Test BMW K 1600 GT und GTL

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , – 14.03.2011

Wir tes­ten neue BMW-Tourer, denen in Sachen KFZ-Technik zum Auto nur zwei Dinge feh­len: ein wei­te­res Rad und noch ein wei­te­res Rad.

Je älter die Kund­schaft wird, umso schwe­rer wer­den die Motor­rä­der, die sie inter­es­sie­ren — ana­log zum eige­nen stei­gen­den Gewicht, ent­ge­gen­lau­fend der eige­nen Fähig­keit, diese Maschi­nen mit Mus­kel­kraft zu ran­gie­ren oder sonst­wie zu bewe­gen. Das liegt daran, dass man im Alter Kraft­fahr­kom­fort nicht nur schätzt, son­dern auch bezah­len kann. Für diese Kli­en­tel hat BMW jetzt zwei Vari­an­ten jenes Motor­rads gebaut, von dem sie vor vie­len Jah­ren in einer dop­pel­sei­ti­gen Anzeige behaup­te­ten, sie wür­den sowas “nie” bauen: Einen leis­tungs­fä­hi­gen Rei­hen­sechs­zy­lin­der quer zur Fahrt­rich­tung näm­lich. Man wollte damals keine “Auto­mo­bil­mo­to­ren auf zwei Räder set­zen”. Des­halb haben sie heute eine Motor­rad­va­ri­ante des Rei­hen­sech­sers kon­stru­iert. Die Anzeige schoss gegen die leis­tungs­fä­hi­gen Sechs­zy­lin­der der japa­ni­schen Kon­kur­ren­ten, die die dama­li­gen Fahr­ge­stelle trak­tier­ten wie ein Gorilla einen Hams­ter­kä­fig. Diese Zeit ist ja lange vor­bei. Heute baut BMW mit ihrem Super­bike S 1000 RR ja auch “für den All­tag gezähmte Renn­ma­schi­nen”, was sie damals genauso “nie” tun woll­ten, und sie bauen in einen moder­nen, stei­fen Rah­men die­sen neuen Sechs­zy­lin­der. Das ist “eine gute Sache” ™, denn der ist schlicht groß­ar­tig. Zunächst mal ist er kaum brei­ter als ein gro­ßer Vier­zy­lin­der heu­ti­ger Zeit und defi­ni­tiv schma­ler als die fet­ten Vie­rer von anno dun­ne­mal, weil die Zylin­der­buch­sen­ab­stände mit 5 mm gera­dezu gewagt klein sind und Aggre­gate wie die Licht­ma­schine, die sonst auf der Kur­bel­wel­len­achse sit­zen, bei der neuen BMW woan­ders hin­ge­wan­dert sind (die LiMa zum Bei­spiel hin­ter die Zylin­der­bank, über das Getriebe). Vor allem jedoch bringt der Motor Schub in allen Dreh­zah­len, drückt 70 Pro­zent sei­nes maxi­ma­len Dreh­mo­ments schon bei 1500 U/min auf die Kar­d­an­welle. “Mit der K 1600 GT woll­ten wir demons­trie­ren, was wir unter sou­ve­rä­nem Tou­ren ver­ste­hen”, gibt BMW gewohnt selbst­be­wusst zu Protokoll.

Sechszylindertourer in zwei Geschmacksrichtungen, bald bei Ihrem BMW-Händler

Links die GT-Variante, rechts die GTL-Variante. Die bei­den unter­schei­den sich durch kleine Anpas­sun­gen in Sachen Aus­stat­tung und Geo­me­trie in ihrer Ori­en­tie­rung ein gan­zes Stück.

Es hat außer­dem den Anschein, als woll­ten sie demons­trie­ren, was sie tech­nisch auf dem Kas­ten haben. Es ist das kom­ple­xeste Stra­ßen­mo­tor­rad, das je gebaut wurde. “So bis ins letzte Bit ver­steh’ ich es auch nicht”, gibt der lei­tende Inge­nieur zu. Die K 1600 ist das erste Motor­rad mit einem far­bi­gen TFT-Bildschirm, und dann ist es gleich der kon­trast­stärkste über­haupt je ver­baute, damit man es bei direk­tem Son­nen­licht lesen kann. Die K 1600 inte­griert das Garmin-Navi “Zumo 660″ ins Cock­pit, gebran­det als “BMW Motor­rad Navi­ga­tor 4″. Sie hat eine Trak­ti­ons­kon­trolle mit Schräg­la­gen­sen­so­rik, Zen­tral­ver­rie­ge­lung für Kof­fer und Stau­fä­cher, Kur­ven­licht mit Schräg­la­gen­aus­gleich und auto­ma­ti­scher Niveau­re­gu­lie­rung, das wäh­rend der Fahrt ein­stell­bare Fahr­werk ESA II, ein per Dreh­ring am Len­ker bedien­ba­res Menü­sys­tem und eine zen­trale, elek­tro­nisch gestellte Dros­sel­klappe mit wähl­ba­ren Ansprech-Mappings.

