Mattschwarz regiert

In Stuttgart ist die Hölle los. Gestern hat die Polizei mit Wasserwerfern einem alten Mann ein Auge ausgeschossen, mehrere weitere schwere Augenverletzungen sowie Trommelfellrisse verursacht, Reizgas auf demonstrierende Schüler gesprüht und aggressiv Schwächere verprügelt, obwohl die Demonstration geradezu vorbildlich friedlich ablief. Die Krankenhäuser waren teils überlastet, sofern die Leute da hingefunden haben, denn auf dem Boden liegenden Mitmenschen haben die Beamten nicht geholfen – außer vielleicht mit weiteren Tritten oder mehr Wasser. Ich habe mich nicht persönlich verprügeln lassen, sondern lieber meinen Assistenten Toby verprügeln lassen. Dem haben sie ins Auge gedrückt (Kontaktlinse raus), was ein bewährt bescheuerter Polizeitrick zur Kooperationserzwingung ist. Sie haben ihn zu dritt in voller Panzerung vermummt verprügelt. Sie haben seiner kleinen Schwester Reizgas ins Gesicht gesprüht.

Es ist dabei vollkommen egal, was man über den neuen Bahnhof (“Stuttgart 21“) denkt, dieses Vorgehen ist eine Schande für einen freiheitlichen Rechtsstaat. Wer als ausgebildteter Polizist in vollem Kampfanzug auf eine angekündigte Demo geht, der muss die Charakterstärke haben, Nachsicht mit Schwächeren walten zu lassen. Es gibt keine Entschuldigung dafür, alte Männer, Frauen und Schüler so zu misshandeln, wie es passiert ist. Die betreffenden Beamten sollten sich was schämen. Eine oft geäußerte Ausrede war: „Es gab unmissverständliche Befehle von oben.“ Super. Und wenn Hitler oder Schäuble befehlen, alle Erstgeborenen zu erschießen, dann machen wir das auch, oder was? Selbst ein Polizist im Einsatz unter Adrenalin ist zudem in der Lage, seine Einsatzbefehle (er ist ja hier weisungsgebunden) innerhalb ihres Spielraums zu interpretieren. Die Befehle lauteten nämlich sicherlich nicht konkret „schießt dem Opa da das Auge aus, der hat uns dumm angeglotzt“. Wo ist eigentlich diese enthusiastische Kampfbereitschaft, wenn es gegen wehrhafte Rechtsradikale mit Baseballschlägern geht? Die Beamten sollten sich was schämen. Die Verantwortlichen erst recht. Warum überhaupt Wasserwerfer an den Start bringen? Soll es doch drei Tage dauern, bis man, wenn es sein muss, jeden einzelnen Demonstranten von der aktuellen Arbeitsstelle abpflückt. Ja, das kostet mehr Geld. Aber lieber Geld als Menschenleben.

Ich könnte mich da ohne Ende aufregen, vor allem über die haarsträubenden Äußerungen der Stuttgarter Politiker zur Sache. Im ZDF hat gestern eine Politpappnase implizit gedroht, das im Grundgesetz verankerte Versammlungsrecht angreifen zu wollen, wenn sich seine Bürger seiner Streitmacht nicht ergeben. Super. Voll demokratisch und so. Genauso der Herr Mappus. Redet ja gern über den „demokratisch geschehenen Entscheidungsprozess“ des Projektes (er hat sich hier versprochen, er meint natürlich „lobbykratisch“). Dabei ist er nichtmal demokratisch gewählt. Er ist nur ernannt, weil sein Vorgänger nach Brüssel ging, weil man da für mehr Geld mehr schlafen darf. Jetzt eskaliert mein Blutdruck schon wieder, deshalb biege ich schnell den Bogen zu etwas Wahrem, Schönen, Guten, Mattschwarzen:

der Ducati 848 Evo

Kommentare:

ältere
  • Josch meinte am 2. Oktober 2010 um 9:16:

    Vielen Dank für Deine Worte zu diesem Thema hier, Clemens.

    Meine persönliche Meinung (<- ist heutzutage ganz wichtig, das zu erwähnen!):
    Anders als Teile der Politik uns weiß machen will, setzen sich die Gegner anscheinend nicht nur aus 'linken Spinnern' und 'technikfeindlichen Gutmenschen' zusammen, und schon gar nicht größtenteils aus Chaoten. Dieses Ausgrenzen, Abkanzeln und Verdrehen lässt denke ich auch bei Unentschlossenen dieses Gefühl zurück, dass man immer hatte, wenn einem Ungerechtigkeit widerfuhr und man erst Stunden später die passenden Reaktionen in seiner Phantasie durchspielte, um das zu verarbeiten.

    In Stuttgart entlädt sich glaube ich momentan genau dieses Angestaute, dass damit zu tun hat, dass sich die regierende Schicht immer mehr aus dem realen Leben verabschiedet hat, offensichtlich kein Gespür mehr für die Menschen hat und 'sowieso nur das tut, was sie will'. Und die Bevölkerung genau davon jetzt die Schnauze voll hat – womit die Politik nicht gerechnet hat. Und dieser beschissene Bahnhof wird genau dafür noch zum Fanal werden. Denn es geht hier nicht nur um den Bahnhof, das wissen alle, und deswegen wird auch so ein Alarm gemacht. Wie für jede Sau, die in letzter Zeit durchs Dorf getrieben wird.

    Was mich letztlich zum Schreiben dieser Worte hier an meinem eigentlich internetfreien Tag bewog, war der in Deinem Text erwähnte Mensch mit dem ausgeschossenen Auge, dessen Bild ich gestern im Netz lange angesehen habe (in allen TV-Berichten wurde der Mann geschnitten, als die Kamera begann auf ihn und seine beiden Helfer zu zoomen) und das Zitat des Chefs der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, das heute in der Zeitung stand: „Von vielen jungen Menschen geht dort eine ungeheure Aggressivität gegen Polizisten aus. Das ist erschreckend.“

    Schönes Wochenende
    Josch

  • Friedensverhandlungen mit der Polizei angelaufen | MoJomag meinte am 3. Dezember 2013 um 17:00:

    […] dem Baseball-Schläger zu artikulieren. Und wie sie meinen Sidekick Toby nebst kleiner Schwester zusammengeknüppelt haben: Respekt. Das hätte ich selbst nicht besser […]

  • Polizei gegen Bürger | MoJomag meinte am 13. Dezember 2014 um 15:47:

    […] muss mal kurz was in eigener Sache als Wahlstuttgarter hier hinstellen. Die Frage damals lautete: „Wir sind friedlich. Was seid ihr?“ Die Befunde aus dem Gerichtssaal zeigen […]

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