Einsame Spitzen

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , , – 26.08.2010

Die Inter­mot ist das wich­tigste Ereig­nis für jeden geschei­ten Motor­rad­jour­na­lis­ten, und weil ich kei­ner bin, fuhr ich der Messe 2008 in die Alpen davon, um mit gewalt­be­rei­ten Sozi­o­pa­then über Hei­rat zu reden.

Herbst 2008, die Inter­mot steht an. Viele Leser von Motor­rad­zeit­schrif­ten machen sich von Mes­sen ein fal­sches Bild. Dort pas­siert zum Bei­spiel nichts Neues, denn alle Daten kom­men schon lang vor­her in die Redak­tio­nen, damit die Crews dort pas­sende Hefte für die Mes­sen machen kön­nen. “Gro­ßes Intermot-Special” oder so. Nein, Mes­sen haben wenig mit Infor­ma­tion zu tun, son­dern man trifft dort ein­fach mal die Szene, kom­pakt an einem Ort, zum Kaf­fee trin­ken, Ben­zin schwät­zen, Pro­jekte pla­nen und abends fei­ern. Hört sich gut an, ne? Ist es auch. Lei­der steht für fast jeden beruf­li­chen Mes­se­be­su­cher, sei es nun von einem Her­stel­ler oder von der Presse auch Mes­se­dienst an, und das ist ziem­lich exakt genau so spa­ßig wie in der Vor­hölle Fuß­nä­gel rau­chen. “Wo sind denn die Toi­let­ten?” Bitte geh wei­ter, du Elends­tou­rist. “Also, die­ser Arti­kel da, mit dem ABS, ne…” Bitte reicht mir mei­nen Strick.

Mit die­sem Fet­zen unnüt­zen Wis­sens ver­ste­hen Sie viel­leicht das fol­gende Tele­fo­nat bes­ser, das vor der Inter­mot statt­fand:
“…okay, super. Wir sehen uns dann auf der Inter­mot, oder?”
“Nicht, wenn ich es ver­mei­den kann. Ich habe Urlaub ein­ge­reicht.”
“Was? Aber… die Inter­mot… da muss man doch hin?”
“Was? Wieso denn?”
“Na, da pas­siert die Motor­rad­welt!”
Meine Motor­rad­welt pas­siert auf Alpen­stra­ßen, die von den letz­ten schö­nen Tagen des Jah­res gewärmt wer­den, und wenn die rest­li­che Motor­rad­welt der­weil im Rhein­land Dünn­bier aus Rea­genz­glä­sern trinkt, umso bes­ser: sind wenigs­tens die Stra­ßen frei.”

Kuh­trei­ber: Die Shi­ver kommt an der Hütte an. Die Kuh guckt dumm.

Genug von der Messe. Was braucht man für einen kur­zen Alpen­ur­laub? Ein biss­chen Wäsche, viel­leicht eine Brot­zeit für unter­wegs und ein Dach überm Kopf. Meins war ein Kuh­stall mit vorne eini­gen Gäs­te­räu­men drin. Anno Dun­ne­mal war so ein Arran­ge­ment üblich, um die Abwärme der Kühe zu nut­zen (BMW-Fahrer ken­nen das ja von ihren Füßen). Der strenge Geruch war in die­sen guten alten Tagen vor der Erfin­dung der Hygiene natür­lich ein Pro­blem, aber zum Glück störte er die Kühe nicht son­der­lich und die Sache funk­tio­nierte. “Grüß Gott”, sagt die Bäue­rin, eine Gruß­for­mel, über die sich Leute aus dem gott­lo­sen Nor­den gern lus­tig machen, wenn sie sich in Sicher­heit wie­gen (unter einem Blitz­ab­lei­ter zum Bei­spiel). Die Alpen­län­der sind in ihrer geo­gra­phi­schen Nähe zum Him­mel immer noch von einem all­täg­li­chen Katho­li­zis­mus durch­drun­gen. Über den Bet­ten hängt ein Gemälde einer Bibel­fi­gur, die seg­nend ihre Hände aus­brei­tet, im Wohn­zim­mer wohnt das aller­hei­ligste Herz Jesu und er selbst hängt an den Pil­ger­we­gen herum, wo ihm Pas­san­ten Blu­men unter sei­nen hand­ge­schnitz­ten Holz­kas­ten legen. Gott im katho­li­schen Ver­ständ­nis passt ein­fach hier­her. Als Bub in Bay­ern gab es kei­nen Zwei­fel für mich, dass der Cho­ral “Näher, mein Gott, zu Dir” nur von hier kom­men kann. Wie so viele mei­ner dama­li­gen Annah­men stellte sich das spä­ter als fak­tisch voll­kom­men falsch her­aus, aber emo­tio­nal wird es immer stim­men. Nie­mand singt das Lied mit mehr Inbrunst als die Alpen­leute. Es könnte jemand da oben zuhö­ren. “Wie Ehr­furcht gebie­tend ist doch die­ser Ort!”, rief Jakob in Bethel aus, “Hier ist nichts ande­res als das Haus Got­tes und das Tor des Him­mels.” Er hätte auch auf der Zug­spitze ste­hen können.

