Über dem Schall

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 15.02.2010

Sowas wie “zu viel Zeit” oder auch nur “genug Zeit” gibt es im hek­ti­schen Kern der Geschäfts­welt nicht. Wenn Zeit Geld ist, wird gesparte Zeit zu gespar­tem Geld, selbst, wenn man viel Geld dafür aus­ge­ben muss. Ein Pri­vat­jet zum Bei­spiel kos­tet viel Geld, ist aber die bequemste Mög­lich­keit, auf der Lang­stre­cke unter­wegs zu arbei­ten. Doch der­zeit hält die Öffent­lich­keit das Brenn­glas der Rezes­sion auf diese Fort­be­we­gungs­art, und in der Ver­grö­ße­rung wird klar, dass die Geschäfts­flie­ger gegen­über der Busi­ness Class im Lini­en­flug haupt­säch­lich Bequem­lich­keits­vor­teile haben. Dafür hat der emp­find­lich gereizte Medi­en­kon­su­ment gerade über­haupt kei­nen Nerv, Busi­ness Jets wer­den zum Paria. Wer die­ser Tage Pri­vat­jet fliegt, kann eigent­lich auch gleich als Inflight-Menu ein paar Kin­der essen. Die Bran­che steckt wenig über­ra­schend also in einer Absatz­krise. Das Gute daran ist, dass man jetzt so güns­tig wie nie einen Jet kau­fen kann; das Schlechte daran ist, dass man nach dem Kauf so schnell wie nie gestei­nigt würde. Doch es gibt tat­säch­lich einen ech­ten Vor­teil, den die nächste Gene­ra­tion der Busi­ness Class über alle Lini­en­flie­ger hat: Geschwin­dig­keit. Und zwar rich­tig: die neuen Geschäfts­flie­ger jagen den nächs­ten Ter­min schnel­ler als der Schall, was ihnen seit dem Tod der Con­corde–Trans­at­lan­tik­trans­fers 2003 ein Allein­stel­lungs­merk­mal geben dürfte.

Die­ser Dildo soll mit Mach 5 aber ohne Fens­ter flie­gen. (Bild: Reac­tion Engines)

Lei­der sind große Über­schall­flug­zeuge in Ent­wick­lung, Fer­ti­gung und Betrieb mons­trös teuer. Der ursprüng­li­che Kos­ten­rah­men für die Ent­wick­lung der Con­corde bei­spiels­weise wurde um den Fak­tor sechs über­schrit­ten, der tat­säch­li­che Geld­auf­wand lief in die Mil­li­ar­den. Exper­ten schät­zen die Ent­wick­lungs­kos­ten eines neuen Über­schall­pas­sa­gier­flug­zeugs für den Lini­en­be­trieb auf 15–30 Mil­li­ar­den US-Dollar, das ent­spricht dem Brut­to­in­lands­pro­dukt eines mitt­le­ren Staa­tes! Vor die­sem Hin­ter­grund gehen wir mal getrost davon aus, dass Mega­lo­ma­nie­pro­jekte wie die mit Mach 5 flie­gende gigan­ti­sche Erek­tion des Bri­ten Alan Bond namens “A2” zu unse­ren Leb­zei­ten zwar viele Publi­ka­tio­nen, aber defi­ni­tiv keine Rea­li­tät sehen werden.

Ein Bei­spiel aus der mili­tä­ri­schen Luft­fahrt ver­deut­licht die immen­sen Pro­bleme der Geschwin­dig­keit: die Lockheed-Martin SR-71, Spitz­name “Black­bird” (deutsch: Amsel). Die Rei­se­ge­schwin­dig­keit der Black­bird lag bei Mach 3,2, und sie wurde in ihrer gesam­ten Ein­satz­zeit nie­mals von den vie­len Rake­ten getrof­fen, die auf sie abge­feu­ert wur­den, weil sie schlicht und ergrei­fend schnel­ler war als diese. Stan­dard Eva­sive Action: Beschleu­ni­gen. Die Hülle bestand haupt­säch­lich aus Titan, weil kon­ven­tio­nelle Werk­stoffe die hohe Rei­bungs­hitze nicht aus­hiel­ten. Den­noch muss­ten Teile der Außen­haut mit Treib­stoff gekühlt wer­den, und die Hitze sorgte für der­art große Unter­schiede zwi­schen den Spalt­ma­ßen kalt am Start und heiß bei Rei­se­ge­schwin­dig­keit, dass die SR-71 am Boden und beim Betan­ken ver­mit­tels Stra­to­tan­ker stän­dig Sprit aus ihren nur heiß dich­ten­den Pas­sun­gen tri­elte. Selbst die Con­corde mit den wesent­lich gerin­ge­ren Tem­pe­ra­tu­ren bei Mach 2 hatte echte Pro­bleme mit der Hitze. Die Front­schei­ben waren bei Rei­se­ge­schwin­dig­keit zu heiß zum Anfas­sen und in einem berühm­ten sich bei Über­schall durch die Wär­me­aus­deh­nung öffnen­den Spalt im Innern ver­senk­ten die Crews auf den Abschieds­flü­gen ihre Müt­zen. Nach die­ser letz­ten Abküh­lung ver­schwan­den sie für immer im Innern der Con­cor­des, die heute größ­ten­teils in Museen stehen.

