Review: PS — Das Sport-Motorrad-Magazin

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 27.03.2012

In der letzten Zeit habe ich Bekannte aus Stuttgart hauptsächlich an irgendwelchen Flughäfen getroffen. Um mit meinem Ex-Bürokollegen Maik Schwarz ein Bier zu trinken, musste ich Großroller fahren; um eine überaus gute Erörterung übers Stürzen mit meinem damaligen Chef zu führen, trafen wir uns am Gate; und letzte Woche habe ich zwei Kollegen hinzus nach Spanien getroffen und einen rückzus — interessanterweise waren wir auf verschiedenen Terminen. Auf dem Rückflug hat Air Berlin einen Flug gestrichen, um Geld zu sparen, sodass ich einige Zeit im schönen Airport Düsseldorf mit dem PS-Kollegen Volkmar Jacob verbrachte. Volkmar ist der, der die ganzen Foto-Wheelies macht, der deshalb meist als Geisteskranker vermutet wird. In Wirklichkeit ist er erfrischend bodenständig, bescheiden und hat die wahrscheinlich höchste Arbeitsethik Stuttgarts. Er hat sich sein eigenes Heft am Kiosk gekauft, weil es bei seinem Abflug noch nicht im Büro vorlag und mir die Ausgabe (4/2012) dann gegeben. Deshalb mache ich jetzt damit dasselbe, was ich mit allen Dingen mache, die mir jemand gibt: eine Probefahrt.

Aufmachung

Das stört mich seit schon immer am meisten an der PS. Sie ist von den Motorpressepublikationen meine liebste, weil sie ein bisschen prollig sein darf, weniger ernst sein muss, aber warum in Designers Namen muss das Heft meine Netzhäute derart peitschen? Es gab in den Neunzigern den großen Umbruch hin zu digitaler DTP. Die PS heute sieht aus wie die ersten DTP-Hefte damals: Wie geil! Wir können mit einem Klick lila Schriften haben! Yeah! Lasst uns bunte und kursive Artikelüberschriften in fettem Arial machen! Es ist ein absoluter Verhau. Es ist grauenvoll. Vor ein paar Monaten gab es einen Mini-Riehlohnsch, nach dem der Verhau noch grauenvoller wurde. Es gibt also zumindest eine Entwicklungsrichtung. Die ganze Gestaltung irritiert mich hauptsächlich, weil gleichzeitig mit großem Aufwand sehr gute Bilder produziert werden. Volkmar riskiert Arsch und Maschine bei senkrechten Wheelies, Redakteure und Fotografen sind ganze Tage unterwegs, um einer Maschine abbildungstechnisch gerecht zu werden. Da kann es doch nicht sein, dass es später im Druck einen Experten braucht, um zu erkennen, dass die Bilder gut sind, weil sie vom Layout verpeitscht werden (gut: und vom dünnen Papier). Die Motorpresse bezahlt ja Gestalter. Das sind bestimmt die nettesten Menschen auf der Welt. Aber sie können einfach nicht gestalten.

Inhalt

Kommt zu Tisch! Inhaltliche Heftkritik! Zuerst: Uwe Seitz hat sich die Haare schneiden lassen — vielleicht, um trotz Layout (das er nicht ändern kann) das Heft zu verschönern. Pluspunkt auf der Tausenderskala! Ernsthafter: Mir gefällt, dass diese PS es mit Ehrlichkeit versucht. In der (um eine Ausgabe geschobenen) Geschichte zur Kawasaki ZZR 1400 steht also drin, dass die Bremse scheiße ist und das Setting 3 der Traktionskontrolle ebenfalls. Das ist die Wahrheit. Gleich danach: Suzuki GSX-R 1000 K6 ist besser als die aktuelle GSX-R 1000. Das ist zwar nichts Neues, aber erstens ebenfalls die Wahrheit und zweitens fachgerecht ins Detail ausgearbeitet. Genau diese Art von Artikel will ich persönlich in so einem Heft sehen: Sportwahrheiten von Experten heruntergebrochen. Dann folgt eine Geschichte „Japan vs. Europa“. Das ist für mich Geschwurbel, weil ich die Hintergründe halt kenne. Mag sein, dass andere Leser Spaß dran haben. Als nächstes vergleicht man die KTM 690 Duke mit der Kawasaki ER-6n. Die Frage ist nur: warum? Das wenig überraschende Fazit „KTM ist besser, aber Kawa ist besser für Anfänger“ stimmt zwar, nur passt diese Geschichte einfach in ihrer Art nicht in ein Sportheft. Egal.

