Hell is other people in caravans

Clemens Gleich in Kategorie(n) , - 31.07.2012

Seit ich ein Bub bin, liebe ich Segeln. Ich habe dabei immer das Gefühl, Geschwindigkeit geschenkt zu kriegen und welches Geschenk könnte besser sein als Geschwindigkeit? Ich bin kleine Jollen auf John Jahr Jr.s genialen Barbecues mit angehängter Spaß-Regatta gefahren (Gott hab ihn selig). Wir sind bis unter die Schädeldecke voll Betelnuss und Vodka in der Lagune auf dem handgeschnitzten Auslegersegelkanu mit Stingrays um die Wette gefahren und dabei sehr oft ins Wasser gefallen. Ich habe sogar mal versucht, bei etwas Seegang Windsurfen zu lernen und weiß seitdem, warum man das besser auf dem Chiemsee anfängt (man fällt auch sehr oft ins Wasser). Segeln ist cool. Mein erstes Mal auf einer Charteryacht war vor einiger Zeit in Kroatien. Es war dieselbe geschenkte Geschwindigkeit (nur weniger davon), es war cool. Doch irgendeinen nagenden Zweifel gab es doch. Der hat sich jetzt beim Segeln um Schottland zur Gewissheit erhärtet: Yachten sind die Wohnmobile des Meeres und damit für den Rest der Verkehrsteilnehmer die weiße Pest.

Bavaria-Yacht

Gut erkennbare weiße Gefahr: Achtung, Wohnmobilspasten! (Bild: Philip Herzog)

Der Hass entsteht aus praktisch denselben Gründen. In der Theorie erfordert das Führen eines Land- oder Meeres-Wohnmobils ein gewisses Fertigkeitsniveau, das am besten über dem von PKW bzw. kleinen Motorbooten liegt. Dem ist in der Praxis jedoch sehr, sehr selten so. Über Landwomos muss ich nix schreiben, da hat jeder so seine Erfahrungen. Auf dem Wasser ist es jedoch nicht besser, sondern eher schlimmer, denn Yachties sind noch viel sonntäglichere Sonntagsfahrer, weil ihre Sonntage einfach seltener sind. In Kroatien beispielsweise konnte man hören, wie die Wohnmobilisten sich gegenseitig flache Witze über den Notkanal (16) zuriefen, bis die Küstenwache sie endlich ermahnte, nicht solche Spasten zu sein. Es gibt dafür keine nicht-gewusst-Entschuldigung, denn ohne eine kleine Prüfung mit Schein kricht der Spast ja sein Mietboot nicht.

Ich möcht da gar nicht mit dem Finger zeigen. Im Gegenteil bin ich der festen Überzeugung, dass wir auf unserem Schottland-Törn sämtliche bestehenden Abspastrekorde ZERSCHMETTERT haben. Das lag natürlich einerseits ein bisserl daran, dass Wohnmobile grundsätzlich technisch scheiße sind (auch in unseres regnete es durch eine Dichtung hinein), hauptsächlich jedoch lag es daran, dass wir, naja, einfach Sonntagsspasten waren. Wir sind gleich am ersten Tag mit dem Kiel über einen Felsen gekracht, der dem ursprünglich gebuchten Boot den längeren Kiel einfach abgerissen hätte. Wir haben mit der nicht funktionierenden Ankerbremse für große Comedy gesorgt, als wir in einem Seesalatbeet ankern wollten und haben dabei fast unsere Batterie verkocht, weil wir fünf Tonnen Seetang hochgewincht haben. Was haben wir im Hafen über fälschlich angeschaltete Ankerlichter gelacht, nur um dann einen ganzen Tag durchgängig unter Ankerlicht zu segeln.

Das nutzlose Dinghi drehte sich bei einer lächerlichen Windbö auf den Kopf, der Skipper fiel ins Wasser (ein weiteres Dinghi-Opfer), wir haben uns die eigene Angelschnur um den Kiel gewickelt, aber die nachhaltig peinlichste Erfahrung war, dass wir auf unserem Weg nach Talisker nicht ein, sondern gleich zwei Fischerboote fast überfahren hätten. Ich meine: Das Meer dort hoch ist keine enge Schwarzwaldstraße. Es gibt dort Platz. Es erfordert ein erhebliches Spastenniveau, um das auch nur einmal zu schaffen. Wir schafften es zweimal. In kurzer Folge. Mir fehlten dazu die Worte, was aber nicht schlimm war, weil ich einige sehr kraftvolle neue Worte von den Fischern lernen konnte.

