Zulassungszahlen 2010: das Sterben in Segmenten

– Clemens Gleich in Kategorie(n) – 13.01.2011

Beim Test der Apri­lia Dor­so­duro 1200 habe ich an der Bar spe­ku­liert, wel­che Trends es gerade gibt. Mein “vages Jour­na­lis­ten­ge­fühl” hat gesagt, dass es einen rea­len Trend zu Tall­roun­dern gibt. Was jedoch Wenige wis­sen: Mein vages Jour­na­lis­ten­ge­fühl ist eine Super­kraft, wie Hell­se­hen. Eigent­lich könnte ich mir jeg­li­che Recher­che spa­ren, denn die Daten stüt­zen mich ja doch. Daten dies­mal: die Neu­zu­las­sun­gen des ver­gan­ge­nen Jah­res 2010, die der Indus­trie­ver­band Motor­rad tra­di­tio­nell zu die­ser Zeit aufs Mai­k­re­lay schickt (siehe Download-Liste am Artikelende).

Tall­roun­der statt Sport­tou­rer kau­fen: Wir pos­tu­lie­ren einen Trend. (Bild: Aprilia)

Darin zeigt sich der Trend zu Tall­roun­dern sehr deut­lich, genauso wie mein gelieb­tes Seg­ment der klas­si­schen Sport­tou­rer so tot aus­sieht wie der Kom­mu­nis­mus. Die GS ver­kauft wie immer am meis­ten (5674 Stück), und sie ist ein hal­ber Tall­roun­der. Wei­ter unten steht die BMW F 650 GS (1471 Stück), das ist ein vol­ler Tall­roun­der. Gleich dar­un­ter die BMW F 800 GS (1468 Stück), auch ein Tall­roun­der, sagen wir: etwa zur Hälfte. Dann kom­men mit deut­lich gerin­ge­ren Zah­len die Suzuki Frau Strom 650 (870 Stück),  die Ducati Mul­tis­trada 1200 (729 Stück), die Kawa­saki Ver­sys (694 Stück) und die KTM 990 Super­moto (R&T zusam­men 636 Stück). Die Kwack ist ein super Motor­rad, das rela­tiv wenige kau­fen, weil wenige ver­ste­hen, was sie ist. Die Frau Strom ist ein Urge­stein und die Mul­tis­trada hätte wahr­schein­lich auch mehr ver­kauft, wenn Ducati mehr an den Start gebracht hätte. Es gab mei­nem vagen Jour­na­lis­ten­ge­fühl nach eher Leute, die dar­auf gewar­tet haben als Leute, die sie schnell wie­der los­wer­den woll­ten. Die KTM SM-T wird 2011 mehr Käu­fer im Tou­ren­pu­bli­kum fin­den, weil die sie dann mit ABS kau­fen können.

Dem­ge­gen­über ste­hen in den Top 50 nur noch zwei Sport­tou­rer: Die BMW K 1300 S (878 Stück) und die Honda VFR 1200 (816 Stück). Die Iko­nen von frü­her, die ZZRs und Haya­busas, die sind heute nicht mehr dar­un­ter. Die geis­tige Nach­folge der Honda Black­bird immer­hin tritt die VFR 1200 an — wie die Ver­sys ein super Motor­rad, das wenige kau­fen, weil wenige ver­ste­hen, was sie ist. Oder es ist doch so, dass die klas­si­schen Sport­tou­r­er­tu­gen­den ein­fach nicht mehr viel wert sind in einer Zeit, in der die Leute per Anhän­ger am Wohn­mo­bil in die Alpen und dort immer weni­ger Kilo­me­ter pro Jahr fah­ren. Ich ver­weise hierzu auch auf unsere (Guido, Timo, ich) Auto­rei­se­zug­ge­schichte in MO. Zu den Zulas­sungs­zah­len noch eines: Honda und BMW las­sen ten­den­zi­ell viele Maschi­nen neu zu, die dann bei den Händ­lern ste­hen. Die sind damit noch lange nicht verkauft.

ZX-6R Ninja: Der pro­blem­lo­seste Dau­er­test ever, ver­kauft sich aber nur naja.

Genauso schwach wie die Sport­tou­rer sieht das Seg­ment der 600er-Supersportler aus. Die groß­ar­tige Kawa­saki ZX-6R Ninja liegt mit 484 Neu­zu­las­sun­gen gerade noch auf Rang 48. Es liegt gar nicht an den Moto­ren, denn 600er-Reihenvierzylinder in Brot-und-Butter-Angeboten wie der Yamaha XJ-6 gehen gut (mit 2.141 Stück auf Platz 3). Offen­bar schätzt die Kund­schaft den erfri­schen­den Kampf im fünf­stel­len­den Dreh­zahl­be­reich weni­ger als die All­macht eines 1000er-Motors, der die Feh­ler auf den Gera­den bügelt — und kei­ner bügelt ein­fa­cher als die BMW S 1000 RR (mit 2.049 Stück auf Platz 6).

