Dschobbr in den Juh-Ess of Äiij

Wer schwere Eisenhaufen und deren Anziehung verstehen will, der kommt um die Vereinigten Staaten von Amerika nicht herum, im konkreten Beispiel der Staat Florida mit dem Testobjekt Harley-Davidson Road King.

Clemens will einen Chopper-Schwerpunkt machen, dabei hat Clemens keine Ahnung von Chopper. Er denkt, dass Chopper diese Zweizylinder-Motorräder sind aus Japan, mit Chrom aus Plastik dran. Chopper sind aber Motorräder, die viel schlimmer sind. Chopper, das behaupten die Hells Angels, wurden von den Hells Angels erfunden, weil sie einerseits amerikanische Motorräder fahren wollten und sich andererseits aber von den anderen Amerikanern abheben mussten, weil das damals wie heute zu einer Rocker-Gruppe dazu gehört. Abheben, individualisieren von den anderen und dann selbst gleichschalten, was naturgemäß zum Zusammengehörigkeitsgefühl beiträgt.

Sie haben dann deshalb irgendwann die Harleys, erst noch die kleinen, dann erst später die großmotorigen Maschinen, auf das sogenannte „Wesentliche“ reduziert. Meist waren das dann Starrrahmenmotorräder, mit denen der meist besoffene und ungewaschene Mann, das gibt selbst Chef-Angel Sonny Barger zu, kaum weit fahren konnte und dauernd Rückenschmerzen hatte. Deswegen, glaube ich, haben sie damals viel Bier und Acid rein-geschüttet und ein-geschmissen.

Übrigens würde Barger heute ja viel lieber BMW fahren, hat er mal erzählt. Aber das kann er nicht bringen. Angels fahren Haahrllliii. Nun hat er wenigstens ein Windschild am Motorrad. Einen Chopper fährt er heute aber nicht mehr. Mehr so was wie ich letztens in Florida, ne Harley-Davidson Road King, also, was alles andere als ein Chopper ist. (Was Sonny tatsächlich fährt, weiß ich nicht, aber so was ähnliches ganz bestimmt und auf jeden Fall mit Schild.) Eine Road Kind ist eigentlich ein amerikanisches Naked Bike – wenn die Windschutzscheibe runter genommen wird, was mit zwei Handgriffen erledigt ist. Dann setzt man sich drauf und fährt los, im Falle von Florida dann geradeaus. Immer.

Ich habe mal ein paar Eindrücke auf unserem Surfazz-Blog geschrieben. Die nehme ich hier jetzt noch mal her, um ein paar Dinge über das Leben auf der Straße des heutigen Floridas zu sagen und das Motorradfahren mit einer Harley. Denn, was mich ja ankotzt, sind diese platten Motzereien von so vielen Biker-Schabulkes auf die ach so schweren Harleys, die so scheiße sind, weil sie so alte Technik haben (was sie gar nicht nur haben) und man mit denen doch gar nicht fahren könne – das sagen immer Leute, die noch nie eine Harley gefahren sind, zumindest keine neue. Ich gebe ja zu, meine alte 1982er Ironhead ist das, wie es Franz-Josef Schermer so liebevoll ausdrückt, „das schlechteste Motorrad der Welt“ (und er findet es ist noch schlechter als eine Vespa!) und er hat Recht. Die Ironhead ist so schlimm, so unfahrbar beschissen, sie rüttelt und schüttelt, sie kann nicht schneller als 55 mph fahren, weil sie sonst explodiert, was sie für Deutschland zu einem reinen Stadtbike macht. Dass ich sie besitze, macht mich stolz. Ich finde sie voll scheiße. Es macht aber so Spaß, den Motor anzumachen, morgens so um sieben Uhr, wenn es noch kalt ist draußen und sie Gas will. Ich liebe sie. Sie isch so ährlich, fei.

Eine heutige Road King ist erhaben. Wer noch fucking noch mal nie auf einer durch die National Parks im amerikanischen Westen gefahren ist, durch die Milliarden von Kurven der Rockys und deren Auswüchse, weiß nichts zum Thema Harley zu sagen, zumindest nichts Fundiertes und das macht was. Scheiße darüber zu erzählen ist einfach, weil es ja auch so viel Scheiße darüber zu erzählen gibt. Habe erst heute wieder eine Doku im Fernsehen gesehen, wie eine organisierte Motorradreisegruppe die Route 66 entlanggefahren ist – das ist Kotze pur, und dann kaufen sie alle diese 66-Patches und faseln was davon, dass diese Straße Geschichte sei (ist sie ja, die Jungs meinen, dass da was geschichtlich Wertvolles übrig sei, was nicht stimmt, ich habe mir es von Profis versichern lassen) und irgendwas von Heritage und gucken dabei gedankenverloren in die Ferne. Was für eine Scheiße!