Und der größte Spalt ist der zwi­schen Effi­zi­enz bei lang­sa­men Geschwin­dig­kei­ten und Effi­zi­enz jen­seits der Schall­mauer. Man­tel­strom­trieb­werke mit einem hohen Neben­strom­ver­hält­nis, wie sie heute gebaut und für die Zukunft zum Sprit spa­ren aus­ge­baut wer­den, sind bei Lang­sam­flug viel effek­ti­ver (siehe hier). Bei Über­schall ver­kehrt sich das ins Gegen­teil. Die “Con­cord­ski” geschimpfte Tupo­lev Tu-144, ein dreis­ter Concorde-Nachbau der Rus­sen, flog auf dem Schub von für nied­ri­gere Geschwin­dig­kei­ten opti­mier­ten Man­tel­strom­trieb­wer­ken, die stän­dig den Nach­bren­ner bemü­hen muss­ten, um über­haupt im Über­schall­be­reich zu blei­ben (die Rus­sen wuss­ten das, hat­ten aber nix ande­res). Nach­bren­ner sind ziem­lich exakt so sprit­fres­send, wie ihr Name andeu­tet. Die Con­corde hin­ge­gen benutzte die Nach­bren­ner ihrer Ein­strom­trieb­werke nur, um zügig auf ihre Rei­se­ge­schwin­dig­keit zu kom­men, auf der sie dann mit bei­spiel­lo­ser Spar­sam­keit raste. Ja, rich­tig ver­stan­den: Die Trieb­werke der Con­corde waren zu ihrer Zeit die effi­zi­en­tes­ten der Welt. Nur ist der Über­schall­flug an sich eben inef­fi­zi­ent. Das ist wie beim Auto­fah­ren: Selbst wenn ein Auto bei­spiel­los effi­zi­ent 300 km/h fährt, muss es dazu acht Mal höhere Ener­gien auf­brin­gen als für 150 km/h. Und die hohe Effi­zi­enz bei Rei­se­ge­schwin­dig­keit ging bei der Con­corde ein­her mit einer kata­stro­pha­len Sprit-Bilanz am Boden: Auf dem Start­feld ver­brannte sie schon bis zu zwei Ton­nen Sprit.

Über­schall­flüge sind also Luxus. Wie Business-Jets. Über­schall­flüge kön­nen außer­dem sehr unso­zial sein, denn sie zie­hen einen per­ma­nen­ten Knall hin­ter sich her. Die Geschichte des Über­schall­knall ist eine mit einem gro­ßen Miss­ver­ständ­nis. Da wir von einer “Schall­mauer” spre­chen, die es zu “durch­bre­chen” gilt, liegt die Vor­stel­lung nahe, es knalle bei eben die­sem Vor­gang ein Mal. Das hätte die Concorde-Betreiber unheim­lich gefreut, denn dann wären sie ein­fach aufs Meer hin­aus geflo­gen, hät­ten es dort ein­mal kra­chen las­sen und wären dann in See­len­ruhe (naja, fast) über­all­hin geflo­gen. Die Schall­mauer trägt ihren Namen tat­säch­lich, weil es bei Mach 1 einen erhöh­ten Wider­stand gibt, der zu über­win­den ist. Der Ursprung des Knalls ist jedoch die sich kegel­för­mig aus­brei­tende Schock­welle, die das Flug­zeug ab Über­schall auf­schiebt. Die Schock­wel­len brei­ten sich dann vom Flug­zeug wei­ter aus und tref­fen — je nach Flug­höhe — schließ­lich auf den Boden. Das neh­men die Ohren dann als Knall wahr. Es gibt also nicht einen Knall, son­dern es gibt für jeden in Reich­weite einen, und das ist ein Problem.

