Brutaler Reisen: Z 1000 vs. Brutale

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , – 23.03.2010

Aus unse­rer Reihe “Ver­gleichs­tests von Motor­rä­dern mit Exzen­ter” heute: Touring-Test der neuen Kawa­saki Z 1000 gegen­über der MV Agusta Bru­tale 990 R.

Wenn man Men­schen, die eine Reise tun wol­len, zuviel Zeit zum Über­le­gen gibt, ten­die­ren sie dazu, ihren gesam­ten Haus­rat ans Motor­rad zu schnal­len. Ted Simon beschreibt das Dilemma in sei­nem Rei­se­buch “Jupi­ters Fahrt”
recht gut:

Ich wusste, dass ich zuviel mit­schleppte, aber […] ganz all­ge­mein war ich ein Opfer des Gabel– und Löffel-Dilemmas: Wenn du eine Gabel mit­nimmst, warum nicht auch einen Löf­fel, wenn Salz, dann gewiss auch Pfeffer.

Das geht dann in unse­ren Brei­ten und Tagen wei­ter quer durch den Touratech-Katalog, für den man natür­lich erst­mal eine kom­plett mit Ori­gi­nal­zu­be­hör behängte BMW R 1200 GS Adven­ture braucht. Wer nur genü­gend lange nach­denkt, kommt irgend­wann zwangs­läu­fig beim Hymer-Wohnmobil an oder bleibt gleich daheim. Mit Den­ken kommt man beim Motor­rad­fah­ren gene­rell nicht son­der­lich weit, also habe ich die Initia­tive “ohne Den­ken ein­fach los­fah­ren” (ODEL) ins Leben geru­fen. ODEL besteht im Prin­zip darin, sich auf eine MV Agusta Bru­tale 990 R und eine Kawa­saki Z 1000 zu set­zen, je drei Unter­ho­sen in die Heck­ta­sche zu wer­fen und dann Rich­tung Son­nen­un­ter­gang zu rei­ten. Diese Motor­rä­der sind Naked Bikes, die man in der Garage haben und eigent­lich alles damit machen kann – zum Bei­spiel auch Rei­sen. In bes­ter Ver­gleichs­test­tra­di­tion ver­glei­che ich also hier “Motor­rä­der mit beson­ders schö­ner Exzenter-Kettenspannerei”.

MV Agusta Bru­tale 990 R

Kur­vige Linie und wei­ter­hin das bescheu­ertste Cock­pit der Welt (Bild: MV)

Zuge­ge­be­ner­ma­ßen hatte ich dunkle Vor­ah­nun­gen dabei, ein ita­lie­ni­sches Motor­rad für eine Tour zu neh­men. Als ich das letzte Mal ita­lie­nisch fuhr, fiel ein Spie­gel ab, noch bevor der Motor wegen irgend­ei­nes Elek­tro­nik­pro­blems stoppte. In bes­ter Tra­di­tion kam die Bru­tale auf den MO-Hof und funk­tio­nierte nicht: Bat­te­rie kaputt. Mit einer neuen Bat­te­rie war sie dann doch zum Mit­kom­men zu über­re­den, außer­dem ent­hielt ein Taschen­fach aus­schließ­lich Elek­trik­hil­fen: Über­brü­ckungs­ka­bel, Posi-Taps, geman­tel­ter KFZ-Kupferdraht, crimp­ge­eig­ne­tes Mul­ti­funk­ti­ons­werk­zeug. Um das Ende vor­weg­zu­neh­men: Die Bru­tale hielt durch, an aus­ge­fal­le­ner Elek­trik gab es nur die Blink­an­lage zu ver­mel­den. Keine abge­fal­le­nen Teile. Das ver­ste­hen Japan­fah­rer jetzt nicht, aber sowas ist für Ita­lo­ma­te­rial eine ziem­lich gute Bilanz. Heute geht die Blink­an­lage übri­gens auf ein­mal wie­der, es gibt also glück­li­cher­weise kei­nen Grund mehr, sich mit der Spa­ghet­tielek­trik zu befassen.

Das war dann auch schon die Kri­tik. Denn die Bru­tale ist über­ra­schend gut zum Rei­sen geeig­net. Das Fahr­werk schafft einen bemer­kens­wer­ten Spa­gat zwi­schen Stra­ßen­haf­tung und Kom­fort bei erst­klas­si­gem Ansprech­ver­hal­ten. Letz­te­res ist der Grund für die Freude selbst am Gera­de­aus­fah­ren: es funk­tio­niert so gut, dass sich der Mensch im Sat­tel über jede per­fekt durch­ex­er­zierte Uneben­heit freut. Der Sitz ist hart, doch dau­er­sitztaug­lich, es gibt ein brauch­ba­res MV-gebrandetes Weich­ge­päck­sys­tem von Givi und die Ergo­no­mie ist gut – mit Aus­nahme des rech­ten Fußes, der beim Fah­ren mit dem Bal­len auf der Raste vom Hit­ze­blech der Aus­puff­an­lage in eine leichte X-Bein-Position gedrückt wird.

Der Motor ist ein alter Bekann­ter, als Vari­ante hatte ich den in mei­nem ers­ten MO-Patenkind, einer matt­schwar­zen MV Agusta F4 1000. Er klingt wie so ein Ferrari-Rennmotor von anno dazu­mal und knurrt selbst an der Ampel so ker­nig, dass alle gucken. Gene­rell wickelt er den Fah­rer in einen Kokon aus Brum­mel­bass, den der Fahrt­wind erst außer­halb der Ort­schaf­ten durch­bricht. Manie­ren hat er keine. Er geht ans Gas wie ein Licht­schal­ter und last­wech­selt mit zwang­haf­ten Tourette-Spastiken. Manch­mal, sehr sel­ten ver­schluckt er sich dabei der­art, dass er ganz aus­geht. Man ver­gibt ihm das, weil er zum Gesamt­er­leb­nis passt, das der Name “Bru­tale” per­fekt beschreibt. Alles ist straff, alles ist direkt, alles wirkt mus­ku­lös, voll kaum beherrsch­ter Kraft. Selbst Tri­via­li­tä­ten wie “Gang ein­le­gen” insze­niert die MV kino­reif: *K-tschugg*, es ist wie das Durch­la­den eines gut geöl­ten Gewehrs. Die Bru­tale ist für alle, die Motor­rad fah­ren als emo­tio­na­len Trip ver­ste­hen, auf den einen eine Maschine mit­neh­men muss. Sie wer­den diese Maschine has­sen, wenn (nicht falls) die Elek­trik schließ­lich kom­plett den Geist auf­gibt, aber den Rest der Zeit wer­den sie das Teil innig lieben.

Kawa­saki Z 1000

Schön gemachte Proll-Details freuen den Kawa-Käufer. (Bild: Kawa)

Die Kawa­saki Z 1000 erblasst im Ver­gleich. Beim Tausch sagte der Kol­lege, der einen Ein­zel­test Z 1000 machen wollte, den bezeich­nen­den Satz: “Ich hätte die Bru­tale gar nicht fah­ren sol­len.” Das liegt daran, dass die Z 1000 unter ihrem prol­li­gen Äuße­ren, unter ihren vie­len Plas­tik­blen­den, unter ihrem Schlan­gen­le­der­sitz ein­fach ein gut gemach­tes japa­ni­sches Big Bike ist. Sie fährt sich genau so, wie man sich das vor­stellt: Gut. Ein­fach. Zuver­läs­sig. Alles Adjek­tive, mit denen man kei­ner Frau Kom­pli­mente machen kann, alles Adjek­tive, die somit auch ein Motor­rad nicht klar in die Spaß­ecke stel­len. Der Ver­gleich ist unfair. Der Kol­lege hat ein biss­chen recht: Wenn man die Z 1000 ohne Ver­gleich fährt, flie­ßen die Emo­tio­nen deut­lich kla­rer. Der Motor zum Bei­spiel knurrt unten weni­ger schön, weil er sich im Gegen­satz zur Bru­tale an Geräusch­vor­schrif­ten hält, doch oben­raus heult er wie ein apo­ka­lyp­ti­sches Mons­ter und vibriert diese klei­nen Fuß­kno­chen in neue, inter­es­sante Positionen.

