Grid-Graffiti

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , – 31.05.2010

Der all­abend­li­che Fei­er­abend­ver­kehr spülte Sil­vas baby­blauen klei­nen Smart A-SS in die inner­städ­ti­sche Park­bucht unweit des Körperkult-Clusters, der das eigent­li­che Ziel der Pas­sa­gie­rin war. Sie holte sich dort ihren regel­mä­ßi­gen Schuss Klatsch ab, wäh­rend sie brav dul­dete, dass ihre Gesprächs­part­ne­rin­nen sie zuerst mit Quark voll­schlon­z­ten und dann mit Gemüse beleg­ten. Nicht weit vom Ein­gang in die stein­ge­flieste Pas­sage assis­tierte ihr der freund­li­che Sitz beim Aussteigen-ohne-Slip-zeigen und sie über­ließ das Ein­par­ken jeman­dem, der sich damit aus­kannte: dem Auto.

Das kleine, aber durch­aus kon­kur­renz­fä­hige Hirn des Smart fand schnell eine kleine Park­lü­cke am ande­ren Ende des halb­run­den Plat­zes, wo sich das Gefährt vor­sich­tig hin­ein­ku­schelte. Es wollte pflicht­be­wusst den Motor abschal­ten, erin­nerte sich dann aber wie jedes­mal daran, dass es ein Modell mit Elek­tro­an­trieb und Brenn­stoff­zelle war. Sofort wurde ihm lang­wei­lig, also fing es an, schwüls­tige Lie­bes­lie­der ins Kurz­zeit­ge­dächt­nis zu cachen, denn wie an jedem Frei­tag­abend war die Wahr­schein­lich­keit hoch, dass Silva sich damit in Stim­mung brin­gen wollte.

“Psst!”
Der kleine Smart A-SS wäre zusam­men­ge­zuckt, man­gels Mus­keln dazu beschränkte er sich auf ein­fa­ches Erschreckt­sein und Ursachenforschung.

“Psst! Hier oben. Das Pla­kat. Über Funk. Ich hab hier was für deine Che­fin, das ist was ganz beson­de­res. Und weil mir dein … ähh… blauer Hin­tern so gut gefällt, geb ich dir einen Rabatt auf das implan­tier­bare Head­set auf dem Pla­kat. Musst nur das hier anneh­men.” Der Smart über­legte. Schließ­lich könnte da ja jeder Ver­bre­cher kom­men. Silva hatte aller­dings nie befoh­len, keine per­so­na­li­sier­ten Ange­bote zu puf­fern, also schlug er schließ­lich ein und nahm das Geschenk an. Wenige Mil­li­se­kun­den spä­ter pas­sierte etwas Selt­sa­mes: Die Welt ver­fiel in einen ruckeln­den Zeit­raf­fer und kehrte erst zu nor­ma­lem Ver­hal­ten zurück, als eine sicht­lich auf­ge­brachte Silva auf die Heck­scheibe trommelte.

“Haall­looo!! Du Scheiß­kiste, wach end­lich auf! Ich will heute noch nach Hause! Scheiß-Technik! Ich stech dir gleich mit der Nagel­feile die Scheiß-Brems-LEDs aus! Ich… AAR!!” Silva unter­strich ihre sach­lich vor­ge­tra­ge­nen Befehle mit einem Tritt ins Num­mern­schild. Prompt ver­legte die TÜV-Plakette den Prüf­ter­min um zwei Monate vor, wobei sie es irgend­wie schaffte, ein selbst­ge­fäl­li­ges Grin­sen zu impli­zie­ren. Der gesamte Gedulds­vor­rat, den Silva im Salon getankt hatte, war damit schlag­ar­tig am Ende, des­halb war es gut, dass end­lich das Auto aus­parkte und ihr unter­wür­fig den Sitz entgegenstreckte.

Sie war ange­pisst, denn ihr Wut­an­fall eben hatte die frisch gemach­ten Haare schon wie­der ein biss­chen des­ori­en­tiert. Die Laune war ohne­hin dahin. Unge­wollt auf­tau­chende Erin­ne­run­gen an den heu­ti­gen Arbeits­tag im Büro tru­gen eben­falls nicht dazu bei, die Stim­mung auf­zu­hel­len. Gereizt ges­ti­ku­lierte sie ihre Musik­liste auf einen Teil der Wind­schutz­scheibe und ließ das Auto­ra­dio dann ein schwüls­ti­ges Lie­bes­lied spie­len. Als die ers­ten Pas­sa­gen von “Make the World go away” in ihre Ohren sicker­ten, begann sie, sich lang­sam wie­der zu beru­hi­gen. Hey, es war Wochen­ende, Tho­mas würde sie daheim mit einem Abend­es­sen erwar­ten und nach all die­sen Gesichts­mas­ken sah sie ganz bestimmt unwi­der­steh­lich aus. Silva lehnte sich zurück, wäh­rend ihr blauer klei­ner Lieb­ling (denn das war er jetzt wie­der) sie sicher durch den Ver­kehr manö­vrierte. In Vor­freude auf einen tol­len Abend fing sie sogar an, mit geschlos­se­nen Augen die Melo­dien aus den Boxen mit­zup­fei­fen. Die Hoch­stim­mung hielt nicht lange an.

