Bier and Loathing: BMW S 1000 RR

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 23.02.2010

Weil ich die Renn­ma­schine schön fand, scho­ckierte mich das Lam­penar­ran­ge­ment der Seri­en­ma­schine. Weil die Seri­en­ma­schine über 200 PS hat, musste ich eine Lösung für die­ses ästhe­ti­sche Pro­blem fin­den. Ich fand sie im Suff.

“Du bist der struk­tu­rier­teste Mensch, den ich kenne”, hat eine Foto­gra­fin mal zu mir gesagt. Das muss ich auch, denn hier unmit­tel­bar am Rande des Chaos (siehe hier) in Reich­weite eines wohl­sor­tie­ren Schranks voll Scotch führt jeder andere Lebens­wan­del unwei­ger­lich zum Absturz. Am bes­ten illus­triert sich der gesamte mathe­ma­ti­sche Sach­ver­halt jedoch wohl durch ein Bei­spiel, das ohne For­meln aus­kommt und selbst nüch­tern noch Sinn macht: der BMW S 1000 RR.

Die Renn­ma­schine sieht aus jedem Win­kel kna­ckig aus mit ihrem Zacken­de­sign. (Bild: BMW)

Als die­ses Motor­rad das Blitz­licht der Renn­stre­cken erblickte, auf denen es lange vor Ver­kauf seine ers­ten Auf­tritte hatte, war ich baff. Hier hat­ten wir einen Her­stel­ler, der unsere Seh­ner­ven seit Jah­ren rück­sichts­los mit dem Karl-Dall-Blick der R 1200 GS quält, der in der Ver­gan­gen­heit opti­sche Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen wie die F 650 CS “Scar­ver” oder die K1 began­gen hat. Über die K1 sagte mir unlängst jemand “man muss sich ja mitt­ler­weile nicht mehr schä­men, K1 zu fah­ren”, denn wer heute eine K1 sieht, kann sich gar nicht mehr vor­stel­len, dass eine Firma sowas mal absicht­lich gemacht hat und hält die K1 für eine fah­rende poin­tierte retro­zeit­geis­tige Kul­tur­kri­tik eines die­ser sper­ri­gen hol­län­di­schen Hasch­künst­ler. Für die Ein­spur­tup­per­ware Scar­ver indes gibt es keine Ent­schul­di­gung. Was daher auf den SBK-Rennstrecken Anfang 2009 fuhr, war etwas Unge­heu­er­li­ches: ein schick-schnittiges Motor­rad mit einer durch­gän­gig stim­mi­gen Ästhe­tik, auf dem “BMW” stand. Es war so uner­war­tet, als würde Ange­lika Mer­kel auf ein­mal etwas Intel­li­gen­tes sagen. Und doch war es wahr.

Die Linie des Racers folgt einem Thema kan­tig blit­zen­der Zacken, die in einem spitz­ge­hörn­ten Heck enden. Das ganze Gerät wirkt wie in einem der coo­le­ren Kreise der Hölle erdacht. Ich war ent­zückt. Ich bin außer­dem Patriot. Nein, nix Deutsch­land. Bay­ern! Mein Geburts­land. Bay­ern konnte schon immer alles bes­ser als Deutsch­land, wie es gele­gent­lich ein Län­der­spiel Bayern-Deutschland beweist. Bei sol­chen bay­ri­schen Tri­um­phen rufe ich immer sofort in der Hei­mat an, sei es nun bei Sepp Bruck­schlögl, bei Wal­ter Aust oder in die­sem Fall bei BMW: “Bin posi­tiv geschockt! Wun­der­ba­res Motor­rad, sieht fies aus.” Dann spre­chen wir nach sol­chen The­men am Tele­fon abschlie­ßend immer noch über eine mög­li­che Nach­folge vom König Lud­wig oder über die grund­sätz­li­che Über­le­gen­heit des bay­ri­schen Bie­res, danach freue ich mich auf den Moment, wenn ich mich anhand des fer­ti­gen Pro­duk­tes an der Unter­le­gen­heit mei­ner aus­län­di­schen Peers ergöt­zen kann. Der Moment kam, als ich wenig spä­ter eine der ers­ten Seri­en­ma­schi­nen mit 200 PS auf dem Prüf­stand notierte. Auf­grund der run­den Zahl ätzten die Aus­län­der “Schum­me­lei”, doch jetzt, mitt­ler­weile stan­den genug Seri­en­ma­schi­nen mit über 200 PS auf der Rolle, um ihnen allen das Maul zu stop­fen. Über­le­gen­heit für Bay­ern! Wie gesagt, ich hatte mei­nem Moment. Zer­bro­chen ist das alles, als ich in das Gesicht der Seri­en­ma­schine sah.

