Gelesen: Zonko auf Monden

– Clemens Gleich in Kategorie(n) , – 09.01.2012

Mein Geist ist meis­tens unter­wegs im Jahr 10.000 hin­ter dem Pfer­de­kopf­ne­bel. Ich tu mir daher oft schwer, die Motor­rad­men­schen auf Erden zu ver­ste­hen. Was jam­mern sie über zu viel Tech­nik in ihren BMWs? Die hat­ten doch noch nie einen kas­ka­die­ren­den Nano­ma­schi­nen­aus­fall auf­grund eines nach­läs­sig pro­gram­mier­ten Mate­rie­kom­pi­la­tors! Wenn ich mal wie­der jeman­den unver­stän­dig anglot­zen muss, weil mein Gehirn auf Fern­rei­sen sein Pro­blem nicht ver­ar­bei­ten kann (wie, ihr habt noch Poli­ti­ker?), dann schi­cke ich ihn meis­tens zum Reit­wa­gen weiter.

Der Reit­wa­gen ist die nor­malste deutsch­spra­chige Motor­rad­zeit­schrift. Es gibt nicht die­sen Ballerina-Eiertanz, den andere Publi­ka­tio­nen unter­ein­an­der gele­gent­lich pfle­gen, son­dern man kann durch­aus ein Kon­kur­renz­hef­terl machen und trotz­dem ein nor­mal mensch­li­ches Ver­hält­nis pfle­gen. In den Neun­zi­gern hieß es: “Jeder muss ins Inter­net!” IBM fragte in einer recht guten Wer­bung: “Warum?” Diese ich-mach-was-mit-Sozialmedien-Leute behaup­ten heute: “Jeder muss ins Gesichts­buch!” Der Reit­wa­gen sagt: “Nein.” Er wägt sogar den Internet-Einsatz an sich sorg­sam ab. Die fünf Infos, die Leute zum Reit­wa­gen brau­chen, die las­sen die Öster­rei­cher von ande­ren mit­hos­ten — frü­her von 1000ps, heute von moto media, einer gemein­schaft­li­chen Ösi-Plattform. Das ist die tau­send­mal bes­sere Alter­na­tive zu sel­ber machen und aus Zeit­man­gel ver­pein­li­chen lassen.

Als also mein äußerst geschätz­ter Kol­lege Fritz “Zonko” Tri­endl seine fan­tas­ti­sche Mond­reise in ein Buch kom­pi­lierte, erwägte ich mit Blick auf meine dau­men­na­gel­große Sili­zi­um­bi­blio­thek einen Moment, ihn nach dem Ieh-Buck zu fra­gen und lachte mich dann herz­lich für die­sen Gedan­ken aus. Ich wurde bestä­tigt, als das Buch ankam: ein Hard­co­ver in bedruck­tem Tex­til­be­zug mit einem mond­far­be­nen Lese­bänd­chen daran. Innen erfreut den anspruchs­vol­len Leser ein hand­werk­lich sau­be­res Lek­to­rat, das für eine äußerst geringe Feh­ler­an­zahl gesorgt hat. Das ist ja heute lei­der keine Selbst­ver­ständ­lich­keit mehr, son­dern sel­ten. Dazu passt der ruhige, klas­sisch schlichte Satz auf fein­fa­se­ri­gem Papier in Eier­scha­len­farbe in einer Dicke von geschätzt rund 100 Gramm/qm. Die Auf­ma­chung spricht von einer Liebe zum tra­di­tio­nel­len Buchdruck.

Edle Rea­li­täts­flucht für Motor­rad­fah­rer: Sie kön­nen Zonko auf Mon­den folgen.

Genauso groß wie die Unter­schiede in unse­ren Biblio­the­ken (ich stelle mir vor, Zonko hat einen Heu­bo­den vol­ler beschrie­be­ner Tierba­by­häute), so groß sind auch die Unter­schiede, wie wir Motor­rad­fah­ren wahr­neh­men. Und genau des­halb schi­cke ich die ein­gangs erwähn­ten see­lisch ver­wirr­ten Leser zu ihm weiter. Denn Zonko erlebt gerade das­selbe wie ihr. Er fühlt sich von einer kom­plex auf ihn ein­zwit­schern­den Maschi­nen­welt unwohl — vor allem, weil auf der ande­ren Seite der Zange der Gesetz­ge­ber­wahn­sinn steht. Sein Wel­len­sit­tich Luna Loop orga­ni­siert einen hof­fent­lich hei­len­den Mond­be­such, den sie so erklärt: “Na ja, du warst in letz­ter Zeit nicht mehr so gut drauf und hast wenig gelacht. Du warst am bes­ten Weg, ein erge­be­ner Bür­ger zu wer­den.” Dar­auf Zonko:

Selbst­ver­ständ­lich hatte sie Recht. Die Freude am Leben war mir auf Erden tat­säch­lich irgend­wie ent­glit­ten. Das hatte meh­rere Ursa­chen gehabt, es war schlei­chend vor sich gegan­gen. Zum einen hat­ten die gesetz­ge­ben­den Men­schen die Welt krank regle­men­tiert, sie hat­ten die indi­vi­du­el­len Frei­räume immer mehr ein­ge­schränkt und begon­nen, uns auf Schritt und Tritt in der Manier see­len­kran­ker, macht­hung­ri­ger Kon­troll­freaks zu über­wa­chen. Und zum ande­ren bescherte uns die moderne Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie einen unfass­bar dich­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­schwall, der selbst im neu­gie­rigs­ten Gehirn den Wunsch nach einer dunk­len Ecke nährte. Man war immer unter Druck und kam über­haupt nicht mehr zur Ruhe. Und zu tief emp­fun­de­ner Freude nur äußerst selten.

Was das Buch also ver­mit­telt, sind weni­ger die Gescheh­nisse auf dem Mond, son­dern viel­mehr Ein­bli­cke in das See­len­le­ben eines sehr typi­schen Motor­rad­fah­rers, einen von uns. Dazu passt Zon­kos Selbst­ver­ständ­nis als Pirat, sein Unwille, nach dem Weg zu fra­gen, wenn man auf einem drei­stün­di­gen Umweg doch viel bes­ser ans Ziel kommt, denn ist nicht auf dem Motor­rad der Weg das Ziel? Des­halb reist Fritz auch nicht auf irgend­ei­ner bava­ria­pa­ni­schen Cruise Mis­sile auf den Mond, son­dern rei­tet auf einer Harley-Davidson Road King, einem amt­li­chen Schwertrak­tor aus der Eisen­zeit des Motorradbaus. Die Lehre des Harley-Fahrens dehnt der Autor dabei auf das Leben an sich aus: Hin­ter­frag es erst gar nicht, du fin­dest eh nicht her­aus, warum das poppt. Du ver­dirbst dir höchs­tens den Spaß daran.

Aus den auf­ge­führ­ten Buche­mo­tio­nen sollte eines recht klar sein: Die­ses Buch ist dann gut, wenn man ers­tens Zonko mag und zwei­tens die Seele des Motor­rad­fah­rens zumin­dest auf dem Papier (oder mei­net­we­gen Per­ga­ment) begrif­fen hat. Beide Punkte kann man aller­dings ganz ein­fach durch die vor­he­rige Lek­türe eines Reit­wa­gens klären.

Zonko auf Mon­den auf dem Amazon-Marketplace (16,90 + 3 Euro)

In Öster­reich für 14,90 (www.motorradbuch.at)

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