Das Meer südlich von Kapstadt.

Smel­ling the sea… Trotz aller Tech­nik bleibt es beim wun­der­bar schrä­gen Motor­rad­fah­ren. Cabrios? Sind anders.

Die­ses Motor­rad hat also kurz gesagt all das, was bei Autos ab der Mit­tel­klasse auf­wärts schon lange selbst­ver­ständ­lich ist — zumin­dest in der Auf­preis­liste. Und obwohl fast die gesamte Auf­zäh­lung aus in der Motor­ra­d­in­dus­trie ein­zig­ar­ti­gen Fea­tures besteht, stel­len gleich meh­rere Leute die berech­tigte Frage: Warum dann nicht gleich Cabrio fah­ren? Auf der Prä­sen­ta­tion fah­ren die Foto­gra­fen und die BMW-Crew zum Bei­spiel im neuen 6er Cabrio mit. Das gibt es als 640i eben­falls mit einem BMW-traditionellen Rei­hen­sechs­zy­lin­der. Wie auf dem Motor­rad bewegt man sich dort sehr direkt mit dem Gesicht durch das Ele­ment Luft, kann das Meer rie­chen, bevor es plötz­lich unter einem liegt. Bei­des ist doch mit die­ser gan­zen Tech­nik mitt­ler­weile prak­tisch das­selbe, oder? Nein. “Nein” aus dem­sel­ben Grund, aus dem Schlit­ten­fah­ren und Ski­lau­fen nicht das­selbe ist: wegen der Schräglage.

Denn die neue GT ist trotz ihrer ellen­lan­gen Zube­hör­liste immer noch ein Ein­spur­fahr­zeug, und das bedeu­tet: Man sitzt ohne Quer­kräfte im Sat­tel und surft über Straße, wäh­rend der Hori­zont sich unter einem dreht. Es ist die bil­ligste Vari­ante, nahe am eben­falls quer­kraft­freien Flie­gen zu sein, und wenn sich der Flow ein­stellt, ist es ein Erleb­nis, das süch­tig machen kann. Denn der neue, schmale Sechs­zy­lin­der auf sei­nem straf­fen Fahr­werk erlaubt eine Fahr­dy­na­mik, von der man auf BMWs altem Supertouring-Krapfen K 1200 LT nur träu­men konnte. Die 1600er fährt sich wie die wie die K 1300 GT, die sie ablöst, nur mit einem laut röh­ren­den Sechs­zy­lin­der als Unter­ma­lung. Es ist quasi ein gro­ßer Jet, wenn Modelle wie eine Tri­umph Street Triple meta­pho­ri­sche kleine Sport­flug­zeuge sind. Nach vie­len erfolg­lo­sen Ver­su­chen in ihren Tou­ren­mo­del­len hat BMW es außer­dem end­lich geschafft, ein effek­ti­ves Fahrt­wind­leit­sys­tem ein­zu­bauen: zwei aus­klapp­bare Hasen­oh­ren aus Plas­tik lei­ten eine Masse an Luft auf die Jacke, die in etwa im Bereich leicht ver­klei­de­ter Halb-Naked-Bikes liegt. Wie ihre Vor­gän­ger ran­giert sich das Teil mit sei­nen 320 kg voll­ge­tankt unge­fähr so gut wie das Münch­ner Hof­bräu­haus, aber der Piloten-Arbeitsplatz ist der­art bequem, dass sol­che Kraft­an­stren­gun­gen nur nötig sind, wenn ent­we­der Maschine oder Fah­rer neuen Brenn­stoff brau­chen. Die rest­li­che Zeit ver­bleibt man ein­fach im Cock­pit des Raum­schiffs Weiß­wurst und zoomt die hin und her kip­pende Land­schaft mit dem Gas­griff unter sich durch. Wer schon immer mal wis­sen wollte, wie sich der Steuer-Computer einer Lenk­waffe mit ein paar Kilo­ton­nen Spreng­kraft an Bord fühlt, sollte mal aus dem Cabrio auf die K 1600 GT stei­gen. Es ist ein radi­kal ande­res Erlebnis.

