Die 10.000-Jahre-Uhr

Visionäre konstruieren eine Uhr, die 10.000 Jahre ticken soll. Das Projekt ist jedoch mehr als der Zeitvertreib verschrobener Techniker: Es soll unser hastiges bis-morgen-Denken wieder mehr auf die Langstrecke ausrichten.

Die ägyptischen Pyramiden haben Generationen über Generationen inspiriert. Wer vor einem dieser Monumente steht, kann die Jahrtausende in der dicken Luft spüren und wer nur darüber liest oder Bilder, Filme davon sieht, dem stellen sich ehrfürchtig die Nackenhaare auf. Die mysteriösen Erbauer haben damals keine Mühen gescheut und Opfer schon gar nicht, damit ihre Bauwerke menschliche Ewigkeiten überdauern. Literatur, Filmkunst und abstruse Verschwörungstheorien haben die Pyramiden als zentrales Thema, weil uns heute das „Warum?“ so unfassbar erscheint. Warum haben die das gemacht? Diese Frage ist zunehmend schwerer verständlich für heutige Gesellschaften, deren Individuen sich schon schwer tun damit, bis morgen zu planen und deren politische Führungsebene maximal auf eine Regierungsperiode achtet, meistens jedoch schon am Heute scheitert. Es ist Zeit, einen Gegenentwurf zu schaffen, der unser Denken an größere Maßstäbe gewöhnt — das dachte der Erfinder und Wissenschaftler Danny Hillis, als er 1995 in einem herzblutigen Essay auf Wired.com vorschlug, eine „Millennium Clock“ zu bauen, eine Uhr, die mindestens 10.000 Jahre lang funktioniert.

Hillis hatte damals, in den Anfangszeiten des WWW, das Gefühl, die Zukunft schrumpfe seit seiner Geburt mit jedem Jahr weiter ein bis zum Zahlenumbruch aufs Jahr 2000, auf den alle so versessen stierten. „In all diesen Jahren hat sich die Zukunft, an die Leute denken, nicht weiterbewegt als zum Jahrtausendende“, schrieb er. Er wollte einen Blick für die weitergehende Zukunft schaffen. 10.000 Jahre sind nicht besonders lang, misst man sie mit geologischen Maßstäben. Es ist jedoch in etwa die Zeit, die wir Menschen mit immer komplexer werdender Kultur zugebracht haben. Und für eine Uhr mit ihrer exakten Komplexität ist diese Zeit eine herkulische Herausforderung. Danny Hillis ist jedoch nicht irgendein verträumter Nerd. Er ist ein realitätsgeprüfter Problemlöser. Er war in den Achtzigern der Vorreiter in Sachen Paralleler Rechnerarchitektur. Er weiß außerdem, wie launisch unvorhersehbar die Zukunft ist — spätestens, seitdem er in den Neunzigern von seiner eigenen Idee überrollt wurde, als seine geistigen Nachfolger und Konkurrenten in Personalunion mit parallel geschalteten PCs der Hillis-Firma „Thinking Machines“ den Garaus machten. Trotz allem: Jeder große Supercomputer ist heute ein Parallelrechner. Diese Idee hat den Test der Zeit bestanden.

Danny Hillis‘ Idee von 1995 hat jetzt zumindest eine Chance, diesen Test ebenfalls zu bestehen, denn Amazon-Gründer Jeff Bezos hat sich von der Idee derart begeistern lassen, dass er den Bau einer großen Variante der Uhr mit 42 Millionen Dollar unterstützt. Die Bauarbeiten zur Jahrzehntausenduhr haben gerade auf einem Grundstück Bezos‘ in Texas begonnen. Der Prototyp von 1999 steht noch in relativ kleiner Ausführung in einem Museum. „The Clock of the Long Now“ (Die Uhr des langen Jetzt), wie sie der britische Musikkünstler Brian Eno poetisch getauft hat, sitzt in ihrer Großfassung dagegen in einem Berg als Gehäuse. Bergbaumaschinen bohren gerade Platz für die Mechanik, und ein Roboterarm mit einer speziellen, diamantbeschichteten Steinkettensäge soll danach eine Wendeltreppe direkt in den Kalkstein schneiden. Der Berg ist schwer zugänglich — der Aufstieg ist nicht unmöglich, aber mühsam. Wer dort einmal auf dem Uhrwerksaltar der Zukunft huldigen will, muss also eine regelrechte Pilgerfahrt auf sich nehmen. Das ist vollauf beabsichtigt.

