Motorradfahren: das abscheuliche Hobby

Heute hat Kollege Maik Schwarz einen Link geschickt, der mich entsetzt hat. Den setze ich hier mal ans Ende. Er führt zu einer Bildstrecke bei Motorrad Online zum „Bikertag“ in Malmsheim. Schon das erste Foto macht eindeutig klar, worum es geht: Eine Rotte von warnwestenbekutteten Schleichern fährt der Polizei hinterher. Nein, nicht vor ihr weg, sondern ihr hinterher. Ohne Aufforderung, sondern zum Spaß: „Es hat wahnsinnig Spaß gemacht“, gibt eine lobotomierte Teilnehmerin einer ebenso hohlen Tageszeitung zu Protokoll — wahnsinnig Spaß, in einer langen Schlange unter der Reiseleitung von Beamten im (sicheren!) Kriechgang Holzkreuze abzufahren, an denen arme Hunde gestorben sind, die sich jetzt nicht mehr gegen diese Schändung ihres Andenkens wehren können. Denn was hier wirklich mit offenkundigem, perversen Gusto zu Grabe getragen wird, ist die Lebenslust, der Spaß am ulkig sinnfreien Motorikhobby Motorradfahren. Für jeden von außerhalb Interessierten muss das bei solcher PR aussehen wie das abscheulichste Hobby der Welt.

Es hat schon immer die gemütliche Fraktion gegeben, die Jungs, die es lieben, wenn ihre Harley Sportster oder Triumph Bonneville unter ihnen in einem langsamen Puls blubbert, während die Landschaft und die LKW an ihnen vorbeiziehen. Sie waren selten zu irgendjemand außer den LKW-Fahrern unsozial. Mittlerweile gibt es jedoch einen beängstigend großflächigen, aggressiven Fanatismus, mit dem eine Sicherheitsreligion ausgelebt wird, deren Ursprünge ob der intrinsischen Gefahr des Kradfahrens mir vollkommen schleierhaft sind. Wenn ich maximale Sicherheit will, na, dann fahre ich halt nicht Motorrad. Maik hat für die fiese Zeigefingerfraktion eben am Telefon den perfekt passenden Begriff „Neon-Nazis“ geprägt. Er hat außerdem vorgeschlagen, „Biker“ in die Liste der offziellen Beleidigungen aufzunehmen, auf der selben Klassifizierungsstufe wie „Journalist“. Das versuche ich schon seit Jahren, die erfrischend normalen Motorradfahrer müssen da allerdings bei uns stehen und „Biker“ ebenso verwenden, denn sie sind die letzten, die zu beleidigen sind. Sie sind vielmehr der Grund für Fastbike, für MO und für mich. Wir sind der Gegenentwurf. Toby und ich haben jetzt in Irland in Joey‘s Bar eine Pint auf unseren Freund Joey Dunlop eingenommen und sind dann unter jaulendem Vollgas über die Sprunghügel um Antrim geflogen, die Koffer der Kawasaki Z 1000 SX flatternd wie zurückgebliebene, fette Stummelflügel. Einen Toast auf euch alle, die mitgefahren wären. Der Rest, die „Biker“ also, dürften sich für diese höchst sichere, police-approved Fotostrecke interessieren. Es gibt statt Titten, Stunts, Bier und Burnouts ABS-Demonstrationen, Sicherheitskleidung, Elektroschwuchtiletten sowie die schönsten Nuancen von Warnwestengelb und Polizeigrünblau:

Bilder vom „Bikertag“ in Malmsheim

Man beachte hierzu auch Maiks schreckliche, weil wahre Kolumne im aktuellen MO.

Kommentare:

ältere
  • Der-Alte Griesgram meinte am 25. Mai 2011 um 11:04:

    Nestbeschmutzer! Alles Nestbeschmutzer!
    Das sind keine Biker, das sind Safer. Biker sind diese Leute die auf dem Fahrrad einen insektoiden Hut tragen, der Autofahrer erschrecken soll und dadurch zur Sicherheit beiträgt.
    Licht aus -Romms!
    Vollgas ja – Yeah!

  • Frank Kemper meinte am 25. Mai 2011 um 11:33:

    In der Sache absolut keinen Widerspruch. Mir gehen auch Aktionen wie der „MoGo“ ganz furchbar auf die Eier. Zwei Dinge zur Terminologie hätte ich anzumerken: „Neon-Nazis“ klingt nur beim ersten Hören lustig, danach greift Godwin‘s Law, deshalb bitte anders Wording entwickeln, danke. Und so lange die Großen Drei, die größte Motorrad-Zeitschrift Deutschlands und vermutlich zwei Drittel aller Motorradhersteller die Nutzer ihrer Produkte mit „Biker“ ansprechen, halte ich es für sinnfrei, dagegen anzugehen. Ist ja auch kein Problem: Fahrradfahrer heißen ja schließlich „Strampler“ und nicht „Biker“

    Gruß von Frank (der auf seinem Spandauer Schwermetall neulich das erste Mal in der Kurve die Stiefelspitze am Boden hatte – geht doch!)

