Garantiert anders

Sowohl die Medien- als auch die Motorradbranche manövrieren gerade durch interessante, weil schwierige Zeiten. Das Positive daran sind vermehrt abwegige Experimente, die es nur geben kann, wenn den Entscheidern der Arsch auf Grundeis geht. Dinge vom Rand, Dinge, die anders sind. Das Essensmagazin „Beef“, das Automagazin „ramp“, eine Ouroboros Zaeta oder (älteres Beispiel) eine Yamaha MT-01. Allen gemeinsam ist, dass sie kaum jemand haben will, obwohl sie wunderbar sind.

Das klingt zunächst seltsam. Es wird klarer, wenn man bedenkt, dass Leute, die sich offen oder in Umfragen wünschen, „anders“ zu sein, in Wirklichkeit der Mainstream sind, denn der aktuelle gesellschaftliche Trend erhebt die Individualität zur maximal erstrebenswerten Eigenschaft. Konsequenterweise ist „anders sein“, wie es (falsch verwendet) in der Brigitte steht, mainstreamkonsensfähig. Die meisten Leute wollen allerdings gar nicht wirklich anders sein als der Schnitt ihrer Mitmenschen, es reicht ihnen, im Rudel als Person noch ein bisschen erkennbar zu bleiben. Sie kaufen sich eine Honda CBF 1000 und lassen sich was in die Sitzbank sticken, machen Kellermann-Blinker dran. Ist ja auch irgendwie „anders“. Hinweis: Eine BMW GS ist nicht anders, nur weil sie hässlich ist. Sie bedient im Gegenteil grundlegendste Massenbedürfnisse. QED. Genau deshalb ist mit Eigenständigkeit von janz weit draußen kein Staat zu machen. Eine Frau mit drei Köpfen ohne Brüste kann der tollste Mensch auf Erden sein, sie wird es niemals auf den Vogue-Titel schaffen, genausowenig wie ich. MO wird niemals so viele Hefte verkaufen wie die Gala. In letzter Zeit habe ich eine Menge Sachen gefunden, die mich vom Fleck weg begeistert haben, die genial sind, die ihren eigenen Weg gehen, die außer mir noch drei weitere Leute kennen und zwei davon mögen sie sogar.

Diese ganzen neuen Nischenprojekte werden daher niemals richtig Stückzahlen bringen. Die Entscheider glauben vielleicht an Massenerfolg, weil sie dem Mob glauben, dass er anders sein will (ein Widerspruch in sich), weil sie ihren Umfragen glauben, in denen dasselbe steht. Sie verlangen daher in ihrer Verzweiflung oft einen weiteren Widerspruch in sich: eine Garantie, dass sich ihr neues, völlig abseitiges Projekt massenhaft verkauft. Logik war eben noch nie eine menschliche Stärke. Wer Massen gewinnen will, muss auf den Mainstream zielen. Um genug Geld zu verdienen, muss ich zum Beispiel hinreichend massenkompatible Sachen schreiben. Das ist nicht schlimm, es ist einfach ein Fakt. Im Abseits stehen großartige Dinge wie eine Honda NR 750, eine KTM RC8, eine Moto Guzzi Griso. Diese Fahrzeuge bereichern unsere Kultur. Ihre Hersteller bereichern sie jedoch nicht. Für geniale Außensteher gibt es also nur eine Garantie: dass sie sich anders verkaufen. Nämlich schlechter.

Das hier ist mitnichten ein Appell, die Nischen zu ignorieren, sondern eher einer, die Nischen als solche zu erkennen, damit korrekt kalkuliert wird. Es gibt zwar keine Garantie drauf, aber wenn es richtig klappt, hat man einen kleinen Kreis „Anderer“ glücklich gemacht. Deren Wünsche wurden nirgendwo anders erfüllt; sie sind die perfekte Zielgruppe. Die Individuen dieser perfekt passenden Gruppe zu finden ist dann die eigentliche Herausforderung. Ich hier in meiner Nische weiß, wovon ich da rede.

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