Als auf dem Heimweg die große Autofähre (die nun wirklich nirgends ausweichen konnte) einen Wohnmobilspasten mit ihrem Nebelhorn aus dem Weg pusten musste, hatte ich ernste Bedenken, dass mich die reine Scham, so ein Ding zu besetzen, das nächste Mal töten könnte. Vielleicht Autotouren, also Motorboot (keinesfalls -yacht!) fahren? Naja. Eher langweilig. Nein, ich denke, das nächste Mal bereise ich Schottland vom Wassermotorrad aus, mit einem Sea-Doo RXP-X 260. Das hätte jede Tagestour unseres unterirdisch langsamen Wohnmobils in 30 Minuten geschafft, vor allem jedoch wäre man unterm Helm allein. Denn der größte Hass entsteht auf Dauer nicht auf die Wohnmobilisten anderer Yachten, sondern auf die, mit denen man auf seiner eigenen eingekerkert ist. Das ist nix für Motorradfahrer.

Ich beim Versuch, mich durch Abspasten selbst zu versenken. Da das nicht geklappt hat, wird das mein nächstes Schottland-Fahrzeug. (Bild: BRP)

Kommentare

  1. Alexander - geschrieben am 31. Juli 2012 um 12:45 Uhr - #

    Klingt nach einem erfolgreichen Urlaub! :D

    Willkommen zurück!

  2. Clemens Gleich - geschrieben am 31. Juli 2012 um 12:52 Uhr - #

    We hit all the (wrong) bases!

  3. Der-Alte Griesgram - geschrieben am 31. Juli 2012 um 12:55 Uhr - #

    Das schreit jetzt aber ziemlich laut: Mopped-Tour!

  4. Clemens Gleich - geschrieben am 31. Juli 2012 um 13:41 Uhr - #

    @Der-Alte Griesgram: Gönnau! Ich danke bereits Gott und Mattighofen für meine KTM.

  5. Jörg Mutke - geschrieben am 31. Juli 2012 um 16:11 Uhr - #

    Hallo Clemens,

    ich schätze Deine Texte sonst sehr, aber hier dreht sich mir der Magen um und nicht weil ich zu Seekrankheit neige – das tu ich nämlich. Mnachmal muss man einfach nur verstehen, dass auch Erfahrungen, die kluge Journalisten machen, nur eigene Erfahrungen sind und nicht zwangsläufig etwas über die Welt sagen.
    Ich habe in jungen Jahren das Privileg gehabt, mit einem Menschen auf der Ostsse mehrfach und über mehrere Wochen Segeltörns zu fahren. Dieser Mensch nahm das, was er tat, ernst und hat sich damit beschäftigt. Er wusste, was er tut und suchte sich ständig zu verbessern und hinzuzulernen. Diese Einstellung war mir ein Vorbild, als ich – mit schon über 30 – das Motorradfahren angefangen habe. Ich habe Spiegel gelesen (Bernd nicht Der), habe Trainings besucht und habe oft auf meinen Touren Sachen bewusst trainiert, damit ich weiß und kann, was ich tu.
    Leider ist der Kontakt zu diesen Menschen abgerissen, aber ich habe viele andere getroffen, die ihr Hobby ernsthaft und mit Engagement betreiben. Dabei waren Segler, Motarradfahrer, Köche und alle möglichen Arten von Sportlern und anderen Verrückten. Ich habe auch andere getroffen, die sich nach drei Versuchen für die Größten hielten und dachten, sie wären so klug, dass sie alles könnten. Aber zu welcher Gruppe man gehört ist unabhängig vom Hobby oder der Art der Fortbewegung.
    Zu welcher Gruppe viele Menschen gehören, die ihren Senf in der Öffentlichkeit ablassen, wissen wir wohl beide. Dich schätze ich immer noch anders ein. Also: Weil Du ein mieser Segler bist und auf einer Tour mit miesen Seglern miese Segler getroffen hast, sind nicht alle Segler mies.
    Im Übrigen würde ich lieber was über tolle Verkostungen lesen. Meine letzter Single-Cast-Abfüllung neigt sich dem Ende zu und ich brauche neue Anregungen.

  6. Clemens Gleich - geschrieben am 31. Juli 2012 um 16:59 Uhr - #

    Jörg, ich bin mir ziemlich sicher, dass kompetente, leidenschaftliche Segler sich sehr gut emotional von solchen Berichten distanzieren können, wie sie das von den Meeresmobilisten üblicherweise ja auch tun. Genauso gibt es Rennfahrer, die Wohnmobil fahren (in die Boxengasse nämlich). Man braucht nicht jede Aussage für die Ausnahmen bis zur Unkenntlichkeit ausrelativieren. Siehst ja, dass Du selber in der Lage bist, zu differenzieren, wer betroffen ist und wer nicht.