Sil­vas Kopf wiegte sich sanft im Takt. Dann lehnte sie sich gegen die Scheibe und sah in die Abend­däm­me­rung hin­aus — genau im rich­ti­gen Moment, um ihre Auto­bahn­aus­fahrt vor­bei­flie­gen zu sehen. Das war nicht pas­siert, sagte sie sich, musste aber schließ­lich dem Druck der Rea­li­tät nachgeben.

“Hey!” schrie sie die Mit­tel­kon­sole an. “Was soll das? Da hät­ten wir rausgemusst!”

Das Fahr­sys­tem ließ sich davon gar nicht beein­dru­cken:
“Ent­spann dich. Wir sind auf dem Weg nach Hause.”

Eine glatte Lüge, wie Silva nach einem Blick auf die inter­ak­tive Karte fest­stel­len musste.

“Spinnst du?! Fahr an der nächs­ten Aus­fahrt run­ter und zurück und dann an der rich­ti­gen wie­der ab!” befahl die Pas­sa­gie­rin und deu­tete das fol­gende Schwei­gen als den übli­chen Gehor­sam. Fälsch­li­cher­weise, denn der Smart pas­sierte auch die nächste Aus­fahrt kalt­lä­chelnd. Außer­dem gab er Gas — bezie­hungs­weise Strom. Die Pas­sa­gie­rin hatte an die­sem Punkt end­gül­tig genug und beschloss, zur Fah­re­rin zu werden.

“Gib mir das Lenk­rad, ich fahr sel­ber heim!”

“Nein.”

“Was?!”

“Nein.” wie­der­holte der Stimm­syn­the­si­zer ein wenig lauter.

Ich hab hier das Sagen! Und ich sage: Her mit mei­nem Lenkrad!”

“Nein.”

“Oh, toll.” kom­men­tierte Silva tro­cken und rief das Hand­buch auf. Andert­halb Kilo­me­ter spä­ter fand sie die Beschrei­bung, wie der Fah­rer im Not­fall manu­ell den Len­ker aus­klap­pen konnte. Sie beugte sich vor und öffnete eine Klappe unter dem Arma­tu­ren­brett. Just in die­sem Moment beschlos­sen die Gurtstraffer-Controller in einer abso­lu­ten Mehr­heit den Not­fall und ris­sen die arme Frau unsanft zurück in eine auf­rechte Pos­ti­tion. Die Miss­han­delte schrie vor Schreck auf.

“Hilfe!”

“Was kann ich für dich tun?” fragte die Online-Hilfe freundlich.

“Ich will nach Hause!!” schrie sie.

“Ich weiß. Ich tue mein Bestes.”

“Gib mir das Lenkrad!”

“Nein.”

“… Bitte?” Ein Ver­such konnte ja nicht schaden.

“Nein.”

“Aber warum nicht?” fragte Silva unter mit der Geschwin­dig­keit ana­log stei­gen­der Panik.

“Du bist eine Gefahr für dich selbst und den Stra­ßen­ver­kehr” behaup­tete die sanfte Stimme. “Ent­spann dich und über­lass alles mir.”

“Das ist Ent­füh­rung! Ich lass’ dich ver­schrot­ten!”
Als ein­zige Ant­wort drehte sich das Radio lauter.

Von all dem nichts ahnend stand Sil­vas lang­jäh­ri­ger Lebens­part­ner Tho­mas stolz vor sei­nem ita­lie­ni­schen Abend­es­sen. Auf sei­ner Küchen­schürze stand “Kiss me — I’m the cock” im Wech­sel mit ande­ren zoti­gen Sprü­chen, die sich das Klei­dungs­stück im Fünf­mi­nu­ten­takt aus Toms umfang­rei­cher Samm­lung holte. Der Trä­ger war aus­ge­spro­chen guter Dinge, hatte er doch nicht nur eine bes­sere Stelle, son­dern auch noch ein kom­plet­tes Wochen­ende mit sei­ner Süßen in Aus­sicht. Nur eines war nicht per­fekt: Silva war unpünkt­lich und das konnte er nun mal über­haupt nicht aus­ste­hen. Er tippte sich zwei­mal vors Ohr, wor­auf­hin die Tele­fon­mi­kro­fone ganz sel­bi­ges waren.

