Kritik des reinen Marketing

Gestern in der Wanne hatte ich eine unheimliche Begegnung. Ich begegnete den Auswüchsen des modernen Marketing. Sie hatten die Form einer Shampoo-Flasche. Keine Ahnung, wer sie hergestellt hatte oder wer sie hingestellt hatte, aber sie behauptete allen Ernstes, den ganz normalen Mittelpunkt einer ganzen Lebensart, oder, wie sie sich ausdrückte, eines kompletten „Lifestyle“ zu bilden. Eine Shampoo-Flasche!

Warum kann sich jemand darüber aufregen? Weil grad jedes Stück Butter das Zentrum seiner eigenen Lebensart sein will. Das ist nicht mehr nur absurd, nicht mehr nur zum Lachen, das ist mittlerweile wahrscheinlich ziemlich kontraproduktiv. Ich will keinen neuen Lifestyle. Ich hab schon einen. Vor allem will ich keinen Lifestyle, der sich um Butter, Shampoo oder Gummibereifung dreht. Diese Gebrauchsgüter haben sich möglichst unauffällig und brav meiner persönlichen Leitkultur unterzuordnen, danke. Als 2007 der Motorradreifen Pirelli Diablo Rosso vorgestellt wurde, saßen wir im Keller so eines Kokainhotels auf bunten Riesenbauklötzen um eine Miniarena, in der ein gelackter Italiener behauptete, seine Gummidinger seien „mehr als nur Reifen“. Im Hintergrund zuckte eine drogensüchtige Videowand. Im Pressematerial war ein nackter Mann, der auf frischem Asphalt lag. „Uuu! Wie künstlerisch! Welch Lebensart!“, hat keiner gesagt. Die Zielgruppe kann in den Spiegel gucken, wenn sie einen nackten Mann sehen will.

Der Reifen ist gut. Die Käufer wollen auch einfach einen guten Reifen. Sie wollen nicht noch eine Marke, einen „Bräänd“, der versucht, ihnen windige Sonnenbrillen, wertlose Gutscheine oder Mitgliedskarten zu einem Lifestyle anzudrehen, der aus dem sozialen Äquivalent drei Wochen alten Tapetenkleisters in Einmachgläsern besteht. Das glaube ich wirklich. ‚“Diablo Rosso – ein echt guter Reifen“ ist die bessere Werbebotschaft als „Diablo Rosso – Leidenschaft ohne Grenzen“. Selbst auf dem Shampoo stand „Leidenschaft“, obwohl eigentlich Himbeeraroma drin war.

Pirelli hat dann den Reifen (bis auf den seltsamen Claim) glücklicherweise ganz normal vermarktet. Sie hatten halt auch ein gutes Produkt. Die Werbung hat über den bekanntmachenden Effekt hinaus viel weniger Einfluss auf das Kaufverhalten, als die Agenturen das ihren Kunden einreden (man sehe sich die Zahlen an). Ich wünschte, mehr Leute würden daher wieder einfach sagen, was Sache ist:

Die Serienproduktion des Bastert-Einspurautos ist angelaufen! – Das ist das Fahrzeug!

oder

Erdal Rotfrosch – Es gibt nichts Besseres!

oder

Cocaine Toothache Drops – Instantaneous Cure!

In diesem Sinne nehme ich jetzt meine schottische Zahnschmerzmedizin ein und schließe mit meiner eigenen Werbebotschaft: Mojomag – Es gibt nichts besseres als Kokain gegen Zahnschmerzen!“ Danke.

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