Lauter Nullen

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 20.01.2010

Im Com­pu­ter­be­reich, das weiß ja mitt­ler­weile jeder aus der Sen­dung mit der Maus, gibt es tief drin­nen eigent­lich nur Nul­len und Ein­sen. In Wirk­lich­keit gibt und vor allem gab es im Com­pu­ter­be­reich jedoch deut­lich mehr Nul­len als Ein­sen, wie ein unver­klär­ter Blick in eine schreck­li­che, PC-graue Ver­gan­gen­heit zeigt.

“Frü­her war alles bes­ser”, ist glaube ich der Spruch, den ich in letz­ter Zeit am öftes­ten expli­zit oder impli­zit höre. Frü­her, das waren halt noch Autos! Das waren noch rich­tige Ver­ga­ser! Da konnte man noch! Was? Ja, Unter­bre­cher­kon­takte repa­rie­ren! Gibts ja heut alles nicht mehr! Das stimmt natür­lich. Bis auf ein Wort: “konnte”. “Musste” sollte es hei­ßen, denn mecha­ni­sche Unter­bre­cher gin­gen die ganze Zeit kaputt, was retro­spek­tiv ver­klärt bes­ser ist, weil man es dann sel­ber repa­rie­ren und sich dabei kom­pe­tent füh­len konnte. Frü­her gab es auch noch rich­tige Poli­ti­ker. Män­ner von Welt. Hel­mut Schmidt. Heute gibt es nur noch das Mer­kel. Oder der Hit­ler. War ja nicht alles schlecht, was der gemacht hat, newar? In den typi­schen Trin­ker­knei­pen würde der alte Adolf jeden­falls heute mit Kuss­hand und Frei­bier emp­fan­gen, scheint einem, wenn man sich die Gesprä­che am Tisch anhört. Damals hätt sich nie­mand getraut, Hartz Vier zu bean­tra­gen und genützt hätte es gleich drei­mal nichts. Und ver­ges­sen wir nicht die Auto­bah­nen! Ver­ges­sen wir lie­ber die Mefo-Wechsel und den Weltkrieg.

Diese Bei­spiele ste­hen des­halb da, weil unsere alternde Gesell­schaft jetzt bei den Com­pu­tern ange­langt ist, die frü­her bes­ser gewe­sen sein sol­len. Ich rede nicht davon, häß­li­che Käs­ten in Com­pu­ter­mu­seen wie das in Pader­born zu stel­len, so als war­nen­des Mahn­mal für die Nach­welt, son­dern ich rede von einer Ver­klä­rung selbst der Daten­ver­ar­bei­tungs­ver­gan­gen­heit, die ich selbst noch kenne, wie mir kürz­lich bei einem rein zum Spaß abge­setz­ten Usenet-Posting auf­fiel (jahaa, so alt bin ich! Use­net! Das war halt noch was!). Es ging um alte Macs und lau­tete so: “Banause! Das waren noch Maschi­nen damals! Diese ganze Leis­tung heute, wer soll denn die über­haupt ver­wer­ten? Nene, so ein alter Mac, da konnte man halt noch sel­ber RISC-Assembler schrei­ben, auf sowas wird ja heute gar kein Wert mehr gelegt, ich weiß gar nicht, warum. Kein Wun­der haben wir eine Wirt­schafts­krise. Wenn ich diese moder­nen Mac-Designgeschwülste schon seh, ey! Ich jeden­falls warte dar­auf, dass mir end­lich wie­der ein Her­stel­ler den NuBus baut, vor­her kauf ich kei­nen neuen Rech­ner. Es gibt ein­fach nix für mich.” Klar erkenn­bar iro­nisch gemeint. Dachte ich. Bis ernst gemeinte, unter­stüt­zende Ant­wor­ten kamen. Wel­che NuBus-Accessoires mir noch fehl­ten und so wei­ter. Damit wir uns ver­ste­hen: Der NuBus war damals okay. Er ist eben den Weg des Unter­bre­cher­kon­tak­tes gegan­gen. Heute gibt es in der Pra­xis tau­send­mal bes­sere Busse, und Theo­rie inter­es­siert nur schlechte Verlierer.

