Zurück in die Zukunft

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 11.02.2010

Die Luft­fahrt steht der­zeit vor den­sel­ben Pro­ble­men wie die Auto­in­dus­trie sei­ner­zeit: Auf ein­mal ver­langt man von ihr, umwelt­freund­lich, spar­sam und leise zu sein. Man­che besin­nen sich da sich auf die Ver­gan­gen­heit, denn die in der Ölkrise ent­wi­ckel­ten Lösun­gen sind auch heute noch interessant.

Über den Wol­ken, da war frei nach Rein­hard Mey die Frei­heit frü­her gren­zen­los — zumin­dest die umwelt­po­li­ti­sche. Keine Steu­ern auf den Sprit und mit den Abga­sen war man auch nicht so genau. Doch die poli­ti­sche Lage hat sich gewan­delt. Es gibt immer noch keine Steu­ern auf den Treib­stoff, wohl aber sol­len die Emis­sio­nen redu­ziert wer­den. Es gibt daher zum ers­ten Mal seit lan­ger Zeit einen kon­kre­ten, kurz­fris­ti­gen (für die Zyklen in der Luft­fahrt), poli­ti­schen Druck auf Her­stel­ler und Flug­li­nien, weni­ger Sprit sau­be­rer zu ver­bren­nen. Ein ganz ähnli­cher Druck exis­tierte damals in der Ölkrise von 1979/1980, wenn auch aus ande­ren Grün­den. Die erste Ölkrise 1973 war noch nicht lange her, da kam schon –zack!- die nächste. Ölför­de­rung im Kri­sen­ge­biet ist eben unsi­cher, dachte man sich und fing an, spar­sa­mere Trieb­werke für Flug­zeuge aus­zu­pro­bie­ren, damit die Gesamt­be­triebs­kos­ten weni­ger vom Ölpreis abhän­gen. Als die Ölpreise sich dann jedoch über lange Zeit wie­der sta­bi­li­sier­ten, warf man die durch­aus flug­fä­hi­gen Antriebe in die Grab­bel­kiste und machte wei­ter wie vor­her, weil es wirt­schaft­li­cher war. Dem moder­nen, ab dem Kin­der­gar­ten ökolo­gisch indok­tri­nier­ten Geist mag diese Vor­ge­hens­weise dreist erschei­nen. Die Luft­fahrt setzt jedoch bei den Moto­ren andere Prio­ri­tä­ten als der Auto­mo­bil­bau. Wenn im Auto ein neu­ar­ti­ger Motor aus­fällt, bleibt die Karre eben ste­hen. Wenn in einem Flug­zeug die Moto­ren aus­fal­len, fällt gleich alles aus dem Him­mel. Hun­derte Men­schen könn­ten ster­ben. Hät­ten Sie auf Ihrem nächs­ten Flug lie­ber bewährt aus­fall­si­chere oder neue, weni­ger pra­xis­er­probte, aber effi­zi­en­tere Moto­ren an der Maschine? Die­ser Zwick­mühle ste­hen die Flug­zeug­bauer für die zivile Luft­fahrt gegen­über, und bis­her lief es in die Rich­tung, dass der Pas­sa­gier, der Mensch, wich­ti­ger ist als der Eis­bär. Lie­ber ein paar Ton­nen Kero­sin mehr ver­feu­ern, das aber zuverlässig.

Typi­sche Kon­fi­gu­ra­tion: Boe­ing 737–800 mit zwei CFM56-7-Turbofan-Aggregaten. Gut zu erken­nen der Man­tel­strom außen und der Tur­bi­nen­strom innen. (Bild: Air Berlin)

Diese Rech­nung geht aller­dings nur auf, solange der Treib­stoff güns­tig bleibt. Denn der Mensch mag wich­ti­ger sein als der Eis­bär, er bleibt ein Mit­tel zum Zweck “Geld ver­die­nen”. Auf sehr lange Sicht gese­hen ist außer­dem der fos­sile Treib­stoff als Haupt­quelle von Ener­gie begrenzt, sodass die Her­stel­ler mit jedem ver­ge­hen­den Jahr­zehnt stär­ker in Zug­zwang kom­men, dar­auf adäquat zu rea­gie­ren. Die ein­gangs erwähn­ten Ölkri­sen sorg­ten damals für krasse Umsatz­ein­brü­che bei den Flug­li­nien, so krass, dass die NASA ihnen zu Hilfe kam. Hierzu kurz zum Stand der Tech­nik (damals und heute war die ja im Prin­zip gleich): Der Feri­en­flie­ger, den wir alle ken­nen, wird in der Regel von Mantelstrom-Strahltriebwerken ange­trie­ben. So ein Strahl­trieb­werk hat ein gro­ßes Schau­fel­rad vorne, ange­trie­ben von einer Gas­tur­bine innen (die wie­derum hat klei­nere Schau­fel­rä­der). Der Gesamt­schub nach hin­ten ist dann der kom­bi­nierte aus der Luft, die das große Rad schau­felt und dem (nor­ma­ler­weise viiel klei­ne­ren) Rück­stoß aus der Gas­tur­bine. Der Vor­teil die­ser Art Trieb­werk ist seine hohe Rei­se­ge­schwin­dig­keit in gro­ßen Flug­hö­hen, der Nach­teil ist eine nicht son­der­lich hohe Treib­stoff­ef­fi­zi­enz. Leicht nach­voll­zieh­bare Extrem­bei­spiele für beson­ders durs­tige Strahl­trieb­werke sind Aggre­gate mit Nach­bren­ner und Ram­jets. Bei lang­sa­me­ren Flug­ge­schwin­dig­kei­ten befes­tigt man an der Gas­tur­bine statt des Schau­fel­rads ein­fach einen Pro­pel­ler, was die Sache deut­lich effi­zi­en­ter macht, aber auch lau­ter. Außer­dem fällt der Über­schall­be­reich als Mög­lich­keit flach. Den­noch fand die NASA bei so einem Ansatz das für die zivile Luft­fahrt größte Poten­zial zum Sprit spa­ren. Eigent­lich heißt so ein Antrieb Pro­pel­ler­tur­bi­nen­luft­strahl­trieb­werk (PTL), oder kür­zer im All­tag “Tur­bo­prop”. Die Ame­ri­ka­ner fühl­ten sich jedoch damals von die­sem Begriff an ihre alten Pro­pel­ler­ma­schi­nen mit tur­bo­ge­la­de­nen Hub­kol­ben­mo­to­ren erin­nert, bei denen vor lau­ter Vibra­tion die Rotor­blät­ter abfie­len. United Air­lines star­tete daher eine Kun­den­um­frage rund um den neuen Kunst­be­griff “Propfan”: Wür­den Sie mit einer sol­cher­art ange­trie­be­nen Maschine flie­gen? Die recht posi­tive Reso­nanz sorgte dafür, dass der Begriff fortan fürs Mar­ke­ting ver­wen­det wurde und prin­zi­pi­ell das­selbe meinte.

Nach dem tech­no­lo­gi­schen Vor­ge­plän­kel der NASA stell­ten die Inge­nieure von Gene­ral Elec­tric 1983 uner­war­tet früh mit ihrem Aggre­gat GE36 Unduc­ted Fan (UDF) einen Antrieb hin, der schlicht­weg genial gelöst war. Wirk­lich: Wenn Sie sich nur irgend­wie für Tech­nik inter­es­sie­ren, schauen Sie sich die­sen Motor en detail an. Um sich etwa das in der Luft­fahrt unbe­liebte Getriebe (schwer, beweg­li­che Teile…) zu spa­ren, löste GE die Unter­set­zung von Gas­tur­bine zu Pro­pel­ler­an­trieb über eine wei­tere Tur­bine. Das Trieb­werk war damals der­art ele­gant, dass die Inge­nieure es die­ser Tage wie­der aus der Mot­ten­kiste zie­hen, um eine moder­ni­sierte Vari­ante zu bauen. Boe­ing pro­pa­gierte den GE36 als Antrieb für die Neu­ent­wick­lung 7J7, UDF-Prototypen flo­gen ab 1986, und 1987 titelte die Washing­ton Post: “Der Flug­zeug­an­trieb der Zukunft hat Pro­pel­ler.” Die Lösung für das Pro­blem hoher Ölpreise war da, lei­der war das Pro­blem zwi­schen­zeit­lich ver­schwun­den: Da der Ölpreis mitt­ler­weile wie­der sta­bil nied­rig war, gab es keine Vor­teile mehr für die war­tungs­in­ten­si­ve­ren Propfans, die ehr­gei­zige 7J7 erschien nie und der kom­pe­tent kal­ku­lierte Air­bus 320 mit kon­ven­tio­nel­len Strahl­trieb­wer­ken machte das Rennen.

