Buchrezension „Verirren — eine Anleitung“

– Clemens Gleich in Kategorie(n) – 10.06.2010

Als pro­fes­sio­nel­ler Ver­ir­rer musste ich die­ses Buch unbe­dingt lesen. Nach­dem ich mich meine letz­ten bei­den Ver­ir­run­gen ohne die Rat­schläge von Kath­rin Pas­sig und Aleks Scholz durch­schla­gen musste, wird es die Rei­se­vor­be­rei­tung fürs nächste Mal sein. Warum man sich bes­ser mit Buch verirrt.

Es ist ein biss­chen unfair, die­ses Buch mit mei­nen Ansprü­chen zu rezen­sie­ren, weil ich den größ­ten Teil mei­nes Gel­des beim Her­um­ir­ren auf oder in Motor­fahr­zeu­gen ver­diene. Geschrie­ben ist es für Leute, die das in ihrer Frei­zeit machen und Geld dafür aus­ge­ben, statt es zu krie­gen. Aber trotz­dem fang ich mit Rum­krit­teln vor dem Hin­ter­grund maß­los über­zo­ge­ner Ansprü­che an (was ich übri­gens vor lan­ger Zeit von einer Frau gelernt habe). Pas­sig und Scholz lei­ten ein mit einem Plä­do­yer für zwang­lo­ses Ver­ir­ren als Frei­zeit­be­schäf­ti­gung und einem Bei­spiel an den Niagara-Fällen. Lei­der plät­schert das Buch hier etwas, ich hätte das Plä­do­yer lie­ber als einen von Frau Pas­sigs kna­cki­gen Essays gele­sen, was das Rest­buch bes­ser fokus­siert hätte. Denn irgend­wann fin­det eine Defi­ni­tion von “Ver­ir­ren” als eine Erfor­schung des Unbe­kann­ten statt und der Text legt rich­tig los mit Men­tal Maps, Psy­cho­lo­gie von Ver­irr­ten, dem Prin­zip Cool­ness und es ver­gisst auch nicht meine gro­ßen Vor­bil­der, die Navi­ga­to­ren der Süd­see, als Vor­bil­der für alle Ver­ir­rer anzu­füh­ren (habe mich mal selbst auf einem Aus­le­ger­kanu in Mikro­ne­sien ver­irrt). Wenn die Kanu­seg­ler nicht dabei­ge­we­sen wären, hätte ich Frau Pas­sig schla­gen wol­len. So will ich sie küssen.

Lei­der dau­ert es ewig, bis diese span­nen­den Sachen pas­sie­ren. Das Buch kommt erst kurz vor der Hälfte in sei­nen Leis­tungs­be­reich und das Prin­zip des zwang­los erfor­schen­den Ver­ir­rens als Frei­zeit­be­schäf­ti­gung wirkt oft einem span­nen­den Kapi­tel am Ende als Nach­ge­danke beige­fügt – viel­leicht, um es mit der Ein­lei­tung stim­mig zu hal­ten. In Fahrt ist die­ses Buch ein Muss für jeden, der eine Tür nach drau­ßen (belieb­tes Fea­ture) an sei­ner Woh­nung hat. Für meine letz­ten bei­den gro­ßen Ver­ir­run­gen mit der MV Agusta Bru­tale und der BMW S 1000 RR kam das Buch zu spät, es ist aber fest ein­ge­plant als zusätz­li­cher Tip-Geber für die nächste. Mir per­sön­lich feh­len nur einige Hin­weise zum moto­ri­sier­ten Ver­ir­ren, ein­fach weils mein Spe­zi­al­fall ist, aber dann hat die wenigs­tens die Kon­kur­renz nicht, die ich dann wei­ter­hin her­ver­ir­ren kann, dass das Navi kracht. “Ver­ir­ren” ist sein Geld ins­ge­samt als Lese­lek­türe wert und zur Hälfte als irre Forscherreferenz.

Zündschlüssel steckt schon

Ver­ir­ren mit Anlei­tung ist lus­ti­ger als ein Navi.

Ver­ir­ren
Eine Anlei­tung für Anfän­ger und Fort­ge­schrit­tene
18,95 Euro
Hard­co­ver, 272 Sei­ten
ISBN 3871346403

Ver­lag rowohlt Berlin

bei Ama­zon kau­fen

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