  • Alexander meinte am 25. Mai 2011 um 12:04:

    Höre ich ein Amen? AMEN!

    Volle Zustimmung!

  • Max meinte am 25. Mai 2011 um 12:32:

    Ich spreche immer schon von Kradist oder einfach Motorradfahrer und bekomme Pickel wenn jemand Biker sagt.

    Vergleiche dazu Wiktionary:Humorarchiv/Motorradfahrerjargon – Wiktionary:

    Echte[tm] Motorradfahrer, für die das Fahren eines Motorrades mehr ist als blosse Fortbewegung, Posen oder Kontaktsuche zu Gleichgesinnten, meiden den negativ besetzten Begriff des Bikers und ziehen die Bezeichnung „Kradist“ vor.

  • Denis Yam meinte am 25. Mai 2011 um 12:34:

    Ich bekomme von anderen „Bikern“ auch oft genug den Vogel oder „Scheibenwischer“ gezeigt, wenn ich Autos oder LKW auf der Landstraße überhole…
    Habe manchmal das Gefühl, es fahren nur noch Rentner mit ihren BMW‘s durch die Gegend…

    Naja, zu „Motorrad“ sag ich mal garnichts….

    Alles Mädchen!

  • Skiffle meinte am 25. Mai 2011 um 18:15:

    .. neulich begegnete mir auch wieder so eine Kradstaffel der örtlichen Müllabfuhr. Zwei von denen haben sogar die Hand vom Lenker bekommen und ordentlich gegrüßt – dumm nur, dass 1000m weiter in meiner Fahrtrichtung die Rennkontrolle mit dem Laserpointer herumspielte.
    Diese quietschbunten Muschis haben wirklich nichts im Helm, was sich zu schützen lohnt.
    Man kann diesen Freizeitabziehbildhelden wirklich nur so aus dem Weg gehen, indem man nur noch Strassen 3. Ordnung fährt. Die DummDumm- und Gammlich-Navis führen dieses Bikergesindel nämlich nur über grosse Bundesstrassen durch unser weites schönes Land…
    Andererseits ist diese Häufung farbenblinder Schisser nur der Tribut, der dafür zu entrichten ist das die malade Motorradindustrie nur noch dank solcher präsenilen „best ager“ überhaupt noch auf Stückzahlen kommt.
    Man gewinnt den Eindruck, die ganze Szene wird weich und schwul – immer älter wird sie ja sowieso. Neulich am Nürburgring wurde wieder vor der Fackelfahrt eine Namensliste der gefallenen Helden verlesen. Ich hätte kotzen können! Jeder der ‚nen schlimmen Husten hatte oder beim Fensterputzen von der Leiter geflogen ist, aber immerhin ein Bike besessen hat, wurde benannt, beklagt und ohnehin gleich wieder vergessen.
    Früher gab‘s noch Blech und Leder – heute nur noch Plastik allenthalben. Da darf man sich nicht wundern…

  • Bla meinte am 25. Mai 2011 um 21:55:

    Gut gebrüllt. Auf das es dir jetzt besser gehe.

  • Willi Bremer meinte am 25. Mai 2011 um 22:19:

    Mit Gelassenheit das neongelbe Treiben um einen herum ignorieren und hoffen, es wird auch künftig nicht die eigene Fahrspur übermäßig tangieren.

    Ansonsten wie schon Alexander schrieb: A M E N

  • Clemens Gleich meinte am 26. Mai 2011 um 9:10:

    Ich hätte mehr Gelassenheit, wenn die Biker nicht so einen Missionierungsdrang hätten, den sie auch an mich herantragen. Und an Toby, den armen Bub. Der ist doch charakterlich noch gar nicht gefestigt.

  • Volker.D meinte am 31. Mai 2011 um 20:07:

    Als Motorradfahrer und anerkanntem Warnwesten-Allergiker spricht mir Hr. Gleich hier völlig aus der Seele. Achja, keineswegs habe ich irgendeine Form von Verehrung für ihn jemals postuliert noch empfunden. Trotzdem oder gerade deshalb: wo er Recht hat, hat er Recht.

    Sein Umgang mit der deutschen Sprache? Excellent! Provokativ und überzeichnend, aber doch sehr schön zu lesen. In diesem Fall.

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