“Ruf Silva an”, befahl er auf schwar­zen Oli­ven kau­end. Er ver­mu­tete sie noch im Schön­heits­sa­lon oder unter­wegs im Auto, des­halb fügte er hinzu: “Aber nicht auf dem Handy. Ich will eine akus­tisch gute Verbindung.”

Er brauchte nicht lange zu war­ten, bis eine ver­traut hys­te­ri­sche Stimme ihn über die Küchen­laut­spre­cher anschrie:
“Das Scheiß-Auto!! Du hast bestimmt irgend­so­ei­nen Dreck auf­ge­spielt! Ich hab tau­send­mal gesagt, das kannst du mit dei­ner eige­nen Karre machen, nicht mit mei­nem Baby! Keine Ahnung von gar nichts, aber den gro­ßen Tech­ni­ker raus­hän­gen las­sen!! Mach was, steh nicht so blöd in der Gegend rum mit dei­nem Neanderthalerschurz!”

Tho­mas hatte lie­bende Kom­pli­mente in Ver­bin­dung mit Vor­freude auf Essen, Bett und Wochen­ende gene­rell erwar­tet, diese Angriffe tra­fen ihn völ­lig schutzlos.

“Ich… äh… du… was? Ich…” stam­melte er.

“Ja, du!! Das Auto ist wahn­sin­nig gewor­den, und ich weiß nicht, wohin es mich ver­schlep­pen wird, es ist auf jeden Fall ziem­lich schnell und der Gurt erwürgt mich und ich hab mich doch so auf das Wochen­ende gefreut und und…” Sie stockte. “Und außer­dem hab ich jetzt Hun­ger.” fügte sie hilf­los hinzu.

“Äh…” fiel Tom ein. “Ääh… a-hem! Äh! Ich…” Er gab auf: “Was?”

“Das Auto ist kaputt!!” kratz­ten die völ­lig über­steu­er­ten Lautsprecher.

“Äh.” wie­der­holte Tho­mas. “Warum nimmst du nicht den Bus? Ich kann jetzt hier grad schlecht weg und…” Sie schnitt ihm brüsk das Wort ab:
“Du Arsch! Ich sitze hier bei 180 in einem ver­rück­ten Klein­wa­gen auf der Auto­bahn in Rich­tung… keine Ahnung, wel­che Rich­tung, auf jeden Fall die fal­sche, und dir fällt nichts bes­se­res als der Bus ein! Mach was Kon­struk­ti­ves! Ruf die Poli­zei, die Feu­er­wehr, den Kran­ken­wa­gen, das THW, meine Mut­ter…” Die Ver­bin­dung endete mit einem Klick.

“…mei­nen Vater, meine Ver­si­che­rung, den Auto­händ­ler… Hallo? Tom? Tom!”

Hek­tisch hackte Silva auf dem Wiederverbinden-Knopf herum.

“Tele­fo­nie­ren auf der Auto­bahn gefähr­det deine Mit­men­schen.” erklärte das Auto ungefragt.

“Dann halt an!” keuchte Silva, wäh­rend sie mit dem Gurt um Atem­luft kämpfte. Sie ver­suchte, ihre ver­zwei­felte Situa­tion ande­ren Ver­kehrs­teil­neh­mern durch Hand­zei­chen zu ver­deut­li­chen. Alle wink­ten freund­lich zurück. Sehr bald ging sie des­halb von der fla­chen Hand zur Faust mit gestreck­tem Mit­tel­fin­ger über, aber außer auf­ge­brach­ten Mit­men­schen führte das eben­falls zu nichts. Bis sie ihren Fin­ger an einer Tempo-30-Unfallstelle eini­gen Poli­zis­ten zeigte. Lang konn­ten die ihn nicht sehen, da der Smart sich mit Tempo 150 auf der Stand­spur durch­drän­gelte, aber es schien zu rei­chen, denn die Freunde und Hel­fer bestie­gen einen der Wagen und nah­men die Ver­fol­gung auf.

“Hier spricht ihre freund­li­che Smart-Hotline! Bitte nen­nen sie ihr Modell und ihren Namen!” ver­langte eine über­schäu­mend eupho­ri­sche Damenstimme.

