Rote Sau 2.0: Mercedes S63 AMG Thirty-Five

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 12.06.2010

Jeder liebt Under­dogs. Und Under­dogs fin­den immer eine wei­che Stelle, in die sie sich ver­bei­ßen kön­nen. Ich per­sön­lich habe außer­dem eine Schwä­che für Schweinee­imer im Renn­ein­satz, habe in MO 11–2008 selbst eine alte Berg­renn­stre­cke für meine Schweinee­imer­welt­meis­ter­schaft mit Schwer­las­tern wie der Har­ley Road King, der gro­ßen Suzuki Intru­der M 1800 und natür­lich der Tri­umph Rocket III mal­trä­tiert. Sowas ist immer wie ein Wett­ren­nen von Hän­ge­bauch­schwei­nen: Es hat wenig mit Sport zu tun, aber alles plus ein biss­chen mit Unter­hal­tung. Ein klas­si­scher Schweinee­imer und ein Under­dog ist AMGs “Rote Sau”, der Mer­ce­des 300 SEL 6.8 AMG, der im Juli 1971 beim 24-Stunden-Rennen von Spa einen zwei­ten Platz ein­fuhr, den nie­mand erwar­tet hatte. Es hatte nicht­mal jemand erwar­tet, dass eine lange Limou­sine mit Ser­vo­len­kung, Luft­fe­de­rung, Tep­pi­chen, Tür­ver­klei­dun­gen und Edelholz-Zierteilen über­haupt teil­neh­men könnte. Natür­lich hatte die Rote Sau mehr zu bie­ten als Tro­pen­holz. 428 PS zum Bei­spiel. Die kata­pul­tier­ten den 300 SEL samt sei­ner Tep­pi­che auf Geschwin­dig­kei­ten von 265 km/h. Auf den lan­gen Gera­den des alten Kur­ses in Spa kriegte sie kei­ner. Die Gera­den waren auch die ein­zige Chance der über­las­te­ten Brem­sen, nicht in vier Strei­fen Metall­guss auf der Stre­cke zu enden. Es war gro­ßes Kino für alle Zuschauer und der rote AMG schaffte es sogar in die Tagesschau.

Wie das bei den Racern so ist, ver­kauf­ten sie den Wagen an den fran­zö­si­schen Kon­zern Matra, der sein enor­mes Gewicht und seine enorme Geschwin­dig­keit für Tests ver­wen­dete, wie es Flug­zeu­grei­fen beim Auf­set­zen so geht. Was aus dem Ori­gi­nal gewor­den ist, weiß glaube ich kei­ner so recht. Fest steht, dass AMG 2006 eine funk­ti­ons­fä­hige Replik der Roten Sau baute, die seit­dem in der Zen­trale bei Affal­ter­bach im Foyer steht. Das Auto hat auch heute noch so viel Cha­risma, dass keine Werks­füh­rung bei AMG kom­plett ist, ohne dem feu­er­ro­ten Schweinee­imer Hallo zu sagen. Es ist eines der ganz weni­gen Fahr­zeuge, die den Proll wie den Con­nais­seur glei­cher­ma­ßen anspre­chen. Man muss die­ses Teil gernhaben.

AMG hat es gern. Sie haben es so gern, dass sie ein Show­car auf­ge­baut haben, eine AMG S-Klasse im Stil der Roten Sau – als Vor­schau auf den im Sep­tem­ber kom­men­den Mer­ce­des S 63 AMG. Der Mer­ce­des S 63 AMG “Thirty-Five” hat einen Über­roll­bü­gel, Scha­len­sitze und Berge von Leis­tung (571 Ps, 900 Nm mit Per­for­mance Package). Er hat jedoch außer­dem die alten Auf­kle­ber von damals und er hat bestimmt alle Kom­fort­funk­tio­nen der S-Klasse minus wahr­schein­lich die Mas­sa­ge­sitze. Das Auto könnte mit sei­ner Leis­tung eine Klein­stadt ver­sor­gen und muss das auch, weil es näm­lich so viel wiegt wie eine. Es ist total gaga. Ich liebe es. Ich liebe den Gedan­ken, damit DVD-guckend und tele­fo­nie­rend wie ein roter ICE (denn so lang ist die Karre) an über­for­der­ten Sport­wa­gen­len­kern vor­bei­zu­bla­sen, den Asphalt in Wel­len aufwerfend.

Ich möchte mit einem Zitat von Hans Heyer schlie­ßen, denn der hat die Rote Sau damals in Spa zusam­men mit Cle­mens Schi­cken­tanz gelenkt:

Wir wuss­ten, dass wir gewin­nen konn­ten.
Nur die ande­ren wuss­ten es noch nicht!

Mercedes 300 SEL 6.8 AMG neben Mercedes S 63 AMG Thirty-Five

Die alte und die neue Gene­ra­tion von schnel­len Schweinee­imern. (Bild: AMG)

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Kommentare

  1. Christoph Hensel - geschrieben am 14. Juni 2010 um 11:25 Uhr - Kommentar-Link

    4,4 s von 0 auf 100 ist schon ne Ansage für den neuen Schweinee­imer. Macht bestimmt Spass und ist def. unbe­zahl­bar, für Unsereins.

  2. Clemens Gleich - geschrieben am 14. Juni 2010 um 11:51 Uhr - Kommentar-Link

    Tja, Chris­toph, oder alten 300 SEL kau­fen und auf über 400 PS auf­pum­pen. Das ist dann sehr uner­war­tet für alle, die man mit so einer Anti­qui­tät kassiert.

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