Die Seri­en­ma­schine mit ihrer Maske des Schre­ckens. (Bild: BMW)

Bevor ich zu die­ser Maske des Schre­ckens komme, muss man eine fun­da­men­tale bay­ri­sche Emo­tion ver­ste­hen: den Wunsch nach Eigen­stän­dig­keit. Als Kind trug ich gelbe Micky-Maus-Pullis, in die Ott­fried Fischer gepasst hätte und ging im Schlaf­an­zug in die Schule — alles nur, um unver­wech­sel­bar aus­zu­se­hen. Unver­wech­sel­bar gut anzie­hen konnte ich mich nicht, also zog ich mich wenigs­tens unver­wech­sel­bar bescheu­ert an. BMW macht das­selbe. Sie geben es sogar zu: “Wir kön­nen als BMW nicht wie eine Fireb­lade aus­se­hen!” Ich: “Aber Apri­lia RSV 4.” BMW: “Ja. Der Galuzzi, der hat es halt ein­fach drauf.” Also wie­der Ott­fried Fischers Micky-Maus-Pulli. Der Schein­wer­fer­schiel­blick von F 800 R und Co. ist ein Bei­spiel für die­ses Ver­hal­ten. Oder jetzt das selt­sam depla­zierte Gesicht der S 1000 RR. Sym­me­trie ist ein ver­hal­tens­wis­sen­schaft­lich beleg­tes ästhe­ti­sches Prin­zip mensch­li­cher Wahr­neh­mung. Kurz umge­kehrt: Asym­me­trie ist ten­den­zi­ell häss­lich. Des­halb macht es kei­ner. Außer BMW. Aus dem Rah­men fal­len, selbst um den Preis der Häss­lich­keit. Grund­sätz­lich ver­stehe ich das. Am Fall­bei­spiel bin ich jedoch ent­täuscht, denn das Design war so gelun­gen, dass sie ein­fach das Thema der Zacken zu zwei kan­ti­gen, böse gucken­den Dämo­nen­au­gen hät­ten wei­ter­füh­ren kön­nen, statt links einen Honda-Scheinwerfer von 1995 und rechts die­ses unmo­ti­vierte Bau­markt­bohr­loch in die Front­ver­klei­dung zu set­zen. Zim­mer­kol­lege Maik, dem wir schon vor lan­ger Zeit für eif­ri­ges pro­pa­gan­dis­ti­sches Fah­nen­schwen­ken die bay­ri­sche Ehren­staats­bür­ger­schaft ver­lie­hen haben, sagte rela­ti­vie­rend “ich finds nicht so schlimm. Man wird sich dran gewöh­nen.” Und hier kam das struk­tu­rierte Den­ken ins Spiel. Also, Versuchsaufbau:

Pro­blem:
Die BMW S 1000 RR – wird man sich dran gewöh­nen?
=> Zeit­raf­fer­prin­zip: Kann man sie sich schöntrinken?

Mate­rial:

  • Fotos und Erin­ne­run­gen des Motorrads
  • eine halbe Fla­sche Bour­bon (Eli­jah Craig)
  • andert­halb Packun­gen Milch
  • Eis­wür­fel­form
  • Eis­schrank oder ent­spre­chen­des Wetter
  • Tum­bler
  • eine Prise Muskatnuss
  • zwei Frauen
  • eine Katze
  • Fin­ger­far­ben

Mein Medium ist inspi­riert vom klas­si­schen Milch­punsch, den der bekannte Fusel­for­scher Kings­ley Amis in sei­nem Buch “Ever­y­day Drin­king” emp­fiehlt: Milch, gefro­rene Milch­eis­wür­fel, Bour­bon, Brandy, Mus­kat­nuss. Schon zu Erschei­nen der HP2 Sport jedoch redu­zierte ich die Rezep­tur auf käl­test­mög­li­che Milch mit smoo­thest­mög­li­chem Bour­bon darin, was erstaun­lich gut funk­tio­niert. Jack Daniel’s Gent­le­man Jack eig­net sich. Oder eben der gute Reve­r­end Eli­jah Craig (danke an Ger­not für den Tip). Die Milch in der Eis­wür­fel­form ein­frie­ren, die Tum­bler gleich mit in die Kälte stel­len, das fer­tige Getränk soll maxi­mal kalt sein. Martini-kalt. Für meine HP2-Sport-Versuche stellte ich die Tum­bler gleich mit Milch und Bour­bon mit rein, was als opti­mal gel­ten darf, solange man nicht drauf ver­gisst und alles ein­friert oder – nur so als Bei­spiel – die Tief­küh­les­sens­vor­räte der Mit­be­woh­ne­rin zwecks Raum­ge­winn in den Gar­ten wirft, wo sie am nächs­ten Tag in der Sonne von Käfern geplün­dert wer­den. Auf das fer­tige Getränk eine Prise Mus­kat streuen, beim Gent­le­man Jack ersetzt etwas Kar­da­mom die wür­zi­ge­ren Noten des Eli­jah Craig. Ansto­ßen. Oral einnehmen.

