Wladiwostok, Yakutsk, Oschersleben

Clemens Gleich in Kategorie(n) - 05.03.2010

Es war ein­mal vor vie­len, vie­len Jah­ren. Genauer war es 2008, in einem schreck­lich typi­schen April. Sonne, Regen, Hagel, Regen, Schnee, Hagel, Wol­ken, Sonne im Fünf­se­kun­den­wech­sel­t­akt. Es war außer­dem die Zeit, in der der neu gegrün­dete VDMT (nicht der VDMT, son­dern der VDMT) sei­nen Tuning-waswars?-Wettbewerb? als eine Art Anti­ver­an­stal­tung zum Tuner-GP von PS aus­rich­tete — im (wenig) schö­nen Oschers­le­ben, (un-)malerisch gele­gen in der Mag­de­bur­ger Börde, das ist so ein Kar­tof­fel­acker, schlim­mer als die Ucker­mark. Trotz­dem ist da ja viel schöne Stre­cke zwi­schen O-live und Stutt­gart gele­gen, also nahm ich die Apri­lia NA 850 Mana, die ich gerade total toll fand. Die Mana hört sich auf dem Papier ultra­l­ang­wei­lig an ("jaja, Auto­ma­tik, geh ein­fach wei­ter, okay?"), macht aber Laune, wenn man sich den Ruck und ihr die Chance gibt. Die Mana hat außer­dem einen Kof­fer­raum da, wo sonst der Tank ist, inklu­sive Tep­pi­chen und einer klei­nen Lampe drin wie beim Auto. In die­sen Kof­fer­raum passte pro­blem­los die Canon 30D, die kleine Knipse, die Sony PSP, ein Buch, ein MP-3-Player und Wäsche für ein Wochen­ende. Klappe zu, fer­tig. Keine doo­fen Kof­fer, kein Ruck­sack, genial.

Bis hier­hin ist das Mär­chen noch gut, ne? Fehlt nur noch die nackte Prin­zes­sin mit vor Kälte eisen­har­ten Nip­peln. Wie bei den Gebrü­dern Grimm oder noch schlim­mer dem Ander­sen ging es aller­dings von hier stracks in Rich­tung Ver­der­ben. Das Ver­der­ben fing mit einem Leser­brief an, den ein MO-Leser dem Leser­brie­fon­kel (mir) schickte, in dem er sich dar­über echauf­fierte, dass Timo ein von ihm ver­trie­be­nes Klei­dungs­stück nicht so toll fand wie er selbst. Es war nicht­mal har­sche Kri­tik, nur so "bie­tet weng wenig für das Geld". Der Mann klagte der­art elo­quent, dass ich ihm zur Ant­wort gab: "Bub, bass uff, ich nehm jetzt dei' Jagge und fahr damit im Voll­siff nach Oschers­le­ben. Und dann seh' ma scho." Erfah­rene Zube­hör­tes­ter packt spä­tes­tens hier das kalte Grau­sen, doch ich war damals jung, dumm und hoff­nungs­los opti­mis­tisch. Viel­leicht war ich auch besof­fen, das scheint mir heute wahr­schein­lich. Um die unge­tes­tete Jacke zu kom­plet­tie­ren, schnappte ich mir außer­dem einen unge­tes­te­ten Helm. Okay, defi­ni­tiv besof­fen.

Der Helm war einer die­ser super belüf­te­ten Helme, die im Som­mer toll sind, weil das Wet­ter unge­fil­tert durch­zieht. Es war halt kein Som­mer. Vor allem kriegte man unge­fil­tert Was­ser aller Aggre­gats­zu­stände in die Fresse, weil die Belüf­tungs­öff­nung ein­fach aus Löchern ohne die übli­chen Mücken-/Wasserabscheider bestand. Zuma­chen ging nicht, dann beschlug das Visier. Die Jacke war ... sagen wirs so: Timo hatte ein­fach recht, das Teil war sein Geld nicht wert. Die Reiß­ver­schlüsse waren fum­me­lig, der Tra­ge­kom­fort nicht so doll, die Außen­ta­schen und die Ärmel lie­fen voll Was­ser. Sie sah außer­dem scheiße aus. Und sie war nicht so warm, wie ich das von mei­ner Rei­serukka gewohnt war. Hin­zus nach Oschers­le­ben (~700 km) ging es noch. Nur wenig Schnee­re­gen, oft durch­gän­gig flüs­si­ges Regen­was­ser, kusch­lige zwei Grad Plus und meh­rere Kilo­me­ter tro­cke­ner Asphalt. Die Ver­an­stal­tung war für die Hüh­ner. Das Wet­ter war so trost­los, dass wir die Fotos mit ver­rot­te­ter Oschers­le­be­ner DDR-Industriearchitektur im Hin­ter­grund nicht im Heft ver­wen­den konn­ten, aus Angst vor einem Mas­sen­selbst­mord unter der Leser­schaft. Die Rück­fahrt war die Hölle. Es hatte an der Renn­stre­cke die ganze Zeit gereg­net. Die scheiß Jacke war durch­ge­weicht. Der scheiß Helm spuckte das Wet­ter ins Gesicht. Dann fing es um Ober­hof rum an zu schneien. Kein Schnee­re­gen, Schnee. Die nasse Jacke fror über. Bei Würz­burg dachte ich, fährste noch mal bisi Land­straße, weil die Mana auf der Auto­bahn 11 Liter soff (15 pas­sen in den Tank). Außer­dem kom­men einem sol­che Ideen halt unter­kühlt logisch vor, denn kalte Gehirne funk­tio­nie­ren schlecht. Ich habe zum Bei­spiel mal kurz vor dem Erfrie­ren "ich bin der Anton aus Tirol" gesun­gen. Jeden­falls hagelte es nach drei Kilo­me­tern in der kur­zen Zeit eines Über­hol­vor­gangs die kom­plette Straße zen­ti­me­ter­hoch zu, da hatte ich dann genug, fuhr ein­fach auf Ankom­men Autobahn.

