Kampfansage: Ducati Streetfighter S

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , – 29.04.2010

Jedes neue Motor­rad braucht ein gesetz­mä­ßig vor­ge­schrie­be­nes ABS, eine Haus­rats­ver­si­che­rung und zwei ein­be­to­nierte Räder. Das ret­tet mil­li­ar­den Men­schen­le­ben. Für alle jedoch, die eh nicht mehr zu ret­ten sind, gibt es die Ducati Street­figh­ter. Eine ras­sis­ti­sche Betrachtung.

Mit ita­lie­ni­schen Fahr­zeu­gen ver­bin­det mich eine Hass­liebe. Der teu­to­nisch kor­rekte Maschi­nen­bauer in mir hasst die laissez-faire-Attitude, die schein­bar in ita­lie­ni­schen Wer­ken an den Tag gelegt wird. Spricht ein Deut­scher einen ita­lie­ni­schen Inge­nieur auf einer Prä­sen­ta­tion zum Bei­spiel dar­auf an, dass er die Feder­ba­sis nur ver­stel­len kann, wenn er sich dabei Ver­bren­nun­gen drit­ten Gra­des zuzieht, weil das Hand­rad dazu lust­los am Krüm­mer mon­tiert ist, ern­tet er Augen­rol­len. Diese Deut­schen! Keine Ahnung von Emo­zione! Das ist im nega­ti­ven Sinne auf­re­gend. Auf der ande­ren Seite sind ita­lie­ni­sche Maschi­nen aber immer ein so arges Erleb­nis, dass man sie ein­fach lie­ben muss, wenn einem noch eine Spur war­mes Blut durch die ver­kalk­ten Röh­ren pumpt. Genauso wie rich­tig guter Sex oft mit leicht gestör­ten, aber hin­rei­ßen­den Frauen pas­siert, erlebt man die merk-würdigsten Fahr­ten meist auf einem ita­lie­ni­schen Motor­rad, weil das eben auch ein biss­chen gestört ist. Letz­ter Fall: MV Agusta Bru­tale. Nach unter 1000 km schon drei Sachen kaputt, aber was für eine Maschine! Das ist so arg wie *pieep* in den *pieep* bei *pieeep-piep*. Min­des­tens. Es ist im posi­ti­ven Sinn aufregend.

Kann man angu­cken, selbst ohne schöntrinken.

Und jetzt die Ducati Street­figh­ter. Die hab ich mit einer sanft gum­mi­ban­di­gen 600er abge­holt. Dann setzt man sich auf die­sen fah­ren­den Vul­kan­aus­bruch, der schon im Leer­lauf seine rie­si­gen Kol­ben gegen die Bauch­de­cke häm­mert, dass einem ganz schum­me­rig wird. Beim Los­fah­ren dann hat man das Gefühl, auf die­sem Berg kaum zu beherr­schen­der Power zu sit­zen, die jeden Moment hoch­ge­hen kann. Wenn die Ducati ein­fach explo­diert wäre, hätte ich bei mei­nem Flug in Rich­tung einer geo­sta­tio­nä­ren Erd­um­lauf­bahn gedacht: “Das wun­dert mich jetzt nicht.” Sie ist weni­ger ein Motor­rad als viel­mehr ein Erleb­nis. Schon allein die­ser Anlas­ser! Denk an einen Kampf­jet. Okay. Die Schal­ter für die schwe­ren Waf­fen, unter die­ser Siche­rungs­klappe? Genau so.

Öhlins-Gabel mit dem Hall-Geber für die Rad­dreh­zahl vorne. Das Fahr­werk sollte man wollen.

Ich bin die Street­figh­ter S gefah­ren, weil Ducati nur diese Vari­ante im Fuhr­park hat, weil die wahr­schein­lich am meis­ten ver­kauft wird. Sie hat ein Öhlins-Fahrwerk, eine ein­stell­bare Trak­ti­ons­kon­trolle, ein paar Ver­klei­dungs­teile aus Koh­le­fa­ser­la­mi­nat und einen Ste­cker für das Hausstrecken-Datarecording via Ducati Data Ana­ly­zer DDA. Fürs reine Erle­ben langt auch die Stan­dard­ver­sion. Die hat zum Bei­spiel den­sel­ben Motor. Der Motor ist: bru­tal. Der Motor ist: laut. Mit­fah­rer hören ihre eigene Maschine hin­ten­dran nicht mehr, obwohl die Duc so lange über­setzt ist, dass inner­orts meist der zweite Gang ange­sagt ist. Grund: Geräusch­vor­schrif­ten. Ha! Diese Vor­schrif­ten sind voll­kom­me­ner Quark, weil die Fah­rer eben einen Gang tie­fer fah­ren, wenn es zu arg ruckelt. Die Über­set­zung ist ein Fei­gen­blatt, das zu fol­gen­der Emp­feh­lung führt: gleich ein klei­ne­res Rit­zel mit­kau­fen, so wie bei der Apri­lia Tuono frü­her eben auch. Vor­schrif­ten? Ha! Ita­lie­ner lachen über Vor­schrif­ten. Klei­ner Vor­teil der unpas­sen­den Über­set­zung: Die Street­figh­ter fährt damit erfreu­lich spar­sam. Immer um die sechs Liter auf der Land­straße im Touring-Konvoi, sie­ben bis acht Liter bei der Auto­bahn­über­füh­rung. Acht Liter bei immer, wo es geht 230–240 mit Ruck­sack sind ein enorm guter Wert für ein Naked Bike. Nor­mal sind neun bis elf.

