Unbesiegbar: Die Lock­heed SR-71 „Blackbird“

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , – 26.01.2010

Die Lock­heed SR-71 “Black­bird” wurde in ihrer gesam­ten lan­gen Ein­satz­zeit nie abge­schos­sen. Sie flog zu hoch für Pro­jek­tile und sie war schnel­ler als alle Rake­ten. Ein spä­tes Requiem auf die groß­ar­tigste Flug­ma­schine des Atomzeitalters.

Wenn ein paar der sel­te­nen guten Män­ner die­ser Welt zusam­men­kom­men und ein mili­tä­ri­sches Pro­jekt unter dem Namen “Arch­an­gel” star­ten, ist jedem Kino­fan klar, dass dabei eine Waffe her­aus­kommt, die schon im Stand Angst macht. Als jeden­falls die Lock­heed A-12 und schließ­lich die SR-71 das Licht der Öffent­lich­keit erblick­ten, war es, als ob die Außer­ir­di­schen gelan­det wären. Die Flug­zeuge sahen und sehen noch heute der­art fies aus, dass rus­si­sche Kin­der wei­nen muss­ten und die SR-71, die von den bei­den sehr ähnli­chen Flug­zeu­gen schließ­lich das Ren­nen machte, blieb für Jahr­zehnte das schnellste Flug­zeug der Welt. Sie blieb außer­dem unbesiegt.

Die SR-71 auf der Start­bahn mit lau­fen­den Moto­ren. Rus­si­sche Kin­der haben geweint. (Bild: NASA)

Mit dem Black­bird (deutsch: “Amsel”) woll­ten die Ame­ri­ka­ner ein Auf­klä­rungs­flug­zeug, das höher und schnel­ler flie­gen konnte als die U-2, damit es kei­ner abschie­ßen konnte. Sie gin­gen das Pro­blem an, indem sie ein­fach das schnellste mög­li­che Flug­zeug bau­ten. Die rie­si­gen Trieb­werke des Flug­zeugs zum Bei­spiel waren dar­auf aus­ge­legt, mit Mach 3,2 zu crui­sen, und dort waren sie auch am effi­zi­en­tes­ten. Bei die­ser Rei­se­ge­schwin­dig­keit arbei­te­ten sie quasi als Ram­jet, da etwa 70 Pro­zent der Schub­luft um die Gas­tur­bine herum flos­sen statt durch. Bei nied­ri­ge­ren Geschwin­dig­kei­ten kon­fi­gu­rier­ten sich die Trieb­werke um, die Gon­del schob sich nach vorne, Bypas­ses schlos­sen und öffne­ten sich, der Motor baute sich funk­tio­nal kom­plett um.

Mach 3,2 ist wahr­schein­lich für die meis­ten nur so eine Zahl, und nicht­mal eine beson­ders hohe. Für die Inge­nieure bedeu­tete die­ser krasse Wert jedoch, dass sie keine Kom­pro­misse machen konn­ten. Zunächst mal war da das Mate­rial. Ein nor­ma­les Flug­zeug würde bei die­ser Geschwin­dig­keit der­art heiß, dass es aus­ein­an­der fiele. Die Black­birds, oder “Habus”, wie sie ihre Crews wegen ihrer Ähnlich­keit zu einer japa­ni­schen Viper nann­ten, muss­ten daher aus Titan gefer­tigt wer­den. Das hatte noch nie jemand gemacht. Eigent­lich alles in der Geschichte der Fer­ti­gung der SR-71 hatte noch nie jemand gemacht. Lock­heed musste nicht nur das beste Flug­zeug der Welt bauen, son­dern auch noch die Werk­zeuge und Maschi­nen, um das über­haupt ange­hen zu kön­nen. Nette his­to­ri­sche Anek­dote: Das Titan für die neuen Auf­klä­rer stammte größ­ten­teils vom Feind, aus der UDSSR. Die durf­ten natür­lich nicht wis­sen, was die Amis denn damit vor­hat­ten, daher nah­men die Lie­fe­run­gen wahr­schein­lich aben­teu­er­li­che Routen.

