Pro Oiler: die letzte Ölung

Clemens Gleich in Kategorie(n) , , - 27.04.2010

Die Kette muss geschmiert wer­den. Am bes­ten von jemand anders. Bei der Mille schmiert der bel­gi­sche Pro Oiler den offe­nen End­an­trieb. Zube­hör­test und Schraub­an­lei­tung in einem!

Ich gebs zu: Ich bin ein Schat­ten­par­ker. Und ein Ket­te­schmie­rer. Die har­ten Jungs kau­fen sich nach 5000 km ein­fach eine neue Kette, dazu hab ich aber zu wenig harte Wäh­rung. Ein Ket­ten­öler musste ran, am bes­ten der beste. Mis­ter Eisenarsch Gary Eagan, Hal­ter diver­ser Lang­stre­cken­re­korde, benutzt den Pro Oiler an sei­ner Duc und hat nur die wärms­ten Emp­feh­lun­gen dafür. Pro Oiler it is, then!

Wenn das Paket ankommt, fällt einem als ers­tes die dicke Doku ent­ge­gen. Das Kit besteht aus einer Bedien­ein­heit mit Pro­zes­sor, einer Ver­tei­ler­box, einer Pumpe, einem Ölvor­rats­be­häl­ter und einer Schmier­ga­bel für Ket­ten­rad oder Rit­zel. Das sieht aus wie ein grö­ße­res Fum­mel­pro­jekt, ich hab schon keine Lust mehr. Noch weni­ger Lust hab ich aller­dings auf Kette schmie­ren alle fünf Meter bei dem Wet­ter, also ab in die Garage mit dem Zeug. Der Pro Oiler benetzt die Kette spä­ter mit dünn­flüs­si­gem Öl, das beste­hen­des Ket­ten­fett irgend­wann aus­wäscht. Bevor also dicke Bat­zen davon über­all­hin flie­gen, emp­fiehlt es sich, die Kette vor­her zu säu­bern, ich hab den Ket­ten­rei­ni­ger eines Herrn Dr. Wack ver­wen­det, andere funk­tio­nie­ren wahr­schein­lich genauso gut.

Die intel­li­gent ange­steu­erte Hub­kol­ben­pumpe garan­tiert eine gleich­mä­ßig Ölför­der­menge über einen wei­ten Temperaturbereich.

Dann muss die Liebste ent­klei­det wer­den, vor allem im Heck­be­reich. Wir brau­chen Zugang zur Bord­elek­trik und Platz für Pumpe und Ölfla­sche. Alles grob an die geplante Posi­tion legen, Kabel abiso­lie­ren und nach den ein­fach zu befol­gen­den Anwei­sun­gen der Bedien­an­lei­tung ver­drah­ten. Der Pro Oiler arbei­tet sin­ni­ger­weise nach Weg­stre­cke, regu­liert die Ölmenge also nach Ket­ten­lauf­weg statt nach Zeit. Dazu braucht er ent­we­der das Signal aus einem Reed-Kontakt (liegt für alte Krä­der bei) oder bei neue­ren Model­len das elek­tro­ni­sche Tacho­si­gnal. Die Her­stel­ler ver­wen­den fast immer einen Standard-Hall-Geber, und der hat drei Lei­tun­gen: plus, minus, Signal. Wel­che die benö­tigte Signal­lei­tung ist, steht ent­we­der im Werk­statt­buch oder man nervt den freund­li­chen Pro-Oiler-Mann, der das für viele Fabri­kate weiß oder auf sei­ner Seite ste­hen hat. Ganz Fin­dige dre­hen am Rad und machen sich mit dem Oszi oder dem (hahaa!) ein­ge­bau­ten Signal­zäh­ler des Pro Oilers auf die Suche.

Die Ver­tei­ler­pla­tine ist in ihrer Box ange­klet­tet und kann für die Strip­pen­mon­tage her­aus­ge­nom­men werden.

Das war auch schon das Schwie­rigste. Strom grei­fen wir am Rück­licht ab, der Ölvor­rat wird über der Black­box befes­tigt, die Pumpe am Rah­men­heck, die Bedien­ein­heit in Hand­schuh­reich­weite auf der lin­ken Verkleidungsoberseite.

Die Ölga­bel für das Ket­ten­rad wird an die­ser Innen­boh­rung der Mille-Schwinge ver­schraubt. Weil das Öl aktiv gepumpt wird statt wie bei einem Schwer­kraf­töler lau­fen gelas­sen, reicht der Öllei­tung ein gerin­ger Lei­tungs­quer­schnitt und man kann sie rela­tiv frei­zü­gig ver­le­gen. An der Mille ist die Gesamt­in­stal­la­tion nur bei nähe­rem Hin­se­hen über­haupt sichtbar.

Jetzt muss das Gerät noch ein­ge­stellt wer­den. Jeder Tacho pro­du­ziert eine andere Anzahl von Signa­len pro Rad­um­dre­hung. Ein Gehilfe dreht am Rad, der Signal­zäh­ler des Pro Oilers ver­rät die Impulse pro Umdre­hung. Die kom­men als Kor­rek­tur­fak­tor ins Grund­setup, bei der Mille sind es “5″. Je nach Ket­ten­art und Länge ver­wen­det das Gerät eine andere Ölmen­gen­ta­belle, ich hab die 16 genom­men. Update: Ich habe nach­ge­se­hen, damals habe ich nach kur­zer Zeit auf die emp­foh­lene 11 gewech­selt, weil 16 zu fett war. Spei­chern, fer­tig. Der Schnell­pump­mo­dus (2s “+” drü­cken für 20 Pump­stöße) füllt noch die Öllei­tung, dann ist die Maschine fer­tig für eine Pro­be­fahrt. Alles fest­zur­ren, ver­schrau­ben, ver­de­ckeln, Sitz drauf und los. Ein paar Schnell­pump­zy­klen geben der Kette die nach der Rei­ni­gung nötige Grund­ölung, ab dann will ich nix mehr mit schmie­ren am Hut haben.

An der Bedien­ein­heit kann man die Ölmenge bei Regen– oder Quer­feld­ein­fahr­ten erhö­hen und sämt­li­che Ein­stell– oder Dia­gno­se­funk­tio­nen aufrufen.

Tat­säch­lich sieht die Kette noch nach tau­sen­den Test­ki­lo­me­tern sehr gut aus. Ein leich­ter Ölfilm schützt und schmiert, doch durch die dop­pel­sei­tige Auf­brin­gung und die exakte Arbeits­weise kann man mit sehr wenig Dreck auf der Felge fah­ren, ohne die Kette tro­cken­lau­fen zu las­sen. Die gelie­ferte Ölmenge bleibt dank einer intel­li­gen­ten Pum­pen­steue­rung trotz extre­mer Tem­pe­ra­tur­schwan­kun­gen im Heck (-10°C bei Fahrt­be­ginn bis +15°C im Stadt­ver­kehr) bemer­kens­wert kon­stant. Die Mille kann recht schnell, des­halb ist die ent­fer­nungs­ab­hän­gige Ket­ten­schmie­rung beson­ders ange­nehm, die weder bei ein paar eis­kal­ten Stun­den 200+ auf der Bahn zu wenig lie­fert noch im lau­war­men Stop-and-Go der Stadt zu viel. Die durch­dach­ten Menü­funk­tio­nen erlau­ben Kon­troll­freaks wie mir zudem den stän­di­gen Check der kor­rek­ten Arbeits­weise des Pro Oilers.

So. Das Teil ist jetzt seit bald fünf Jah­ren dran. Funk­tion: ein­wand­frei. Im Ver­gleich zu einer Haftspray-geschmierten Kette fällt auf, dass die Mille viel leich­ter rollt, sich viel leich­ter schiebt. Die­sen Rei­bungs­vor­teil kann man sogar auf dem Prüf­stand mes­sen, meist kom­men so zwei, drei PS mehr am Rad an (Leis­tung am Rad ohne Schlepp­leis­tungs­ab­zug mes­sen). Aktu­ell liegt dem Pro Oiler eine selbst­zen­trie­rende Düse bei, die das Ket­ten­blatt beid­sei­tig benetzt. Dadurch reicht eine geringe Dosier­menge, ohne dass die Kette tro­cken­läuft, außer­dem fällt die kri­ti­sche Düsen­mon­tage leicht. Prag­ma­ti­ker schüt­ten Motoröl in den Vor­ratstank, ich habe aller­dings mal einen Leser­brief gekriegt, der anpran­gerte, dass Motoröl die Grund­was­ser­fi­sche tötet. Also ist meine gute Tat für heute die Aus­sage: “Motoröl is bad, m’kay?” Man kann auch Ket­ten­sä­genöl ein­fül­len, das ist dann irgend­wie bio.

Pro Oiler
ist:
das beste Ket­ten­schmier­sys­tem am Markt
kos­tet: 205 Euro
gibt es bei:
Pablo Crofts, Pro Oiler
Pel­grims­straat 32
B-2000 Ant­wer­pen
Bel­gien
www.pro-oiler.com

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