Der verkleinerte Prototyp des mechanischen Rechenwerks für die Millionen an Klingeltönen funktioniert schon. (Bild: LongNow)

Wie baut man also eine Uhr, die zehntausend Jahre lang ein Wallfahrtsort sein kann? Zuerst einmal: groß. Alles, was in einer herkömmlichen Uhr klein und leicht gehalten wird, muss für die Langstrecke ein ganzes Stück wachsen. Groß bedeutet auch: langsam. Langsame Bewegungen reduzieren Verschleiß. Das Uhrwerk verwendet zum Beispiel ein 150 kg schweres Pendel aus Titan, das bedächtig im Zehnsekundentakt schwingt. Überhaupt besteht alles entweder aus Titan oder aus Schifffahrtsedelstahl oder aus Keramik, denn erstens hält Keramik ewig, wie Höhlenfunde belegen, und zweitens können wir heute Keramiken herstellen, die hart sind wie Diamant. Sämtliche Lager der Long-Now-Uhr bestehen aus Keramik, damit man sie nicht schmieren muss. Selbst die beste Schmiere verdunstet ja innerhalb verblüffend weniger Jahrhunderte. Die Uhr ist, wie die Materialien zeigen, eine mechanische, und nicht nur das: Es ist obendrein eine Aufziehuhr. Es ist essenziell, dass sie das ist, denn wenn nach der Apokalypse die zerlumpten Überreste der Menschheit auf der Suche nach einem Platz für die Nacht in die Uhrhöhle hineinstolpern, sollen sie ohne Hilfsmittel durch intensive Betrachtung ergründen können, wie diese Maschine funktioniert. Es gibt für diese unsere Erben einen Aufziehmechanismus, der an bewährt sklavenbetriebene Maschinen der Vergangenheit erinnert: Ein horizontales Rad mit Ausläufern muss auf einer Plattform laufend gedreht werden, und es erfordert zwei oder drei Personen, um tonnenschwere Gewichte hinaufzuschrauben, die mit der Zeit an sich wenig zu tun haben: Sie sind fürs Gebimmel. Ein sehr komplexes mechanisches Rechenwerk erzeugt über 3,5 Millionen verschiedene Tonfolgen, also beinahe für jeden Tag der zehntausend Jahre einen eigenen. Die Uhr bimmelt jeden Mittag, allerdings nur, wenn der beschriebene Mechanismus voll aufgezogen ist.

Das Ziffernblatt der Uhr zeigt die relativen Positionen von Sonne, Mond und Sternen. (Bild: LongNow)

Die eigentliche Zeitnahme ist wesentlich sparsamer. Das Pendel erhält seine Energie aus den Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht. Die überschüssige Energie fließt in den großen Aufziehmechanismus, sodass die Uhr selbst ohne menschlichen Besuch gelegentlich allein vor sich hinbimmelt. Zusätzlich wird der Zeitgeber durch ein Saphirglasfenster von der Mittagssonne auf mittag eingestellt. Nur mit dieser Kombination aus geringer Exaktheit (aus der Mechanik) mit der beschriebenen Synchronisation ist es möglich, dass die Konstruktion über Jahrtausende die richtige Zeit hält. Die Anzeige bewegt sich dabei nicht. Um die Zeit abzulesen, muss ein Mensch nach oben hochsteigen und so lange an einem Rad drehen, bis die Anzeige auf der korrekten Zeit — vorgegeben vom Uhrwerk — einrastet. Die Maschine zeigt also zunächst immer den Zeitpunkt an, zu dem sie zuletzt abgelesen wurde. Auch das ist durchaus so gewollt.