Eine SR-71 vom Tan­ker aus foto­gra­fiert. Die Tank­klappe ist noch offen und sie tri­elt Sprit aus allen Rit­zen. (Bild: NASA)

Die Habus waren per­fekt ange­passt an ihren Lebens­raum bei mehr­fa­cher Schall­ge­schwin­dig­keit. Das führte dazu, dass sie am Boden, naja, sagen wir: weni­ger gut ange­passt waren. Bei den extre­men Tem­pe­ra­tu­ren im Flug dehnt sich alles aus, und bei der SR-71 war der Unter­schied der­art groß, dass zum Bei­spiel die direkt in die Außen­haut inte­grier­ten Tanks am Boden nicht dicht waren. Die Fugen schlos­sen sich erst bei hoher Geschwin­dig­keit. Auf der Start­bahn tropf­ten die Amseln wie Kies­las­ter. Das machte jedoch nicht viel, denn der Sprit (JP-7) war äußerst schwer ent­zünd­lich und die Pilo­ten star­te­ten mit einem Mini­mum an Treib­stoff, weil sie vor ihrer Mis­sion immer erst in der Luft voll­tank­ten. Auch die an vie­len Stel­len wel­lige Außen­haut des Flug­zeugs ist der Hitze geschul­det: Auf diese Weise kann sich das Mate­rial aus­deh­nen, ohne sich auf­zu­wer­fen oder gar zu bre­chen. Trotz all die­ser Maß­nah­men kühlte die SR-71 ihre Hot­spots wie die Schnauze über­dies noch mit durch­flie­ßen­dem Sprit. Selbst nach der Lan­dung war die Hülle noch über 300° C heiß und sie wurde prak­tisch bei jedem Flug neu hit­ze­be­han­delt und war des­halb nach eini­gen Ein­sät­zen här­ter als nach dem Bau.

Man könnte Stun­den und Tage über die SR-71 refe­rie­ren. Das ist aber gar nicht nötig. Diese Maschine erschließt sich einem schon allein durch Angu­cken. Was für ein Design! Bat­man trifft Star Wars trifft Luft­fahr­ge­nies. Und die Cool­ness hört nicht beim Aus­se­hen auf. Die “Stan­dard Eva­sive Action” bei Lenk­waf­fen­be­schuss war ein­fach Gas geben. Und durch diese kur­zen Epi­so­den mit noch höhe­rem Speed ver­brauch­ten die mons­trö­sen Trieb­werke bei einer Mis­sion oft sogar weni­ger Sprit! Viel­leicht eine Dan­kes­geste der Trieb­werke. “End­lich mal was zu tun” oder so. Die Moto­ren wur­den am Boden mit Starter-Carts fremd­ge­star­tet, auf denen zwei fette Ami-V8-Motoren lie­fen, einige Buick, einige Chevy. Und die Pilo­ten muss­ten, bevor sie in ihre Raum­an­züge (die­sel­ben wie im Space Shut­tle) stie­gen, eine kräf­tige Mahl­zeit aus nur Eiweiß zu sich neh­men: Steaks und Eier. Die SR-71 war die Anti­these zu die­sem post­fe­mi­nis­ti­schen, poli­tisch kor­rek­ten Quatsch, der hier jeden Tag per Pres­se­mit­tei­lung rein­flat­tert; sie war damit nicht nur eines der bes­ten Flug­zeuge aller Zei­ten, sie ist außer­dem das coolste. Seit 1999 fliegt sie nicht mehr, doch sie ist uns allen ein Vor­bild. Sei­nen Pro­ble­men wie sei­nen Fein­den durch schnel­ler sein ent­kom­men ist zum Bei­spiel eine Lehre, die jeder ernst­hafte Motor­rad­ra­ser ver­in­ner­li­chen sollte.

Beide Trieb­werke mit gezün­de­ten Nach­bren­nern beim Test­lauf. Ich muss mir so eins für die Kawa­saki orga­ni­sie­ren… (Bild: NASA)

Woanders wird gesagt …

  1. Tweets die Unbesiegbar | MoJomag – Die C-Straßen des Motorweb erwähnt -- Topsy.com - geschrieben am 26. Januar 2010 um 22:45

    […] Die­ser Ein­trag wurde auf Twit­ter von bo, Cle­mens Gleich erwähnt. Cle­mens Gleich sagte: Das coolste Flug­zeug wo gibt. Auf­trag­ge­ber haben es immer aus den Tex­ten geschmis­sen, des­halb: http://www.mojomag.de/2010/01/unbesiegbar/ […]

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