Ange­kom­men bin ich irgend­wie. Ich weiß noch, dass ich mir sofort in schwan­ge­ren­ar­ti­ger Gier ein Abend­es­sen aus purem Fett zube­rei­tete. Eier auf Speck in But­ter geschwenkt mit Käse über­ba­cken warens. Als Gemüse rauchte ich eine Gau­loi­ses — eine rote Gau­loi­ses, weil rot wär­mer aus­sieht. So ver­sorgt legte ich mich in eine 60° C heiße Bade­wanne, in der ich auf­taute, bis mein Gehirn stot­ternd neu star­tete. Als ich wie­der mehr Den­kleis­tung als für DJ Ötzi nötig zur Ver­fü­gung hatte, dachte ich zwei Dinge. Ers­tens: "Ich bin zu alt für den Scheiß." Zwei­tens: "Nie wie­der fahr ich eine Gewalt­tour mit irgend­wel­chen Fet­zen, die kei­nen peni­blen Shake­down hin­ter sich haben."

Klar, dass der Bub mit sei­ner Jacke und der Helm­her­stel­ler bei Ver­kün­dung mei­ner unter Ein­satz der Gesund­heit ein­ge­fah­re­nen Test­er­geb­nisse ("scheiße") Zeter und Mor­dio schrien — schön aus ihrem beheiz­ten Ses­sel her­aus. Es ist wurscht, wel­cher Helm, wel­che Jacke das waren, die Teile gibt es nicht mehr. Hof­fent­lich. Was ich mir von sol­chen Her­stel­ler­ver­tre­tern wün­sche, wäre, dass sie ihr Zeug ein­mal (ein­mal reicht) im April­schnee­re­gen nach Oschers­le­ben und zurück fah­ren. Danach könnte man viel sach­li­cher, rea­lis­ti­scher dis­ku­tie­ren. Ich hin­ge­gen habe lie­ber mit Hal­vars­sons dis­ku­tiert, denn die tes­ten ihr Zeug weit im Nor­den oben bei –30° C auf Motor­schlit­ten. Die Rukka-Textilsachen kannte ich schon, mit der gel­ben Halvarssons-Jacke fuhr ich im Win­ter 2008/2009 eine Alter­na­tive, die echt viel für ihr Geld bie­tet (zu der Jacke spä­ter noch­mal mehr). Im Som­mer dann war Jür­gen Stoff­re­gen von BMW zu Besuch bei MO, einen Helm vor­stel­len und redete auch drü­ber, was bei den BMW-Textilsachen so vor­wärts­ge­gan­gen ist. Das brachte mich auf die Idee, die­sen Win­ter BMW-Kleidung zu fah­ren, was jetzt tat­säch­lich geklappt hat. Aber jetzt hab ich so viel gela­bert, dass ich den eigent­li­chen Zube­hör­test (wie­der im kal­ten Osten getes­tet, 1000 km!) auf mor­gen ver­schie­ben muss.

Immer­hin hat die Geschichte eine Moral: Wenn dir der Ver­käu­fer erzählt, seine 20-Euro-Handschuhe, ne, die fah­ren Russ­land­rei­sende ohne Griff­hei­zung bei –40° C (was ich fast wort­wört­lich so gehört habe), dann sag ihm freund­lich, aber bestimmt, was Russ­land­rei­sende mit sei­ner Mut­ter machen und ver­lasse geschwind für immer seine Geschäfts­räume, even­tu­ell eine Hand­gra­nate (aber keine Siche­rung) zum Abschied hin­ter­las­send. Sol­len sie alle in einer feucht­kal­ten Hölle ver­mo­dern. Die ich mir übri­gens in etwa wie Oschers­le­ben im April vorstelle.

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Kommentare

  1. Stephan - geschrieben am 24. August 2010 um 18:50 Uhr - Kommentar-Link

    Hallo,

    ich bin schon etwas älter (über 40) und fange nach eini­gen Jah­ren wie­der mit Motor­rad an. Danke für den Bericht, jetzt weiß ich, das ich mit Street­guard 3 anfange. Denn es gilt "Nie wie­der in bil­lig Dreck frieren".

    Gruß
    Stephan

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