Egal. In Florida (übrigens war ich eingeladen vom Motorradverleih Eaglerider, das sei gesagt) geht das Motorradfahren so: Also das Choppern, oder was Clemens fürs Choppern hält. Und ich finde, man erlebt da echt was Gutes, und weil es so ist dort, wie es ist, kann man nur auf einer Harley, also auf einem „Chopper“, da durch fahren, alles andere wäre total krank.

[Anmerkung des Sport-Ressorts: Es fanden sich im Manuskript noch die folgenden Tagebucheinträge.]

Freiheit bis zur Begrenzungsleine

Florida ist das tollste Land zum Motorradfahren. Man muss sich nicht konzentrieren, weil es in ganz Florida nur drei Kurven gibt. Die führen durch Palm Beach, zwischen den Bonzen-Villen durch. Die sehr reichen Menschen dort — also da hat jeder so ein Haus, so groß wie Sans Souci — also diese Menschen haben sich die Kurven, die durch wunderhübsche Palmenalleen laufen, ich glaube, ich bin mir sicher, extra wegen dem europäischen Look von Kurven da hin gebaut. So als Accessoire.

Hier, dieses Bild, entstand an einem Strand in Florida, der ist sehr schön. Mit Selbstauslöser. In der Nähe von Key Largo.

Auf dem Wasser schwimmt eine Begrenzungsleine. Ist man im Wasser, darf man nicht über sie hinaus schwimmen. Ich gehe davon aus, dass das dort per Gesetz verboten ist, und wenn man es macht und stirbt, wird der Gestorbene angezeigt.

Modefragen zum Thema Rollschuhe

Wir waren an dieser Straße, die direkt an der Küste entlang läuft, wo auch der berühmte Daytona-Beach ist, in Daytona Beach. Auf dem Beach kann man mit dem Auto oder mit dem Motorrad entlang fahren, weil das die Amerikaner total cool finden und zu ihrem Lifestyle passte, also früher passte das und heute ist es eben eine Touristenattraktion. Hey, look at this, isn´t it cool, you can drive on da Beach, Fucker! Kostet aber Eintritt und man soll langsam fahren, wegen den Kindern, die im Sand spielen.

Ohne Rollen bist du hier niemand.

Abends bin ich dann trinken gegangen, im Mats – Liquors – Lounge II, ungefähr hier: 2158 Florida A1A, Daytona Beach Shores, Florida, Vereinigte Staaten. Wer bei Streetfiew die Straße hoch und runter fährt, findet das rote Schild, auf der Seite wo kein Meer ist. Da ist eine Tür, die gar nicht so einladend ist. Dahinter war Lindsy, sie schenkt Bier aus einer Art Duschschlauch-Zapfhahn. Die Menschen rauchten und tranken und der Russe, der hier in den USA Arbeit suchte, war auch voll, aber seine Freundin zog ihn von uns weg – was ich voll nett fand, weil er nervte, andererseits: Auf Reisen soll man doch Menschen kennen lernen. Oder? Deswegen reist man doch, wegen den Eindrücken und der Horizonterweiterungen! Irgendwie, so gesehen, schade, das mit dem Russen.

Ich war auf einer echten Harley Davidson reisen, auf einer Road King – übrigens. Der Junge auf dem Bild oben, rollt die Straße vor Mats Liquors – Lounge II entlang. Leiser als Skater bei uns, die haben ja immer diese Kratze-Rollen, die klingen ja eher wie ein Bobby Car, der hier, man sieht es auch auf dem Bild, hat eher so weiche, rollende Rollen. Ich mag auch den Sockenstyle – der kommt ja mindestens aus den 80ern, da hatten Skater immer so Socken – zuletzt trugen sie, das weiß ich noch, immer so enge Jeans, wie die Ramones. Was aktuell so angesagt ist, kann ich gar nicht sagen. Weiß das jemand?

Bei Mats, auf jeden Fall, da waren dann irgendwann ein paar Bier weg und mein Kollege hat sich einen Whiskey bestellt, einen „amerikanischen“ und hat einen getrunken, der 201 hieß, was mir eher komisch aufstoß. Er hat ein großes Glas bekommen, eine Art Double-Double-Shot. So gut kann der Whiskey nicht sein, dachte ich mir, aber ich hab mein Kumpel gar nicht gefragt, wir waren so überrascht, weil die ganze Rechnung nur 18 Dollar betrug und wir in Stuttgart sicher das Dreifache bezahlt hätten. Am nächsten Tag, was dann auch egal war, wegen der Stimmung in uns drin, war der Beach geschlossen, die Flut war zu hoch. Aber in Daytona kann man ja auch noch da hin fahren, wo die Nascar Daytona 500 ausgetragen wird, das haben wir gemacht.

24/7 All the Family Truckin‘

Alan, Hund, unsichtbare Becky: Keepin‘ on truckin‘…

Alan hat einen Hund. Die beiden sind Trucker. Sie fahren Güter durch die ganze USA mit ihrem Peterbilt-Truck. Der ist ungefähr so lang wie zwei bei uns. Praktisch ein Gigaliner. Hinter der Fahrerkabine ist eine riesige Wohnmobil-Kabine angeflanscht. Da wohnt Alan und sein Hund mit Becky, seiner Frau, und deren Hund. Und zwar, wie er sagt, „Twentyfourseven“, und er meint damit, dass die vier immer in dem LKW schlafen wenn sie unterwegs sind. Manchmal sind sie auch zuhause, hat Alan mir erzählt. Sie wohnen in Texas und haben da Pferde, sagte er. Alan ist auf mich zugekommen, weil ich amerikanische Motorräder fotografiert habe und er meine: Hey, fotografier meinen Truck, solche Trucks habt ihr in Deutschland nicht. Er hatte Recht. Und Alan, solche Typen wie dich haben wir auch nicht. Gute Fahrt, Gruß an Becky.

Echte Männer mit echten Bärten

So schauen halt echte Beiker aus!

Dieser Typ stand in einer dieser typischen Bikerbars herum, die schon längst zum Touristenmagnet für Wochenendbiker geworden sind und nicht mehr Unterschlupf für echte, stinkende, in Leder gekleidete Biker mit Knarre in der Satteltasche. Bei diesem Typ könnte ich mir vorstellen, dass er umsonst trinken darf und abends mit dem Taxi nach Hause gefahren wird, vom Wirt. Einfach, damit er kommt, dass er da ist und eine lebende Legende mimt. Das dachte ich schon, bevor dieses Foto entstand. Ich habe es ungefragt geschossen und ich hatte das komische Gefühl, dass er sich nicht wegdrehte, es sogar genoss fotografiert zu werden, oder – eben – posierte, weil es zu seinem Job gehört?

In der Bar (Alabama Jack´s) hat man Frittiertes aus Körben gegessen mit den Händen und leichtes Bier getrunken. Eine Band hat mit einer Slidegitarre, einem Sänger und einem Schlagzeuger eine alte Frau begleitet, die lustig tanzte und mit ihrem Alter kokettierte, man hat ihr nämlich Geld in ihr Strumpfband stecken sollen, wobei ich fast kotzen musste, als das ein Brasilianer tat. Draußen hat der Mann mit Bart dann einem Touristen seine Harley gezeigt, da musste man allerdings dann mit Respekt wahrnehmen: wow, voll laut das Ding. Er hat dann am Gasgriff gespielt – brumbrumbrumm

Der Motorradpolizeimann

Eine Parade zu Ehren der Polizei! Da kommen die Beamten sonntagsfrisch geschniegelt.
Eine Parade zu Ehren der Polizei! Da kommen die Beamten sonntagsfrisch geschniegelt.

Sicherheit geht vor, auch in den USA. Der Motorradpolizeimann hat einen Helm auf und Handschuhe an. Da macht er mehr, als vom Gesetz gefordert, denn in Florida gibt es keine Helmpflicht. Da, im Hintergrund, fährt eine Kolonne Motorradfahrer entlang, der Polizist passt auf sie auf. Die Parade ging mehrere Minuten lang und es waren fast alles Harleys, was schade ist und nur zeigt, dass die Amerikaner anscheinend in der Masse über eine Motorradkultur nah an Orange Caundy Tschoppers nicht hinauskommen. Nur eine Firebalde in Repsol-Look mit dem passenden Fahrer in Repsol-Look hab ich gesehen, was zudem die Gesamtbilanz an coolen Mofas in Florida – die ich gesehen habe, eher noch verschlimmert. Eine Geschichte, wie wir sie auf dem Surfazz-Blog schon über die Motorräder in Paris gemacht haben, und in MO, geht in Florida auf der Straße nicht. Ach ja, übrigens, die Parade war zu Ehren der Polizei. Die USA sind wirklich voll arg anders als wir, denn wir würden so etwas doch niemals tun, oder? Außer vielleicht, unsere Polizei fährt in Zukunft auch mit Reiterhosen und Reiterstiefelchen um her und mit ner kessen Trillerpfeife um den Hals. Gell? Dann ja.

Bilder: Timo Großhans

Kommentare:

ältere
  • Maik Schwarz meinte am 14. Januar 2013 um 19:14:

    Urlaub in den USA kann aber durchaus auch schön sein (Landschaft, Weite, geringe Bevölkerungsdichte abseits der grossen Städte).
    Übrigens, Sonny Barger, der (Mit-)Gründer der Hells Angels, fährt inzwischen Victory.
    http://i295.photobucket.com/albums/mm148/dprmoore/05-27-08045.jpg

    • Clemens Gleich meinte am 15. Januar 2013 um 10:48:

      Ich würde im Urlaub in den USA Kawasaki Ninja fahren. Kawa hat dort ein sehr verdientes Riesen-Standing und die Amis lieben den Namen „Ninja“. Jede Kawa heißt dort so, sogar der ZZR-Tourer.

  • Pete Prellbock meinte am 20. Januar 2013 um 18:26:

    Was einem erspart bleibt wenn man in Stuttgart bleiben würde. Das wissen wir jetzt.

  • Uwe meinte am 1. Februar 2013 um 22:02:

    Also, Wikipedia sagt uns das: http://de.wikipedia.org/wiki/Chopper_%28Motorrad%29
    Für Helis gibt‘s übrigens denselben Begriff, die zerkloppen nämlich die Luft. In der Elektronik sind das fette Widerstände, die Energie verheizen.
    Und Dschobbr? Klingt irgendwie nach Neufünfland, odda äbn nich, mei Gutsta?
    Mir eigentlich echt egal, weil man weder mit einem Widerstand noch einer Harley richtig Kurven fahren kann…
    BTW trotzdem cooler Artikel. Tranks.

  • Uwe meinte am 1. Februar 2013 um 22:04:

    Scheiss Texterkennung vom ipad. Ich mein logischerweise: thanks, nicht tranks!

  • Biker Kuno meinte am 25. Februar 2013 um 13:31:

    Ich bekenne und schäme mich heute dafür, ich war früher auch so ein „Biker-Schabulke“, der nie eine Harley gefahren aber sie bei jeder Gelegenheit kräftig diffarmiert hat.
    Und dann ist es doch einmal passiert und ich saß auf so einem Ami-Kackstuhl und war – immerhin seinerzeit als Ducatisti – sofort infiziert. Nach vielen inneren Kämpfen, so „imagemäßig“ von wegen Poser-, Zahnwälte- oder Böse-Buben-Krad, hab ich mir tatsächlich so ein Teil von der Company gekauft und werde es freiwillig nicht mehr hergeben. Daneben halte ich mir aber – in immer wieder wechselnder Besetzung – noch ein Zweitkrad für den Alltag und zum Angasen. Ich kann daher jedem „Biker-Schabulke“ nur empfehlen einmal eine Probefahrt auf einer Harley zu buchen und die meisten werden – wenn sie ehrlich sind – ihr Urteil zumindest ein Stück weit revidieren.

    • Clemens Gleich meinte am 28. Februar 2013 um 11:17:

      Yep. Ich sage nur „Matthias Schröter“. Früher ausgemachter Motorpresse-Raser, fährt heute glücklich mit seiner Forty-Eight durch den Schwarzwald. Das gibt es, und das gibt es oft. Aber halt nicht bei mir. Ich bin schon viele Harlays gefahren, und meine Vorurteile verfestigen sich jedes Mal nur weiter (Korrosion, Fahrverhalten, zu viel Schein, zu wenig Sein). Und wenn ich in Florida gradaus fahren soll, hol ich mir einen schaukelnden V8-Miet-Cadillac.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.