Es folgt ein Test der MV Agusta F3 auf der alten Solitude-Rennstrecke. Viel versucht in Sachen Fotos, dann den ganzen Aufwand lieblos verächtlich mit der Schubkarre auf die dünnen Seiten abgekippt. Aber ich wollte ja über den Inhalt reden: Robert Glück stellt Unterhaltungswert her, indem er die F3 vor den Hintergrund Mike Hailwood legt. Das funktioniert für mich. Er ist außerdem ehrlich: Es steht drin, dass die Kupplung rupft wie ein spastischer Zahnarzt und dass die Einspritzanlage schlicht nicht funktioniert. Ich habe sehr viele Artikel über die F3 gelesen, weil sie eine dieser Maschinen ist, vor der man demütig niederkniet, aber kaum eine ehrliche Analyse gefunden. Ich meine: Kommt schon, ihr Schreiber! Der Italo-Fan lässt sich von einer nicht funktionierenden Einspritzung nicht vollends abschrecken. Er muss allerdings wenigstens wissen, dass er eben einen Tausi mehr für Nacharbeit einkalkulieren sollte. Wenn ihr schon mit großem Aufwand so ein Teil fahrt, dann muss da bitte mehr drinstehen als „klingt schön, fährt schön, ist schön, hihi“. Wenn es selbst bei der Motorpresse geht, gibt es keine gültige Entschuldigung für den Rest, Leserzeit zu verschwenden. Ich nenn‘ jetzt keine Negativbeispiele, weil es zu viele sind, das Positivbeispiel wär Robert. Er schreibt am Ende, dass es eine Traktionskontrolle gibt. Er hätte vielleicht noch ausführen können, dass die ebenfalls nicht funktioniert.

Blätter, blätter… Der Markt! Oh. Mein. Gott.

Lederf. 56/180/79 aus Wien, s. Lederbiker als Dauerf., kostenloses Wohnen ist vorh. [Telefon, Name, obwohl es bei der PS Chiffre gibt]

Was ist ein „f.“? Auf jeden Fall jemand mit Lederfetisch…

Begeisterter Sozius sucht Lederbiker mit freiem Soziusplatz auf Sportrennmaschine. [Telefon]

Das muss dieser Typ sein, der im Lederstrampler immer am Glemseck steht, um dort von hinten aufzuspringen. Werde jetzt immer den Markt lesen, und nicht nur in der PS: Habe festgestellt, das ist in anderen Heften genauso. Großer Unterhaltungswert! Und man bleibt auf dem Laufenden in Sachen schwule Lederszene. Pluspunkt.

Hk! Die „DSK-Nachrichten“! Der DSK bringt irgendwie mehr Abos und darf im Gegenzug zwei Seiten der PS verschandeln. So weit, so verständlich. Es erinnert mich nur an diesen Boxer, der sich gegen Bezahlung Pornoseiten auf die Stirn tätowieren ließ: kurzfristige Vorteile mit langfristiger Peinlichkeit bezahlt. „Lob und Nachdenkliches auf der Mitgliederversammlung“! Ein Bild eines mittelmäßigen Kurt-Beck-Imitators links! Sonst nur Bilder von alten Männern mit Mikrofonen! Texte wie Valium dazu und der menschenverachtende Aufruf: „Ja, ich bin dabei und nutze alle DSK-Vorteile!“ Wahrscheinlich schickt einem der DSK einen Youporn-Stirntätowierer (in Leder) vorbei, wenn man das Formular ausfüllt. Die Redaktion hasst die DSK-Seiten übrigens genauso. Falls das ein Verantwortlicher mitkriegt: Die Redaktion hat recht. Doch.

Oo! Gebrauchtberatung Honda CBR 600 RR. Stefan Glück sagt, man kann die bedenkenlos kaufen. Das ist die Wahrheit. Dann: „Hautsache Leder“, ein Test von Kombis unter 800 Euro. Junge Praktikanten müssen für die Fotos posieren, nichts tragend außer Leder. Da freut sich der Lederbiker. Der sexuell normale Leser dagegen freut sich über weitere Ehrlichkeit: Die Kombis sind alle scheiße. Dazu ein klarer Kommentar von Stefan Röttger: Konfektionsgrößen ignoriert und das Leder für Marsmenschen geschnitten, Innenfutter und Protektoren einfach reingeworfen und umgerührt. Daran folgend ein Vierseiter, den ich ohne relevanten Infoverlust zusammenfassen kann: „Schaut eure Maschine auf korrekten Wartungszustand an, ich vertröste euch nämlich mit dem Fahrwerksartikel aufs nächste Mal.“ Schade. Als nächster Artikel: Hardcore-Empfehlungen für Reifenluftdruck in Slicks — tabellarisch. Purer Nutzwert. Mat Oxley schreibt in der Kolumne, dass früher alles besser war, aber das weiß ich ja schon. Das Heft endet mit einem ausführlichen Stefan-Bradl-Interview — für mich der stärkste Artikel im Heft, obwohl man sich nicht vorstellen kann, dass Stefan jemals lacht.

