Oh Happy Day

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 15.01.2010

Der kla­gende Bremssattel-Gospel am Vor­tag des Renn­stre­cken­tests. Das fol­gende war ein Foren­pos­ting nach einem har­ten Tag, den ich ein­fach in de.rec.motorrad los­wer­den musste.

Heute hab ich auch mal ne Werk­statt­ge­schichte und sie zeigt sehr deut­lich, warum ich Werk­statt­ge­schich­ten nicht gerne habe. Am liebs­ten dia­gnos­ti­ziere ich und dele­giere das Pro­blem dann groß­kot­zig, um bei schlam­pi­ger Aus­füh­rung dann Zeter und Mor­dio zu schreien. Lei­der geht das nicht immer, nicht­mal oft. Ges­tern hatte ich Brems­schei­ben zu mon­tie­ren. Die ori­gi­na­len Buch­sen­schrau­ben pass­ten nicht. Sie pass­ten nicht, und zwar nicht um ein paar polier­bare Tau­sends­tel, son­dern sie pass­ten nicht um einen fet­ten hal­ben Mil­li­me­ter Durch­mes­ser. Klei­nere Buch­sen­schrau­ben kamen nicht in Frage, weil die Buch­sen als tra­gen­des Ele­ment bis in die Felge rei­chen. Ange­ru­fen. Keine Ant­wort. Liegengelassen.

Heute Rück­ruf aus Ham­burg. Seufz. Ich muss da ein­fach mal wie­der hin, es gibt in Deutsch­land ein­fach keine bes­sere Groß­stadt. Wie auch immer, der nass­for­sche Eig­ner der Brems­schei­ben sagt, ich soll ein­fach den Boh­rer neh­men und seine Brems­schei­ben auf­boh­ren. Nach drei­ma­li­gem Nach­fra­gen denke ich mir, Okay, sind seine und geh in die Werk­statt, immer noch leicht zöger­lich. Diese Kera­mik­koh­le­fa­ser­kom­po­sitbrems­schei­ben, die ich da tes­ten soll, kos­ten immer­hin 2000 Euro. Gut, hab ich mal auf­ge­bohrt. Alu ist weich, die Pas­sun­gen wer­den also ohne gro­ßen Auf­wand deut­lich exak­ter als bei den Ori­gi­nal­stanz­tei­len der Suzuki GSX-R 750 K8. Schnell ange­schraubt und Timo gesagt, er soll schon mal gehen, ich schieb ihm dann “g’schwend”, wie der Schwabe sagt, die Zeh­ner von­ner Bühne, wenn ich die klee Gix­xer ver­arz­tet hab. Es warn ja nur noch neue Brems­be­läge ein­zu­sor­tie­ren. Nur sind die bei vie­len neuen Japa­nern mit Bol­zen befes­tigt, die nicht mehr mit Splint gesi­chert sind, son­dern ver­schraubt, Stahl in Alu. Und natür­lich hat’s ers­tens Kon­takt­kor­ro­sion und zwei­tens einen Dep­pen in der Ver­gan­gen­heit, der die Din­ger voll ran­ge­knallt hat. Halb reicht in die­ser Kon­fi­gu­ra­tion ja schon.

Mit Hilfe von Kriech­spray, Ham­mer­schlä­gen, Ver­län­ge­run­gen und Frank-Albert „Bru­tale Gewalt“ Illg krieg ich drei der vier Bol­zen raus. Einer davon ist ver­bo­gen, keine Ahnung, wie der letzte Belag­wechs­ler das geschafft hat. Er steht auf jeden Fall auf dem Kill­file [1] des Paten (das bin ich). Der letzte Bol­zen geht gar nicht ab, son­dern der Innen­sechs­kant dreht durch und rund. Arg! In sol­chen Situa­tio­nen ten­diere ich bei unter­ge­hen­der Sonne nor­ma­ler­weise dazu, ein Bier­chen zu neh­men und das Pro­blem zu ver­ta­gen. Nur dass das Krad dies­mal am nächs­ten Mor­gen an den Sach­sen­ring ver­schifft wird, wo die teu­ren, von mir mit dem Boh­rer ver­edel­ten CMC-Scheiben getes­tet wer­den, sie haben näm­lich keine Straßenzulassung.

