Atomkraft war die Zukunft

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , – 21.06.2010

Die Kern­en­er­gie ist die gewal­tigste nutz­bare Ener­gie­quelle der Mensch­heit. Als das sowohl im Krieg als Bombe wie danach in den Fünf­zi­gern zur Strom­er­zeu­gung bewie­sen war, begann die enthu­si­as­ti­sche Traum­zeit des Atom­zeit­al­ters, in der das nuklear ange­trie­bene Auto als der selbst­ver­ständ­li­che logi­sche Schritt erschien. Hier ein paar Beispiele.

Es ist für uns heute als teil­weise strah­len­ge­brannte Kin­der schwer nach­voll­zieh­bar, warum über­haupt jemand jemals unbe­dingt Atom­re­ak­to­ren spa­zie­ren fah­ren wollte. Um die fol­gen­den Fahr­zeuge zu ver­ste­hen, sollte man sich also in die eupho­ri­sche Stim­mung damals ver­set­zen. Die Kern­kraft war neu, sie hatte gigan­ti­sches Poten­zial und genau so, wie wir heute alles mit Inter­net machen, weil wir es kön­nen, weil es neu und auf­re­gend ist, naja: genau so war das eben damals mit dem gespal­te­nen Atom. Der dama­lige Land­wirt­schafts­mi­nis­ter Hein­rich Lübke etwa schlug vor, man solle Saat­gut bestrah­len, um Muta­tio­nen zu begüns­ti­gen – Muta­tio­nen, die zu beson­ders ertrag­rei­chen Arten füh­ren soll­ten[1]. Atom­kraft war die Ret­tung für die Staa­ten der Drit­ten Welt, der Schlüs­sel zum Welt­frie­den gar. Wer keine Atom­kraft wollte, war von ges­tern, und kern­re­ak­tor­be­feu­erte Autos schie­nen schlicht der nächste logi­sche Schluss. Man kann in den letz­ten bei­den Sät­zen übri­gens die Kern­en­er­gie mit zum Bei­spiel dem Inter­net ver­tau­schen, um sich in fünf­zig Jah­ren über heute zu wundern.

Simca Ful­gur

Zwei­räd­rig hin­ten, Luft­kis­sen vorne, Frau in der Mitte (Bild: Simca)

1961 stellte die fran­zö­si­sche Firma Simca auf ame­ri­ka­ni­schen Auto­mes­sen eine typisch fran­zö­si­sche Idee vor: Wir machen ein­fach alles anders, wie beim CS! Das Gefährt sollte mit zum Bei­spiel ato­ma­rer Ener­gie zwei Hin­ter­rä­der elek­trisch antrei­ben. Die Front sollte ab guten 140 km/h über ein Luft­kis­sen gescho­ben wer­den. Das ist natür­lich insta­bil, also sollte ein sta­bi­li­sie­ren­des Gyro­skop zum Ein­satz kom­men und die gro­ßen Fin­nen hin­ten soll­ten len­ken und lei­ten. Auf die Idee von Vor­der­rä­dern mit dau­er­haf­tem Boden­kon­takt wollte Simca hier nicht kom­men. Wie lang­wei­lig. Hat­ten ja alle, inklu­sive ihre eige­nen Modelle. Wei­tere Beson­der­hei­ten: ein “Elek­tro­nen­ge­hirn”, das das Auto nach Fah­r­er­be­feh­len steu­ert, sowie ein Radar, ver­mut­lich, damit das Elek­tro­nen­ge­hirn etwas sieht. Anders als der Citroen CS wurde der Ful­gur trotz sei­nes Gagais­mus nie gebaut. Zum Glück, muss man ja sagen. Seine Fahr­ei­gen­schaf­ten wären noch schlech­ter als fran­zö­sisch gewe­sen, was zusam­men mit fran­zö­si­scher Zuver­läs­sig­keit dazu geführt hätte, dass Europa heute von drei­köp­fi­gen Mutan­ten mit Frosch­schen­keln als Augen­brauen bevöl­kert wäre.

Ford Nucleon

Pickup-Designlinie mit einem Reaktor-Flatbed. Auch nett. (Bild: Ford)