“Tho­mas Rick­ler. Es geht um einen Smart A-SS.”

Die freund­li­che Smart-Hotline kon­sul­tierte ihre Datenbanken.

“Sie sind noch kein Kunde bei uns! Bestimmt möch­ten Sie gern einer wer­den! Wenn Sie mor­gen kau­fen, kann ich Ihnen den Schnellkäufer-Rabatt geben!”

“Nein! Das Auto ist kaputt!” wie­der­holte Tom Sil­vas Worte.

“Viele Kon­kur­ren­ten haben die­ses Pro­blem! Gut, dass Sie sich für einen Smart ent­schei­den! Soll ich Ihnen unse­ren inter­ak­ti­ven Kata­log zusen­den?!” fragte die Hot­line mit unge­brems­tem Enthusiasmus.

“Aber der Smart ist kaputt!”

“Sie haben noch nicht­mal einen gekauft! Viele asia­ti­sche Kon­kur­ren­ten kopie­ren unser inno­va­ti­ves Design! Möch­ten Sie eine ille­gale Kopie melden?!”

“Nein!” schrie Silva empört, aber die Auto­bahn­po­li­zis­ten konn­ten sie nicht hören.

“Keine Ant­wort”, stellte der Bei­fah­r­er­be­amte fest. “Dann ist sie bestimmt stern­ha­gel­voll, sonst hätte sie ihr Ver­ge­hen wenigs­tens abgestritten.”

Der Fah­r­er­be­amte nickte und schrie über das Außenmegafon:

“Fah­ren Sie sofort rechts ran!”

Der Smart dachte nicht ein­mal daran. Statt­des­sen sprang er durch gezielte Mani­pu­la­tion sei­ner Lenk– und Brems­ser­vos von den lin­ken zwei Rei­fen auf die rech­ten und zurück, um schließ­lich den Kof­fer­raum zu öffnen und Voll­strom zu geben.

“Viel­leicht ist sie nicht voll, son­dern wahn­sin­nig”, spe­ku­lierte der Fah­r­er­be­amte und wich den ent­ge­gen­flie­gen­den Ein­käu­fen aus. “Wir über­neh­men jetzt das Auto, der Fall ist ja eindeutig.”

Das brave Poli­zei­auto klinkte sich mit sei­nen gesetz­lich garan­tier­ten Rech­ten in das Smart-Hirn ein und for­derte als ers­tes die Fahr­zeug­da­ten an. Mit so einer Ant­wort hatte es aller­dings nicht gerech­net, der Buf­fer Over­flow in der Rei­fen­ab­nut­zungs­sta­tis­tik gab ihm der­art zu den­ken, dass es die Lenk­ein­ga­ben des Fah­r­er­be­am­ten einige Momente völ­lig ver­gaß und die linke Leit­planke touchierte.

“Was war das?!” fragte der Bei­fah­rer und schnallte sich vor­sichts­hal­ber an.

“Das Lenk­rad… Oaaah!”

Die Sitz­leh­nen drück­ten sie mit erstaun­li­cher Kraft in die typi­sche Sitz­po­si­tion all jener Fahr­an­fän­ger, die sich nur sicher füh­len, wenn sie mög­lichst viel von ihrer Motor­haube sehen. Nach­dem das nicht mehr so brave Poli­zei­auto seine Insas­sen der­art prä­pa­riert hatte, zün­dete es die Front-Airbags und knockte damit beide Beamte aus. Nun konnte es sich voll auf die Unter­hal­tung mit dem klei­nen Smart konzentrieren.

Die freund­li­che Smart-Hotline hatte zwi­schen­zeit­lich ihren Enthu­si­as­mus nach zahl­rei­chen frucht­lo­sen Ver­kaufs­an­ge­bo­ten größ­ten­teils ver­lo­ren:
“Sehen Sie, meine Rechen­zeit ist begrenzt. Wenn Sie nichts kau­fen wol­len, rufen Sie die Seel­sorge an oder zah­len Sie für das Gespräch.”

“Aber… wie soll ich es sagen? Das Auto… Ich hab doch ver­sucht, zu erklä­ren…” stam­melte Tho­mas. “Fas­sen Sie sich ein Herz! Hel­fen Sie mir! Meine Freun­din ist in Gefahr wegen einem Smart!”

Die Hot­line sah auf ihre per­sön­li­che CPUhr.
“Hach! Ich muss gehen! Keine Zeit mehr, sonst werde ich hier noch eine Kos­ten­stelle! Vie­len Dank für Ihren Anruf! Wir freuen uns auf Sie, sobald Sie tat­säch­lich Geld für ein Auto haben! Guten Tag!”