Die Sonne im Rücken sei­nen eige­nen Berg­schat­ten über den Dör­fern im Tal sehen. Gänsehaut.

Diese wei­te­ren, pathe­ti­schen Fit­zel nutz­lo­sen Wis­sens soll­ten deut­lich machen, dass auch die Insti­tu­tion “Hei­rat” so weit abseits des Menschen-Mainstreams noch etwas erns­ter genom­men wird. Nichts mit Ehe­part­ner wech­seln wie Unter­wä­sche. “Ich sage euch, daß, wer immer sich von sei­ner Frau schei­den läßt, aus­ge­nom­men auf­grund von Hure­rei, und eine andere hei­ra­tet, Ehe­bruch begeht.” Wer hat das gesagt? Na, Jesus. Und Ehe­bruch ist eine Sünde, des­halb schip­pert der Berg­be­woh­ner zumin­dest mit einer ernst gemein­ten für-immer-Intention in den Ehe­ha­fen. So wie Mar­tin, der Sohn der Gast­ge­ber­fa­mi­lie. Nach Ankunft auf der Hütte ließ ich alles mit­ge­brachte Gepäck inklu­sive Frau dort, um schön fah­ren zu kön­nen. Frau­en­ken­ner sind bei die­sem Satz zu Recht schmerz­haft zusam­men­ge­zuckt, aber irgend­wie schien mir diese schlechte Idee zu die­sem Zeit­punkt eine gute Idee. Bei mei­ner Rück­kehr über wun­der­bare Spät­som­mer­pässe siffte der Ölfil­ter an der Apri­lia Shi­ver, und mir fiel ein, dass ich Mar­tin am Vor­abend auf sei­ner KTM gese­hen hatte — ohne Helm, aber mit Bom­mel­mütze. Er erzählte mir spä­ter, die Bom­mel­mütze, das sei, weil er wegen Trun­ken­heit am Steuer gerade eh kei­nen Füh­rer­schein habe. Eigent­lich wollte ich mir Werk­zeug lei­hen, um den Ölfil­ter nach­zu­zie­hen. Nun ist Mar­tin aber ein amt­li­ches Viech, das für der­art geringe Dreh­mo­mente nur seine Pran­ken als Werk­zeug braucht. Der Ölfil­ter saß fest.

“Ich habe heute deine Frau auf der Ter­asse sit­zen gese­hen”, sagt Mar­tin nach geta­ner Arbeit.
“Das ist nicht meine Frau”, sage ich.
“Hm. Musst sie aber schon hei­ra­ten. Hei­rat ist wich­tig.”
“Äh. Ich glaube nicht, dass das in ihrem Sinne wäre.”
“Oh. Darf ich ihr dann mal eine Fla­sche Sekt vor­bei­brin­gen, wenn sie wie­der da sitzt?”
Da musste ich lachen. “Klar darfst du das. Ich würde nur nicht über Hei­rat reden.”
Die Frau­en­ken­ner haben hier mit der Hand auf ihre Stirn geklatscht, wie­derum zu Recht, was sie gleich noch­mal für den nächs­ten Tag tun kön­nen, an dem ich eine wei­tere große Runde fuhr — allein. Die Beschwerde “du hast mich mit einem hei­rats­wü­ti­gen Psy­cho­pa­then allein gelas­sen, ich habe mich nicht aus dem Haus getraut” tat ich als gelun­ge­nen Witz ab. Ich möchte hier den Frau­en­ken­nern bestä­ti­gen, was sie ohne­hin ahnen: Die Frau hatte spä­ter Gele­gen­heit, ange­mes­sen zu explodieren.