  7. Ralf Steinert - geschrieben am 31. Juli 2012 um 19:04 Uhr - #

    Und dabei hast du noch nicht mal etwas über ältere Pärchen geschrieben, bei denen ER Spaß am Segeln hat und SIE die Mooring erwischen muss.

  8. Clemens Gleich - geschrieben am 31. Juli 2012 um 19:42 Uhr - #

    Wir haben in Schottland nur das andere Modell des Pärchensegelns gesehen, bei dem Sie unter Deck – wasweißich – die Haare schön macht oder so und Er an Deck alles macht inklusive Boje anfahren, vorrennen und festmachen. Sonderpunkte für allein ankern.

  9. Kai - geschrieben am 1. August 2012 um 12:13 Uhr - #

    ….”Yach­ten sind die Wohn­mo­bile des Meeres”. Clemens, also bei den Motorräder gestehe ich Dir höchste Expertise zu, soweit ich das überhaupt beurteilen kann.
    Am vom Segeln hat Du ja offensichtlich sowas von absolut, anschlagmässig, ich-krieg-die-Tür-vor-so-viel-dummgesülze-gar-nicht-wieder-zu KEINE Ahnung……!

    Aber nett dass Du was drüber geschrieben hast ;-)

  10. Clemens Gleich - geschrieben am 1. August 2012 um 12:22 Uhr - #

    Ich höre keine Gegenbelege zu meiner Theorie “Yachties sind im Schnitt dieselben Urlaubsunterwegser wie Wohnmobilisten”! “Gefällt mir nicht” von Betroffenen stärkt ja nur meinen Standpunkt.

  11. Ralf Steinert - geschrieben am 1. August 2012 um 18:18 Uhr - #

    Ein Arschloch mit einer Yacht ist dasselbe Arschloch wie das mit einem Wohnmobil, und es gibt auf der Welt zu viele Arschlöcher. Das Fahrzeug spielt nicht die Rolle, sondern der Fahrzeugführer. Der Wohnmobilistarsch zieht weiträumig einen Jägerzaun um sich, der Yachtarsch fährt schon mittags um zwei den einzigen sicheren Hafen weit und breit an, wirft den Anker mitten ins Hafenbecken und gibt 200 Meter Ankerleine. Wie gesagt, es gibt auf dieser Welt zu viele Arschlöcher.

  12. Winfried V. Berlepsch - geschrieben am 1. August 2012 um 18:23 Uhr - #

    Vollpfosten auf Hausbooten, Segelyachten oder wo auch immer sind die Warnwestenpest.

  13. Jonas - geschrieben am 2. August 2012 um 09:35 Uhr - #

    Hallo Clemens,

    das Motorrad Äquivalent zum Yachtwohnmobil ist doch eher ne Jolle als der 300PS Pimmelfechterdegen. Man ist alleine oder maximal zu zwei, es ist Körpereinsatz gefordert und die, die nichts können werden schnell naß und lassen es dann. Speed-Triple / Duke Äquivalent wäre ne Laser mit Zelt und fürs Touring mit der Perle dann irgendwas mit Pimper-Kabuff(Kajüte). Das ganze am besten in nem flachen Revier wo die Yachtis in der Rinne bleiben müssen (Zingst-Darßer Bodden) oder Schären-Slalom. Mit Kumpels hat jeder sein eigenes Boot und man geht sich nicht so schnell auf den Sack.

  14. Clemens Gleich - geschrieben am 2. August 2012 um 10:31 Uhr - #

    Stimmt! Man könnte auch Surfbretter nehmen. Oder kleine Katamarane. RACING-Katamarane!

  15. Jonas - geschrieben am 2. August 2012 um 16:11 Uhr - #

    Gute Idee, Katamarane sind wie Mopped fahren wenns regnet, man wird noch schneller bestraft wenn man was falsch macht.

    Wird es eigentlich einen Artikel über den verköstigten Schnaps geben? Oder vielleicht sogar Youtube Videos im Horst Lühning Style…

  16. Clemens Gleich - geschrieben am 3. August 2012 um 15:36 Uhr - #

    Ich tu mir immer bisi schwer mit Whisky-Tastings. Meine berühmte “Liste der fair bepreisten Trink-Whiskies” haben wir jedenfalls nicht erweitern können.

  17. JJ - geschrieben am 5. August 2012 um 08:22 Uhr - #

    Ein herrlich zu lesender Beitrag! Du schaffst es, die Geschichten dermaßen auf den Punkt zu bringen, daß ich nur sagen kann “Chapeau”.

    Meiner Freundin hast Du den Tag im Büro versüßt. Nach der Lektüre war sie arbeitsunfähig aufgrund akuter und ewig andauernder Lachkrämpfe.

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