Die QSST ist mitt­ler­weile ein­ge­stellt, obwohl ich eine wollte. (Bild: Ex-Möchtegernhersteller)

Man kann sich nicht um die Schall­mauer her­um­schlei­chen. Man kommt in jedem Wort­sinn näm­lich nicht an ihr vor­bei. Die neuen Geschäfts­flie­ger ver­su­chen jedoch, sich hin­durch­zu­schlei­chen. Ein gro­ßer Vor­teil hier­bei sind ihre klei­nen Abmes­sun­gen. Da die Schock­wel­len auch abhän­gig von der Größe des Flug­zeugs sind, klang die Con­corde über dem Atlan­tik wie Wat­schen Got­tes: “Ba-BAam!” klatschte ihr Dop­pel­knall auf die Trom­mel­felle von Seg­lern oder Walen. Kein Wun­der, dass sie nir­gendwo über bewohn­tem Gebiet erwünscht war. Die viel klei­nere QSST (Quiet Super­so­nic Trans­port) des ame­ri­ka­ni­schen Her­stel­lers SAI (Super­so­nic Aero­s­pace Inter­na­tio­nal LLC) soll durch ihre neu­ar­tige Geo­me­trie die Schock­wel­len dras­tisch ver­klei­nern und so zu einem Geräusch­pe­gel gelan­gen, der einem Hun­derts­tel der Con­corde ent­spricht. Das intel­li­gente Design stammt übri­gens wie die Blackbird-Aufklärer aus Lock­heeds berühm­ter “Skunk-Works”-Abteilung. Es blei­ben bei die­ser Maschine laut SAI bei Mach 1,6 in einer Höhe von etwa 18.000 Metern am Boden noch 65 dB an Lärm übrig, das ent­spricht einem vor­bei­fah­ren­den Auto mit etwas über 100 km/h oder einem Gespräch. Wer nahe einer gro­ßen Straße wohnt oder in einem Groß­raum­büro arbei­tet, weiß, wie nach­tei­lig diese Art Geräusch­pe­gel dem Schlaf ist. Grö­ßere Men­gen die­ser Flie­ger sind also wenig wün­schens­wert, aber auch nicht wahr­schein­lich: Der QSST soll bei sei­nem Ver­kaufs­start 2016 80 Mil­lio­nen US-Dollar kos­ten. Trotz des am Boden noch spür­bar vor­han­de­nen Lärms hofft SAI, dass die US-Regierung für kleine, leise Über­schall­flug­zeuge das über dem gan­zen Land gel­tende Über­schall­flug­ver­bot auf­hebt. Viel­leicht haben sie eine gute Lobby, die ange­zahl­ten Vor­be­stel­lun­gen machen jeden­falls schon­mal Hoff­nung. So, das stimmte alles bei Druck­le­gung letz­tes Jahr, doch 2010 ist das Pro­jekt gecan­celt wor­den. Hab ich wenigs­tens meine 80 Mil­lio­nen wieder…

Diese Zigarre soll effi­zi­ent mit Mach 0,98 flie­gen, bis sie schnel­ler darf. (Bild: Aerion Corp.)

Einen etwas ande­ren Weg zu einem fast iden­ti­schen Preis geht die Aerion Cor­po­ra­tion mit ihrem Super­so­nic Busi­ness Jet (SBJ). Die­ses sehr lange, zigar­ren­för­mige Objekt ist dazu aus­ge­legt, sehr effi­zi­ent nahe der Schall­grenze mit Mach 0,98 zu flie­gen, falls die ame­ri­ka­ni­sche Regie­rung doch nicht spu­ren sollte, was wahr­schein­lich ist, bedenkt man die Ein­stel­lung des kon­kur­rie­ren­den QSST-Jets. Aerion gibt außer­dem an, dass bis zu einer Geschwin­dig­keit von Mach 1,1 am Boden kein Knall mehr zu hören sein soll (“boom­less cruise”). Das ist wich­tig, denn anders als in den USA gilt in vie­len Län­dern die Rege­lung, dass Über­schall­flüge erlaubt sind, wenn am Boden kein Knall mehr ankommt. Über dem Ozean dann kann auch der SBJ mit bis zu Mach 1,6 flie­gen, also immer­hin etwa das Dop­pelte aktu­el­ler Busi­ness Jets ver­gleich­ba­rer Kabi­nen­größe. Um alle ihre kon­kur­rie­ren­den Anfor­de­run­gen unter einen Hut zu brin­gen, trägt der SBJ statt der typi­schen Del­taflü­gel sehr dünne Stum­mel­flü­gel und ach­tet ins­ge­samt extrem auf einen sau­be­ren (lami­na­ren) Strö­mungs­fluss ent­lang des Rumpfes.