Das bringt mich auch end­lich weg von die­sem Jam­mer­pfad durchs Tal der Trä­nen. Gute, zeit­ge­rechte Ange­bote, die Kun­den ver­ste­hen kön­nen, ver­kau­fen sich auch wei­ter­hin gut, obwohl die Neu­zu­las­sun­gen ins­ge­samt gegen­über 2009 um 7 % zurück­gin­gen. Ducati hat in letz­ter Zeit gute Arbeit gemacht, ent­spre­chend glän­zend ste­hen sie da (nach 19 % Zuwachs im 2009 die­ses Mal wie­der über 17 %). BMW hat sich den Arsch auf­ge­ris­sen für das Super­bike und sich um eine anspre­chende Modell­pa­lette bemüht, des­halb ste­hen sie mitt­ler­weile bei über 22 % Markt­an­teil da. Die Zulas­sungs­zah­len stie­gen gegen­über 2009 um über 12 %.

Dage­gen Suzuki 2010: War da was? Irgend­was? Kann mich an nix erin­nern. Suzuki hat 2010 über 24 % ver­lo­ren. Aua. Yamaha ver­liert seit Jah­ren gern zwei­stel­lig (die­ses Mal knapp 12 %), Kawa hat fast 15 % ver­lo­ren, trotz der gut gehen­den Z-Modelle. 2011 sieht es bei Grün und Blau aber gut aus: Beide erneu­ern Supersport-Modelle (z. B. Zeh­ner mit 200 PS, neue Gix­xer 750), neue Touring-Z bei Kawa, optisch nette neue 750er Naked bei Suzuki. Yamaha ver­harrt 2011 in Dul­dungs­starre, was nach mei­nem vagen Jour­na­lis­ten­ge­fühl zu einer Fort­set­zung ihres Verlust-Streaks füh­ren wird. Dabei hät­ten sie es am ein­fachs­ten, weil sie Desi­gner beschäf­ti­gen, die welt­weit Zuspruch fin­den (siehe die R6 von 2006). Suzuki hin­ge­gen hat ein paar Desi­gner, die Suzuki has­sen und Abscheu­lich­kei­ten wie die GSX 750 F “Pavi­a­narsch”, die CSD 650 “Gla­dius” oder das Heck der B-”stoned”-King ver­bre­chen. Suzuki muss des­halb neue Motor­rä­der bauen. Bei Yamaha würde es eine neue Ver­klei­dung tun. Alle japa­ni­schen Her­stel­ler kämp­fen mit dem Yen-Kurs, der die Preise der Maschi­nen in Europa hochtreibt.

Die Apri­lia RSV4 ist das viel­leicht emo­tio­nalste Motor­rad am Markt und kei­ner kauft es. (Bild: Aprilia)

Wei­tere Argu­mente zur Beweis­füh­rung: KTM und Har­ley sta­bil, Tri­umph auch eini­ger­ma­ßen (minus gut 4 %). Alles Her­stel­ler mit stim­mi­gen Modell­pa­let­ten, die ihr ent­spre­chen­des Ziel­pu­bli­kum unmiss­ver­ständ­lich anspre­chen — seien es nun die H-D-Wochenendrockers oder die KTM-Taliban. Apri­lia hin­ge­gen ver­liert fast 20 % und ist mit kei­nem Modell in den Top 50 ver­tre­ten. Sie haben keine am Markt erfolg­rei­chen Modelle. Sie haben statt­des­sen Mil­lio­nen­grä­ber wie die Apri­lia RSV4. Diese wun­der­bare Maschine beweist wie keine zweite, dass die Leute gar keine wirk­lich “emo­tio­na­len Motor­rä­der”, wie sie es nen­nen, wol­len; denn davon hat Apri­lia genug. Sie wol­len etwas, das sie – okay – ein biss­chen lieb­ha­ben kön­nen, das aber zuerst mal für sie gut funk­tio­niert. Und in der Lebens­welt des 2011er-Kradisten gut funk­tio­nie­rende Motor­rä­der hat Apri­lia halt nicht: mür­ri­sche Händ­ler, geringe Tan­k­reich­wei­ten, unzu­ver­läs­sige Tech­nik. Aus­führ­lich hab ich das bei italobikes.de breit­getrei­ten.

Man hätte es ja nicht so gedacht, aber 2011 bringt lau­ter tolle Modelle und aktu­ell außer­dem die Hoff­nung auf einen Som­mer, der dies­mal län­ger als drei Wochen dau­ert. Lasst uns maxi­mal viel fah­ren, bevor hirn­ris­sige EU-Verordnungen für, sagen wir mal vor­sich­tig: weni­ger tolle Modelle sorgen.

