Die Kirche: Abmahnung als Zensur

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 05.05.2010

Das Bis­tum Regens­burg lebt in einer selt­sa­men Kom­mu­ni­ka­ti­ons­welt. Als diese Diö­zese (ein Syn­onym zu “Bis­tum”) ihren Teil des Fetts der aktu­el­len Miss­brauchs­de­batte abbe­kam, tat sie das PR-technisch denk­bar Ungüns­tigste: Sie ver­suchte und ver­sucht aktiv, Mei­nun­gen zu zen­sie­ren, was zu einer ange­reg­ten Dis­kus­sion über sie führt, die wie­derum zu Häu­fun­gen direkt damit begrün­de­ter Aus­tritts­be­kun­dun­gen führt. Sie bestrei­tet dabei nicht­mal die Miss­brauchs­fälle, denn die sind poli­zei­lich akten­kun­dig, son­dern sie hängt sich an ein­zel­nen For­mu­lie­run­gen auf, bei denen es um Geld­sum­men geht, die zwi­schen Fami­lien von Opfern und der Regens­bur­ger Filiale der Kir­che geflos­sen sein sol­len. Der Spie­gel berich­tete im Februar 2010 unter der Head­line der Titel­ge­schichte “Die Schein­hei­li­gen — Die katho­li­sche Kir­che und der Sex” unter ande­rem von den Vor­fäl­len in Regens­burg. Dabei bean­stan­dete die Diö­zese Text­pas­sa­gen, die nahe­le­gen, sie “habe durch die Ver­mitt­lung einer Geld­zah­lung bewir­ken wol­len, dass der in Rede ste­hende Vor­fall nicht an die Öffent­lich­keit komme.” (Zitat aus der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung) Beson­ders gro­tesk wird das Vor­ge­hen, weil eben diese Anschul­di­gun­gen schon damals, als der Fall öffent­lich wurde, groß in den Zei­tun­gen waren, im Springer-Verlag in Bild und Welt. Beim Springer-Verlag ist mei­nes Wis­sens nach bis heute keine einst­wei­lige Ver­fü­gung dazu eingegangen.

Dafür ist eine sol­che bei jemand viel Klei­ne­rem ein­ge­gan­gen, bei Ste­fan Aigner, der die lokale Nach­rich­ten­seite regensburg-digital betreibt. Er schrieb im März 2010 über die Vor­fälle samt ihrer Nach­we­hen. Die Kri­tik Ste­fan Aigners bleibt weit­ge­hend erhal­ten, er musste aller­dings einige Pas­sa­gen ent­fer­nen — nach einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung des LG Ham­burg. Das ist jetzt von Regens­burg geo­gra­fisch gese­hen nicht der nächste Weg. Gesin­nungs­tech­nisch gese­hen ist das LG Ham­burg wie­derum ganz nahe am Bis­tum Regens­burg. Es hat eine lange Geschichte von Urtei­len gegen die Mei­nungs­frei­heit, die es in mei­nen Augen zu einer küm­mer­li­chen Kari­ka­tur eines deut­schen Gerich­tes degra­diert. Da eine Inter­net­seite in Ham­burg gela­den wer­den kann, darf man mit jedem Inter­net­sei­ten­pro­blem dort antan­zen, also kom­men pas­sende Klä­ger in einer Art Rechts­tou­ris­tik in Strömen.

In mei­ner Zeit beim Heise-Verlag hat­ten wir immer wie­der Pro­bleme mit dem Tag Team of Evil, der Kombo aus bal­le­ri­nen­haf­ten Klä­gern, gesell­schafts­pa­ra­si­tä­ren Anwäl­ten und eben der Zivil­kam­mer 24 (Pres­se­kam­mer) des Land­ge­richts Ham­burg. Mei­nes Wis­sens nach wur­den sämt­li­che Urteile gegen den Heise-Verlag von über­ge­ord­ne­ten Gerich­ten spä­ter nich­tig gemacht, selbst das unsäg­li­che Heise-Forenurteil darf nach einer ent­spre­chen­den Ent­schei­dung 2007 des Bun­des­ge­richts­hofs zu Foren­ur­tei­len da hin­sor­tiert wer­den, wo es von Anfang an hin­ge­hörte: in den Müll. Ich wünschte mir nur, sie wür­den sich den jedes Mal lan­gen und teu­ren Umweg spa­ren, bevor ihre Rechts­auf­fas­sun­gen da lan­den. Das nur zu den Hin­ter­grün­den die­ses Gerichts, das auch dies­mal wie­der als Voll­stre­cker einer de-facto-Zensur herhält.