Ein drit­tes ame­ri­ka­ni­sches Pro­jekt schrei­tet der­zeit im Dunk­len voran: der Gulf­s­tream Quiet Super­so­nic Jet (QSJ). Von ihm gibt es noch keine Bil­der außer einem Wind­ka­nal­test der NASA, in dem ein Inge­nieur eine selt­same Struk­tur in den Luft­strom hält. Das Flug­zeug­mo­dell sieht aus wie ein Raum­schiff aus einer fremd­ar­ti­gen Ecke des Uni­ver­sums oder ein beson­ders lang­ge­zo­ge­nes Über­bleib­sel vom Blei­gie­ßen: sehr orga­nisch, mit pfeil­för­mi­gen Schwin­gen und einer enorm lan­gen, spit­zen Nase. Diese Lan­zen­nase fährt sich erst wäh­rend des Flu­ges auf über sie­ben Meter Länge aus, um die Bug­schock­welle in meh­rere klei­nere Wel­len zu zer­le­gen, deren Ampli­tu­den außer­dem fla­cher sind. “Gulf­s­tream Whi­sper” nennt die Firma das und reiste mit einer Audio­si­mu­la­tion des am Boden zu erwar­ten­den Geräu­sches durch das Land, um es hun­der­ten von Umwelt­schüt­zern, Poli­ti­kern, Kri­ti­kern und Inter­es­sen­ten vor­zu­spie­len. Es wurde offen­bar sehr posi­tiv auf­ge­nom­men, da es kaum hör­bar war. Gulf­s­tream geht davon aus, dass ihr Über­schall­flüs­tern “10.000 Mal lei­ser” sein wird als der Dop­pel­knall der Con­corde. Die Flug­tests der NASA mit so einer Lanze an einer F-15B ver­lie­fen posi­tiv, aktu­ell lau­fen die Wind­ka­nal­tests am Modell. Der QSJ soll Rei­se­ge­schwin­dig­kei­ten von Mach 1,8 bis Mach 2 errei­chen und damit ähnlich schnell sein wie die Con­corde — nur eben viel leiser.

Es wäre jetzt schön im Sinne eines igno­ran­ten Welt­bil­des, diese Ent­wick­lun­gen als ame­ri­ka­ni­schen Aber­witz abzu­stem­peln, wenn nicht in Europa sehr Ähnli­ches von­stat­ten ginge. Der fran­zö­si­sche Her­stel­ler Dassault lei­tet mit 37 Part­nern ein Pro­jekt namens HISAC (High Speed Air­craft), des­sen Rand­da­ten denen der ame­ri­ka­ni­schen Geschäfts­flie­ger frap­pie­rend ähneln: 8–16 Pas­sa­giere, moderne Umwelt­tech­nik, 6000 – 9000 km Reich­weite, Geschwin­dig­keit bis Mach 1,8 und wie das QSST ein Über­schall­knall, der am Boden nicht lau­ter sein soll als 65 dBA. Die im Pro­jekt bevor­zugt pro­du­zier­ten Modelle erin­nern in ihrer Form an die Con­corde, das Flug­zeug pro­fi­tiert von sei­ner klei­ne­ren Größe und soll eine intel­li­gente Strö­mungs­füh­rung in den Flü­geln erhal­ten, die in Deutsch­land berech­net wird. Selbst die japa­ni­sche Welt­raum­agen­tur JAXA (Japan Aero­s­pace Explo­ra­tion Agency) will außer ihrer Knab­be­rei an einem even­tu­el­len Concorde-Nachfolger einen klei­nen Über­schall­flie­ger für 30–50 Pas­sa­giere ent­wi­ckeln. Es könnte also sehr bald wie­der zivile Über­schall­flug­zeuge geben. Das Kind in jedem Inge­nieur freut sich dar­über, denn diese neuen Jets sind so sinn­los, so teuer und so wun­der­bar wie es der Bugatti Vey­ron auf der Straße ist.

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