Wun­der­bare Tou­ren mit einem coo­len V2 gefah­ren und alles, was man über Frauen wis­sen sollte, vergessen.

Spä­ter am Abend, der knis­ternde Kachel­ofen im Wohn­zim­mer, ich mit Buch in der Hand und Tee auf dem Tisch. Klopf, klopf. Es ist Mar­tin, er bringt Bier. Komm rein, Mar­tin; komm rein, Bier. Mar­tin hatte geschätzte zehn Bier Vor­sprung, weil er gerade vom Nach­barn kam — mit sei­ner KTM und sei­ner Bom­mel­mütze, denn zum Nach­barn sind es zwei Kilo­me­ter. Der Nach­bar betreibt auch Land­wirt­schaft und hat eine Toch­ter, die ihrer­seits einen eige­nen Sohn hat, des­sen Vater in Sünde abge­hauen ist. Der Groß­va­ter mag Mar­tin. Der Bub mag Mar­tin. Mar­tin mag die Toch­ter, die aller­dings will ihn nicht hei­ra­ten. Mar­tin setzt sich auf einen Kat­zen­platz im ansons­ten lee­ren Wohn­zim­mer, wir öffnen die Biere. “Aber der Bub”, sagt Mar­tin, “es tut mir leid um den Bub, der ohne Vater auf­wächst.” Tja, jun­ger Freund, rat­schlage ich groß­spu­rig, man kann die Liebe eben nicht zwin­gen. Als hätt ich Ahnung von Frauen. “Ist deine Frau noch wach?” Nein, Mar­tin, sie ist schon ins Bett gegan­gen. Er sagt “Musst sie schon hei­ra­ten, gell?” und “Hab sie heute gar nicht gese­hen…” Äh, tja… Ich ver­schweige ihm, dass sie sich vor ihm fürch­tet, und er gibt wei­tere Gründe, das zu tun. Er ist näm­lich mal Tiro­ler Kick­box­meis­ter gewe­sen, sagt er. Und wenn ihm jemand dumm komme, dann raste er eben aus. So wie die­ses eine Mal auf dem Okto­ber­fest, als ihm das Sicher­heits­per­so­nal den Zutritt zum Zelt ver­wei­gern wollte, weil er zu besof­fen aus­sah. Er hat einen ver­prü­gelt und, als es dann mehr wur­den, eine die­ser orange-schwarzen Schnee­hö­hen­mess­lat­ten aus dem Boden gezo­gen und jeman­dem in die Zähne gerammt. Mar­tin setzte sei­nen Bier­wunsch durch, der Rich­ter setzte 25.000 Euro Schmer­zens­geld fest.

Er erzählt noch von sei­nen KTM-Tuning-Projekten, er lädt mich ein, mit ihm mal aufs Okto­ber­fest zu gehen, aber ich ver­stehe trotz die­ser Freund­lich­keit auch, dass ihn diese Toch­ter nicht hei­ra­ten will. Ich meine, wie er da so schüch­tern sitzt, wirkt er nicht wie jemand, der ner­vös auf sei­nen nächs­ten Gewalt­an­fall war­tet. Er sieht viel­mehr so aus, als könne man ein paar Stun­den mit dem Ham­mer auf ihn ein­schla­gen, bevor er einem ruhig, beson­nen und völ­lig unbe­ein­druckt das Ding aus der Hand nimmt und sagt “Jetzt bin ich dran.” Diese Ein­schät­zung bestä­tigt seine Erzäh­lung vom Tre­cker­un­fall. An Alpen­hän­gen fährt man Tre­cker mit Spur­ver­brei­te­rung (vier Räder pro Achse mon­tiert), damit man nicht vom Berg kugelt wie ein Smart. Dass trotz­dem mal was umfällt, sieht der Berg­bauer als nor­mal an. Ist ja schließ­lich steil. An Mar­tins Berg hat offen­bar fast jeder schon­mal einen Tre­cker fal­len sehen. Fast erwarte ich als Zuhö­rer, dass es drau­ßen anfängt, fried­lich Land­ma­schi­nen zu schneien. Ein Tre­cker ist mal auf Mar­tin drauf­ge­fal­len, hat sich dabei jedoch trotz sei­ner über drei Ton­nen mehr selbst beschä­digt als Mar­tin, der sich mit einem gebro­che­nen Becken und ein paar wei­te­ren Brü­chen nach Hause schlep­pen konnte, wäh­rend der Tre­cker als Wrack ver­schrot­tet wer­den musste.