Hier die Ori­gi­nal­lis­ten des IVM:

Neu­zu­las­sun­gen 2010: die Top 50

Markt­an­teile 2010 nach Herstellern

Kommentare

  1. Marc - geschrieben am 13. Januar 2011 um 13:37 Uhr - Kommentar-Link

    Hallo Cle­mens,

    das die Ver­sys so wenig ver­kauft wird, erstaunt mich wirk­lich. Ich hatte letz­tes Jahr das Ver­gnü­gen die Ver­sys einen Tag lang Probe fah­ren zu kön­nen und fand das Motor­rad ein­fach klasse. Und was mich total über­rascht hat: Meine Freun­din war hin und weg von der Optik der Ver­sys, obwohl sie sonst nur „Chop­per“ toll fin­det (also halt sowas wie Via­gra und so…).

    Ich hatte dazu auch einen klei­nen Fahr­be­richt geschrie­ben, siehe: http://www.das-motorrad-blog.de/kurz-angefahren-kawasaki-versys/

    Was ich aber ganz beson­ders schade finde, dass in den Top 50 Sta­tist­ken — soweit ich sehen konnte — nicht eine Maschine mit weni­ger als 600 ccm zu fin­den ist. Ich hatte gedacht, das klei­nere Endu­ros a la KLX250S und WR250R sich doch bes­ser ver­kau­fen wür­den. Schade eigentlich.

    Schön fand ich die XJ6 weit oben zu sehen, Brot und But­ter wie nun­mehr seit über 30 Jah­ren, auch wenn sich die Maschine in der Modell­his­to­rie natür­lich stark ver­än­dert hat.

    Achja… und danke für den tol­len Bericht!

    Gruß,
    Marc

  2. Clemens Gleich - geschrieben am 13. Januar 2011 um 13:47 Uhr - Kommentar-Link

    Ver­sys ist mein und Kawas Sor­gen­kind. Sie lei­det am Gut-aber-unverstanden-Syndrom (GauS), das sie zwar mil­der befällt als die Moto Guzzi Griso, die Honda VFR 1200 oder die Apri­lia Mana, ihr aber trotz­dem ver­kaufs­mä­ßig scha­det. Der Kunde ver­steht nicht, wieso er für die Ver­sys deut­lich mehr zah­len soll als für die ER-6n, wenn die doch mehr Leis­tung hat. Das ist wie bei den Mega­pi­xeln: kau­fen nach Zahlen.

    Was sich unter 600 ccm rele­vant ver­kauft sind noch 125er. Das sind halt „Klein­kraft­rä­der“, die IVM lis­tet hier jedoch nur „Krafträder“.

  3. Chris G. - geschrieben am 13. Januar 2011 um 17:36 Uhr - Kommentar-Link

    Cle­mens das Sport-tourer Seg­ment ist doch nur Tod weil die Her­stel­ler keine ech­ten Sport-tourer mehr anbieten.Besonders trau­rig ist dass BMW der Erfin­der die­ser Gat­tung Motor­rad Nichts in die­ser Rich­tung mehr anbietet.Sportlich genug fuer die flotte Num­mer Solo auf Land­strasse oder Kringel,aber auch prak­tisch genug um mit der Liebs­ten und Zelt Hin­ten­drauf auf Urlaubs­tour zu gehen.Es gru­esst die BMW R1100S die lei­der nie einen moder­nen Nach­fol­ger bekom­men hat…:-(
    Ducati hat die ST2/3/4 mit dem 1200 Mul­tis­trada Schau­kel­pferd ersetzt…
    Honda die VFR 800 mit der VFR1200 die fuer einen Sport­ler viel zu schwer und unhand­lich und fuer einen Tou­rer einen viel zu klei­nen Tank und har­ten Sitz hat.
    Tri­umph hat die Sprint ST noch laen­ger und schwe­rer als eine K1300S gemacht.Dabei einen Zylin­der „abge­klemmt“ und Fahrradkette.Wer soll so etwas kau­fen?
    BMW hat die K1300S und F800ST aber Beide sind auch nicht das Gelbe.
    Die K1300S ist fuer die Land­strasse etwas gross und koennte groes­sere Koffer/Tank ver­tra­gen und die F800ST ist etwas zu schwach (emo­tio­nal und PS) fuer Boxer­ver­trahlte.
    Die R1200RT ist etwas zu gross/aufrecht um dem „Sport“ gerecht zu wer­den aber den­noch sicher­lich das sport­lichste Ange­bot unter den dicken Tou­rern.
    Bleibt Kawa­saki mit der neuen Z1000SX.Das Kon­zept stimmt aber lei­der ver­sauen die Details mal wie­der das Gesamtkunstwerk;unterdimensionierte Kette,kein Hauptstaender,super haess­li­che
    Aus­puff­an­lage und schlecht inte­grierte Kof­fer mit haess­li­chen Hal­tern.
    Neue Sport-tourer braucht das Land!
    Stich­wort BMW R1200RS und Moto Guzzi 1200 LeMans !

