Sieger nach Punkten

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 08.02.2010

Letzte Woche rief mich ein Kol­lege an und brachte mich im Gespräch über Test­er­geb­nisse nach Punk­ten auf die Idee, das Thema hier mal zu beschrei­ben, so für alle, die sich mit dem Pro­blem­kreis "Test nach Punk­ten: Ja oder Nein?" ver­ständ­li­cher­weise noch nie beschäf­tigt haben, weil er lang­wei­lig ist. Die Haken an Punk­ten sieht der Inter­es­sierte am bes­ten durch den Fil­ter der Sta­tis­tik, über die ich näm­lich end­lich mal ein klu­ges Buch gele­sen habe. Sta­tis­tik ist eben­falls ziem­lich lang­wei­lig, wenn auch weni­ger lang­wei­lig als man denkt. Viel ver­kürz­ter als in die­sem Buch (und außer­dem kaum lang­wei­lig) jedoch hat es mal ein klu­ger MO-Leser zusammengefasst.

Jedes Jahr macht die "Super­test World Asso­cia­tion" SWA einen gro­ßen Test von Sport­mo­tor­rä­dern auf einer Renn­stre­cke, bei dem Tes­ter ver­schie­de­ner Motor­rad­zeit­schrif­ten von über­all­her nach bestimm­ten Kri­te­rien Punkte ver­ge­ben, die spä­ter gewich­tet wer­den und so einen Gesamt­sie­ger erge­ben. Men­gen­lehre: MO ist Teil der SWA, Guido ist Teil von MO, also war er da unten und hat flei­ßig einen Sie­ger ermit­telt — der ihm sel­ber nicht passte. Denn die wilde Punk­te­ver­tei­lung auf der einen Seite stand einem gefühlt ganz ande­ren Ergeb­nis gegen­über, wel­ches Motor­rad wie gut war. Da muss man dann eben durch, MO hat die ermit­tel­ten Werte ver­öf­fent­licht wie alle Teil­neh­mer des Super­tests. Der erwähnte kluge Leser sah diese Zah­len, sah die Streu­ung, sah, dass da nichts sta­tis­tisch Signi­fi­kan­tes pas­siert war und schickte dem dama­li­gen Leser­brie­fon­kel der MO (er hieß Cle­mens Gleich) einen augen­zwin­kern­den Brief mit die­sen Tat­sa­chen nebst einer Excel-Tabelle, die eine sol­che Ver­tei­lung auf Knopf­druck aus Pseu­do­zu­falls­zah­len erstellte — zur Arbeits­er­spar­nis für den nächs­ten Supertest.

Die­sen Leser­brief druckte ich ab, nach kur­zer Rück­spra­che mit dem Häupt­ling bot ich außer­dem die Tabelle zum Down­load an. Denn der "gesunde Men­schen­ver­stand" irrt sich sehr oft und ich sammle sol­che Irr­tü­mer, um sie zwecks ihrer eige­nen Aus­rot­tung vor­zu­füh­ren. Die mensch­li­che Mus­ter­er­ken­nung fin­det selbst im Rau­schen des Chaos ver­meint­li­che Ord­nung, ein­ge­bil­dete Infor­ma­tion (Tee­satz lesen, Wün­schel­ru­ten­lau­fen...) und ermit­telte Zah­len sagen gern Dinge aus, die mit der von ihnen beschrie­be­nen Rea­li­tät nicht mehr viel zu tun haben oder sogar das Gegen­teil behaup­ten. Dazu kommt, dass viele der in Tests erho­be­nen Zah­len ent­we­der gewich­tet, tran­skri­biert sind ("37 m/s^2 Brems­ver­zö­ge­rung wären jetzt 20 Punkte..."), ver­mischt ("...plus ABS macht 30 Punkte") oder gleich kom­plett sub­jek­tiv ("die­ser Sitz ist 10 Punkte kom­for­ta­bel"). Die auf­sum­mierte Zah­len­aus­sage am Ende schützt eine fal­sche Objek­ti­vi­tät vor, die es bei der Fest­le­gung der Werte nicht gibt; die bei­spiel­hafte Sitz­aus­sage ist nicht mehr oder weni­ger wert als "den Sitz fan­den wir ganz okay". Klar kann man Zah­len ein­fa­cher Ver­glei­chen als Text­aus­sa­gen. Nur bringt das nicht viel, solange die Zah­len­werte der­art weich sind.