Im Wohn­zim­mer­ses­sel durchs Gebirge flie­gen: K 1600 GTL. Seri­en­mä­ßi­ger King an Bord.

Ein etwas ande­res Erleb­nis ist die Vari­ante GTL, die mit tie­fe­ren Fuß­ras­ten und tie­fe­rem Sitz, einem ande­ren Len­ker, einem Top­case mit Rücken­lehne für Bei­fah­rer, einem grö­ße­ren Wind­schild und einem seri­en­mä­ßi­gen Sound-System mit iPod– und USB-Anschluss noch stär­ker die Komfort-Tourer mit stän­di­gen Bei­fah­rern anspricht. Sämt­li­che wich­ti­gen Aus­stat­tun­gen gibt es jedoch auch für die GT in der Auf­preis­liste, des­halb soll­ten alle Inter­es­sen­ten über 175 cm zur GT grei­fen. Denn die GTL ist auch lei­ser. Und wenn ich lang­sa­mer fah­rend Musik statt das Brül­len des Sech­sers hören will, kann ich ja wirk­lich Cabrio fah­ren. <- Die­sen Absatz schrieb ich, als ich die GTL noch nicht gefah­ren war. Ich gebe hier­mit retro­spek­tiv meine Igno­ranz zu: Die GTL macht rich­tig Laune.

Man ver­gibt ihr am Ende die nied­ri­gen Rasten.

Zunächst mal sitzt man deut­lich lüm­me­li­ger, und viele wol­len das ja. Dann ist das Audio­sys­tem ers­tens seri­en­mä­ßig und zwei­tens funk­tio­nal. Man kann tat­säch­lich über Laut­spre­cher Musik hören, denn die BMW regu­liert die Laut­stärke auto­ma­tisch in Abhän­gig­keit zur Geschwin­dig­keit. Es ist ein wun­der­ba­res Erleb­nis, zu Michael Jack­son oder Elvis Pres­ley (waren auf dem BMW-Musikstick) durch die Town­ships Süd­afri­kas zu rol­len, obwohl “Libe­rian Girl” und “In the Ghetto” dazu viel­leicht nicht die bes­ten Titel sind. Die Kin­der dort jeden­falls haben es geliebt (erkenn­bar daran, dass sie keine Steine gewor­fen, son­dern geklatscht haben). Und ich habe mich am Ende sogar mit dem GTL-Tourer ange­freun­det, obwohl auf den Berg­stre­cken die zu tie­fen Ras­ten durch die Kur­ven fur­chen. Mehr als das: Ich habe begon­nen, diese tech­no­iden Damp­fer, die ich eigent­lich nur zum Zwe­cke der Zur­schau­stel­lung baju­wa­ri­scher Über­le­gen­heit gefah­ren bin, rich­tig­ge­hend ins Herz zu schlie­ßen. Geschwin­dig­keit ist nicht alles. Gott im Him­mel! Habe ich das grad geschrie­ben? Der geneigte Tou­ren­kunde möge diese Über­zeu­gungs­kraft als Hin­weis auf die Touren­taug­lich­keit des Sechs­zy­lin­ders wer­ten. Eine Pro­be­fahrt wird auch sein Herz gewinnen.

BMW K 1600 GT und GTL 2011

Ist: der beste Alp­traum mei­nes Lebens.
Kos­tet: 19.900 Euro (GT) oder 21.850 Euro (GTL)
Leis­tet: 160 PS (118 kW) bei 7.750 U/min
Stemmt: 175 Nm bei 5.250 U/min aus 1.649 ccm
Wiegt: ca. 320 kg voll­ge­tankt (GT) und ca. 350 kg voll­ge­tankt (GTL)
Tankt: 24 Liter Super (GT) und 26,5 Liter Super (GTL)
Hat: im Wort­sinn alles Mögliche.

Emp­feh­lens­wer­tes­tes Zube­hör ab Werk:

  • Elec­tro­nic Sus­pen­sion Adjust­ment (ESA II): 740 Euro
  • “Sicher­heits­pa­ket” mit adap­ti­vem Kur­ven­licht, Trak­ti­ons­kon­trolle und Rei­fen­druck­kon­trolle: 850 Euro
  • Vor­be­rei­tung Navi: 190 Euro (das Navi kos­tet extra)

Bil­der: BMW

Kommentare

  1. Dirk - geschrieben am 17. März 2011 um 11:51 Uhr - Kommentar-Link

    und ab wann gibts das ding mit auto­ma­tik und rückwärtsgang?

