Neu: der Martin Jetpack

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , , – 08.06.2010

Unzäh­lige Kin­der träu­men seit den sech­zi­ger Jah­ren von ihrem eige­nen Jet­pack, der jedoch immer nur im Kino Rea­li­tät wurde. Der “Mar­tin Jet­pack” will die­sen Traum für 50.000 US-Dollar wahr machen — noch die­ses Jahr.

Ginge es nach unse­ren Visio­nen aus den sech­zi­ger, sieb­zi­ger Jah­ren, wür­den wir alle in flie­gen­den Autos, ange­trie­ben von Fusi­ons­re­ak­to­ren, in den Urlaub rei­sen und der Rake­ten­ruck­sack wäre unser Äqui­va­lent zum Mofa: ein bil­li­ges per­sön­li­ches Fort­be­we­gungs­mit­tel für alle. Wie das mit den Zukunfts­vi­sio­nen so ist, kam alles ganz anders. Heute hat kei­ner einen Rake­ten­ruck­sack, weil sowas zu bauen schwie­ri­ger ist, als wir uns das damals in der opti­mis­ti­schen Zeit der Luft­fahr­tech­nik­durch­brü­che vor­ge­stellt haben. Ende 2010 soll den­noch der “Mar­tin Jet­pack” ans Volk ver­kauft wer­den, und das könnte dies­mal klap­pen, weil die­ses Flug­ge­rät die wich­ti­gen Dinge ganz anders macht. Zunächst mal ist die Erfin­dung aus Neu­see­land kein Rake­ten­ruck­sack. Sie hat keine Rake­ten wie die Teile, mit denen James Bond damals durch “Thun­der­ball” flog, sie hat nicht­mal Tur­bi­nen, obwohl die Düsen danach aus­se­hen. Nein, die gekap­sel­ten Pro­pel­ler­schrau­ben des Mar­tin Jet­pack wer­den über Zahn­rie­men von einem zen­tral im Rück­grat der Maschine mon­tier­ten V4-Zweitakt-Kolbenmotor ange­trie­ben. Wäh­rend James Bond damals nur eine halbe Minute in der Luft blei­ben konnte, soll der Mar­tin Jet­pack eine halbe Stunde mit einer Tank­fül­lung schaf­fen. In der Luft ist man damit bis knapp 100 km/h schnell und schafft somit nach Adam Riese bis zu 50 Kilo­me­ter, bevor die nächste Tank­landung fäl­lig ist. Die maxi­male Flug­höhe beträgt gute 2400 Meter und der Preis geplant 50.000 US-Dollar.

Mit die­sen Eck­da­ten öffnen sich dem Mar­tin Jet­pack Ein­satz­mög­lich­kei­ten, die über den puren Spaß von Pri­vat­per­so­nen hin­aus­ge­hen. Not­fall­sa­ni­tä­ter könn­ten zum Bei­spiel in einen undurch­dring­li­chen Stau ein­flie­gen. Spe­zi­al­ein­satz­kräfte von Poli­zei oder Mili­tär könn­ten sich in kür­zes­ter Zeit auf Gebäu­den takt­sich güns­tig posi­tio­nie­ren. Ein ähnli­che Idee sol­len ja die Nazis damals im zwei­ten Welt­krieg gehabt haben: Sol­da­ten, die Minen­fel­der und Sta­chel­draht schwe­bend über­win­den. Außer­dem ist der Mar­tin Jet­pack siche­rer als die meis­ten sei­ner Vor­gän­ger. Zum Bei­spiel trägt ein Not­fall­schirm Pilot nebst Maschine zu Boden, wenn der Sprit in einem Kilo­me­ter Höhe aus­ge­hen sollte oder etwas kaputt geht. Allzu harte Lan­dun­gen des (ohne Fall­schirm) 125 kg schwe­ren Kon­strukts aus Koh­le­fa­ser­la­mi­nat federt ein Stoß­dämp­fer an den Lan­de­fü­ßen ab. Das Flug­werk ist kom­plett aus CFK gefer­tigt, um den Jet­pack leicht zu machen, und agiert als Schutz, um ihn siche­rer zu machen. Die Pro­pel­ler­hül­len zum Bei­spiel schüt­zen vor seit­li­chen Kol­li­sio­nen, die Steu­er­arme bis zu einem gewis­sen Grad vor fron­ta­len. Alle beweg­li­chen Teile sind gekap­selt und das heiße Abgas strömt erst in eini­gem Abstand zum Pilo­ten in die Umge­bungs­luft. Es sieht also regel­recht benutz­bar aus, was auch drin­gend nötig ist, denn der Mar­tin Jet­pack erfor­dert keine Flug­li­zenz. Die Firma will ihn des­halb nur Leu­ten ver­kau­fen, die in einer Ein­wei­sung bewie­sen haben, dass sie nicht sofort nach dem Kauf im nächs­ten Fern­seh­turm hän­gen. Nach­trag: “Keine Flug­li­zenz” gilt nur für die USA, siehe Kommentare.

Die schnit­tigste Selbst­mord­me­thode des 21sten Jahr­hun­derts: der Mar­tin Jet­pack (Bild: MAC)

Die Schwer­kraft ist eben unnach­gie­big, und wo Flug­zeuge zumin­dest Trag­flä­chen haben, mit denen sie zur Not noch manö­vrie­ren oder gar lan­den kön­nen, fällt ein Jet­pack in so einem Fall ein­fach zu Boden wie ein Stein. Glenn Mar­tin hat des­halb dar­auf geach­tet, dass alles dop­pelt, drei­fach, fünf– oder gar zehn­fach gesi­chert ist, dass die Kon­struk­tion an sich mög­lichst wenig Gefah­ren­po­ten­zial hat. Der Motor zum Bei­spiel ist eine kom­plette Eigen­ent­wick­lung, denn es gab in der Seri­en­fer­ti­gung keine Maschi­nen, die die selbe Leis­tung (etwa 200 PS) bei einem ver­gleich­bar gerin­gen Gewicht (etwa 60 kg) einen ver­gleich­bar linea­ren Dreh­mo­ment­ver­lauf bie­ten. Selbst unter moderns­ten Motor­rad­mo­to­ren wird es schwie­rig. Der BMW-Vierzylinder des Sport­mo­tor­rads S 1000 RR etwa wiegt zwar aus­ge­baut etwa das­selbe, hat aber eine auf­wen­dige Was­ser­küh­lung und eine Druck­um­lauf­schmie­rung, die betriebs­be­reit Gewicht und Feh­ler­quel­len hin­zu­fü­gen. Zudem dreht der BMW-Motor mehr als dop­pelt so hoch, und Mar­tin wollte hohe Dreh­zah­len drin­gend ver­mei­den. Bei 6000 U/min ist daher Schluss.

Mar­tin nimmt bereits Vor­be­stel­lun­gen ent­ge­gen und will Ende des Jah­res die ers­ten Jet­packs aus­lie­fern. Mit im Boot ist ein nicht näher genann­ter Part­ner aus der Luft­fahrt­bran­che. Die ganze Sache mag sich für den Laien ein­fach nach einer lus­ti­gen Pro­dukt­neu­heit anhö­ren, aber der gute Glenn Mar­tin arbei­tet seit fast 30 Jah­ren an sei­nem Jet­pack, des­halb ist es auch beleibe noch nicht sicher, dass wir wirk­lich end­lich unsere Jet­packs krie­gen. Die Geschichte die­ser Flug­ge­räte ist geprägt von Enthu­si­as­mus, dem in den meis­ten Fäl­len Tra­gik folgt. Der Test­pi­lot Harold Gra­ham etwa, der den ame­ri­ka­ni­schen “Rocket Belt” aus­gie­big für das Pen­ta­gon tes­tete, zog sich nach der Ein­stel­lung des Rocket Belt zurück und ging sei­ner Lei­den­schaft für die Lüfte in einem klei­nen Flug­zeug nach. Als ihm ihm die Luft­fahrt­be­hörde wegen Krank­heit die Lizenz ent­zog, mar­schierte er Ende Okto­ber 2009 in die Behörde und schoss sich in den Kopf. Glenn Mar­tins neues Ver­spre­chen sieht bis jetzt nüch­tern durch­dacht aus, und noch nie­mand hat sich des­we­gen umge­bracht. Jetzt muss er das Ver­spre­chen nur noch halten.

Die Mar­tin Air­craft Company

Kommentare

  1. Capovau - geschrieben am 9. Juni 2010 um 08:04 Uhr - Kommentar-Link

    Das sieht ja alles sehr lus­tig aus und wird es sicher auch sein. Aller­dings glaube ich bei den avi­sier­ten Flug­leis­tun­gen nicht an die Lizenz­frei­heit des Appa­ra­tes. Ich möchte jeden­falls kei­nem der­ar­ti­gen Spaß­ge­rät in RL begeg­nen, ohne sicher zu sein, das der Trei­ber tat­säch­lich alle Flug­re­geln kennt und beher­zigt. Außer­dem wäre es nett, ihn auch über Funk anspre­chen zu kön­nen und gemein­sam die Luft­raum­nut­zung „bespre­chen“ zu kön­nen. An ähnli­chen „büro­kra­ti­schen Hemm­nis­sen“ sind frü­her schon einige „Volks­flug­zeuge“ geschei­tert. Man unter­schätze die deut­sche und die euro­päi­sche Flug­bü­ro­kra­tie und Regel­wut nicht. Ich wün­sche dem Pro­jekt for­tune, flug­tech­nisch und geset­ze­s­tech­nisch.
    Gruß
    Capovau

  2. Capovau - geschrieben am 9. Juni 2010 um 08:15 Uhr - Kommentar-Link

    http://www.martinjetpack.com/classification.aspx

    Alles klar! Die Lizenz­frei­heit gilt für die USA. Hier in den EU-Ländern braucht man eine Lizenz, näm­lich die SPL (Sport­pi­lo­ten­li­zenz). Das Teil ist sei­ner Her­stel­lung nach ein 3-achsiges Ultralight-Fluggerät. Natür­lich muss es auch erst noch durch die zustän­di­gen Stel­len zuge­lass­sen wer­den, DULV oder DAeC. Damit ent­fällt natür­lich auch die Mög­lich­keit kom­mer­zi­ell damit tätig zu wer­den. Poli­zei und Ret­tungs­kräfte wer­den auch wei­ter­hin auf diese Art der Stau­um­fah­rung ver­zich­ten müs­sen. Cle­mens nimms nicht als Bes­ser­wis­se­rei nur als Ergänzung.

    Gruß
    Capovau

  3. Clemens Gleich - geschrieben am 9. Juni 2010 um 12:54 Uhr - Kommentar-Link

    Ah, vie­len Dank für die Nach­re­cher­che. Wenn die das Teil aller­dings tat­säch­lich nach Deutsch­land brin­gen, mach ich auch den ent­spre­chen­den Ultraleicht-Schein.

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