Unschockbar: Frauen mit Motor

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 05.02.2010

Irgend­was ist auf attrak­tive Weise komisch an Frauen mit Kraft­fahr­zeug­af­fi­ni­tät. Viel­leicht liegt es daran, dass sie irgend­wie unschock­bar sind.

Es gibt eine ganz spe­zi­elle Sorte Frau, die mich, fast wider mei­nen Wil­len, extrem fas­zi­niert. Sie ist dort zu fin­den, wo es nach Ben­zin riecht, nach Motoröl, nach Leder­pfle­ge­mit­tel — kurz: sie bewegt sich durch ein män­ner­do­mi­nier­tes Milieu und wird viel­leicht durch den Kon­trast so attrak­tiv. Zum Bei­spiel Eng­land, 2007: Nach der 100-Jahre-Jubiläums-TT auf der Isle of Man stand ich mor­gens mit der BMW F 800 ST am Hafen Heysham und hatte eine ganze Ecke Zeit, bis abends die Fähre von Hull auf der ande­ren Seite Eng­lands nach Rot­ter­dam gehen würde. Auf andere Motor­rad­fah­rer hatte ich keine Lust, aber ich hatte Lust auf Motor­rad fah­ren, also wählte ich eine Route, die kom­plett über wun­der­bare Land­stra­ßen durchs eng­li­sche Hin­ter­land ging. Irgend­wann mit­tags kam ich durch Leeds. Das ist jetzt kein Hin­ter­land mehr, aber mich hatte ein Last­wa­gen umge­stumpt und ein Navi her­ge­führt. Außer­dem mel­dete die kleine BMW dezent ihren Durst nach neuem Sprit an.

So große Tit­ten. Reicht ja eigent­lich.“ Ich auf der Isle of Man vor der Abfahrt (Bild: Öli)

Zack, nächste Tanke rein, Tan­krüs­sel hin­ten in die F 800 (das Krad wird rek­tal betankt). Dann an die leere Kasse, Bedie­nung!, ich will hier zah­len und Kaf­fee und außer­dem will ich ein neues Zwan­zigschuss­ma­ga­zin die­ser eng­li­schen Lun­gen­te­er­kip­pen! Zu der Zeit hatte ich mich näm­lich der­art über Leute auf­ge­regt, dass ich rau­chen musste wie ein chi­ne­si­scher Indus­trie­schorn­stein. Meine Laune war trotz Niko­tin seit Tagen beschis­sen. Und an dem Tag hatte mich dann wie gesagt auch noch ein Las­ter umge­schmis­sen. Bedie­nung, ver­dammt! Plötz­lich jedoch kam so ein braun gelock­tes Geschöpf mit völ­lig gelös­tem Gesichts­zu­stand aus einem Kabuff und sagte mit einem net­ten Lächeln ein sanf­tes, unglaub­lich lang­ge­zo­ge­nes “Hi…”, das klang wie wenn man gerade neben ihr auf­ge­stan­den wäre. Ich war sofort maxi­mal fas­zi­niert, sofort wie­der im Ein­klang mit der Welt. Sie hatte Augen in der Farbe die­ser hell­blau­grauen Achate, war nach der Kom­mu­ni­ka­tion zu schlie­ßen die Toch­ter die­ser Tank­stelle nebst Werk­statt und außer­dem maxi­mal ent­spannt. “Dro­gen”, wer­den jetzt man­che sagen, aber ich glaube, dass es Gren­zen des­sen gibt, was Dro­gen leis­ten kön­nen. Ihre komi­schen wäss­ri­gen Augen wirk­ten, als hät­ten sie kei­ner­lei Fil­ter, als lie­ßen sie alles ein­fach durch, wie es ist. Warum auch fil­tern? Ihr schien eh alles gleich gut. Ihr Alter ist schwer erin­ner­bar, denn ich bin mir sicher, dass man durch die Augen die­ser Dame auch nach 80 Lebens­jah­ren noch in das dahin­ter­lie­gende Nir­vana fal­len kann. Nach­dem ich ihr völ­lig wil­len­los meine Zah­lungs­mit­tel über­reicht hatte, sagte sie aus ihrem Jen­seits ein schlep­pen­des “…Ta.”, das ich nie ver­ges­sen werde (“Ta” sagt man in der Gegend um Leeds für “Thanks”). Ich ging immer wie­der da unter Vor­wän­den rein (Feu­er­zeug, Scho­ko­lade, mehr Kaf­fee…), nur um die­ses gelä­chelte “…Ta.” zu hören, und wenn ich nicht so auf die Abfahrt der Fähre fixiert gewe­sen wäre, weil ich, sel­ber ver­strahlt, schon eine ver­passt hatte, dann stünde ich heute noch glück­lich rau­chend an die­ser Tanke.