Stun­den spä­ter. Timo, Axel und ich haben es mit Ham­mer und diver­sen spit­zen Werk­zeu­gen geschafft, dass die Schraube ein grö­ße­res Loch hat und deut­lich leich­ter gewor­den ist. Nur sitzt sie immer noch fest. Bevor er zu macht, ruf ich den Suzi-Händler an, ob er mir bis sofort ein paar Bol­zen geben kann. Ne, geht nicht. Und ein Dicht­set für den Sat­tel? Oder einen Sat­tel? Ne, ne… Aber er könnt mir eine Grip-Zange lei­hen, um das Gewinde vom gepack­ten Bol­zen aus zu packen. Da ichs mit der Zange schon pro­biert hab, bie­tet mir der freund­li­che Werk­statt­mensch an, dass ich den Sat­tel vor­bei­bringe und er mir Bol­zen aus einer ande­ren Gix­xer gibt, bis die neuen bestell­ten über­mor­gen da sind. Ich ver­kneife mir ein “hei­rate mich!” und leg auf. Spä­ter wird sich eh her­aus­stel­len, dass er mich irgend­wie für den Chef­re­dak­teur der Motor­presse hält, eine erstaun­lich häu­fige Ver­wechs­lung. Viel­leicht ist das so wie in Fight Club, tags­über MO, nachts zieh ich die Hosen­trä­ger an und schreib als Pfeif­fer wilde Editorials.

Wie auch immer, freu­dig erregt wickle ich den Brems­s­at­tel ein und schwing mich auf die Shi­ver, neu bereift mit Z6 Inter­act, für beide möchte ich an die­ser Stelle eine aus­drück­li­che Emp­feh­lung aus­spre­chen. Sofort schifft es aus Kübeln. Das pas­siert ja immer, wenn ich fahre. Ich skate um den Fei­er­abend­ver­kehr, der eben­falls pünkt­lich ange­fan­gen hat und komm in die Werk­statt. Dort das­selbe: Ham­mer, Öl, etc. Geht natür­lich nicht. Dann aber packt der Werk­statt­meis­ter das Schweiß­ge­rät aus und brennt einen prä­pa­rier­ten Ring an, den er packt und … wie­der abreißt. Ich stelle mich auf einen lan­gen Abend ein. Der Meis­ter nimmt dies­mal eine dicke Mut­ter und schweißt die an, spannt den Sat­tel ein, dreht … und *knacks* — end­lich. Wahr­schein­lich hat mich noch nie ein Knacks so glück­lich gemacht. Der Sat­tel (Alu) hat nur leichte Spu­ren. “Bes­ser als ein neuer Sat­tel”, sagt der Meis­ter und hat recht. Über­schweng­lich bedanke ich mich, fülle die Kaf­fee­kasse und rut­sche zurück in die Redak­tion. Schnell alles befes­tigt und Bremse ent­lüf­tet (man muss/sollte an der K8 dazu einen Sat­tel hoch­hal­ten). End­lich fer­tig. Ne, natür­lich nicht: Die alten Dich­tun­gen, die ich aus Faul­heit oder Ver­gess­lich­keit dran­ließ, schwit­zen. Also ab. Ja, ich liebe es, meine Hände in DOT4 zu waschen. Neue Dicht­ringe. Noch­mal ent­lüf­ten. End­lich fertig.

Ich hass sowas. Was war noch­mal gleich der Nach­teil, diese Drecks­bol­zen per Splint zu sichern? Aber blei­ben wir posi­tiv: Wir tre­ten am Sach­sen­ring an mit grü­nen Stahl­flex­brems­schläu­chen, schwar­zer Proll­scheibe, schwarz-gold elo­xier­ter Fuß­ras­ten­an­lage (alles Kawa­saki ZX-10R), und auf der Gix­xer mit Car­bon, Car­bon, Car­bon und Carbon-Optik (die CMC-Scheiben sehen aus wie MotoGP-Carbon-Bremsen). In der Werk­statt beschlie­ßen wir noch, die BT016 am zwei­ten Fahr­tag, wenn sie eh run­ter sind, durch Slicks zu erset­zen. Zusam­men mit Por­no­kombi, Raser­helm, Schwuch­tel­stie­feln und Mafias wer­den wir damit die Créme de la Proll sein! Und wehe, jemand prollt mich her, dem zieh ich den 50er Gabel­schlüs­sel über die Rübe.

Gruß, der Proll und Chef­re­dak­teur der Motorpresse

Merkt einer, dass das eigent­lich die 600er ist? Egal. Das ist übri­gens Ferges-San in mei­nem Nacken. (Bild: Suzuki)

[1] “A kill­file is in fact a file with a list of names of people you are going to have kil­led.” (BSMFH)

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