Blut und Benzin

Es führt zu nichts, wenn man sich über Idioten aufregt, aber man kann meistens ja doch nicht anders. Ich zumindest. Aktuell reg ich mich über die Leute auf, die fossile Brennstoffe benutzen als satanische Tat ansehen, für die es aber selbstverständlich ist, dass sie für eine halbe Tankfüllung einen DVD-Player kaufen können, dass sie für lächerliches Geld MP3-Player, Mobiltelefone, iWasweißichs und für weniger als den Preis einer Tasse Kaffee Baumwoll-T-Shirts kriegen. Diesen Luxus verdanken wir nämlich dem Umstand, dass es Afrika dafür sehr schlecht geht. In Afrika geht es täglich ziemlich brutal ab, was aber selten in die Nachrichten kommt, weil es erstens wie gesagt täglich passiert und weil wir zweitens direkt daran schuld sind, was man ja zahlenden Zuschauern oder Lesern nicht so direkt unter die Nase reiben will, sonst gehen die vielleicht woanders hin. Dieses Problem habe ich jetzt nicht, ich habe nämlich keine zahlenden Leser.

Also, wer es nicht weiß: Im Kongo bauen wir Coltan ab, einen Rohstoff, dessen Bestandteil Tantalit die kleinen Hochleistungskondensatoren in Handys und anderen Mobilgeräten erst möglich machte und heute praktisch in allen elektronischen Geräten Verwendung findet. Und mit „wir“ meine ich „wir Deutschen“, denn das meiste bauen glaube ich immer noch wir ab (yaay! Weltmeister!). Coltan war der Grund für den Kongokrieg. Der ist offiziell vorbei, es sterben dennoch immer noch täglich mehr Menschen als bei 9-11 durch bewaffnete Auseinandersetzungen um Rohstoffe. Oder Baumwolle für unsere Shirts. Die Sahelzone ist eine Mondlandschaft, weil dort in Monokulturen Baumwolle angebaut wird. Die Weltbank (eine US-amerikanische Institution) leiht den Leuten dort Geld, damit sie so weiter machen können. Sie ist recht großzügig: Schon heute sind in Burkina Faso selbst Menschen, die erst in 25 Jahren geboren werden, komplett verschuldet. Sie ist weniger großzügig, wenn es um Kredite für eine landesinterne Wertschöpfung geht, also zum Beispiel T-Shirts vor Ort weben. Das sollen die nicht, die sollen einfach pflücken, fertig. Oder Blutdiamanten. Oder Gold. Oder Silber. Oder oder oder. Wir wollen aus Afrika generell einfach billige Rohstoffe haben, und die daraus resultierende Outsourcing-Sklaverei nehmen wir billigend in Kauf. Ist eh eine gute Idee, dann muss man das unästhetische Elend nicht sehen, wie das bei früherer Sklaverei der Fall war.

Ein Freund von mir aus Westafrika ärgert sich immer darüber, dass dem so ist, dass diese Probleme keine Sau interessieren. Er freut sich dann umso mehr, wenn sie doch mal thematisiert werden — zum Beispiel im tragischen Kinofilm „Hotel Ruanda“. Er würde sich über „The Vice Guide to Travel“ freuen, denn die Jungs waren letzthin in Liberien, Westafrika. Es ist vollkommen egal, was der dicke Mann da sagt, es ist egal was er tut, wichtig ist, dass er dort hingeht, wo es wehtut und die Kamera draufhält, damit ich das hier posten kann. Und wer denkt, Shane übertreibt oder hat extreme Beispiele herausgegriffen, der hat keine Ahnung, was da unten wirklich los ist.

Vielleicht haben kluge Köpfe mit ethischem Auftrag schon ein paar gute Lösungen, aber mein Auftrag lautet eher „nächste Miete verdienen“. Mir geht nur diese verzogene-Fratzen-Attitüde auf die Eier: „Ich kaufe mein Fleisch im Supermarkt verpackt, weil ich keine Tiere sterben sehen will, memememeh!“ Wer Fleisch isst, soll sich damit abfinden, dass halt ein paar Viecher deswegen sterben müssen, soll am besten mal selber einen Fisch totklopfen. Dann hat sichs auch meist mit „ich ess täglich Fisch, weils so gesund ist“. Wer tankt, soll sich damit abfinden, dass der Westen Kriege darum anzettelt oder selber führt. Vielleicht entdeckt er dann unter seinem Schreibtisch ein paar Füße. Und wer alle naslang den neuesten Samsung-Player, ein iPhone oder Baumwollklamotten kauft, soll sich damit abfinden, dass Menschen für seinen Luxus im Elend verrecken. Dann kauft er vielleicht doch nicht jeden Scheiß. Und das wiederum schiebt das Ende der Fahnenstange weiter heraus, das Francis Kologo, Baumwoll-Produktionsmanager in Burkina Faso so schön verschlusswortet:

Wenn wir keine Baumwolle anbauen, dann wird jeder Afrikaner aus Burkina, aber auch aus Mali, Benin und anderen Ländern nach Europa auswandern. Wir haben keine andere Wahl. Wir werden bei euch einfallen, mit Sicherheit. […] Wenn wir auswandern, können sie ruhig zehn Meter hohe Mauern bauen. Wir werden trotzdem nach Europa kommen.

The Vice Guide to Liberia anschauen

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