Das Zählwerk ist dabei digital, denn Digitaltechnik ist robust und störtolerant. Da wir heute alltäglich von entsprechenden Maschinen umgegen sind, denken wohl die meisten bei „digital“ an Elektronik. Eigentlich bedeutet „digital“ (von lateinisch „Digitus“, dem Finger) nur, dass die fließenden Werte der analogen Welt der Einfachheit halber diskreten Wertstufen zugeordnet werden. In der Elektronik legt der Erbauer zum Beispiel einfach fest, dass auf einem Kabel anliegende Spannung bei null bis ein halbes Volt eine Null zu sein habe und alles über einem halben Volt eine Eins. Gekoppelt mit einer Taktung erhält man so eine unempfindliche Signalübertragung. Das Prinzip funktioniert jedoch genauso mechanisch, zum Beispiel mit vorgefertigten Hebelrastungen, die digitalen Zuständen entsprechen. Und genau das hat Danny Hillis für sein Zählwerk vorgesehen (genauso übrigens wie für das Bimmel-Rechenwerk). Die Long-Now-Clock als Schöpfung des Informationszeitalters zählt digital mechanisch, was ebenso ironisch wie schön ist — und seehr Steampunk.

Das Projekt, ja: die ganze Stiftung Long Now muss sich einige Kritik anhören. Warum verschwenden sie ihre Ressourcen, ihre Genialität und ihr Geld, auf eine Spielerei ohne Nutzen? Sollte man sich nicht zuerst um die Hungernden kümmern, um Krebs, Krieg, Kapitalauswüchse? Nein. Nein aus einem sehr einfachen Grund: Wer immer nur auf seine Füße schaut, der sieht genau, in was er gerade tritt, stolpert aber ziellos umher und wird mit einem letzten „Warum?“ schließlich in einen Abgrund stürzen, den er nicht gesehen hat. Die Menschheit braucht heute mehr denn je Perspektiven, den langen Blick in die Zukunft als Art. Schon 1997 schrieb Jeff Bezos in seinem ersten Rundschreiben an die Amazon.com-Gesellschafter: „It’s all about the long term.“ Es war, ist ihm wichtig, die typischen kurzsichtigen Renditeentscheidungen weitgehend zu vermeiden, um solide wachsen zu können. Die Menschheit braucht allerdings genauso Inspiration, Symbole. Mondraketen und Rennwagen haben ganze Generationen heutiger Ingenieure zu dem inspiriert, was sie heute sind: sehr nützlich für die Gemeinschaft nämlich. Zur symbolhaften Uhr sagt Bezos daher: „Das ist das Vernünftigste, was wir je getan haben.“ Er teilt die Ansicht von Hillis, dass mehr Voraussicht kritisch für unsere Zukunft ist. Sein Beispiel geht zurück zum Welthunger: Es ist nach vernünftigem Ermessen nicht möglich, dieses Problem in fünf Jahren zu lösen. Aber denken wir doch einmal zweihundert Jahre voraus… In den Worten von Danny Hillis: „Ich kann mir die Zukunft nicht vorstellen, aber sie ist mir wichtig. Ich habe Hoffnung für die Zukunft.“

In diese Kalksteinberge in Texas wird die Uhr hineingefräst. (Bild: LongNow)

Epilog

Man muss immer bisi vorsichtig sein mit den Intelligenten unter den Geeks, man muss also konkret diesen Danny Hillis genau beobachten. Denn in seiner Originalschrift schrieb er:

The fate of really old things leads me to think that the clock should be copied and hidden. The idea of hiding the clock to preserve it has a natural corollary, but it takes Teller, the professional magician, to suggest it without shame: „The important thing is to make a very convincing documentary about building the clock and hiding it. Don‘t actually build one. That would spoil the myth if it was ever found.“ In a way, Teller is right.

In diesem Sinne konsumiere man die folgenden Dinge cum grano salis (also mit Salz. Und Tequila):

Vimeo-Kanal von Long Now

Flickr-Fotostream von Long Now

Projekthomepage The Long Now

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