Ein Mann mit Schnau­zer prüft den CRISP-Versuchsmotor. (Bild: DLR)

Ein mög­li­cher Flug­zeug­an­trieb der Zukunft hat den­noch Pro­pel­ler, denn die neuen poli­ti­schen Pro­bleme unse­rer Tage machen den Flug­be­trieb ja wie­der teu­rer. Der deut­sche Antriebs­her­stel­ler MTU Aero Engi­nes ent­wi­ckelt ein Sys­tem, das wie beim UDF zwei gegen­läu­fige, lang­sam rotie­rende Pro­pel­ler ver­wen­det, die dies­mal aller­dings vorne sit­zen und außer­dem umman­telt sind. Das Sys­tem beschreibt sich mit “Contra-Rotating Shrou­ded Inte­gra­ted Propfan” (CRISP) selbst recht gut. Die Umman­te­lung sorgt dafür, dass die Strö­mung gleich­mä­ßi­ger fließt, der Antrieb wird dadurch wesent­lich bere­chen­ba­rer und lei­ser. Gegen­läu­fige Roto­ren sind näm­lich auf der einen Seite ener­gie­ef­fi­zi­ent, weil weni­ger Ener­gie nutz­los einen Drall, einen Luft­krei­sel erzeugt, doch schnei­det der zweite Pro­pel­ler immer direkt in den Nach­strom des ers­ten, was laut wird. Das deut­sche Zen­trum für Luft– und Raum­fahrt (DLR) tes­tet daher zusätz­lich zur lärm­re­du­zie­ren­den Hülle an einem CRISP-Versuchsträger ein direkt am Trieb­werk arbei­ten­des Anti­schall­sys­tem. Dabei erzeu­gen Laut­spre­cher Schall­wel­len, die jene des Antriebs um 180° pha­sen­ver­scho­ben über­la­gern und somit idea­ler­weise aus­lö­schen. Das klei­nere Ver­kehrs­flug­zeug Saab 2000 benutzt ein ähnli­ches Sys­tem für den Innen­raum seit Mitte der Neun­zi­ger zum Kom­fort sei­ner Pas­sa­giere; End­an­wen­der ken­nen das Funk­ti­ons­prin­zip aus Anti­schall­kopf­hö­rern, die gleich­för­mige Umge­bungs­ge­räu­sche aktiv aus­fil­tern. Das DLR kam in sei­nen Tests auf Lärm­min­de­run­gen von 20–30 dB, das bedeu­tet sub­jek­tiv im Ohr ver­ein­facht gespro­chen etwa ein Vier­tel bis ein Ach­tel der vor­her gefühl­ten Laut­stärke. Ins­ge­samt ist CRISP damit ein Hoff­nungs­schim­mer für alle Flug­ha­fen­an­woh­ner, in Serie sol­len sol­che Trieb­werke aller­dings erst 2025 gehen. Noch­mal fünf Jahre spä­ter soll der Motor über­dies einen Wär­me­tau­scher erhal­ten, der die ansons­ten unnütz vert­strahlte Abgas­wärme an die Ansaug­luft abgibt, um noch­mals effi­zi­en­ter und sau­be­rer zu ver­bren­nen. Wär­me­tau­scher arbei­ten seit Ewig­kei­ten pro­blem­los in sta­tio­nä­ren Gas­tur­bi­nen zu eben die­sem Zweck.