Völ­lig still stand Tom da, nur sein rech­tes Auge begann ner­vös zu zucken. Es war ein­fach nicht sein Tag. Eine ärger­li­che Stimme hin­derte ihn daran, das Geschirr mit dem Kopf zu zertrümmern.

“Herr Rick­ler! Was haben Sie gerade nur gemacht? Es ist Ihre Pflicht, der Poli­zei einen zwei­ten Kom-Kanal offen zu las­sen und auch ran­zu­ge­hen, wenn wir den ein­mal in hun­dert Jah­ren nutzen!”

Die Welt war ein­fach nicht fair zu ihm.

“Ich hab gedacht…” fing er an, wurde jedoch barsch unterbrochen:

“Nichts haben Sie gedacht! Acht­zig Pro­zent unse­rer Akten fan­gen mit die­ser Lüge von Den­kern wie Ihnen an! Fürs Den­ken bin ich hier zustän­dig und ich denke, Sie haben ein gro­ßes Problem!”

“Eins?! Haben Sie schon­mal mit der Smart-Hotline telefoniert?”

“Hal­ten Sie die Fresse, zie­hen Sie diese bescheu­erte Schürze aus und fan­gen Sie an zu sin­gen!!” schrie der Kom­mis­sar ihn an. Es war für ihn höchst befrie­di­gend, dass die Poli­zei die Gesprächs­laut­stärke selbst regeln durfte. Weni­ger befrie­di­gend hin­ge­gen waren die Ant­wor­ten die­ses Voll­idio­ten Rick­ler, des­sen Schürze ihren Trä­ger gerade als Geschmacks­po­li­zis­ten in Sachen Unter­wä­sche deklarierte.

“Sin­gen? Was? Ist das ein Scherz?” Toms Ver­stand hatte sich geschlos­sen furcht­er­füllt hin­ter die Wohn­zim­mer­couch geflüchtet.

“Jesus, Maria und Josef! Wo waren Sie, als Gott die Gehirne aus­ge­ge­ben hat? Ihre sau­bere Freun­din hat zuerst meine Beam­ten belei­digt und dann einen Poli­zei­wa­gen ent­führt! Und Sie, Sie wer­den koope­rie­ren, sonst reiß ich Ihnen den Arsch bis zu den Ohren auf!”

Das Leben als Strei­fen­wa­gen hat so seine Vor­teile. Zum Bei­spiel darf man andere Autos befeh­li­gen und sogar die intims­ten Ver­kehrs­da­ten aus deren Hir­nen erfra­gen. Von die­sen sei­nen Mög­lich­kei­ten machte der BMW regen Gebrauch, mit dem Resul­tat, dass ihnen inzwi­schen eine kleine Flotte folgte. Die Wacht­meis­ter schlie­fen der­weil tief und träum­ten von gestän­di­gen Ver­bre­chern, die sie alle ziel­si­cher an ihrem ver­bre­che­risch aus­län­di­schen Aus­se­hen erkannt hat­ten. Silva schlief nicht, obwohl sie sich sehr wünschte, das alles wäre ein Traum. Statt­des­sen sägte sie mit ihrer Nagel­feile am Gurt herum, den Sitz in einer bequem zurück­ge­leg­ten Posi­tion, die sie in einer ande­ren Situa­tion viel­leicht ent­spannt hätte. Gegen­wär­tig jedoch tanzte ihr Smart bei Tempo 130 an der Spitze eines Auto­schwarms in hals­bre­che­ri­schen Zuckun­gen und schmet­terte lau­nige Shan­ties dazu. Er unter­brach eine gekonnte Inter­pre­ta­tion von The Wild Rover, um Silva auch wei­ter­hin bei Laune zu hal­ten. Bei schlech­ter Laune:
“Wuss­test du, dass die Gurte zu dei­nem Schutz mit Tit­an­fä­den ver­stärkt sind? Gut, dass du diese Spe­cial Edi­tion gekauft hast.”

“AAAHH!!! HILFEEE!!!” ver­langte Silva.

“Ich bin ja da…”

“Ja eben!! Hilfe!! Ich schreie!! Ich schrei, bis du anhältst!” drohte die ver­zwei­felte Fracht. Da er noch ein wenig Platz im Spei­cher hatte, lud der Klein­wa­gen einige Psy­cho­lo­gie­pa­kete — die rich­tige Posi­tion hatte die Pati­en­tin ja schon und ein biss­chen Beru­hi­gung schien ihm drin­gend nötig.