Fords Uran­freunde sahen 1958 in der Atom­kraft eine Art Ben­zin 2.0: Jedes Auto sollte bald einen Reak­tor haben, an Tank­stel­len sollte es ent­we­der neues radio­ak­ti­ves Mate­rial geben oder einen neuen Reak­tor, wäh­rend der alte für den nächs­ten Kun­den gela­den wird. Ein biss­chen wie das Modell der Tausch­ak­kus, das heute durch die Köpfe geis­tert eben, nur mit mas­siv mehr Reich­weite: 8000 km sollte eine Fül­lung rei­chen, eine Tat­sa­che, die für sich gese­hen der Grund für die­sen Arti­kel ist, denn mein ers­tes Inter­esse an alter­na­ti­ven Atom­an­trie­ben begann, als ich eine Kawa­saki ZZR 1400 auf Fusi­ons­an­trieb umrüs­ten wollte und dazu Prä­ze­denz­fälle suchte. Ein Auto, das ein­fach fährt und fährt und fährt und des­sen Tank­stops dann beim ohne­hin fäl­li­gen Ser­vice schnell mit­er­le­digt wer­den kön­nen. Das Grund­prin­zip des Nucleon war das eines Atom-U-Boots: Der uran­spal­tende Reak­tor ver­dampft mit sei­ner Hitze Was­ser, der Dampf treibt min­des­tens eine Tur­bine an. Im Nucleon war eine Tur­bine über Dreh­mo­ment­kon­ver­ter direkt als Rad­an­trieb vor­ge­se­hen, eine zweite trieb einen Gene­ra­tor für den Bord­strom an. Das Betriebs­was­ser sollte in einem geschlos­se­nen Sys­tem rekon­den­sie­ren und somit im Kreis lau­fen. Die Pas­sa­giere sit­zen übri­gens vor der Vor­der­achse, weil das Reak­tor­heck mit sei­ner Abschir­mung so schwer ist. Ford baute nur ein ver­klei­ner­tes Modell vom Nucleon, das immer­hin heute noch im Henry Ford Museum steht.

Ford FX Atmos

Design oder nicht sein, das war 1954 die Frage. (Bild: Ford)

Der Atmos war 1954 ein Kon­zep­t­auto, das vor allem den Desi­gnern freien Lauf ließ. Und die moch­ten, wie es scheint, Flug­zeuge. Der Fah­rer des Atmos saß wie bei einem McLa­ren F1 in der Mitte und steu­erte mit zwei selt­sa­men Pistolengriff-Joysticks, die Bei­fah­rer saßen links und rechts dahin­ter. Viel­leicht die DVD vor­aus­ah­nend sah Ford für die Bei­fah­rer Bild­schirme zum Drauf­gu­cken vor. Über den Antrieb mach­ten sich die ver­spiel­ten Desi­gner weni­ger Gedan­ken als beim durch­dach­te­ren Nucleon, aber ein nuklea­rer war immer wie­der im Gespräch. Es sollte ja eh nie gebaut wer­den. Real hatte der Atmos über­haupt kei­nen Antrieb. Er brauchte kei­nen, denn er musste nur als Kon­zept auf Mes­sen ste­hen. Seine Gestal­tungs­ele­mente jedoch, vor allem die Flos­sen, fan­den sich tat­säch­lich in den fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jah­ren im Seri­en­bau. Ich sag nur: Elvis.

Ford Seattle-ite XXI

1962 Ford Seattle-ite XXI

Aus­tausch­bare Antriebs­ein­heit und Navi: der Seattle-ite sah weit in die Zukunft. (Bild: Ford)

Was der Atmos für die Desi­gner war, war der Ford Seattle-ite XXI für die tech­ni­schen Visio­näre: eine kom­plett freie Spiel­wiese. Natür­lich musste das Con­cept Car nach Zukunft aus­se­hen, vom heu­ti­gen Stand­punkt aus betrach­tet war jedoch vor allem die tech­ni­sche Weit­sicht von Ford gera­dezu Gibson-esque. Der Vor­der­teil des Wagens war abkop­pel­bar gedacht, damit man ver­schie­dene Antriebe für ver­schie­dene Ein­satz­zwe­cke mit dem­sel­ben Hin­ter­teil kom­bi­nie­ren konnte. Die Bro­schüre schlägt ein 60-PS-Pendlermodul und eines mit mehr als 400 PS für “trans­kon­ti­nen­tale Fahr­stre­cken” vor. Das Trieb­mo­dul sollte seine Ener­gie aus Brenn­stoff­zel­len oder einem kom­pak­ten Atom­re­ak­tor bezie­hen. Alle seine vier Räder soll­ten ange­trie­ben sein, alle soll­ten mit­len­ken. Sechs Räder füh­ren ins­ge­samt zu bes­se­rer Trak­tion und Spur­hal­tung sowie zu bes­se­rem Brems­ver­hal­ten, sagt die Ford-Broschüre. Die Steue­rung bestand aus leicht­gän­gi­gen Joy­sticks an der Mit­tel­kon­sole. Das wirk­lich erstaun­li­che Zitat lau­tet jedoch:

A view­ing screen would show engine per­for­mance cha­rac­te­ristics, road and wea­t­her con­di­ti­ons, posi­tion of the vehi­cle in rela­tion to an auto­ma­ti­cally rol­ling road map, and esti­ma­ted time of arri­val at any selec­ted designation.

