Maschinenbau: Honda VFR 1200 F DCT

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , , – 12.05.2010

Bei mei­ner ers­ten Begeg­nung mit der VFR 1200 hatte sie gar keine Kupp­lung, weil sie jemand ver­schmur­gelt hatte. Jetzt hat Honda nach­ge­rüs­tet und die VFR hat gleich zwei Kupp­lun­gen. Und eine Automatik.

Bei Honda in Japan sit­zen ein paar Pro­pel­ler­käp­pi­in­ge­nieure, die ein­mal im Jahr zu was­wei­ßich, ihrem Geburts­tag viel­leicht, was ganz Tol­les bauen dür­fen. Weil sie nor­ma­ler­weise an bestimmt wich­ti­gen, aber in der Öffent­lich­keit nicht statt­fin­den­den Pro­ble­men wie dem Ver­rin­gern von Tole­ran­zen oder dem Ver­grö­ßern von Welt­frie­den arbei­ten, las­sen sie es bei der Gele­gen­heit kon­struk­ti­ons­tech­nisch so rich­tig kra­chen. Diese Ven­til­tä­tig­keit hat der Welt ovale Kol­ben, die “Human Fri­endly Trans­mis­sion” (Hon­das stu­fen­lo­ser Tau­mel­schei­ben­kraft­wand­ler), das beein­dru­ckende Kolben-ABS von Fireb­lade und CBR 600 RR und jetzt das erste Dop­pel­kupp­lungs­ge­triebe an einem Motor­rad geschenkt – oder genauer: ver­kauft, weil bil­lig ist kei­nes der genannten.

Hon­das DCT in der Aus­füh­rung. Oder die ver­ein­fach­ten Schau­bil­der bei Wiki­pe­dia anschauen.

Das “Dop­pel­kupp­lungs­ge­triebe” ist der Grund, warum man die deut­sche Schrift­spra­che lie­ben muss. Bei Autos gibt es sowas schon län­ger, und weil ich faul bin: Es funk­tio­niert so (Wiki­pe­dia). Wie viele Auto­bauer ver­wen­det Honda eine Ölbad­kupp­lung, weil die Wärme leich­ter abführt. Beide Kupp­lun­gen lie­gen übli­cher­weise auf einer Wel­len­achse, um Platz zu spa­ren. VW nimmt dann unter­schied­lich große Kupp­lun­gen, inein­an­der ver­schach­telt, bei der VFR lie­gen die Kupp­lun­gen hin­ter­ein­an­der. Dadurch baut das Getriebe brei­ter, die VFR mit DCT (Dual Clutch Trans­mis­sion) hat einen wei­ter abste­hen­den Kupp­lungs­de­ckel rechts. Die Kupp­lun­gen sind hydrau­lisch betä­tigt, ein Elek­tro­mo­tor dreht die Schalt­ku­lisse. Anders als beim Auto wählt die VFR kei­nen Gang auf der aus­ge­kup­pel­ten Welle vor. Erst wenn die Auto­ma­tik oder der Fah­rer einen Schalt­vor­gang anfor­dert, schal­tet sie erst das Getriebe und dann die Kupp­lun­gen um. Ein Schalt­vor­gang dau­ert dadurch alles in allem etwa 500 ms, das ist ein gutes Stück län­ger als bei sport­li­chen Autos. Dafür ent­fällt das dop­pelte Schal­ten, wenn der Fah­rer einen Gang run­ter will statt hoch. Viel­leicht sind Motor­rad­mo­to­ren mit ihrem brei­ten nutz­ba­ren Band weni­ger vor­her­seh­bar als Auto­mo­to­ren, viel­leicht spart sich Honda ein­fach den Aufwand.

Die zweite Kupp­lung steht rechts wei­ter raus, sonst ist der Bau­raum weit­ge­hend iden­tisch mit ohne DCT.

Denn der eigent­li­che Vor­teil des DTC ist der prak­tisch unter­bre­chungs­freie Kraft­schluss. “Das Kopf­bil­li­ard beim Fah­ren zu zweit ent­fällt”, sagt Honda in der Fach­spra­che. Das ist ja selbst bei einem Quickshif­ter noch vor­han­den, diese Teile, die bei Betä­ti­gung des Schalt­he­bels zum Hoch­schal­ten kurz die Zün­dung unter­bre­chen und so das Getriebe zum Schal­ten ent­las­ten. Was man halt sonst mit der Gas­hand macht.VFR für die Beschleu­ni­gung durch­la­den ist also ein ein­zi­ger, gro­ßer Zug nach vorne, akus­tisch modu­liert durch manu­elle oder auto­ma­ti­sche Schalt­vor­gänge. Wie jedes dop­pelt gekup­pelte Getriebe ist auch das der VFR ein Auto­ma­tik­ge­triebe. Der Stan­dard­mo­dus schal­tet fahr­schul­haft früh, um Sprit zu spa­ren (die VFR ist recht durs­tig), ein Sport­mo­dus hält die Dreh­zahl hoch (die VFR fährt dann meist im Zwei­ten durch den Ort, der Proll). Zu jeder Zeit kann der Fah­rer am lin­ken Len­ker per Knöpf­chen Schalt­be­fehle geben (die VFR wech­selt dann in den manu­el­len Modus), zum Bei­spiel, um inner­orts den Drit­ten zu ver­lan­gen. Im manu­el­len Modus pfuscht die VFR lobens­wer­ter­weise gar nicht rein, wie das einige Autos gern machen. Wer will, kann das Motor­rad im Ers­ten am Begren­zer fah­ren, bis der Motor raucht. Ebenso darf man extrem unter­tou­rig fah­ren. Nur beim Anhal­ten schal­tet das Getriebe in den Ers­ten und kup­pelt aus, damit man anfah­ren kann.