Das Gute an die­sem Getränk: Man kann bis zu Gemisch­ver­hält­nis­sen Bourbon-Milch von 1:1 gehen, ohne dass der Punsch zu alko­ho­lisch schmeckt. Er ist daher beein­dru­ckend effek­tiv. In mei­nem Test­auf­bau ser­vierte ich zwei Frauen den Punsch. Die eine dra­pierte sich nach einem Glas auf dem Bett, die andere bekam einen Laber­flash und setzte sich an den Com­pu­ter­tisch, von dem aus die Katze unbe­merkt einen Schluck vom Punsch nahm, durch die Woh­nung tor­kelte, besof­fen auf den Schrank sprin­gen wollte, natür­lich schei­terte und geret­tet wer­den musste (also die Katze jetzt). Und das war nur die erste Runde. Inner­halb kür­zes­ter Zeit konnte der For­schungs­lei­ter (ich) also die ers­ten Farb­ta­feln rich­tung Bett zei­gen. Er begann mit der lin­ken Seite:
“Wie sieht das aktu­ell für dich aus?”
“Okay. Das ist die Honda, oder?”
“Nein. Es ist nur die Honda-Seite der BMW.”
“Oh.”
“Hier ein Bild der Front.”
“Oh Gott!”
“Hm. Mehr Milch­punsch für dich.”
Etwas spä­ter:
“Hier ein Bild der Front.”
“Mwa. Wird nicht besser.”

Applaus­kurve Kes­sel­berg, irgend­wann in der nächs­ten Regie­rungs­pe­riode. (Bild: BMW)

Mehr Milch­punsch ging irgend­wann aus Angst ums Bett nicht mehr. Aller­dings fiel dem For­schungs­lei­ter eine Dose Fin­ger­farbe ein, die aus kom­ple­xen Grün­den immer griff­be­reit in der Schreib­tisch­schub­lade liegt. Man könnte doch ein­fach mit leicht abwasch­ba­rer Fin­ger­farbe tes­ten, wie es wirkt, die Asym­me­trie damit auf­zu­lö­sen. Oder man könnte… aber da war sie schon ein­ge­schla­fen. Also rief er am nächs­ten Tag in der MO-Redaktion an, wo eine S 1000 RR unter Schnee­mas­sen ver­sumpfte. Lei­der hatte der Test­chef die Ver­klei­dung demon­tiert, des­halb benutzte er statt der Rea­li­tät Pho­to­shop und ein Wacom-Zeichentablett. Wun­der der Alko­hol­tech­nik: Es geht! Man könnte also mit schwar­zer Kle­be­fo­lie auf bil­ligste Weise aus­rei­chend opti­sche Sym­me­trie im Gesicht her­stel­len, um den Begriff “Gesicht” für mich zu recht­fer­ti­gen. Gut, es sieht ein biss­chen emo aus mit die­sem Mas­cara, aber das soll doch gerade eh modern sein. Auf eine gewisse Weise ist die Seri­en­ver­klei­dung sogar schlau gemacht: Jeder, der die neue BMW viel auf der Renn­stre­cke fährt, wird die rein­ras­sig zackige Renn­ver­klei­dung kau­fen wol­len. Des­halb werde ich, sobald ich der nächste König von Bay­ern bin, eine Renn­ver­klei­dung an der S 1000 RR in unserm God’s own Coun­try stra­ßen­le­gal machen. Um der wah­ren Schön­heit wil­len. Prost.

Update: Auf­merk­same Leser von www.s1000rr.de schrei­ben mir, dass es sol­che Foli­en­auf­kle­ber schon seit Dezem­ber ’09 fer­tig kon­fek­tio­niert bei Peco gibt. Klick­stu hier.

Kommentare

  1. Winfried v.B. - geschrieben am 20. August 2010 um 09:12 Uhr - Kommentar-Link

    Ich mag die Front. Mitt­ler­weile. Und das sogar nüch­tern. Wenn die Bmdou­bleU in Rac­ing­far­ben vor einem steht, sieht das sogar rich­tig gut aus. Die Apri­lia hin­ge­gen mag ich nicht mehr so sehr. Zu Insektenhaft.

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