Papierparadigmen

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 12.01.2010

Tra­di­tion und Zukunft des Lesens im Bio­top “Flughafen”

Wie so viele moderne Noma­den ver­bringe ich eine erschre­ckende Menge an Zeit in Flug­hä­fen. Flug­hä­fen beste­hen aus gefro­re­ner Lan­ge­weile, dem Gehirn ist dort ein dau­er­haf­tes Über­le­ben ohne Buch oder sons­ti­gen Lese­stoff unmög­lich. Aus die­sem Grund trage ich immer zehn, zwan­zig dicke Wäl­zer am Mann mit zu mei­nen Ter­mi­nen. Das geht des­halb, weil ich sie in sehr flüch­ti­ger Form bei mir habe, eigent­lich nur ihre Essenz trans­por­tiere: ihre Wör­ter. Und die pas­sen in der­ar­ti­gen Men­gen auf eine kleine Spei­cher­karte, dass man für ein gan­zes Lese­le­ben nur eine bräuchte. Lesen pas­siert dann auf einem klei­nen PDA mit sei­ner E-Book-Software. Es könnte genauso eines die­ser Smart Pho­nes sein, es hat auf jeden Fall in etwa die­selbe Größe, näm­lich die eines Hand­tel­lers. Die Front­flä­che besteht haupt­säch­lich aus Bild­schirm, auf dem dann die aktu­elle Buch­seite ange­zeigt wird. Ein Knopf­druck blät­tert um. Es ist fürs Bett noch prak­ti­scher als ein Taschen­buch, weil es seine eigene Beleuch­tung hat zum heim­lich unter der Decke lesen und man es viel ein­fa­cher ein­hän­dig umblät­tern kann, was wich­tig für mich als extrem fau­ler Mensch ist.

Wir Leser erle­ben gerade einen Para­dig­men­wech­sel. Immer mehr Texte wer­den von Bild­schir­men gele­sen und immer weni­ger von Papier. Mein Bücher­re­gal ist lach­haft klein, doch auf mei­nem PDA lie­gen alle Gedichte von Goe­the. Kann man immer wie­der lesen, den Mann. Als ich das mal abends am Lager­feuer einer Lese­rin erzählte, war sie uner­war­te­ter­weise regel­recht scho­ckiert. Sie bezeich­nete meine Art, Goe­the zu lesen wort­wört­lich als “Sakri­leg”. Zum Lesen gehöre Papier, die­ser Geruch, die­ses Gefühl, die­ser Hau­fen an Brenn­stoff im Regal. Elek­tro­nen för­de­ren den Ver­fall der Lese­kul­tur und so wei­ter. Ja, ich ver­stehe sie. Mein “Faust” in einer wun­der­schön lin­nen­ge­bun­de­nen Aus­gabe aus dem Nach­lass mei­ner Oma ist mir lieb und teuer. Meine Ori­gi­nal­samm­lung von Motherwell-Gedichten aus dem 19. Jahr­hun­dert ist ein klei­nes Frag­ment mensch­li­cher Geschichte. Und den­noch: Ich mag diese Texte genauso im Vor­trag, genauso im Nach­druck, genauso in digi­ta­ler Form. Denn den Wor­ten geht es nur darum, mit­ge­teilt zu wer­den. Das Inter­es­sante ist also nicht, dass sich die gute Lese­rin so fühlt, das ist sehr ver­ständ­lich. Das Inter­es­sante ist viel­mehr, dass ihre Beden­ken genau so, bei­nah wort­wört­lich bei der letz­ten gro­ßen Lese­um­wäl­zung geäu­ßert wur­den: als Guten­berg und Co. Bücher der brei­ten Masse zugäng­lich mach­ten. Ich glaube des­halb, dass uns Lesern eine groß­ar­tige Zukunft bevorsteht.

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