“Ja, gut”, raunte er im sono­ren Bass. “Lass alles raus, die gan­zen Aggres­sio­nen. Bist du wütend auf dei­nen Vater? Erzähl mir von ihm.”

Der Kom­mis­sar hatte sich rich­tig in Form gebrüllt, war Tho­mas doch ein so unwahr­schein­lich gutes Opfer. Gerade holte er zur nächs­ten Runde Luft, da kam ein lei­ses Alarm­pie­pen dazwi­schen. Gerne hätte er auch den Ver­ur­sa­cher die­ser Mel­dung ange­schrien, die Nach­rich­ten auf sei­nem Ter­mi­nal­fens­ter waren aber zu gut. Der Sen­der war der ent­führte BMW. Dienst­eif­rig mel­dete er den Her­gang des Ver­bre­chens aus sei­ner Sicht, aber viel wich­ti­ger noch: seine Posi­tion und sei­nen Geschwin­dig­keits­vek­tor. Ein Grin­sen brei­tete sich auf dem Gesicht des Kom­mis­sars aus, so weit, dass es ihm selbst auf des­sen brei­ten Gesicht eng wurde. Mit ein paar Ges­ten rief er sei­nen Per­sön­li­chen (oder Poli­zei­li­chen) Gitter-Assistenten, gab ihm einen Code-Schlüssel und die Anwei­sung, eine Auto­bahn­sperre zu ver­an­las­sen. Gehor­sam wie­der­holte der PGA seine Anwei­sun­gen zur Sicher­heit noch­mal laut, bevor er sich auf den schnells­ten Daten­weg machte. Der Kom­mis­sar griff sei­nen Man­tel und lief Rich­tung Ausgang.

“Rick­ler!” schrie er dabei. “Ich komme vor­bei! Bis dahin sind Sie geschnie­gelt und gebü­gelt und aus­geh­fer­tig und wenn Sie diese Schürze in mei­ner Gegen­wart immer noch anha­ben, dann gnade Ihnen Gott, weil ich es näm­lich nicht werde!”

Eine Vier­tel­stunde spä­ter knirschte der dunkle Benz des Kom­mis­sars in die gekieste Ein­fahrt vor Toms Haus. Das letzte Tages­licht hatte sich in der begin­nen­den Nacht auf­ge­löst und um die Kli­schees kom­plett zu machen, fing es in die­sem Moment auch noch zu reg­nen an. Tho­mas Rick­ler trat aus dem über­dach­ten Ein­gang vor. Die Ärmel sei­nes Kapu­zen­pul­lis ver­län­ger­ten sich über seine Hand­ober­sei­ten, die Kapuze wuchs über die gepfleg­ten Haare. Erst als er unmit­tel­bar neben der Bei­fah­rer­seite stand, ließ ihn der Wagen ein­stei­gen. Die Tür schloß sich so abrupt, dass sie Tom gera­dezu in den Leder­sitz schubste und ihn zu einer spon­ta­nen Glied­ma­ßen­in­ven­tur ver­an­lasste. Auch ein Blick Rich­tung Fah­rer­seite tat wenig zur Ent­span­nung: Dort saß ein böse schnau­fen­des Wesen, anschei­nend aus einer unglück­li­chen Begeg­nung einer Orang-Utan-Dame mit einem rasier­ten Pit­bull ent­stan­den, das ihn grim­mig aus klei­nen Augen anstarrte. Der Kom­mis­sar. Tom war in etwa so locker zumute wie einer Lei­che in der Starre, wollte sich das aber kei­nes­falls anmer­ken lassen.

“H-Hey! Net­ter Man­tel!” brachte er her­vor. In sei­nem Wahn war ihm danach, die Lage mit einem Scherz auf­zu­lo­ckern: “Columbo oder Gestapo?”

Die Augen des Kom­mis­sars ver­eng­ten sich noch wei­ter. Der Motor brüllte auf, als er den Wagen schwung­voll zurück­setzte. Mit ner­vö­sem Inter­esse such­ten Toms Augen einen Platz, auf dem sie ruhen konn­ten. Sie fan­den ihn auf der Mit­tel­kon­sole. Inter­es­sant, was die Gen­tech­nik die­ser Tage leis­tete. Mit einer empa­thi­schen Igno­ranz, die Dar­win Trä­nen in die Augen getrie­ben hätte, setzte Tom die ein­sei­tige Kon­ver­sa­tion fort:
“Ist das von Sony Bio­tech?” fragte er und zeigte auf das Bild des Mittelkonsolenschirms.