Öhlins-Fahrwerk: braucht kein Mensch — sagt die “Stimme der Ver­nunft” oder wie die heißt, und wie immer geht ihre Aus­sage am Thema vor­bei. Wohnmobil-Ingo hat nach sei­ner Fahrt auf der Street­figh­ter gesagt: “Da habe ich zum ers­ten Mal ver­stan­den, was es bedeu­tet, wenn irgendwo was von Öhlins-Fahrwerk steht.” Gene­rell gilt das­selbe wie für alle guten Fahr­werke: Auch Rum­lul­le­rer, Tröd­ler mer­ken, dass es gut funk­tio­niert. Das ist wie bei die­sen guten Küchen­mes­sern von Glo­bal. Sie machen einen noch lange nicht zum Meis­ter­koch, aber es fühlt sich viel bes­ser an, mit ihnen ein­fach nur ein paar Toma­ten zu wür­feln. Öhlins braucht auch kein Mensch, aber wol­len sollte man es.

Die Street­figh­ter ist auch elek­trisch das wahr­schein­lich zuver­läs­sigste ita­lie­ni­sche Kernkraftwerk.

Meine Hass­liebe mit Ita­lie­nern liegt an leid­vol­len Erfah­run­gen aus ers­ter Hand. Abfal­lende Spie­gel, ölende Moto­ren, und die Elek­trik ist das Schlimmste, die begeht beim ers­ten Regen­guss Sui­zid durch Selbst­kurz­schluss. Nachts liege ich manch­mal wach und denke daran, dass in Ita­lien auch Kern­kraft­werke ste­hen, wahr­schein­lich ganz schnelle Brü­ter, die wie eine Ducati die ganze Welt mit Leis­tung ver­sor­gen könn­ten, wenn sie mal fünf Minu­ten das Bren­nen auf­hör­ten. Bei Ducati war das Thema Elektrik/Elektronik ziem­lich schlimm, als sie auf moder­nere Kabel­bäume mit CAN-Bus-Steuergeräten umstell­ten. Aus die­ser Zeit kenne ich haar­sträu­bende Geschich­ten. Umso erfreu­li­cher ist es, dass sie sich da offen­bar rein­ge­hängt haben. Seit selbst Apri­lia nach der Piaggio-Übernahme ita­lie­ni­sche Motor­rä­der baut, denen die Pleuel raus­flie­gen, ist das frü­her Unglaub­li­che pas­siert: Duca­tis sind glaube ich die zuver­läs­sigs­ten Ita­lie­ner gewor­den, mit War­tungs­in­ter­val­len auf japa­ni­schem Niveau. Die Elek­trik der Street­figh­ter hat sich eine Woche lang kei­nen Aus­set­zer geleis­tet, das ist immer­hin eine Woche län­ger als der ita­lie­ni­sche Schnitt für andere Kern­kraft­werke. Dafür hat der Motor schon gleich nach der Abho­lung leicht Öl geschwitzt. Ich hasse sie. Ich liebe sie. Und ich habe noch mehr Emo­tio­nen, alle davon arg: Ein Mit­fah­rer sagte ankla­gend “Du hast da Angst­rand am Rei­fen”. Ja, weil ich Angst hatte, Alter!

Die Stimme der Ver­nunft sagt: „Kauf sie nicht.“ Sie hat unrecht.

Ducati Street­figh­ter S

Ist: das zuver­läs­sigste ita­lie­ni­sche KKW.
Kos­tet: 18.955 Euro (inkl. Lie­fer­n­eben­kos­ten) Stan­dard­ver­sion: 15.045 Euro
Leis­tet: 155 PS (114 kW) bei 9.500 U/min
Stemmt: 115 Nm bei 9.500 U/min aus 1099 ccm
Wiegt: 198 kg voll­ge­tankt
Tankt: 16,5 Liter Super.
Hat: eine ein­stell­bare Trak­ti­ons­kon­trolle, einen Port für Data Recor­ding und meh­rere ernste psy­cho­lo­gi­sche Probleme.

Woanders wird gesagt …

  1. Tweets die Kampfansage: Ducati Streetfighter S | MoJomag – Die C-Straßen des Motorweb erwähnt -- Topsy.com - geschrieben am 3. Mai 2010 um 12:05

    […] Die­ser Ein­trag wurde auf Twit­ter von Sophia, Cle­mens Gleich erwähnt. Cle­mens Gleich sagte: Ducati Street­figh­ter S: Alles andere ist Blüm­chen­sex. http://bit.ly/aYK9fg […]

Kommentare

  1. Peter Bock - geschrieben am 21. März 2011 um 19:31 Uhr - Kommentar-Link

    Kein Scheiß ! ich habe die Street­figh­ter wirk­lich wegen die­ses Arti­kels von CG bestellt. Sie wird von mir am 01.04.. (jaja — Sai­son­kenn­zei­chen für Weich­eier ist dran) abge­holt. Ich freu mich schon ganz „arg“ und bin vol­ler Emo­tio­nen — wie der Autor! Ein­mal im Leben bei einer „Anschaf­fung“ völ­lig den Ver­stand aus­ge­schal­tet und Gefühle zuge­las­sen. Bei der Wahl mei­ner Ehe­frau habe ich z.B. schon auf „lebens­fä­hig­keit“ geach­tet. Aber hier darf es ein­mal auch ne Luxushure sein.…mit allen Macken. Geil !

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