Der Anlass mei­nes Pos­tings, zu dem ich wie immer sehr zei­tig, heute schon im vier­ten Absatz komme, ist jedoch die Bericht­er­stat­tung von Ste­fan Nig­ge­meier. Der betreibt ein Web­log, auf dem eine ange­nehm ruhige, reflek­tierte Meta­be­trach­tung aktu­el­ler Medi­en­er­eig­nisse statt­fin­det. Sein Arti­kel beschreibt die Vor­gänge beim Spie­gel und bei Ste­fan Aigner, er ent­hält außer­dem die Fra­gen, die er dem Bis­tum Regens­burg gestellt hat. Er ent­hält sogar die vor­her­seh­bare Ant­wort von dort: kein Kom­men­tar. Was mir daran den Brech­reiz in den Hals treibt, ist jedoch: die Diö­zese Regens­burg (bezie­hungs­weise deren Anwalt) hat Ste­fan Nig­ge­meier eine Unter­las­sungs­er­klä­rung geschickt, weil er sich die Aus­sa­gen in sei­nem Meta-Artikel “ohne Dis­tan­zie­rung” zu eigen gemacht habe. Wie bitte? Ohne Dis­tan­zie­rung? Wenn man Zitate Drit­ter noch kla­rer kenn­zeich­nen wollte als Ste­fan Nig­ge­meier, müsste man unter jeden Buch­sta­ben “ZITAT” mit drei Aus­ru­fe­zei­chen schreien. <- Nein, da fehlt kein “b”. Er hat die Unter­las­sungs­er­klä­rung bis dato nicht unter­schrie­ben. Es steht also zu erwar­ten, dass die Regens­bur­ger die Tage wie­der nach Ham­burg ren­nen, um dort ent­spre­chende Rechts­mit­tel zu verlangen.

Diese Abmahn­freu­dig­keit in Ver­bin­dung mit sol­chen Gerich­ten ist mehr als ein Ärger­nis, sie ist eine reale Bedro­hung des freien Mei­nungs­aus­tau­sches im Inter­net. Die aktu­elle Situa­tion gibt jeder juris­ti­schen oder rea­len Per­son mit Macht Mit­tel in die Hand, Schwä­chere mund­tot zu machen, denn für eine einst­wei­lige Ver­fü­gung fin­det keine grund­sätz­li­che, abwä­gende Prü­fung des Falls statt. Man kann wider­spre­chen und sich dann auf einen poten­zi­ell lang­wie­ri­gen Pro­zess vor Gericht ein­las­sen, der die meis­ten schon vorab ein­ge­schüch­tert ein­len­ken lässt. Ich habe kei­ner­lei Respekt für ein Mit­glied einer eigent­lich sozia­len Orga­ni­sa­tion wie der Kir­che, ein Bis­tum, das auf für mich unsäg­lich unan­ge­mes­sene Weise mit Schuld und Ver­ant­wor­tung umgeht und dann auch noch gegen alle aus­keilt, die über so ein Ver­hal­ten öffent­lich dis­ku­tie­ren möch­ten. Ich habe kei­ner­lei Respekt für Anwälte, die sich als Kom­plize sol­cher Kli­en­ten schma­rot­zend berei­chern, schma­rot­zend an den Grund­wer­ten des demo­kra­ti­schen Rechts­staats an sich. Und ich habe kei­ner­lei Respekt vor einem Gericht, das vor­her­seh­bar das Recht des Stär­ke­ren spricht. Denn dafür braucht’s kein Gericht, da kön­nen wir’s auch gleich las­sen mit unse­rem Lang­zeit­ver­such Rechtsstaat.

Woanders wird gesagt …

  1. Tweets die Die Kirche: Abmahnung als Zensur | MoJomag – Die C-Straßen des Motorweb erwähnt -- Topsy.com - geschrieben am 5. Mai 2010 um 01:37

    […] Die­ser Ein­trag wurde auf Twit­ter von Regens­burg RTs und vera, Cle­mens Gleich erwähnt. Cle­mens Gleich sagte: Das Bis­tum Regens­burg geht recht­lich gegen Bericht­er­stat­tung über Bericht­er­stat­tung über sich und seine Miss­bräuce vor. http://bit.ly/8YKvQn […]

  2. Linktipps: Gewalt gegen Kinder in der katholischen Kirche | DELIJO - geschrieben am 9. Mai 2010 um 08:14

    […] Die Kir­che: Abmah­nung als Zensur […]

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