Schlaflos in Le Mans

“Wie, schlafen? Samstag und Sonntag ist das 24-Stunden-Rennen, da wird nicht geschlafen!“ Soweit die Ansage der Frau, die über das Zeitenmesshäuschen wachte. Da saß ich nämlich, um über die 24 Heures Du Mans zu schreiben. Diese Art Auftrag ist immer etwas knifflig, denn das Medium Text ist denkbar ungeeignet, um eine dieser Rennveranstaltungen zu vermitteln. “…und dann überholte die Nummer drölfzig in Kurve soundso…“ Selbst mit hoher Textqualität merkt das der Leser. Kollege Markus Jahn hat vor einiger Zeit mal auf einen perversen Pädophilenwitz aus Thailand zurückgreifen müssen, der dafür sorgte, dass der Artikel ins Gespräch kam. Die Geschichte war handwerklich gut gemacht, sowohl vom Text als auch von den Fotos, und genutzt hat es trotzdem nichts, denn ein Event, das lange rum ist, in der Nacherzählung spannend zu machen, das geht eben nur sehr bedingt.

Also versuche ich sowas erst gar nicht. Ich erinnere mich bei solchen Gelegenheiten daran, dass wir alle kleine Affen sind, und Affen wollen wissen, was andere Affen fühlen. Die beste Herangehensweise an die Rennstrecke ist außerdem immer ein bisschen gonzo, denke ich. Das gilt insbesondere für Langstreckenrennen, denn dabei bewegt man sich meistens tief in der Twilight Zone, jenem Bewusstseinszustand verzweifelter Euphorie, der irgendwo weit hinter dem Ereignishorizont müdigkeitsbedingten Einschlafens liegt. Dort gibt es keinen Schlaf. In der Twilight Zone bin ich mal von einer Präsentation hellwach am Stück nach Hause gefahren, vorbei an einer zehn Meter großen Kuh, während ich mich mit einem Pinguin auf dem Beifahrersitz über die Heisenbergsche Unschärferelation austauschte. Ich denke immer noch, dass er unrecht hatte.

Als Gonzoreporteraffe muss man also nicht nur beobachten und zuhören (Standardantwort auf „Warum“: „Weil verrückt“), sondern man muss mitmachen. Die Zeitnehmerin nahm dieses Angebot ebenso ernst wie dankbar auf. Sie hat mich vier Stunden in dem Zeitenhäuschen sitzen lassen, weil sie da neun Stunden am Stück sitzt. Gott weiß, wie viele von den 24 Stunden sie da normalerweise sitzt, wahrscheinlich alle. Von ihrer Hardcore-Warte aus ergab sich auch eine gewisse Diskrepanz: Ich fand mich total zuvorkommend, als ich mich für eine zweite Schicht von nachts um drei bis um fünf eingetragen habe, sie fand das: „zu kurz. Da brauch ich dich länger, mindestens bis sechs. Außerdem könntest du jetzt doch mal ein, zwei Stunden den Benni ablösen, finde ich.“

Um drei dann stand ich vor einer verrammelten Box, weil das Motorrad durch einen Sturz zu verbogen war, was mir den Luxus mehrerer Stunden Schlaf erlaubte. Ein Spaziergang war die Aktion dennoch nicht: vorher 1000 km auf vier Fahrzeugen durchmischen wegen Tests, 1000 km Anfahrt wegen Verfahren, 800 km Abfahrt, Akkreditierungszeug, Fotos, umparken, Nachtfotos, Streckenfotograf organisieren, billigeren Streckenfotograf organisieren, Text schreiben, Fotos vorsortieren und Zeit nehmen im Häuschen. Zeit nehmen muss man sich vorstellen wie Algebraunterricht bei so einem autistischen kleinen Mathematikgnom, während ein psychopathischer Hausmeister mit Kreissägen die Schulbänke durchsägt, damit man nicht einschläft. Es ist die langweiligste Tätigkeit, die seit Menschengedenken erfunden wurde, aber offenbar muss sie jemand machen. Das nächste Mal jemand anders, denn ich werde nie wieder auf so eine Rennveranstaltung zwecks Berichterstattung gehen. Dasselbe hab ich allerdings schon auf der Isle of Man gesagt. Und in Oschersleben. Und am Nürburgring zur SBK-WM.

Am ersten Abend hat mir die Mutti vom Küchenzelt die Stöpsel gegeben und mir damit wahrscheinlich das Leben gerettet.

In der nächsten Fastbike ist die Reportage über die 24 Stunden drin, mit einer Menge Bildern, die hoffentlich einfangen können, wie es dort war: gaga nämlich. Außerdem werde ich in einem Wohnmobilfachmagazin was über das fahrbare Bett schreiben, mit dem ich da war.

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