  4. Clemens Gleich - geschrieben am 13. Januar 2011 um 23:30 Uhr - Kommentar-Link

    Ich glaube wirk­lich, dass die Hoch­zeit der Sport­tou­rer vor­bei ist. Es gibt ja noch die ZZR, es gibt noch die Haya­busa, es gibt noch die K 1300 S, es gibt die sogar alle mit ABS. Wenn die R 1100 S/RS heute als moderne Inkar­na­tion in die Läden käme, stände sie da genauso bestellt und nicht abge­holt rum wie die ande­ren Sporttourer.

  5. Christoph Baurichter - geschrieben am 19. Januar 2011 um 20:54 Uhr - Kommentar-Link

    Ser­vus,

    viel­leicht liegt auch nur daran, dass die Sport­tor­u­rer die oeben genannt wur­den ein­fach unpack­bar häss­kich sind? Allen voran die VFR.
    Aus­ser­dem braucht die Kate­go­rie wirk­lich kein Mensch mehr. Heut karrt jeder sei­nen Gix­xer oder die SM nach mit der Dose nach Arabba, um sich dort aus­zu­to­ben. Und wennst mit der Busa am Ring ankommst wirst bestaunt, als wennst vom ande­ren Stern kommst.

    Viel­leicht muss ich doch mal über mei­nen Schat­ten sprin­gen und mir ’ne RC36 holen.
    Aber dann doch lie­ber ’ne TL1000S oder ’ne Falco.

  6. Chris G. - geschrieben am 24. Januar 2011 um 02:05 Uhr - Kommentar-Link

    Jungs,bei Allem Respekt,Ihr liegt lei­der voel­lig dane­ben.
    Auf dem Krin­gel austoben,prima aber es gibt auch noch „echte“ Motor­rad­fah­rer die gerne ein sport­li­ches Motor­rad fah­ren wol­len und ohne Auto­rei­se­zug ihre Umwelt erkun­den wol­len.
    Die R1100RS und R1100S ver­kauf­ten sich damals wie geschnit­ten Brot.
    Die VFR auch doch die Honda Fans wur­den lei­der nie erhoert.Die VFR1200 ist lei­der genau so an der Kund­schaft vor­bei geplant wie damals die R1200S/ST…Leider!
    Die grosse Luecke zwi­schen Kringel-Wetzeisen und schwe­ren Tou­ren­ei­sen­schwei­nen sollte mit neuen attrak­ti­ven Sport-tourern gefu­ellt wer­den!
    Haya­busa oder ZZR1400 sind weder Tou­rer noch Sport­ler son­dern nur Autobahngeradeausmotorraeder…:-(Oder fuer Kin­der die noch Motor­rad­quar­tett spie­len…;-)
    Zwi­schen einer K1300S und F800ST wuerde noch gut eine R1200RS passen!

  7. Marco - geschrieben am 4. Februar 2011 um 23:17 Uhr - Kommentar-Link

    End­lich sagt es mal einer! Ja, über­all heisst es, emo­tio­na­lere Maschi­nen braucht das Land. Das ist schon mal ein Wider­spruch in sich. Deut­sche und Emo­tio­na­li­tät geht genau so wenig wie Hand­wer­ker und Pünkt­lich­keit. Kon­kret sieht das dann so aus: Ich bin im letz­ten Som­mer exakt 4 Mal von frem­den Gesich­tern auf meine Ita­lie­ne­rin ange­spro­chen wor­den. 2 mal so: „Ey, sag mal, wie biste mit den Blin­kern durch den TÜV gekom­men?“ 1 GS-Fahrer labert mich direkt an der Ampel an: „Du bist zu laut, man“; der Vierte fin­det wich­tig, mich auf das knappe Heck anzu­spre­chen und fragt, wie mein Rücken bei Regen­fahr­ten aus­sieht. Motor­rad: Ben­elli TnT 899 mit Devil Aus­puff und ange­spitz­ten Blin­kern. Spä­tes­tens bei Num­mer Vier hab ich begrif­fen, warum bei uns nix geht, was dich beim blo­ßen Anblick nie­der­knien lässt, um Gott dafür zu dan­ken, dass du ein Mann bist. Ach ja, VFR 1200. Sorry, Cle­mens, aber das ist kein Design, so ser­viert ein Ober­kell­ner. Bleib wei­ter so meinungsfreudig!

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