Die typi­schen klei­nen Alpen­stra­ßen. Schee. Man muss nur auf her­ab­fal­lende Tre­cker achten.

Am nächs­ten Tag wun­derte ich mich, dass die Frau nicht mehr mit mir sprach, aber hey: Wer ver­steht schon die Frauen? Nach­dem sie eh nichts sagte, schwang ich mich noch­mal auf die Shi­ver, die hier so viel Laune macht. Voll­gas, bis die Sonne geht. Ja, ich höre die “Ouh!”-Rufe der Frau­en­ken­ner bis hier an den Schreib­tisch. Abends wie­der im Wohn­zim­mer, der Tee, der knis­ternde Kachel­ofen, meine draht­lose Rei­se­schreib­ma­schine, ich, und die Frau natür­lich nicht. Klopf, klopf. Es ist Mar­tin. Dies­mal bringt er eine Fla­sche Sekt. Nein, Mar­tin, ich hasse Sekt und außer­dem schreibe ich gerade; ich kann mich jetzt nicht unter­hal­ten. “Dann setz ich mich eben ein­fach hin und bin still”, sagt er in einem trau­ri­gen Ton­fall, der mich der­art über­rum­pelt, dass ich ihn hin­ein­winke. Er wankt hin­ein. Setzt sich auf sei­nen Kat­zen­platz, auf den Zen­ti­me­ter genau. Fängt an, zu trin­ken — still. Er wird aus Lan­ge­weile schon gehen, denke ich und tippe. Tip­pel­ditap­pel. Gluck. Knis­ter­knack. Tip­pel­ditap­pel. Gluck. Knis­ter­knack. Eine Stunde ist rum. Er ist noch da, hat kei­nen Mucks gemacht. Er trinkt außer­dem in einem Takt, der nicht dar­auf schlie­ßen lässt, dass er so bald damit auf­hört. Viel wahr­schein­li­cher ist, dass er sich ein­fach eine neue Fla­sche holt. Ich habe in mei­nem Leben gru­se­li­gere, befremd­li­chere Dinge gese­hen als die­ses stille Monu­ment aus Fleisch, das ebenso wort­los wie sys­te­ma­tisch sei­nen Sekt killt, aber nicht viele. Die Kon­zen­tra­tion zum Schrei­ben ist jeden­falls vor­bei. Ich werfe ihn raus, was er mit einem schlich­ten “Gute Nacht” hin­nimmt, und gehe ins Bett, um schlecht zu schlafen.

Am nächs­ten Tag dann die Frau­en­ex­plo­sion — wegen mir. Wir machen außer­dem die Hütte sau­ber, hän­gen einen Zet­tel hin und hauen heim­lich einen Tag frü­her ab — nicht nur wegen mir. Seit­dem denke ich anders über Mes­sen. Der neue Alp­traum: Ich stehe lei­dend auf einer Messe und Mar­tin kommt am Stand vor­bei, um über Hei­rat zu reden, die zahn­ge­kerbte Schnee­latte in der einen Hand, Asti Spu­mante in der anderen.

Wir hal­ten Köln sau­ber.“ Ja, indem wir nicht hin­ge­hen. Mach mit!

Kommentare

  1. Winfried v.B. - geschrieben am 27. August 2010 um 10:58 Uhr - Kommentar-Link

    Hey, super. Herz­li­chen Dank für’s Posten.

  2. Bruno B. - geschrieben am 30. August 2010 um 19:40 Uhr - Kommentar-Link

    Saug­eil! Aber he, kom­men immer noch zuviel nach Köln!

Hinterlasse eine Antwort

Melde Dich mit Deinem Facebook- oder Twitter-Account an:

Connect with Facebook

Oder fülle einfach folgende Felder aus: