Es gibt kein richtiges Leben im falschen

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 12.03.2010

Wir leben in einer Gesell­schaft, in der es wie­der Mode gewor­den ist, das Rich­tige zu tun, selbst wenn es nur das ver­meint­lich Rich­tige sein mag. Ich finde das gut. Die Leute inter­es­sie­ren sich wie­der mehr dafür, wo das Essen her­kommt, dass es am bes­ten etwas taugt. Wer den Süden Spa­ni­ens kennt, der mitt­ler­weile kom­plett unter Plas­tik­pla­nen liegt, unter die vor­bei­fah­rende Land­wirt­schafts­fahr­zeuge kom­bi­nierte Dünge-/Vernichtungsmittel ein­bla­sen, wird wahr­schein­lich selbst der Mei­nung sein, dass das nicht die schönste Art ist, wie wir in Zukunft Toma­ten anbauen. Oder der soge­nannte "Ökostrom": Inter­es­sen­ten kön­nen heute sel­ber ent­schei­den, wie viel (zusätz­li­ches) Geld sie für alter­na­tive Strom­er­zeu­gung wie etwa die aktu­ell so boo­mende aus Solar­an­la­gen aus­ge­ben. Sie för­dern somit auf sehr ein­fa­che Weise Dinge, die sie rich­tig fin­den. Es gibt dabei nur ein Pro­blem: Der Schnitt der Gesell­schaft, der Mob, des­sen Ein­stel­lung mag sich in diese posi­tive Rich­tung ent­wi­ckelt haben. Der Abschaum der Gesell­schaft ent­wi­ckelt hin­ge­gen immer nur eins: neue Mög­lich­kei­ten, sowas auszunutzen.

Beim Bio­fut­ter sieht das so aus, dass jetzt auf bald der Hälfte aller Lebens­mit­tel irgend­eins die­ser Bio­sie­gel drauf ist. Ich bin nicht die Stif­tung Waren­test, wel­che die­ser Labels frei erfun­den sind und von kei­nem kon­trol­liert wer­den, ist hier nicht das Thema. Ich geh mal davon aus, dass jemand, der bis hier­her lesen kann, imstande ist, ein Bullshit-Siegel zu erken­nen, wie er das mit sei­nem täg­li­chen Spam auch schafft. Nein, mir geht es um durch­aus aner­kannte, kon­trol­lierte Sie­gel und bei denen um eine reine wahr­schein­lich­keits­öko­no­mi­sche Frage: Woher kommt das ganze Bio­zeug auf ein­mal? Na, vom Bio­hof! Die haben also ihre Kapa­zi­tä­ten seit Ende der Neun­zi­ger ver­drölf­zig­facht, oder wie? Erkennt man ja daran, dass ganz Deutsch­land von Bio­ä­ckern bedeckt ist. Glück­li­che Kühe gra­sen auf einer unun­ter­bro­che­nen Wiese von Gar­misch bis Wes­ter­land. Klar. Nein, wie es lei­der oft läuft, weil die Bio­kon­troll­stel­len nicht über­all sein kön­nen: Das Bio­zeug kommt schon vom Bio­hof. Doch dahin kommt es von einem her­kömm­li­chen Bau­ern, der es nur dort ein­la­gert. Den Gewinn tei­len sich die bei­den brü­der­lich. Wie schön. Der Käu­fer hat davon halt nichts außer viel­leicht ein gutes Gefühl. Der Abschaum ver­kauft vir­tu­elle Werte.

Das­selbe gilt für Strom. "Ökostrom" ist das ver­meint­lich Rich­tige — vor allem, wenn man damit eines die­ser neuen Elek­tro­fahr­zeuge betrei­ben will, die ja auch irgend­wie rich­tig zu sein schei­nen. Hierzu kurz eine Erin­ne­rung, wie das Strom­netz (stark ver­ein­facht) funk­tio­niert: wie ein gro­ßes Faß, des­sen ein­zelne Schlauch­an­schlüsse immer den­sel­ben Druck haben, näm­lich 230 Volt. Damit alle den­sel­ben Druck haben, muss das Fass immer den­sel­ben Was­ser­stand haben. Ein Kern­kraft­werk schüt­tet eine kon­stante Was­ser­menge ein, das­selbe gilt für die meis­ten gro­ßen Kraft­werke, die unsere Grund­last aus­glei­chen. Schwan­kun­gen zwi­schen Tag und Nacht glei­chen zum Bei­spiel Pump­kraft­werke aus, die nachts mit elek­trisch betrie­be­nen Pum­pen Was­ser in einen Stau­see pum­pen, den sie tags­über, wenn mehr Strom gefor­dert wird, als klei­nes Was­ser­kraft­werk nut­zen. Die Wind­kraft, die als das Rich­tige lange geför­dert wurde, führte in Bun­des­län­dern mit hohem Wind­kraft­an­teil zu gro­ßen Pro­ble­men, als län­gere Zeit ein­fach kein Wind da war.

Ich will jedoch auf etwas ganz Ande­res hin­aus: Der Strom kommt aus die­sem einen gro­ßen Fass, an jeder Steck­dose kommt das­selbe an, egal, was der Steck­do­sen­be­sit­zer für einen "Strom-Mix" bezahlt. Das große Fass wird zum aller­größ­ten Teil aus Kraft­wer­ken ver­sorgt, die fos­sile Brenn­stoffe ver­bren­nen: Braun­kohle, Stein­kohle, Erd­gas, Öl. Das Rich­tige wäre daher, mehr Kern­kraft­werke in Betrieb zu neh­men, am bes­ten gleich Hybridkraft­werke ent­wi­ckeln, die kön­nen gleich den gan­zen alten Atom­müll (vor-)verbrennen. Der­zeit ist der Anteil von Kern­en­er­gie bei um die 20 Pro­zent. Strom aus Solar­an­la­gen macht nur einen ver­schwin­dend gerin­gen Pro­zent­satz aus. Er kos­tet aber viel und wie gesagt: Aus der Steck­dose kommt über­all der­selbe Strom. Viele Leute wol­len gerade das rich­tige tun, ich tippe auf mehr als einen ver­schwin­dend gerin­gen Pro­zent­satz, der Solar­strom kau­fen will. Woher soll der auf ein­mal kom­men? Es wäre jetzt schön, wenn die Ener­gie­kon­zerne sagen wür­den: "Sorry, Mädels und Jungs, aber wir haben unse­ren gesam­ten Pro­zent­satz an Solar­strom schon ver­kauft, der Rest ist rech­ne­risch Braun­kohle. Wir möch­ten euer drei­fach höhe­res Geld für die­sen Strom daher nicht anneh­men. Viel­leicht in drei Jah­ren." Ja, das wär ganz schön. Ohne Kon­junk­tiv: es ist ganz schön unrea­lis­tisch. Erin­ne­rung: Der Abschaum ver­kauft vir­tu­elle Werte.

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Woanders wird gesagt …

  1. Es gibt kein richtiges Leben im falschen | MoJomag » RabenBlog - Nichts hält länger als ein Provisorium - geschrieben am 15. März 2010 um 14:46

    [...] zum mal drü­ber nach­den­ken: Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen | MoJo­mag – Die C-Straßen des Motor­web. Pos­ted in All­ge­mein, Poli­tik und Gesell­schaft | Tag­ged Bio, Öko, Strom, Wirtschaft [...]

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