Ein gutes Bei­spiel für die Punk­te­pro­ble­ma­tik ist die Motor­rad. Die Jungs machen sich einen Arsch voll Arbeit mit ihrer Tes­te­rei, sit­zen in ihrer Redak­ti­ons­runde und brü­ten über einen Punkt hin oder drei her, sie füh­ren peni­bel eine Daten­bank aller getes­te­ten Maschi­nen und haben mehr Test­mann­schaft als andere, mehr Blät­ter pro Zeit­ein­heit pro­du­zie­rende Hefte Gesamt­be­set­zung. Stolz steht im Blatt die Info, dass sie nach Qualitäts-DIN-Schießmichtot arbei­ten. Ich habe ech­ten Respekt vor die­ser Arbeits­leis­tung, aller­dings einen ähnli­chen wie vor der die­ses alten Grie­chen mit sei­nem Stein und sei­nem Berg. Nie­mand kann näm­lich alle Aspekte eines Motor­rads objek­tiv abbil­den, weil nicht alle Inter­es­sen­ten gleich sind. Klar, geben wir dem Motor 20 Punkte für 200 PS. Das ist ein objek­ti­ver Wert. Geben wir ihm außer­dem 5 Punkte für Sound, weil wir den scheiße fin­den. Das ist Bull­s­hit. Mein ein­zi­ges Mal echte Rücken­schmer­zen hatte ich zum Bei­spiel auf einem Rei­se­mo­tor­rad, das andere für per­fek­tes Sit­zen loben. Ein reprä­sen­ta­ti­ves Test­pa­nel von 1000 Leu­ten aller Fah­rer­schich­ten könnte eine rea­lis­ti­schere Base­line bil­den, wäre aber ebenso nutz­los, weil die Vor­be­le­gung immens ist: Ein Honda-Fan und Alpen­wan­der­tou­rer wird sich keine KTM-Ziege kau­fen, selbst wenn die eine Mil­lion Punkte kriegt.

Des­halb meine Kam­pa­gne "Wech mit Zah­len für wei­che Mei­nungs­werte" (WMZFWM). Es lan­gen Zah­len für Mess­werte. 150 PS nach DIN auf 20° C nor­ma­li­siert, das ist doch eine Aus­sage. Der Rest lohnt die lan­gen Sit­zun­gen nicht. Als wir bei MO die Test­käs­ten mit ihren eher frei­sti­li­gen Punk­te­wer­tun­gen (bei jedem Redak­teur anders beim sel­ben Krad) raus­war­fen, haben das die wenigs­ten über­haupt gemerkt und kein Ein­zi­ger hat sich beschwert. Die for­mi­da­ble Test­mann­schaft der Motor­rad könnte statt an ihrem Tisch sit­zen eine Rei­fen­ver­schleiß­mess­ma­schine kon­stru­ie­ren, einen Helm­ver­nich­ter, der Crash­fes­tig­keit ermit­telt oder eine die­ser Hochleistungs-UV-Lampen anschaf­fen und Motor­rä­der­teile wie Zube­hör damit im Zeit­raf­fer altern las­sen. Denn obwohl viele Leute sagen "die­ses ganze Geteste inter­es­siert mich nicht", gibt es defi­ni­tiv einen Markt für nüch­terne, aus­führ­li­che, gewis­sen­hafte, detail­lierte Tests. Es gibt halt lei­der wenig Über­schnei­dun­gen zwi­schen den Lesern, die gute Maga­zin­un­ter­hal­tung wol­len und sol­chen, die nutz­wer­tige Hardcore-Tests zur Ent­schei­dungs­fin­dung lesen. Die The­men­mi­schung bei Motor­rad, die beide Grup­pen glei­cher­ma­ßen errei­chen soll, wollte ich jeden­falls nicht machen.

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