Bis dahin wid­men sich die Leute bei MTU dem Strahl­trieb­werk, genauer: dem an den meis­ten Lini­en­ma­schi­nen ver­bau­ten V2500, an dem die Firma über Inter­na­tio­nal Aero Engi­nes (IAE) maß­geb­lich betei­ligt ist. Das soll näm­lich ein Getriebe bekom­men. Dazu sollte man wis­sen, dass Luft­fahrt­leute Getriebe wie gesagt in der Regel ver­ab­scheuen, weil dort ein gan­zer Sack voll beweg­li­cher Teile drin ist, die man alle war­ten muss. Die Gas­tur­bine ist außer ihrer ande­ren Vor­züge auch des­halb beliebt in der Luft, weil sie wenig beweg­li­che Teile hat. Außer­dem sind Getriebe schwer. Das Pro­blem bei den der­zei­ti­gen Trieb­wer­ken ist jedoch, dass sie einen Kom­pro­miss fah­ren, weil das Lüf­ter­rad, das Sie am Ein­lass sehen kön­nen, wenn Sie in den Flie­ger stei­gen, auf der­sel­ben Welle läuft wie der Nie­der­druck­ver­dich­ter dahin­ter, einem Teil der Gas­tur­bine. Gas­tur­bi­nen arbei­ten bei hohen Dreh­zah­len effi­zi­ent, das Lüf­ter­rad wäre effi­zi­en­ter, wenn lang­sa­mer. Daher soll es in den nächs­ten Jah­ren (2015) bereits einen V2500-Nachfolger mit Getriebe geben, damit beide Kom­po­nen­ten bei opti­ma­ler Dreh­zahl ope­rie­ren dür­fen. Man ver­spricht sich davon 15 % weni­ger Ver­brauch, 40 % weni­ger Stick­oxid­aus­stoß und 50 % weni­ger Lärm.

Die Über­schal­le­rek­tion A2 im Grö­ßen­ver­gleich zum Air­bus 380 (Bild: Reac­tion Engines)

Tja, hält ihnen halt das Öl 15 % län­ger, könnte man ein­wen­den. Irgend­wann geht es trotz­dem aus. Nun ist aber ein wei­te­rer Vor­teil einer Gas­tur­bine, dass sie rein vom Prin­zip her wenig pin­ge­lig ist in der Wahl ihres Treib­stoffs. Sie trinkt prin­zi­pi­ell alles, was gut und eini­ger­ma­ßen sau­ber brennt. Die Anfor­de­run­gen für die Luft­fahrt sind da natür­lich etwas höher, aber am 12. Okto­ber 2009 flog zum Bei­spiel die erste Pas­sa­gier­ma­schine mit einem neuen 50–50-Mix von kon­ven­tio­nel­lem Kero­sin und syn­the­ti­sier­ten aus jenem Erd­gas, das frü­her ein­fach nutz­los über der Bohr­stelle ver­brannte. Das Ver­fah­ren heißt “Gas to Liquid” (GtL), ver­wan­delt also gas­för­mige Koh­len­was­ser­stoffe in flüs­sige und wird irgend­wann auch aus Biogas/Biomasse Flug­treib­stoff erzeu­gen kön­nen. Aber viel­leicht inter­es­siert Sie das alles gar nicht, weil Sie der Kalif von Kali­for­nien sind und Ihre Zeit daher wert­vol­ler ist als Kero­sin oder Eis­bä­ren. Sie haben sich geär­gert, als die Con­corde ihren Betrieb ein­stellte. Ver­za­gen Sie nicht, denn die eng­li­sche Firma Reac­tion Engi­nes will mit ihrem A2 mit Mach 5 die Inter­kon­ti­nen­tal­stre­cken beflie­gen. Das Flug­zeug sieht zwar aus, als hätte es ein Grund­schü­ler mit Grö­ßen­wahn gemalt, aber das wird Sie beim Rei­sen nicht stö­ren, denn es hat keine Fens­ter. Auch Lock­heed Mar­tin arbei­tet an neuen Linien– wie Pri­vat­jets, die mit lei­sem Knall über­schall­schnell am Him­mel ent­lang schlei­chen. Gele­gent­lich darf man sich jedoch trotz aller Fort­schritte auf die fer­nere Ver­gan­gen­heit besin­nen und sich fra­gen, ob man wirk­lich unbe­dingt zum Preis einer Pizza nach Pam­plona flie­gen muss. Gar nicht flie­gen spart am meis­ten Sprit.

to be con­ti­nued.

Kommentare

  1. Name erforderlich - geschrieben am 28. Juni 2010 um 14:55 Uhr - Kommentar-Link
  2. Clemens Gleich - geschrieben am 28. Juni 2010 um 16:03 Uhr - Kommentar-Link

    Es würde hel­fen, wenn Sie Auto­ren­na­men lesen lern­ten. „Cle­mens Gleich“ ist „Cle­mens Gleich“. Beide Arti­kel­va­ri­an­ten sind schlicht und ergrei­fend von mir. Ich beiße auch nicht, man kann (und sollte) daher eine reply-fähige Mail-Adresse hinterlassen.

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