Ich habe die Anfänge von zivi­lem Inter­net und ver­netz­tem Per­so­nal Com­pu­ting per­sön­lich mit­er­lebt und kann daher sagen: Nein. Nein. Nein. Frü­her war gar nichts bes­ser. Frü­her war alles schreck­lich. Dazu brau­chen wir gar nicht mal bis zu Kolos­sen wie dem ENIAC zurück­zu­ge­hen, jenem 27-Tonner, der nach dem zwei­ten Welt­krieg für die USA bal­lis­ti­sche Flug­bah­nen für ihre Kern­waf­fen berech­nete, des­sen Rechen­leis­tung jedoch von jedem heu­ti­gen Handy viel­tau­send­fach über­trof­fen wird. Begin­nen wir lie­ber beim Com­mo­dore 64, dem wohl meist­ver­kauf­ten Heim­rech­ner. Er war grau. Seine Form? Man nannte ihn den Brot­kas­ten. Sagt ja alles. Der C64 war damals ein genia­les Pro­dukt zum Arbei­ten und Rum­spie­len, denn man hatte ja sonst nix. Der Brot­kas­ten war so beliebt, dass man ihn noch sehr lange in Kin­der­zim­mern fin­den konnte. Ich fand mal einen in einem Kin­der­zim­mer, das ich besuchte. Der Brot­kas­ten las gerade ein Com­pu­ter­spiel von einer Kas­sette, was unge­fähr so lange dau­ert, wie das Spiel sel­ber zu schrei­ben. Man könnte die War­te­zeit auch mit Lesen über­brü­cken, “Schuld und Sühne” zum Bei­spiel. Der Besit­zer, ein Kind, das ich mir nur vage mit Pro­pel­ler­kappe auf dem Kopf in Erin­ne­rung rufen kann, starrte jedoch statt­des­sen fas­zi­niert auf seine Appa­ra­tur. Der Besu­cher, ein Kind, das ich mir sehr gut in Erin­ne­rung rufen kann, weil ich es war, starrte ent­setzt auf die Sze­ne­rie und flüch­tete. Flüch­tete, obwohl ich eigent­lich schon immer Maschi­nen im All­ge­mei­nen und Elek­tro­nik im Spe­zi­el­len geliebt habe. Aber die Datas­sette war mir zu hart.

Die linke Wand da, mit der kann der ENIAC bis drei zäh­len — wenn ihm seine Assis­ten­tin hilft. (Bild: US Army)

Dann kamen die IBM-kompatiblen MS-DOS-PCs. IBM wollte mit PCs nicht so recht was zu tun haben und über­ließ es ziem­lich wahl­lo­sen ande­ren Fir­men, den Per­so­nal Com­pu­ter zu kon­stru­ie­ren und aus­zu­stat­ten. Bill Gates erzockte sich schlau ein Betriebs­sys­tem für das Sys­tem und seine Mut­ter, sehr gut bekannt mit IBM-Entscheidern, setzte sich dafür ein, dass der Bub den Auf­trag für seine Firma Micro­soft bekam. Die Art, wie Herr Gates Geschäfte macht, ist zwar kei­nes­wegs die feine, doch führte seine rück­sichts­lose, aber durch­dachte Stra­te­gie schnell zu einem Quasi-Standard: MS-DOS, Intel-x86-PC. Scheuß­li­che Kom­bi­na­tion, doch immer­hin hatte jeder die­selbe. Als Gates DOS kaufte, hieß es noch QDOS, kurz für “Quick and Dirty Ope­ra­ting Sys­tem”, und genau so funk­tio­nierte es. Da half es auch nichts, dass Micro­soft den Euphe­mis­mus “Disk Ope­ra­ting Sys­tem” dafür ein­führte. Den PC ließ IBM mit bil­li­gen, gerade pas­send ver­füg­bar her­um­lie­gen­den Tei­len bauen, was ihm zu sofor­ti­gen welt­wei­ten Nach­bau­ten ver­half, die viele statt der IBM-Produkte kauf­ten. Alles, was nicht MS-DOS-IBM-PC-kompatibel war, ließ sich bald kaum noch ver­kau­fen, ähnlich wie es bei Windows-Intel (“Win­tel”) spä­ter war. Also saß ich spä­ter gele­gent­lich wie­der in Zim­mern, dies­mal meis­tens in Arbeits­zim­mern von Vätern. Väter taten so, als arbei­te­ten sie damit, eigent­lich spiel­ten sie natür­lich. Zack McK­ra­cken lief über einen Monochrom-Bildschirm im Kel­ler eines Freun­des, irgend­wann spä­ter schwärmte er von Mon­key Island. Habe nie ver­stan­den, warum, weil ich beim Zuschauen sofort ein­ge­schla­fen bin.

Com­pu­ter­spiel aus der „guten alten Zeit“. Es hatte 16 Far­ben, ich sah es immer monochrom.