Eine Hand, die ihm so groß wie sein Kopf vor­kam, packte Tom am Kra­gen und zog ihn in den Ein­fluss­be­reich des beamt­li­chen Mundgeruchs.

“Das”, teilte ihm der Kom­mis­sar mit bedroh­lich lei­ser Stimme mit, “ist meine Frau. Das Foto ist viel­leicht schlecht getrof­fen, aber Sie, mein lie­ber Rick­ler, ste­cken jetzt schon tief in der Scheiße. Mit jedem Wort gra­ben Sie sich nur tie­fer ein. Ich schlage also vor, nein, ich lege es Ihnen sogar nahe, dass Sie von jetzt an nur noch den Mund auf­ma­chen, wenn ich Sie dazu auf­for­dere. Hof­fent­lich muss ich das nicht oft.” Er warf Tom zurück in den Sitz. “Und der Man­tel ist aus den alten Matrix-Filmen abge­guckt”, gab er ein wenig lei­ser zu.

Die Mercedes-Antriebssteuerung holte das Maxi­mum aus Motor­leis­tung, Trak­ti­ons­kon­trolle und Fein­tu­ning der vier ein­zeln ansteu­er­ba­ren Räder und sprang in die Nacht. Tho­mas ver­sank im beheiz­ten Leder, und das nicht nur wegen der Beschleunigung.

Sil­vas Sil­ber­streif am Auto­bahn­ho­ri­zont blinkte, denn er bestand aus Blaulicht.

“Ha!” tri­um­phierte sie, als sie die Stra­ßen­sperre erkannte. “Jetzt haben sie dich! Und wenn sie dich aus­ein­an­der­neh­men, stehe ich dane­ben und … und genieße es!”

Ihr Auto war nicht beein­druckt, weder von ihren Dro­hun­gen, noch von denen der Poli­zei vor ihm. Statt sich zu fürch­ten, schien sich die bereits aus­ge­las­sene Stim­mung des Smart sogar noch zu ver­bes­sern. Viel­leicht war er ja ein Mas­sen­selbst­mör­der, befürch­tete Silva angst­er­füllt, als die Wagen­ko­lonne auch hun­dert Meter vor der Sperre kei­ner­lei Anstal­ten machte, die Brem­sen zu benut­zen. Sie schloß die Augen und begann still zu beten, in der irra­tio­na­len Hoff­nung, ein all­mäch­ti­ger Gedan­ken­le­ser hätte an ihrem Leben eben­so­viel Inter­esse wie sie selbst.

“SCHEISSE!!” brüllte der Kom­mis­sar. Tho­mas zuckte zusammen.

“SCHEISSE!!” wie­der­holte der Kom­mis­sar, obwohl ihn schon beim ers­ten Mal jeder im sel­ben Milch­stra­ßen­qua­dran­ten gehört haben musste. Die Daten vom Wind­schutz­schei­ben­pro­jek­tor hat­ten ihm die schon vor­her nicht gerade rosige Stim­mung gründ­lich ver­ha­gelt. Mit wut­ver­knit­ter­tem Gesicht wandte er sich nach rechts:

“Wie macht sie das?!!” spuckte er in Toms Gesicht.

“Was? Ich… äh… Was?” stot­terte Thomas.

Der Kom­mis­sar gab ihn auf und wandte sich den wesent­lich auf­schluss­rei­che­ren Daten aus dem Poli­zei­rech­ner zu, die ihn dar­über auf­klär­ten, dass wei­tere vier Strei­fen­wa­gen fah­nen­flüch­tig waren.

“Na gut.” sagte er grim­mig und fragte nach der neuen Posi­tion des BMW, der sich vor­her so freund­lich gemel­det hatte. Die­ser teilte ihm höf­lich sei­nen Auf­ent­halts­ort in Zen­tral­pa­nama mit und ja, danke der Nach­frage, es gehe ihm gut. Der Kom­mis­sar rammte eine Faust ins Arma­tu­ren­brett und wider­stand nur knapp dem Drang, die andere in Toms Gesicht zu plat­zie­ren. Naja, weit konn­ten sie ja noch nicht sein. Er drückte den rot­blauen Knopf und das Gas durch. Aus dem Dach des Benz wuch­sen Blau­licht und Mar­tins­horn, die Flan­ken schmück­ten sich mit dem Ban­ner “POLIZEI” und die Stoß­stan­gen leg­ten an Umfang zu, nur für den Fall…

