Ihr seid die Besten.

Das Standardmodell des publizistischen Geldverdienens hofiert den Werbekunden, weil der die großen Beträge bringt. Leser sind nur als quantifizierbare Masse interessant. Im Internet hat sich hierzu der eindeutig beschreibende Fachbegriff „Klickvieh“ herausgebildet. Das erklärt auch, warum anderswo so viel Quatsch steht (hier steht natürlich niemals Quatsch). Es gibt jedoch am Rande verschiedene Formen der Menschlichkeit, der Leserwertschätzung. So hatten wir damals bei der c‘t zum Beispiel jeden Tag eine kostenlose Hotline-Fragestunde, in der jeder Redakteur verpflichtet war, Leserseelsorge zu leisten. Was haben wir nicht für Menschenmengen getröstet (denn machen kann man da nichts Billiges mehr), die kein Backup, aber einen Head Crash hatten. Ich erinnere mich ebenso an einen Fall, als Dr. psych. Gleich eine arme Mutter tröstete, deren pubertierender Junge die ganze Nacht zockte und unterm Tisch neben dem aufgesägten Rechner schlief.

Diese gelernte Leserversorgung nahm ich — zusammen mit feuerverzinkten Recherchetechniken — mit in die Motorradwelt. Was habe ich am Telefon alles für Motorräder verkauft durch ebenso persönliche wie nette Beratungsgespräche! Außerdem war es Ehrensache, jede einzelne E-Mail wenigstens einer kurzen Antwort zu würdigen. Das scheint dem Ökonom nun vielleicht herausgeworfene Zeit, die ja Geld ist. Nur hat er Unrecht. Denn die investierte Nettigkeit kommt allerweil mit Zinsen zurück. Ich habe aus ganz Deutschland Einladungen ans Lagerfeuer zu einem Bier, wenn ich eine meiner Gewalttouren mache. Leser ermöglichen mir Dinge. Leser haben mir schon direkt bei der Arbeit geholfen, Leser haben mir Alkohol und Geräte zu meinem puren Vergnügen gegeben, Zuspruch, und selbst hassende Geiferer geben gelegentlich etwas sehr seltenes: die Wahrheit. Fast muss man den Ökonomen bemitleiden, der die Zusammenhänge nicht sieht, denn es geht um basale Bausteine der Zwischenmenschlichkeit.

Jetzt haben mir Leser schon wieder etwas Gutes getan (you know who you are). Und diese Herdenstimmung, die ihr vermittelt (“Wir sind die Guten! Yeaaah!“), die macht Mut, dass es — vor allem im um- bis wegbrechenden Werbemarkt — künftig mehr echte Leser-Publikationen gibt, also solche, bei denen zuerst der Leser kommt und dann erst die Werbung. Viel wichtiger jedoch: Selbst wenn alles zusammenbricht, dann können wir nach der Apokalypse immer noch am schwelenden Reifenfeuer sitzen, aus verlassenen Aldi-Filialen erbeutetes Dosenbier in der Hand, und glücklich den nächsten vollkommenen Quatsch planen. Wir wären immer noch die Guten. Und: Ihr seid die Besten.

Kommentare:

ältere
  • Alexander meinte am 21. September 2011 um 12:25:

    Es gibt übrigends schon eine grobe Idee für die nächste 50er Tour. 🙂

  • Andreas meinte am 21. September 2011 um 12:47:

    Wow, so schön geschrieben, da möchte man glatt dazu gehören…

  • Clemens Gleich meinte am 21. September 2011 um 15:21:

    Setz Dich, Andreas, nimm Dir ein Bier.

    Alexander: Island? Mit 50er Enduros?

  • Ben meinte am 21. September 2011 um 19:08:

    Wunderbar sentimental das…! Passt irgendwie zum Herbsteinbruch. Hoffe diesen Winter wieder mit der Gleich(en)-Lektüre überstehen zu können. Viel Vergnügen beim weiteren selbstlosen Autorentum.

  • Alexander meinte am 21. September 2011 um 22:01:

    @Clemens: Nordkap25 war kurz im Gespräch. Davon haben wir am nächsten Morgen allerdings wieder Abstand genommen. Nein, Holland steht auf dem Plan!

    • Clemens Gleich meinte am 25. September 2011 um 1:34:

      Holland! Nette, weil vollkommen verrückte Leute, aber: keine Kurven. Vielleicht doch APE…

  • Wolfgang Lonien meinte am 10. Oktober 2011 um 12:27:

    Diesen Text brauch ich in englischer Übersetzung, für einen Freund, der mit dem Bloggen aufhören will. Leider macht Google Translate aus Dir einen „Dr. Equal“: http://translate.google.com/translate?sl=de&tl=en&js=n&prev=_t&hl=en&ie=UTF-8&layout=2&eotf=1&u=http%3A%2F%2Fwww.mojomag.de%2F2011%2F09%2Fihr-seid-die-besten%2F&act=url

    Gut geschrieben, wie immer. Und wenn‘s ned Hannover wär, dann würd ich meine Nerd-Propeller-Kappe auspacken und mich bewerben…

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