Mit der Honda CBF 600 in Spa­nien wars, glaub ich. In etwa so wie die­ses Emorama™-gefilterte Bild habe ich mich gefühlt. (Bild: Honda)

Ein Jahr spä­ter lag ich in einem Whirl­pool irgendwo in Spa­nien. Auf ein­mal stieg das Trepp­chen direkt neben mir ein rosa ver­pack­ter Arsch zu mir herab, an dem ich fast an Ort und Stelle wegen Herz­in­farkt gestor­ben wäre. Wir zogen die Arsch­in­ha­be­rin mit ihrem rosa Bikini auf, den sie sich vom Hotel hatte lei­hen müs­sen, aber es war eh voll­kom­men ohne Belang, was sie anhatte. Wäre sie mit Homer Sim­psons dre­cki­gen Unter­ho­sen in die­sen Pool gestie­gen, hätte mein ram­po­nier­tes Herz den­sel­ben Halbin­farkt erlit­ten. Ich kann mich dun­kel daran erin­nern, dass ich sie sofort zwang­haft auf ihren Arsch anspre­chen musste. Wie sie das macht, dass der so aus­sieht oder so ähnlich. Irgend­was Pein­li­ches halt. Mitt­ler­weile habe ich keine Erin­ne­rung mehr daran, warum wir da in Spa­nien waren, es muss wohl irgend­was mit Motor­rä­dern zu tun gehabt haben, weil das ers­tens mein Job zu der Zeit war und sie zwei­tens davon sprach, wie sie zuhause ja noch ihr altes Motor­rad her­rich­ten müsse, was mir eine sofor­tige Vision von ihr in nichts außer einer blauen Latz­hose völ­lig verglib­bert in einer war­men Werk­statt bescherte. Jesus, Maria und Josef! Wie gesagt, ich habe den Anlass der Reise ver­ges­sen, doch die­ser Arsch samt der ange­schlos­se­nen, fast ebenso wun­der­vol­len Per­son hat sich lebens­lang in die Erin­ne­rungs­rinde gelasert.

Gestürzt, aber nicht geschockt im Würmtal.

Ich ver­suchte vor Ort, meine Emo­tio­nen unter einen men­ta­len Tep­pich zu keh­ren, eine Annä­he­rung an den Nor­mal­zu­stand zu simu­lie­ren, weil ich bei guten Frauen immer zu beun­ru­hi­gen­dem Ver­hal­ten neige, das eben­diese ganz schnell ver­treibt. Pro­fes­sio­nell blei­ben. Du bist hier zum Arbei­ten, ver­dammt. Arsch. Nein! Arbeit! Und so wei­ter. Mein ver­wirr­ter Zustand führte mich den­noch in der Nacht in vol­ler Mon­tur durch einen Brun­nen, einen dop­pel­ten Scotch in der Hand, den ich wirk­lich brauchte. Als ich spä­ter mit vor Nässe quät­schen­den Schu­hen in die Hotel­bar wankte, setzte ich mich zu einem net­ten Kol­le­gen von der Motor­presse, der meine bis zu den Knien nasse Hose mit Was­ser­pflan­zen drauf Gentleman-like igno­rierte und ein­fach mit mir trank. Für diese echte Mensch­lich­keit führe ich den Mann noch heute in der klei­nen Schub­lade mit “Freund” außen drauf. Ich hab glaub ich außer­dem noch eine CD von ihm. Egal, jeden­falls wäre es retro­spek­tiv und emo­tio­nal nüch­ter­ner betrach­tet wahr­schein­lich gar nicht so schlimm gewe­sen, die Zügel schie­ßen zu las­sen. Sie wäre wahr­schein­lich wenig geschockt gewesen.

Oder die 180-cm-Blondine, neben der man im Bett manch­mal dachte, da liegt ein Kerl, weil sie so groß war. Sie wollte es mit Ehr­geiz in der berüch­tig­ten Brü­cken­schi­kane des Würm­tals wis­sen und fand her­aus, wo die Gren­zen ihres zu die­sem Zeit­punkt nagel­neuen Motor­rads lagen: näm­lich hin­ter ihr. Sie krachte in die Wiese, wo sie bei mei­ner Ankunft bereits von voll­trun­ke­nen Vater­tags­fei­ern­den ver­arz­tet wurde, die ihr Wodka Feige auf ihre Schürf­wun­den gos­sen. Aber selbst das konnte sie nicht mehr scho­cken. Oder die hüb­sche Sadis­tin (Zahn­arzt­hel­fe­rin), die gleich bei ihrer ers­ten Fahrt mit einem wild­frem­den Mann (mir) über einen Sprung­hü­gel fast aus dem Sitz flog und nur sagte: “Noch­mal!” Oder Lois Pryce, die nur mit einem Lächeln bewaff­net durch Schwarz­afrika fährt. Oder ganz ein­fach und boden­stän­dig nur das Mädel beim Polo Lein­fel­den ges­tern, das dort mit einem Kau­gummi im Mund die Werk­statt macht und mir mit fach­kun­dig bedien­ter Schie­be­lehre das rich­tige Schrau­ben­maß verkaufte.

Ich hasse ja diese Pos­ter­kli­schees von Motor­rad mit (fah­ren­der, nicht nacken­der) Frau drauf oder von Auto­werk­statt mit kompetent-attraktiver Mecha­ni­ke­rin, aber ich hasse sie des­we­gen, weil ich weiß, dass sie bei mir kli­cken. Wenn ich wie­der auf die Isle of Man fahre, werde ich des­halb in Leeds diese Tank­stelle suchen und der ver­strahl­ten Frau eine Motor­rad­la­dung Blu­men und einen Hei­rats­an­trag vor­bei­brin­gen. Scho­cken wird sie das nicht.

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