  2. Nils - geschrieben am 21. März 2011 um 02:04 Uhr - Kommentar-Link

    Moin!
    „Seri­en­mä­ßi­ger King an Bord“ — CG wie­der in Best­form! Obwohl bis­her über­zeug­ter BMW-Hasser fahre ich den Hobel nächs­ten Mitt­woch — hof­fent­lich stimmt das auch alles mit dem Druck von unten (nicht so wie bei der Rocket: viel NM, aber nicht so rich­tig was dahin­ter).
    Und nu mit der Begeis­te­rung für die GTL — hm! Ich schwanke! Die GTL gibts aller­dings noch nicht als Vor­füh­rer. Schade, daß da wohl nichts zu machen ist mit GTL und GT-Fußrasten …

    Gruß Nils

  3. Clemens Gleich - geschrieben am 25. März 2011 um 14:02 Uhr - Kommentar-Link

    Die Rocket habe ich anders in Erin­ne­rung als „nix dahin­ter“. Meine blei­bende Erin­ne­rung an sie ist, dass der Tacho auf der Auto­bahn zu Ende war, der Motor noch lange nicht und ich flat­ternd von die­ser Natur­ge­walt mit­ge­ris­sen wurde wie ein an eine 747 gena­gel­tes Kalbs­schnit­zel. Dage­gen ist die GT sehr kul­ti­viert. Das Dreh­mo­ment geht dann für Dei­nen Geschmack viel­leicht etwas unter in der län­ge­ren Endübersetzung.

  4. Frank Kemper - geschrieben am 29. März 2011 um 16:59 Uhr - Kommentar-Link

    Warum BMW die 1600er noch nicht mit Auto­ma­tik gebracht hat, wun­dert mich auch. Viel­leicht ver­su­chen sie aber auch erst ein­mal, mit ihren nor­ma­len Schalt­bo­xen Japan-Standard zu errei­chen, bevor sie sich der nächs­ten Chal­lenge wid­men. Aber Auto­ma­tik müsste in der US and A eigent­lich gut kommen.

  5. edi - geschrieben am 28. April 2011 um 09:05 Uhr - Kommentar-Link

    als 10 Jahre lang GL 1800 Fah­ren­der (2 Maschi­nen) ist das die erste BMW die mich wirk­lich interessiert.

    Aller­dings gibt es bei BMW eine Regel: Erst das zweite Pro­duk­ti­ons­jahr kaufen!

    Wenn sich ein Japa­ner so eine Häu­fung von Män­geln bei einem neuen Modell erlaubt, wie das bei BMW immer üblich war, gab es einen rie­si­gen Auf­stand. Siehe dazu gerade GL 1800. Bei den BMW-Fahrern wurde das immer tot­ge­schwie­gen. Die haben ja auch den weiß-blauen Pro­pel­ler in der Iris. ;-)))

  6. rentäng - geschrieben am 29. Dezember 2011 um 00:36 Uhr - Kommentar-Link

    Ich finde es toll, dass Motor­rä­der eben nicht Bums von unten brau­chen, schließ­lich sind sie leicht(nur das hier nicht)
    Ich mag krei­schende Drehzahlen

    Ich kann mim Motor­rad 2 Gänge run­ter und wie­der hoch­step­pen, Bevor ich mim Auto auch nur einen Gang gewech­selt habe

    In, ähm auf die­ser BMW wer­den dann Dreh­zah­len zu unnö­ti­gem Kra­wall, schade…
    Ein Motor­rad braucht kei­nen Rund­lauf, des­halb auch kaum Zylin­der , unend­lich hub­raum, und kei­nen Bums von unten, kann ja die Dreh­zahl­lei­ter hoch­krei­schen und hat n gschei­tes Getriebe.
    Ist doch doof wenns Motor­rad genauso klingt wie die Karre und jeder min­der­be­mit­telte (=auto­fah­rer) damit zurecht­kommt.
    Ich find es schön, das so wenig eben reicht. Ich fahr nur ne CB 500.…. aber reicht, ohne viel rund­lauf, unten kein Bums, oben .…naja 58ps eben. Macht n hei­den­spass, reicht locker für den 218PS 6er BMW mei­ner Tante.
    SCHADE, wenn Motor­rad­fah­rer den gan­zen Kram jetzt auch bald für nötig hal­ten und nicht nur Auto­fah­rer am Baum lan­den weil sie grad am Navi gespielt, n Radio­sen­der gesucht oder mim bei­fah­rer gequatscht ham.

    Was solls, wenns sein muss.… sou­ve­rän macht so n Auto­mo­tor sicher­lich… grad­aus.….. mich würd die knappe halbe Tonne voll­be­la­de­nes Fahr­zeug einschüchtern.

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