Gelesen: Zonko auf Monden

Mein Geist ist meistens unterwegs im Jahr 10.000 hinter dem Pferdekopfnebel. Ich tu mir daher oft schwer, die Motorradmenschen auf Erden zu verstehen. Was jammern sie über zu viel Technik in ihren BMWs? Die hatten doch noch nie einen kaskadierenden Nanomaschinenausfall aufgrund eines nachlässig programmierten Materiekompilators! Wenn ich mal wieder jemanden unverständig anglotzen muss, weil mein Gehirn auf Fernreisen sein Problem nicht verarbeiten kann (wie, ihr habt noch Politiker?), dann schicke ich ihn meistens zum Reitwagen weiter.

Der Reitwagen ist die normalste deutschsprachige Motorradzeitschrift. Es gibt nicht diesen Ballerina-Eiertanz, den andere Publikationen untereinander gelegentlich pflegen, sondern man kann durchaus ein Konkurrenzhefterl machen und trotzdem ein normal menschliches Verhältnis pflegen. In den Neunzigern hieß es: „Jeder muss ins Internet!“ IBM fragte in einer recht guten Werbung: „Warum?“ Diese ich-mach-was-mit-Sozialmedien-Leute behaupten heute: „Jeder muss ins Gesichtsbuch!“ Der Reitwagen sagt: „Nein.“ Er wägt sogar den Internet-Einsatz an sich sorgsam ab. Die fünf Infos, die Leute zum Reitwagen brauchen, die lassen die Österreicher von anderen mithosten — früher von 1000ps, heute von moto media, einer gemeinschaftlichen Ösi-Plattform. Das ist die tausendmal bessere Alternative zu selber machen und aus Zeitmangel verpeinlichen lassen.

Als also mein äußerst geschätzter Kollege Fritz „Zonko“ Triendl seine fantastische Mondreise in ein Buch kompilierte, erwägte ich mit Blick auf meine daumennagelgroße Siliziumbibliothek einen Moment, ihn nach dem Ieh-Buck zu fragen und lachte mich dann herzlich für diesen Gedanken aus. Ich wurde bestätigt, als das Buch ankam: ein Hardcover in bedrucktem Textilbezug mit einem mondfarbenen Lesebändchen daran. Innen erfreut den anspruchsvollen Leser ein handwerklich sauberes Lektorat, das für eine äußerst geringe Fehleranzahl gesorgt hat. Das ist ja heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern selten. Dazu passt der ruhige, klassisch schlichte Satz auf feinfaserigem Papier in Eierschalenfarbe in einer Dicke von geschätzt rund 100 Gramm/qm. Die Aufmachung spricht von einer Liebe zum traditionellen Buchdruck.

Edle Realitätsflucht für Motorradfahrer: Sie können Zonko auf Monden folgen.

Genauso groß wie die Unterschiede in unseren Bibliotheken (ich stelle mir vor, Zonko hat einen Heuboden voller beschriebener Tierbabyhäute), so groß sind auch die Unterschiede, wie wir Motorradfahren wahrnehmen. Und genau deshalb schicke ich die eingangs erwähnten seelisch verwirrten Leser zu ihm weiter. Denn Zonko erlebt gerade dasselbe wie ihr. Er fühlt sich von einer komplex auf ihn einzwitschernden Maschinenwelt unwohl — vor allem, weil auf der anderen Seite der Zange der Gesetzgeberwahnsinn steht. Sein Wellensittich Luna Loop organisiert einen hoffentlich heilenden Mondbesuch, den sie so erklärt: „Na ja, du warst in letzter Zeit nicht mehr so gut drauf und hast wenig gelacht. Du warst am besten Weg, ein ergebener Bürger zu werden.“ Darauf Zonko:

Selbstverständlich hatte sie Recht. Die Freude am Leben war mir auf Erden tatsächlich irgendwie entglitten. Das hatte mehrere Ursachen gehabt, es war schleichend vor sich gegangen. Zum einen hatten die gesetzgebenden Menschen die Welt krank reglementiert, sie hatten die individuellen Freiräume immer mehr eingeschränkt und begonnen, uns auf Schritt und Tritt in der Manier seelenkranker, machthungriger Kontrollfreaks zu überwachen. Und zum anderen bescherte uns die moderne Kommunikationstechnologie einen unfassbar dichten Kommunikationsschwall, der selbst im neugierigsten Gehirn den Wunsch nach einer dunklen Ecke nährte. Man war immer unter Druck und kam überhaupt nicht mehr zur Ruhe. Und zu tief empfundener Freude nur äußerst selten.

Was das Buch also vermittelt, sind weniger die Geschehnisse auf dem Mond, sondern vielmehr Einblicke in das Seelenleben eines sehr typischen Motorradfahrers, einen von uns. Dazu passt Zonkos Selbstverständnis als Pirat, sein Unwille, nach dem Weg zu fragen, wenn man auf einem dreistündigen Umweg doch viel besser ans Ziel kommt, denn ist nicht auf dem Motorrad der Weg das Ziel? Deshalb reist Fritz auch nicht auf irgendeiner bavariapanischen Cruise Missile auf den Mond, sondern reitet auf einer Harley-Davidson Road King, einem amtlichen Schwertraktor aus der Eisenzeit des Motorradbaus. Die Lehre des Harley-Fahrens dehnt der Autor dabei auf das Leben an sich aus: Hinterfrag es erst gar nicht, du findest eh nicht heraus, warum das poppt. Du verdirbst dir höchstens den Spaß daran.

Aus den aufgeführten Buchemotionen sollte eines recht klar sein: Dieses Buch ist dann gut, wenn man erstens Zonko mag und zweitens die Seele des Motorradfahrens zumindest auf dem Papier (oder meinetwegen Pergament) begriffen hat. Beide Punkte kann man allerdings ganz einfach durch die vorherige Lektüre eines Reitwagens klären.

Zonko auf Monden auf dem Amazon-Marketplace (16,90 + 3 Euro)

In Österreich für 14,90 (www.motorradbuch.at)

Kommentare:

ältere
  • Jo meinte am 13. November 2012 um 7:33:

    Nett. Mehr nicht.
    >Diese ich-mach-was-mit-Sozialmedien-Leute behaup­ten heute: „Jeder muss ins Gesichts­buch!“ Der Reit­wa­gen sagt: „Nein.“ <
    Schön wär's…
    Fratzbuch ist bereits verlinkt.

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