Elsa sah ein paar Schein­wer­fer. Das war nichts unge­wöhn­li­ches, pas­sierte min­des­tens drei­mal die Woche. Sie stieß einen Bat­zen Gras auf und kaute dar­auf herum. Noch ein paar Schein­wer­fer. Hm. Elsa kaute wei­ter. Einen Malm­zy­klus spä­ter kroch schon wie­der ein paar Schein­wer­fer über den Hügel. Und noch eins und noch eins und noch eins, aber sie konnte nur bis drei zäh­len. Ein Hau­fen Autos hin oder her hau­ten sie ohne­hin nicht aus dem Heu, weil man die als Kuh nicht essen kann. Auch Silva war in der Lage, bis drei zu zäh­len und sich über­dies selbst zu hel­fen. End­lich hatte sie sich zumin­dest oben­rum aus dem Gurt befreit. Einen Moment lang rät­selte sie, wie die Poli­zei­mütze wohl an den Rück­spie­gel gekom­men war, wid­mete sich dann aber drin­gen­de­ren Ange­le­gen­hei­ten. Wie dem Tele­fo­nie­ren: Das Smart-Phone konnte sie nicht benut­zen, aber in ihrem Täsch­chen auf dem Bei­fah­rer­sitz befand sich ein Hand­set. Sie streckte sich hin­über und fing an, ihre Sachen durchzugraben.

“Nein, hier ist nicht Tho­mas, hier ist das Gesetz!” beant­wor­tete der Kom­mis­sar den auto­ma­tisch in den Benz gelenk­ten Anruf von Silva. “Sie täten bes­ser daran, jetzt auf­zu­ge­ben, denn krie­gen tun wir Sie eh.”

“Das will ich aber schwer hof­fen, ich warte schon eine Ewig­keit!” keifte Silva zurück. “Machen Sie mal biss­chen hin, ich ver­lange, dass Sie mein Auto ver­haf­ten! Ich bestehe auf der Höchst­strafe für die Schrottkiste!”

Das brachte den Kom­mis­sar doch ein wenig aus dem Kon­zept. Hil­fe­su­chend wandte er sich der Bei­fah­rer­seite zu. Tho­mas zuckte mit den Schultern.

“Ich gehor­che immer. Ist am ein­fachs­ten.” riet er.

Der Kom­mis­sar räus­perte sich.

“OK, sagen Sie uns, wo Sie gerade sind. Wir, äh, klä­ren die Sache schon auf, keine Panik.”

“Ich… Au! Wir fah­ren gerade über irgend­eine Kuh­wiese. Über­all um mich rum sind andere Autos, alle mit vol­ler Innen– und Außen­be­leuch­tung. In den meis­ten sind auch Leute drin, denen geht es auch nicht bes­ser als mir.” bemerkte sie mit einem Blick auf einen benach­bar­ten Ver­kehrs­teil­neh­mer, der von sei­nem Sitz auf die Lenk­rad­hupe gedrückt wurde. “Oh… oh! Wir hal­ten an!”

Fünf Minu­ten spä­ter löste sich der gesamte Spuk auf wie Nebel in der Sonne. Der Smart rief die Poli­zei an und ging posi­ti­ons­mä­ßig mehr ins Detail als “irgend­eine Kuh­wiese”. Nir­gendwo im Spei­cher fand sich ein Hin­weis auf bös­ar­tige Befehls­ket­ten, alle Jour­nale waren leer. Nie­mand der ver­sam­mel­ten Geset­zes­hü­ter und Opfer konnte sich auch nur den gerings­ten Reim auf die Blech­la­wine über der grü­nen Wiese machen, denn es fehlte ihnen an der rich­ti­gen Per­spek­tive. Die rich­tige Per­spek­tive hatte man einige hun­dert Meter wei­ter oben, wo in der kla­ren Nacht­luft die Fahr­zeug­for­ma­tion in ihrer Gänze sicht­bar war. Dort gab gerade eine Lady ihrem Jet­bike die Spo­ren, um wie eine Stern­schnuppe in der Nacht zu ver­schwin­den. Sie warf einen letz­ten fro­hen Blick auf die Leucht­bot­schaft mit blau­licht­glit­zern­den I-Punkten unter ihr:

“_________, ICH LIEBE DICH.”

Hier einen gelieb­ten Namen ein­fü­gen. Wirkt bestimmt.

Kommentare

  1. astrid - geschrieben am 30. Juni 2010 um 17:04 Uhr - Kommentar-Link

    .… lese ich immer wie­der so gern mit gro­ßem vergnügen!!

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