Beim Anhal­ten ist die Kawa etwas, über das man sich freuen kann. Kawa­saki hat zum Bei­spiel die Fel­gen aus Aluguss erst schwarz anodi­siert, dann abge­schlif­fen, dann poliert, dann klar über­la­ckiert – Optik­tu­ning, das sonst Tuner für ent­spre­chen­des Geld machen. Das­selbe machen die grü­nen Japa­ner mit den Fuß­ras­ten, sodass sie anders als die stump­fen MV-Rasten selbst im Regen grif­fig blei­ben, weil sie eben scharf geschlif­fen wur­den. Und Exzen­ter sind halt ein­fach die schö­nere Vari­ante, Ket­ten auf kor­rek­tem Durch­hang zu hal­ten. Mit der Bru­tale mag man in Mai­land bes­ser ange­zo­gen sein, aber kein aktu­el­les Motor­rad toppt die neue Z 1000 im Ruhr­pott, in Bot­trop, Dort­mund oder Bochum. Wenn sie einen Vor­na­men hätte, dann wäre es Gun­ter oder Rein­hold oder Kalle; ein boden­stän­di­ger Kum­pel halt, der Bier­fla­schen mit den Zäh­nen auf­macht und mensch­li­che Fla­schen mit einer Hand aus macht. Ich mag sie. Sie ist sym­pa­thisch. Nur: Wenn ich die Ent­schei­dung zu tref­fen hätte, mit wem ich leben will, würde ich statt mei­nem Kum­pel Günni die heiße Ita­lie­ne­rin neh­men. Es wird eine süch­tige Hass­liebe sein, eine emo­tio­nale Ach­ter­bahn, und in einer Welt, in der man jetzt mit Knie­scho­nern Fahr­rad fah­ren soll, ist sie glaube ich das ein­zig rich­tige Gegenmittel.

Bru­tale (hier die 1090): Anti­these zu Fahr­rä­dern mit Knie­scho­nern (Bild: MV)

MV Agusta Bru­tale 990 R MJ 2010

Ist: eine emo­tio­nale Ach­ter­bahn.
Kos­tet: 15.500 Euro
Leis­tet: 139 PS (102 kW) bei 10.600 U/min
Stemmt: 106 Nm bei 8.000 U/min aus 998 ccm
Wiegt: 215 kg voll­ge­tankt
Tankt: 23 Liter Super Werks­an­gabe (real wohl weni­ger), schenkt sich aller­dings selbst beim Bum­meln schon 7–8 Liter ein.
Hat: ihren Namen zu Recht.

Hallo. Ich bin der Rein­hold. Ich mache Bier­fla­schen mit den Zäh­nen auf und wenn du mich anmachst, mach ich dich aus.“ (Bild: Kawa)

Kawa­saki Z 1000 MJ 2010

Ist: ein ech­ter Kum­pel.
Kos­tet: 11.295 Euro
Leis­tet: 138 PS (102 kW) bei 9.600 U/min
Stemmt: 110 Nm bei 7.800 U/min aus 1043 ccm
Wiegt: 223 kg voll­ge­tankt
Tankt: 15 Liter Super. Wie nied­lich. Ein Tank für Ket­ten­rau­cher.
Hat: geschlif­fene Ras­ten, geschlif­fene Fel­gen, unge­ho­bel­tes Design und natür­lich einen Exzenter.

Update: Zu früh gelobt. Die MV steht auf dem Hof und ölt aus dem Kupp­lungs­de­ckel. Schrau­ben nach­zie­hen half nur bedingt, auf der test­weise befah­re­nen Auto­bahn ölte sie wie­der. Und die Blin­ker funk­tio­nie­ren auch nur noch 50 Pro­zent der Zeit. Ita­lie­ni­sche Motorradmomente.

In MO 5–2010 steht eine aus­führ­li­che Rei­se­ge­schichte um und mit die­sen bei­den Motorrädern.

Woanders wird gesagt …

  1. Die Inspiration des Proleten : Mojo-Talk - geschrieben am 22. Oktober 2010 um 11:57

    […] Ver­gleich geil vs. Z 1000 […]

Kommentare

  1. Winfried v.B. - geschrieben am 19. August 2010 um 21:14 Uhr - Kommentar-Link

    Der Arti­kel in MO war bes­ser. Wo ist der Haaaaadmuuuud?

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