Ford beschreibt damit 1962 etwas, das heute in fast jedem Auto an fast der­sel­ben Posi­tion wie im Seattle-ite hängt: ein Navi­ga­ti­ons­ge­rät. Und sie beschrei­ben moderne Fahr­zeu­gin­for­ma­ti­ons­sys­teme. Jün­gere wer­den hier gäh­nen, weil Digi­tal­tech­nik ein selbst­ver­ständ­li­cher Part jedes ihrer Lebens­ab­schnitte war. Heute geht man ja ohne min­des­tens 30 MIPS in der Tasche gar nicht mehr aus dem Haus. Damals jedoch waren die Leute schon froh, wenn es gelang, eine Flipflop-Schaltung auf Halb­lei­ter­sub­strat zu kra­keln. Fords Träu­mer hiel­ten sich nicht damit auf, was mög­lich war oder was viel­leicht mal mög­lich sein würde, son­dern dach­ten, unbe­darft wie Wil­liam Gib­son, daran, was cool wäre. Navis sind ein­ge­tre­ten, Auto­in­fo­sys­teme eben­falls, für aus­tausch­bare Antriebs­ein­hei­ten gibt es gerade jetzt, bei den dis­ku­tier­ten seri­el­len Hybri­den wie­der eine Chance. Da könnte eine Brenn­stoff­zelle die Ener­gie lie­fern. Oder doch wie­der ein Atom­re­ak­tor. Denn die Idee starb mit­nich­ten in den sech­zi­ger Jahren:

Cadil­lac World Tho­rium Fuel Concept

Cadillac World Thorium Fuel Concept

WTF? Die­ser Jubiläums-Cadillac sollte nur alle 100 Jahre tan­ken. (Bild: GM)

“WTF” indeed. Das Akro­nym kann kein Zufall gewe­sen sein, ist es doch der erste Gedanke, der durch ökolo­gisch kor­rekt sozia­li­sierte Gehirne ging, als die­ser Caddy-Entwurf Anfang 2009 die Runde bei den Auto­sei­ten machte: What the fuck? Nun, ein GM-Designer ließ sei­nen Gedan­ken zum 100sten Geburts­tag von Cadil­lac (oder bes­ser: zum hun­derts­ten Geburts­tag von GM-Cadillac) freien Lauf – und diese Gedan­ken dreh­ten sich offen­bar nur um eines: Halt­bar­keit. Der WTF sollte 100 Jahre lang hal­ten, ohne Ersatz­teile, ohne Nach­tan­ken. Dazu zeich­nete der Desi­gner einen gut gekap­sel­ten Tho­ri­um­re­ak­tor in das Fahr­zeug­heck, der das Auto in Fahrt und die ganze Nach­bar­schaft im Stand mit Ener­gie ver­sor­gen könnte. Wohl­ge­merkt: für 100 Jahre, denn Fords Kon­zept von der ato­ma­ren Tanke an jeder Ecke konnte sich ja irgend­wie nicht durch­set­zen. Alle Kom­po­nen­ten sind redun­dant aus­ge­legt, auch die Räder. Das sind näm­lich nicht vier breite, wie man auf den ers­ten Blick ver­mu­ten mag, son­dern 24 dünne, an jeder Ecke sechs, jedes davon ein­zeln elek­trisch ange­trie­ben. Laut dem Desi­gner soll­ten etwa alle fünf Jahre Ein­stel­lungs­ar­bei­ten daran fäl­lig sein, aber keine Teile nötig. Ob Elvis sich so einen WTF gekauft hätte? Mal abge­se­hen davon, dass Elvis Cad­dies kaufte wie andere Leute Ziga­ret­ten­schach­teln: die­ser hier sieht tat­säch­lich fla­shig genug für die Initia­len “E.P.” aus. Er macht mir außer­dem Hoff­nung dar­auf, dass ich doch noch meine Fusionsreaktor-Kawasaki kriege.

[1] Hier kam eben ein Brief rein, der daran erin­nert, dass Bestrah­lung zur Muta­ti­ons­be­güns­ti­gung üblich ist. Wir haben dar­über sogar damals in der Schule gelernt, genauso wie über Bestrah­lung zur Halt­bar­ma­chung. Ich wollte eigent­lich mit die­sem Bei­spiel sagen: Wenn heute ein Land­wirt­schafts­mi­nis­ter sowas offen loben würde, flö­gen die fau­len (weil unbe­strahl­ten) Tomaten.

Woanders wird gesagt …

  1. Hill Valley Blog » Blog Archiv » Diese Kisten fahren mit Atomenergie - geschrieben am 21. Juni 2010 um 22:04

    […] …zumin­dest war das so geplant: Die Kol­le­gen vom MoJo­mag haben unter dem Motto “Atom­kraft war die Zukunft” einige skur­rile Kon­zept­stu­dien aus­ge­gra­ben – hier kli­cken und sich fra­gen, wo der DeLo­rean bleibt! […]

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