Garantiert anders

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 24.02.2010

Sowohl die Medien– als auch die Motor­rad­bran­che manö­vrie­ren gerade durch inter­es­sante, weil schwie­rige Zei­ten. Das Posi­tive daran sind ver­mehrt abwe­gige Expe­ri­mente, die es nur geben kann, wenn den Ent­schei­dern der Arsch auf Grund­eis geht. Dinge vom Rand, Dinge, die anders sind. Das Essens­ma­ga­zin “Beef”, das Auto­ma­ga­zin “ramp”, eine Ouro­bo­ros Zaeta oder (älte­res Bei­spiel) eine Yamaha MT-01. Allen gemein­sam ist, dass sie kaum jemand haben will, obwohl sie wun­der­bar sind.

Das klingt zunächst selt­sam. Es wird kla­rer, wenn man bedenkt, dass Leute, die sich offen oder in Umfra­gen wün­schen, “anders” zu sein, in Wirk­lich­keit der Main­stream sind, denn der aktu­elle gesell­schaft­li­che Trend erhebt die Indi­vi­dua­li­tät zur maxi­mal erstre­bens­wer­ten Eigen­schaft. Kon­se­quen­ter­weise ist “anders sein”, wie es (falsch ver­wen­det) in der Bri­gitte steht, main­stream­kon­sens­fä­hig. Die meis­ten Leute wol­len aller­dings gar nicht wirk­lich anders sein als der Schnitt ihrer Mit­men­schen, es reicht ihnen, im Rudel als Per­son noch ein biss­chen erkenn­bar zu blei­ben. Sie kau­fen sich eine Honda CBF 1000 und las­sen sich was in die Sitz­bank sti­cken, machen Kellermann-Blinker dran. Ist ja auch irgend­wie “anders”. Hin­weis: Eine BMW GS ist nicht anders, nur weil sie häss­lich ist. Sie bedient im Gegen­teil grund­le­gendste Mas­sen­be­dürf­nisse. QED. Genau des­halb ist mit Eigen­stän­dig­keit von janz weit drau­ßen kein Staat zu machen. Eine Frau mit drei Köp­fen ohne Brüste kann der tollste Mensch auf Erden sein, sie wird es nie­mals auf den Vogue-Titel schaf­fen, genau­so­we­nig wie ich. MO wird nie­mals so viele Hefte ver­kau­fen wie die Gala. In letz­ter Zeit habe ich eine Menge Sachen gefun­den, die mich vom Fleck weg begeis­tert haben, die genial sind, die ihren eige­nen Weg gehen, die außer mir noch drei wei­tere Leute ken­nen und zwei davon mögen sie sogar.

Diese gan­zen neuen Nischen­pro­jekte wer­den daher nie­mals rich­tig Stück­zah­len brin­gen. Die Ent­schei­der glau­ben viel­leicht an Mas­sen­er­folg, weil sie dem Mob glau­ben, dass er anders sein will (ein Wider­spruch in sich), weil sie ihren Umfra­gen glau­ben, in denen das­selbe steht. Sie ver­lan­gen daher in ihrer Ver­zweif­lung oft einen wei­te­ren Wider­spruch in sich: eine Garan­tie, dass sich ihr neues, völ­lig absei­ti­ges Pro­jekt mas­sen­haft ver­kauft. Logik war eben noch nie eine mensch­li­che Stärke. Wer Mas­sen gewin­nen will, muss auf den Main­stream zie­len. Um genug Geld zu ver­die­nen, muss ich zum Bei­spiel hin­rei­chend mas­sen­kom­pa­ti­ble Sachen schrei­ben. Das ist nicht schlimm, es ist ein­fach ein Fakt. Im Abseits ste­hen groß­ar­tige Dinge wie eine Honda NR 750, eine KTM RC8, eine Moto Guzzi Griso. Diese Fahr­zeuge berei­chern unsere Kul­tur. Ihre Her­stel­ler berei­chern sie jedoch nicht. Für geniale Außen­ste­her gibt es also nur eine Garan­tie: dass sie sich anders ver­kau­fen. Näm­lich schlechter.

Das hier ist mit­nich­ten ein Appell, die Nischen zu igno­rie­ren, son­dern eher einer, die Nischen als sol­che zu erken­nen, damit kor­rekt kal­ku­liert wird. Es gibt zwar keine Garan­tie drauf, aber wenn es rich­tig klappt, hat man einen klei­nen Kreis “Ande­rer” glück­lich gemacht. Deren Wün­sche wur­den nir­gendwo anders erfüllt; sie sind die per­fekte Ziel­gruppe. Die Indi­vi­duen die­ser per­fekt pas­sen­den Gruppe zu fin­den ist dann die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung. Ich hier in mei­ner Nische weiß, wovon ich da rede.

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