Und das ist das Schöne daran: Es ist immer noch ein nor­ma­les Getriebe, ohne große Ver­luste, mit direkt ein­grei­fen­den Zahn­rä­dern. Es kla­ckert sogar vor sich hin wie jedes Motor­rad­ge­triebe. Immer, wenn ich keine Lust hatte auf Schal­ten, wenn es läs­tige Arbeit wird, in Ort­schaf­ten oder auf der Auto­bahn, habe ich das die Auto­ma­tik machen las­sen (ein Tas­ten­druck am rech­ten Len­ker schal­tet um). Die Auto­ma­tik denkt ziem­lich viel nach in ihren Sili­zi­um­hirn, sie schal­tet anders, je nach­dem, wie viel Gas man gibt, wie viel Schub also ver­langt wird. Sie gibt außer­dem beim Run­ter­schal­ten auto­ma­tisch Zwi­schen­gas. Unheim­lich. Sie hat tat­säch­lich in ihrer Arbeits­art einen Pseu­docha­rak­ter, an den sich Neu­linge erst gewöh­nen müs­sen. Pla­nen Sie also even­tu­elle Test­fahr­ten aus­gie­big, am bes­ten eine Tank­fül­lung (~ 250 km) oder län­ger. Pla­nen Sie auch eine Pro­be­fahrt, wenn Sie die VFR ohne DCT schon ken­nen, denn es bügelt einige Kri­tik­punkte im Ansprech­ver­hal­ten des Motors glatt weg.

Soviel mal zu den Vor­tei­len. Zu den Nach­tei­len: Das DCT erfor­dert eine grö­ßere Ölpumpe, etwas zusätz­li­ches Öl, viele zusätz­li­che Teile. Der Ein­fluss auf die Leis­tung ist ver­nach­läs­sig­bar gering. Der Ein­fluss aufs Gewicht nicht: 10 kg. 10 kg sind am Motor­rad etwas, das man deut­lich und sofort spürt. Dazu kommt, dass die VFR schon ohne DCT 268 kg voll­ge­tankt wiegt. Sport­tou­rer sind immer recht schwer, aber 280 kg wären mir als leicht­ge­wich­ti­ger Käu­fer doch zu hef­tig. Den­noch finde ich die Idee selt­sam attrak­tiv, mit der VFR ohne sel­ber schal­ten mit den dadurch frei­wer­den­den Kapa­zi­tä­ten eine noch gewal­ti­gere Gewalt­tour zu fah­ren. Ziel­vor­schläge nimmt Ihr freund­li­ches Post­amt entgegen.

Sta­bil wie ‚n Güter­zuuch“, sacht man im Nor­den. Und ähnlich schwer.

Honda VFR 1200 F DCT

Ist: der Grund, warum der Welt­frie­den so lang dau­ert.
Kos­tet: 14.900 Euro (exkl. Lie­fer­n­eben­kos­ten), das DCT kos­tet rund 1300 Euro extra
Leis­tet: 173 PS (127 kW) bei 10.000 U/min
Stemmt: 129 Nm bei 8750 U/min aus 1237 ccm
Wiegt: 268 kg voll­ge­tankt plus etwa 10 kg DCT
Tankt: 18,5 Liter Super.
Hat: zwei Kupp­lun­gen, aber kei­nen Hebel dafür

Bil­der: Honda

Woanders wird gesagt …

  1. Test Aprilia Dorsoduro 1200 ABS » Kostet, Leistet , Stemmt, Wiegt, Tankt , Hat » Motorrad News Blog - geschrieben am 20. Januar 2011 um 20:00

    […] zu ver­stän­di­gen: “Jur kollam! In Emsieh-Enn! Wär ju rout äbaut hau nou­bod­die bais a Wie-Eff-Arr!” Sor­rieh für die har­ten Worte, aber eine andere Spra­che ver­ste­hen diese Eng­län­der eben […]

Kommentare

  1. dagobert - geschrieben am 19. Juni 2010 um 21:28 Uhr - Kommentar-Link

    eine gute inge­nieurs­leis­tung, die honda da ablie­fert, nur lei­der mit 2,5 schwä­chen (nach 2000km…) der len­ker ist etwas zu stark ange­win­kelt und die sitz­bank ist mehr als nur spar­ta­nisch hart — und… die optik des aus­puffs ist auch etwas „gewöh­nungs­be­dürf­tig“ (aschenbecherdesign)

Hinterlasse eine Antwort

Melde Dich mit Deinem Facebook- oder Twitter-Account an:

Connect with Facebook

Oder fülle einfach folgende Felder aus: