Besser sitzen: Der Bilderflüsterer

Auf dem Motorrad ist der Fahrer eines der wichtigsten Fahrwerksteile und deshalb ist es elementar, wie er sitzt. Instruktoren bei Fahrtrainings machen aus diesem Grund immer so ein Gewese darum, wie der Fahrer sich setzt, legt, hängt. Der Kollege Horst Gräf kürzt die Fahrtrainingsveranstaltung heraus und bewertet die Sitzposition anhand von Fotos oder Videos. Nun haben die meisten Rennstreckenfans ja Zugriff auf brauchbare Bilder vom Streckenfotografen, nur: Wie viel kann ein Mann aus einem statischen Pixelraster schon herauslesen? Nicht viel. Aber Horst ist auch kein Mann, sondern eine echte Prinzessin.

Flashback Fastbike-Party, nachts um halbvolles Cocktailglas. Andy Glänzel schwebt auf mich zu, wie Leute eben so durch ein alkoholsiertes Gesichtsfeld schweben, und annonciert: „Ich möchte dir eine echte Prinzessin vorstellen.“ Bezeuge nonchalant Interesse, indem ich zustimmend schwanke. Andy schiebt ein kantiges Kinn in mein Gesichtsfeld und sagt: „Sie heißt Horst.“ Verwirrung. Ich lehne Prinzessinnen eigentlich grundsätzlich ab, die sich an Lippen oberhalb der Gürtellinie rasieren. Das sollte ein Glänzel doch wissen! Andy bemerkt meinen inneren Aufruhr, schüttelt bedeutungsschwanger den Kopf und sagt nur: „Du musst ihr zuhören.“ Das tat ich schließlich.

Horst ist einer dieser merkenswerten Menschen, hinter deren unscheinbarer Fassade unauslotbare Gedankentiefen liegen. Er gibt gelegentlich den Live-Instruktor und sagt den Lernern dann Dinge, die sie ungern hören, weil sie wahr sind. Auf meiner Festplatte fliegen viele Fotos herum. Einige davon veröffentliche ich, andere behalte ich in meinem Kabinett des Grauens unter Verschluss. Eine Auswahl schöner und gruseliger Bilder habe ich Horst zur Bewertung geschickt und muss mich als nachhaltig beeindruckt bekennen, weil er Dinge tatsächlich sieht. Mir hat beispielsweise zu meiner Anfangszeit mal jemand gesagt, man müsse sich komme was wolle immer auf die äußere Raste stellen, um bestmögliche Traktion zu erhalten. Wer das schonmal probiert hat, kann sich vorstellen, wie unentspannt vor allem ein Anfänger bei diesem kategorischen Versuch sitzt. Horst hat das auf einem der Fotos erkannt, bemängelt, und zwar konkret mit Hinweis auf die äußere Raste.

“...und auf den Geraden aktiv bewusst sacken lassen. Mach disch logga, Alter.“ (Bild: Ducati)

Jetzt will ich mich gar nicht bloßstellen mit meinen schlimmsten Bildern oder tiefer in die Analyse ebenderer eindringen, sondern ich will gleich sagen: Horst Gräf kann anhand von Bildern besser sitzen lehren. Er kann es auch mit Videos. Es kostet 15 Euro für Bilder, 30 für Video. Wer lernwillig ist, kann 15 Tacken eigentlich kaum besser anlegen, denn eine Flasche Talisker kostet das Doppelte. Wie viel mir persönlich die Analyse bringt, weiß ich, wenn ich wieder motorisiert bin. Horst hat eine Nachmessung an einer Rennstrecke mit den Worten vorgeschlagen: „Habe noch jeden hingekriegt.“ Er wird mir, sollte er mich nicht hinkriegen, ein Attest (“unbelehrbar“) ausstellen. Das ist doch was. Man erreicht die Prinzessin im Link unten. Man sollte ihr zuhören.

Royales Track Feedback

Kommentare:

ältere
  • Holger meinte am 14. Dezember 2011 um 12:09:

    Hallo Clemens,

    für das nächste Treffen mit der Principessa solltest Du „Hilfsmittel“ nutzen, dann habt Ihr noch mehr Freude bei der Kringelnummer.

    Meine Epmfehlungen: Noppen und Antigleitgel!

    1. Noppen – ich hab sie bei meiner direkt über die Möpse geklebt 😉
    http://img140.imageshack.us/img140/3154/img4676vr.jpg
    Die Pads sind klasse, in der Bremszone bewusst die Schenkel zusammenpressen, wie ne Pastorentochter und Du bekommst weniger müde, saure Unterarme und Krämpfe. Es werden weniger falsche Lenkimpulse durchs eigenes Abstützen in die Stummel übertragen. Die eigene Linie wird damit viel exakter – muss man halt üben. Beim Hang Off wird das Dreieck von Raste-Knie/Tank-Sitz optimal unterstützt. Wenn ich freihändig fahre, kann ich allein durch das hochdrücken des Knies an die Tankkante Lenkimpulse setzen und die Richtung ändern. Die Teile bieten Gegendruck wenn Du ihn brauchst und kannst ihn da gezielt einsetzen/abfordern. Auch die Rückmeldung vom Motorrad funktioniert dadurch besser, man merkt schneller wann sie runzickt und darum geht es ja beim Kringel fahren…
    Je fester und direkter (rutschsicherer) man mit dem Motorrad verbunden ist, desto schneller merkt man kleine Rutscher und weiß wann es ihr zu viel wird.

    2. Antigleitgel – Tipp von Moto GP-Racern, der Dr. soll es auch benutzen!
    https://www.fehlig.de/piazza3/801/images/items/thumbs/2211.jpg
    Dieses Wundermittel dünn auf Tank, Sitzbank, Hosenboden, Kombi-Innenschenkel und Kombi-Innenseite Unterarme schmieren, es sollte auf beiden Flächen drauf sein, dann klebt es nicht und hemmt genial….je mehr Andruck, desto bessere Bremswirkung. Das Zeug nennt sich Riemenwachs oder Transmissions-Ädhäsionswachs. 😉 Ist Farblos, lederpflegend und bildet einen unsichtbaren, rutschhemmendern Film.
    Ist mit einem Benzinlappen oder WD 40 nach der Kringelnummer schnell wieder weggewischt.

    Ist im Fachladen für Antriebstechnik zu bekommen, auch rutschende Keilriemen kann man damit vermeiden.

    Beste Grüße aus Berlin
    Holger

    • Clemens Gleich meinte am 14. Dezember 2011 um 12:13:

      Guckstu hier nochmal, da habe ich schon Stomp Pads empfohlen. Das Antigleitgel ist mir allerdings tatsächlich neu…

  • Richie meinte am 5. Juli 2012 um 22:30:

    Mich hat er nicht hingekriegt. Dafür hat er mir aber den Brüller mit den „mehr rechts- als linkskurven“ in Deutschland erzählt. Lachen heute noch meine Kunden drüber…

  • Clemens Gleich meinte am 5. Juli 2012 um 22:36:

    Ach ja, da war ja noch was! Wenn er mich auch nicht hinkriegt, kriege ich nach Versprechen zumindest die Urkunde mit „unbelehrbar“ drauf. Aber jetzt mach ich erstmal Urlaub.

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