män­ni­schen Manie­ren frü­her mal einer von ihnen gewe­sen und ich damit Anwär­ter auf den Award im Fett­näpf­chen­tief­tau­chen. Verdammt.

Immer­hin hatte es sich gelohnt, mit der Shi­ver eine Gewe­be­probe Deutsch­lands in hoher Ver­grö­ße­rung zu ana­ly­sie­ren. Es hatte sich sogar so gelohnt, dass ich den gesam­ten Rück­weg über sol­che Stre­cken rou­ten ließ. Von den gro­ßen Stra­ßen ließ ich den Tom­Tom Rider in immer wei­te­ren Ite­ra­tio­nen immer abwe­gi­gere Alter­na­ti­ven berech­nen, bis ich auf gras­bü­schel­durch­setz­ten Beton­plat­ten­we­gen den letz­ten Tra­bis begeg­nete. Auf ein­mal stach mich eine Wespe in den Hals. Bestimmt eine Säch­si­sche (Doli­cho­ve­s­pula saxo­nica). Die Rache des Ostens…

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