So. Würde ich das Heft selber am Kiosk kaufen? Nein. Ich will mehr Stefan Bradl und weniger Kurt Beck. Ich will auch ein Stück Unterhaltung. Der ganze Nutzwert ist gut und richtig, aber außer dem Interview am Ende gibt es keinen echten Magazinteil. Und selbst wenn es den gäbe, zum Beispiel statt Vertröstung und Fahrschulmotorrädern: Meine Retinas vertragen das Layout immer gannnz schlecht. Ich will eine ansprechende Präsentation oder wenigstens etwas Gnade mit meiner Sehsensorik. Ich will außerdem Ehrlichkeit. Die ist vorhanden.

Kommentare

  1. Thimo - geschrieben am 28. März 2012 um 09:20 Uhr - #

    Begründete, subjektive Meinung. Layout ist ja wie Durchfall komplett Geschmackssache. Die PS habe ich schon sehr, sehr lang abonniert. Die Mo auch, die hebe ich komischerweise immer noch auf, die Pe-Es wandert nach dem Lesen in die blaue Tonne. Mag auch an der Verfügbarkeit des Online-Angebots liegen … Wobei die Mo nur ob der guten, wertigen Gestaltung gelesen wird. Der Inhalt wird für mich persönlich immer fragwürdiger.

    Einiges deckt sich sogar mit meinen Gefühlen nach dem Lesen, wobei ich den DSK-Part gar nicht lese, den Markt nur überfliege (Bilder …), Interviews mit S. Bradl in der Schpeedweek lese und die Sportnachrichten generell veraltet sind. Tät ich ganz weglassen …

    Was mir an der Pe-Ess immer gefallen hat, waren solche Stories wie Seitz als Rookie, Langstrecke und Schwerpunkt auf „sporchtliches Landstraßenfahrn“. Also mehr der Inhalt …
    Viele Schtories aus der großen Mama (Redakteur fährt mit R1 über A7 heim, Bergwertung …) hätte ich gern in der PS gelesen.
    Übrigens, man hat beim Lesen in der Pe-Ess nie den Eindruck, das Magazin wäre nur für einen elitären Kreis der Auskenner geschrieben (… Faschtbike, anyone?). Klarer Punkt für Seitz und Co.

  2. Clemens Gleich - geschrieben am 28. März 2012 um 10:09 Uhr - #

    Sehe ich sehr ähnlich. Es gibt einige gute Magazingeschichten aus der Motorrad, die in der Art super in die PS gepasst hätten und einige Geschichten, die eindeutig Motorrad-Geschichten sind (Fahrschul-Kawa vs. Günstiger-Duke zum Beispiel).

    Du hast außerdem recht damit, dass die Fastbike so extrem spitz positioniert ist, dass man sich wundert, dass die potenzielle Zielgruppe überhaupt größer als fünf Leute ist. Das aktuelle Heft finde ich gut, das ist etwas breitentauglicher. Das Gute an der spitzen Charakteristik der Fastbike: Es ist einfacher, Werbung zu verkaufen, weil die (kleine) Zielgruppe derart exakt definiert ist.

  3. Alfred Lockinger - geschrieben am 11. April 2012 um 12:00 Uhr - #

    danke clemens – was du ablässt hat unterhaltungswert, ehrlichkeit und ist informativ. ich kann im großen und ganzen deine aussagen nur bestätigen. allerdings happert es mit der ehrlichkeit stärker als von dir beschrieben (m. subejtkive meinung) vor allem ihre lederkombi tests treiben mich in regelmäßigen abständen zur weisglut. das in der liga (preisklasse ) keine wunder zu erwarten sind ist zwar klar, aber trotzdem sind die bewertungen erfundener mist der oftmals jeder realen grundlage entbehrt. wer einzahl gewinnt – habe fertig prinzip ;-)
    wieso stellen die dich nicht entlich als schreiberling ein frag ich mich ??? warum du bei mir incht schreibst weiß ich, weil ich mir deine dienste einfach nicht leisten kann……;-)
    kann ich den artikel für meine startseite haben ???? ;-)
    lg. alfred

  4. Clemens Gleich - geschrieben am 11. April 2012 um 17:13 Uhr - #

    Alfred, die Motorpresse kauft bei mir nix ein, weil sie (glaube ich) denkt, sie kann sich mich nicht leisten in dem Sinne, dass ich ihren Ruf des nüchternen Nutzwerts versauen könnte. Das kann ja durchaus sein. Im „Motorradfahrer“ fand so ein Leser-Bernd meinen sehr nüchternen Test der Kawasaki ZZR 1400 2012 „mehrfach grenzwertig“. Ich habe ganz ehrlich keinerlei Ahnung, was er meint, denn es kommen weder Geschlechtsteile noch Alkohol noch revolutionäre Aufrufe zur kategorischen Geschwindigkeitsübertretung drin vor. Vielleicht hat er sich geärgert, dass der ZZR-Tank nix für Fette ist.

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