Diese dama­li­gen PCs sind den heu­ti­gen von der Archi­tek­tur recht ähnlich, sagt man. Gemeint ist: Sie sind von der Archi­tek­tur so ähnlich wie ein feuch­tes Lehm-Pueblo in sei­nen Grundaspek­ten den Petro­nas Towers ähnelt (beide haben Wände). Der PC war schon damals mit Kar­ten erwei­ter­bar. Heute steckt man die Din­ger ein, schal­tet an und freut sich. Damals gab es nichts zu lachen, höchs­tens vor Ver­zweif­lung. Die Kar­ten arran­gier­ten sich unter­ein­an­der mit von Hand ver­ge­be­nen Inter­rupts. Stel­len Sie sich das so ähnlich vor wie in einem Klas­sen­zim­mer, in dem sich die Schü­ler mit Num­mern mel­den. Ja, Num­mer 10? Und dann fan­gen drei Leute an zu spre­chen, was den Rest des Tages dazu führt, neu über Num­mern zu reden. In den Anfän­gen des Plug and Play redete dann auch noch der Com­pu­ter bei der Ver­gabe mit, das machte alles noch schlim­mer. Hatte man die­sen Sack Flöhe end­lich sor­tiert, ging es beim Betriebs­sys­tem mit sei­nen Trei­bern los. Ich kriege heute noch nen Kack­reiz, wenn jemand “Config.sys” sagt. Warum? Na, weil die Leute mit tech­ni­schen Pro­ble­men zu mir kamen, weil ich mich für Tech­nik inter­es­sierte und sie fälsch­li­cher­weise dach­ten, das­selbe gelte für ihre Pro­bleme. In mei­nen Erin­ne­run­gen lie­gen genug krank-kaputte Kon­fi­gu­ra­tio­nen für drei Leben vol­ler Alpträume.

Irgend­wann erschum­melte ich mir sogar in bes­ter Bill-Gates-Manier einen alten Schnei­der Euro PC und machte mich daran, dar­auf eine Grafik-Engine zu schrei­ben, die aus dem Teil –BAM!- eine Iris Indigo machen würde. Irgend­was muss­ten die Gra­fik­gu­rus doch über­se­hen haben, einen klei­nen, genia­len Kniff, der… Um es kurz zu machen: Hat­ten sie natür­lich nicht. In einer lauen Som­mer­nacht schließ­lich saß ich vor die­ser (grauen) Schach­tel, ver­zwei­felnd beob­ach­tend, wie lange es dau­erte, bis sie eine Sphäre berech­net hatte, als meine Schwes­ter her­ein­kam und es so zusam­men­fasste: “Wir sit­zen alle unter dem Bal­kon, neh­men Dro­gen und reden über Sex. Jetzt komm mit, das, was du da machst, ist doch scheiße.” Sie hatte recht. Ich kam mit. Trotz­dem lernte ich viel spä­ter eine Menge über Com­pu­ter, arbei­tete kurz als Pro­gram­mie­rer und meine in Heim­ar­beit spä­ter an einem rich­ti­gen Rech­ner gebas­telte Grafik-Engine brachte mir immer­hin ein Arbeits­an­ge­bot von Elec­tro­nic Arts ein. Das sage ich ers­tens, um anzu­ge­ben, aber haupt­säch­lich, um even­tu­elle Leser­briefe zu rela­ti­vie­ren, die in etwa so lau­ten könn­ten “…wenn er weng Ahnung gehabt hätte, dann wäre…” und so wei­ter. Denn jetzt kommt die Neu­zeit, als alles bes­ser, weil erträg­li­cher wurde.

Ver­ges­sen wir mal den Mac, das machen eh die meis­ten. Ver­drän­gen wir Win­dows 3.irgendwas, wir wol­len uns nicht auf­re­gen. Erin­nern wir uns an Win­dows 95. Es war grau­en­haft. Aber es legte den Grund­stein für die gra­fi­sche Ober­flä­che, die wir uns heute auf Win­dows– wie Linux-Desktops anschauen. Win­dows 98 und ME ver­drän­gen wir wie­der, die waren noch grau­en­haf­ter als 95. Erin­nern wir uns an Win­dows NT, das war die­selbe gra­fi­sche Ober­flä­che, die aber auf einem funk­tio­nie­ren­den, zeit­ge­mä­ßen Unter­bau fußte. Mein ers­ter und ein­zi­ger neu gekauf­ter Rech­ner war daher ein Pen­tium Pro mit Win­dows NT 4.0 für Work­sta­tions. Das war so der Beginn von Windows-Workstations, mit denen man tat­säch­lich arbei­ten wollte. Nein, jetzt kommt natür­lich nicht “das war halt noch ein Win­dows damals”, jetzt kommt Win­dows XP. XP war end­lich ein NT für alle. Es war hübsch bunt, funk­tio­nierte (ver­gleichs­weise) sau­ber und war vor allem der Markt­stan­dard, für den jeder Anwen­dun­gen ent­wi­ckelte. Es lief sogar auf den alten Gur­ken, die ich mir für einen Fuffi gebraucht kaufte. 2003 war das zum Bei­spiel ein 350-MHz-Celeron, mit dem man trotz Micro­softs “Min­dest­an­for­de­run­gen” von 500 MHz unter XP völ­lig pro­blem­los arbei­ten konnte. Wie gut das war, merkte ich im Kon­trast, denn als ich eine Zeit­lang keine DTP-Software brauchte, fuhr ich ein Linux, bei dem sowohl KDE als auch Gnome (bei­des Desktop-Umgebungen) auf mei­ner (grauen) Rost­mühle so viel lang­sa­mer waren als die blaue XP-Oberfläche, dass ich es schnell wie­der weg­warf, DTP hin oder her. Linux erin­nerte mich zu sehr an die alten DOS-Tage. Es kam immer mit Pro­ble­men, die mich nicht interessierten.

