Spielerisch schwul

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 14.03.2010

Mein ers­ter Job nach mei­nem Dienst fürs Vater­land (als Zivi in einem Fuß­ball­tor unter Beschuss von schwer erzieh­ba­ren Kin­dern des örtli­chen Glas­scher­ben­vier­tels) war in einer Video­spie­le­re­dak­tion. Manch­mal lese ich heute noch Penny Arcade, ver­stehe kein Wort, kann mir aber immer­hin ein­re­den "frü­her, ne, da hättste jede Folge — zack! — gecheckt, noch bevor sie raus­kommt". Die Test­jour­na­lis­ten­szene spielt haupt­säch­lich Renn­spiele, weil sie gehört haben, der Casey Sto­ner macht das, um sich auf eine neue Renn­stre­cke vor­zu­be­rei­ten. Außer­dem funk­tio­niert es ja wirk­lich, man kann mit Renn­spie­len vor­her biss­chen gucken, wie der Stre­cken­ver­lauf so ist, statt mit so einem 200-PS-Monster auf einer unbe­kann­ten Renn­stre­cke los­zu­le­gen, indem man moti­viert zu spät gebremst durch die begren­zen­den Blu­men­ra­bat­ten bricht — laut, doch unhör­bar schrei­end, denn im Helm hört dich kei­ner schreien. <- Die­ser Spruch mit "Welt­all" statt "Helm" wurde uns damals mal auf einer Redak­ti­ons­kon­fe­renz wegen Über­stra­pa­zie­rung per dik­ta­to­ri­scher Zen­sur ver­bo­ten. Gute Sache eigent­lich. Der deut­sche Jour­na­lis­ten­ver­band sollte bei Gele­gen­heit nach die­sem Vor­bild zu einer Son­der­sit­zung "brei­tes Grin­sen" und "Stamm­tisch­pfer­de­stär­ken" zusammentreffen.

Man kann noch mehr spie­le­risch erpro­ben. Wie man Hass­geg­ner genüss­lich umbringt zum Bei­spiel, eine Tätig­keit, die ganz weit oben auf der Liste der Gedan­ken­ver­bre­chen zu sein scheint, geht man von mei­nen monat­li­chen Mord­auf­trä­gen aus, die mir Leute antra­gen, die den­ken, ich ver­diene ein hüb­sches Neben­her­ta­schen­geld mit sol­chen Kon­trak­ten. Wen­den Sie sich für eine Stel­lung­nahme hierzu bitte an mei­nen Anwalt oder meine Pres­se­ab­tei­lung, ich rede lie­ber über die Folge bei Penny Arcade, in der er den wah­ren Wert von "Dis­si­dia" für die PSP demons­triert, indem er Tidus immer wie­der schlach­tet, Tidus, die nerv­tö­tendste Abscheu­lich­keit, die jemals als Haupt­rolle fehl­be­setzt wurde. Mir hat damals mal jemand die blaue DVD mit Final Fan­tasy X gelie­hen und ich habe mei­nen Fern­se­her ange­schrien, weil die­ser Depp da drauf war. Glück­li­cher­weise habe ich bis zum Ende durch­ge­hal­ten, das zeigt, dass Tidus nur die mani­fes­tierte Hal­lu­zi­na­tion eines Rie­sen­mons­ters ist, die sich im Abspann auf­löst. Das­selbe erhoffe ich mir von der Bundesregierung.

In Dis­si­dia kommt man — wil­lig oder nicht — mit sei­ner homo­se­xu­el­len Seite in Kon­takt, weil alle Prot­ago­nis­ten samt und son­ders schwul sind, dass es kracht. Das ist bei Ver­öf­fent­li­chun­gen von Square Enix immer so, keine Ahnung, warum. Das Spiel führt die belieb­tes­ten Schwuch­teln aus vie­len Jah­ren Final Fan­tasy in einer Arena zusam­men, in der sie sich gegen­sei­tig auf die Rübe hauen. Jetzt gibt es gute Schwule (in Han­no­ver zum Bei­spiel) und schlechte Schwule (in der Poli­tik zum Bei­spiel). Und es gibt Sephi­roth, die Oberend­geg­nert­unte aus Final Fan­tasy 7, an dem ich damals 1997 statt an Haus­auf­ga­ben arbei­tete. Also, Sephi­roth ist der viel­leicht coolste Homo, der je in Japan erfun­den wurde. Er ist der homo­se­xu­elle Super­man (gut, Tau­to­lo­gie. Oder Pleo­nas­mus?), er ist weib­li­cher als die meis­ten Frauen und er hat ein drei Meter lan­ges Rohr, äh: Schwert! Er ist kom­plett wahn­sin­nig und reist mit dem blu­ti­gen, abge­ris­se­nen Kopf sei­ner halb­kom­pos­tier­ten Mut­ter aus dem Welt­all durch die Gegend! Hier ein Bild von Square/Enix:

Gut, das Wolfgang-Petri-Freundschaftsarmbändchen, den Traum­fän­ger­in­dia­ner­schmuck und den Regen­bo­gen­fe­dern­un­ter­rock hatte er damals noch nicht, aber ich ver­zeihe ihm das! Viel­leicht ist ihm Mamas Kopf ein­fach weg­ge­schim­melt, kann ja sein. Da brauchte er Ersatz, Trost. Wenn Sephi­roth hier anruft und sagt: "Cle­mens, willst du dich mit mir im Shinra-Simulator mit gro­tesk über­di­men­sio­nier­ten Schwer­tern auf die Fresse hauen und dabei die Arena in Schutt und Asche legen? Nach­her will ich aber auch die Geschlechts­teile gekrault haben." Dann sage ich nur: "Sephi, Schatzi, immer doch!" Und jetzt gibt es für nur 20 Euro bei Ama­zon ein Spiel, mit dem man jeder­zeit auf der PSP als Sephi­roth Tidus töten kann, also spie­le­risch üben kann, seine Hass­geg­ner zu erle­di­gen und dabei gleich­zei­tig wun­der­bar schwul aus­zu­se­hen. Das ist eine, wenn nicht die per­fekte Vor­be­rei­tung auf die Renn­stre­cken­sai­son, bes­ser als jedes Renn­spiel. An der Renn­stre­cke ist als Klei­der­ord­nung der haut­enge Ganz­kör­per­le­der­stramp­ler ange­sagt. An der Piss­rinne steht jeder gebückt da, weil nur das ein frei flie­ßen­des Uri­nie­ren ohne Knick über das untere Ende des Reiß­ver­schlus­ses mög­lich macht. Leder­kom­bis an der Piss­rinne sind das unwür­digste Schau­spiel in der Geschichte der Mensch­heit und dafür brau­che ich tat­säch­lich etwas men­tale Vor­be­rei­tung. Har­ter Alko­hol allein reicht da nicht.

PS: Sephi­roth, ruf mich an, ja?

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