XP hin­ge­gen tat ein­fach, was man ver­langte, es war in bes­ter Windows-Tradition eine gera­dezu sprich­wört­li­che Hure. “Man” waren näm­lich sehr oft andere Leute als der Besit­zer, zum Bei­spiel Pro­gram­mie­rer von Viren oder Tro­ja­nern, also etwas kon­kre­ter ich. Bei mir fan­den Viren­scan­ner gele­gent­lich Schäd­linge, jedoch aus­schließ­lich sol­che, die ich selbst geschrie­ben hatte. Zuge­ge­ben, ich hatte beim Schrei­ben Ande­res mit die­sen Pro­gram­men vor, aber der Scan­ner brachte einen auf Ideen. Es war depri­mie­rend ein­fach, Windows-Systeme zu kom­pro­mit­tie­ren, was aber fai­rer­weise zuge­stan­den haupt­säch­lich an der Wet­ware liegt, die da vor dem Bild­schirm im Ses­sel lüm­melt und ihre drei funk­tio­nie­ren­den Gehirn­zel­len dazu nutzt, zu über­le­gen, wie sie trotz der Anti­vi­ren­soft­ware diese Virus­mail end­lich öffnen kann. Jeder Sys­ad­min weiß genau, wel­che Kan­di­da­ten ich meine.

Heute habe ich hier wie­der mal eine alte Gurke, in die ich für den Preis einer hal­ben Tank­fül­lung zwei Giga­byte Arbeits­spei­cher gesteckt habe. Funk­tio­niert per­fekt. End­lich kann ich ver­ges­sen, was ein Inter­rupt über­haupt ist, end­lich kann ich alles ver­ges­sen, was wir in der Schule über DOS und diverse Unix-Shells gelernt haben. Gele­gent­lich kaufe ich Hard­ware, schließe die an und habe schon fast ver­ges­sen, dass sowas frü­her immer ein Hor­ror­wo­chen­ende vol­ler Gefum­mel war. Ja, XP funk­tio­niert end­lich so, wie man das will; so gut, dass nie­mand Win­dows Vista kau­fen wollte. Tja. Win­dows XP, das war noch ein Betriebs­sys­tem. Nicht so wie die­ses Vista heute. Frü­her war halt noch alles besser.

Epi­log

Die IT, heute aktu­ell, mor­gen ver­al­tet. Der Arti­kel ist jetzt auch ver­al­tet, denn die beschrie­bene Gurke ist abge­raucht, und jetzt arbeite ich auf einem Mac Mini unter Win­dows 7 Ulti­mate 64. Ich habe mir zum ers­ten Mal in mei­nem Leben einen Mac gekauft und zum ers­ten Mal ein Betriebs­sys­tem. Das MacOS hab ich run­ter­ge­schmis­sen, damit ich des­sen zehn GByte für Fotos habe. Viel­leicht poste ich dem­nächst™ mal, wie man den Mini rein unter Win7 auf­setzt, es gibt ein, zwei Stol­per­steine, die wahr­schein­lich Apple da hin­ge­legt hat, sowie zwei, drei gute Tips. Emp­feh­len kann ich die Kon­fi­gu­ra­tion jedoch eh: der Mac Mini (Win7 nennt ihn abschät­zig “Lunchbox-Computer”) ist leise und gut desi­gned, Win­dows 7 ist für Tas­ta­tur­schrei­ber wie mich das effek­ti­vere OS gegen­über MacOS und alle Ener­gie­spar­op­tio­nen des Mini funk­tio­ne­ren über ACPI rei­bungs­los, inklu­sive Mac-Schlafen (suspend-to-RAM mit die­ser hin­und­her gedimm­ten Diode) und Win-Ruhezustand (suspend-to-disk). Es ist alles so viel bes­ser als früher.

Heute ist alles so viel bes­ser als frü­her. Ein geschei­tes Win­dows auf einem güns­ti­gen Mac — das hätt’s damals nicht gegeben!

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