Geschwindigkeitsbegrenzungen und xibipío

Ich beschwer mich nicht über Strafzettel. Ich beschwer mich über Geschwindigkeitsbeschränkungen. Wenn irgendwo in der niederdeutschen Pampa ein leichter Knick in der Straßenführung mit Überholverbot und 70 mehrere Kilometer im voraus angekündigt wird, weil damals, 1971, Opa Grützenich bei Schnee und besoffen im Dunkeln von der Straße abgekommen ist, dann ärger ich mich. Und denk mir: Da ist was falsch.

Unlängst war ich auf Teneriffa, Mitte Dezember. Mojomag-Fans empfahlen mir die Insel und Clemens brachte mich auf die Idee, eine KTM 690 Duke zu leihen. Perfekte Insel, perfektes Wetter, perfektes Krad für die beiden zusammen. Alles richtig gemacht, ich dank euch. Eine weitere Bestätigung dafür, dass ich alles wichtige in meinem Leben aus dem Netz hab, aber das ist ein anderes Thema.

Auf Teneriffa hatte ich eine Epiphanie. Und Paella, die war nur ok, aber die Epiphanie war gut. Dazu muss man sagen, dass Teneriffa im Prinzip ein Berg ist, der aus dem Meer aufragt. Es gibt (bis auf die Hochebene) praktisch keine ebenen Flächen und wenn doch, sind sie von Menschen angelegt und so aufwändig zu bauen, dass sie für wirklich wichtige Dinge vorbehalten sind. Fußball, zum Beispiel, und Fußball.

Manchmal muss es auch für Tinerfeños flach sein.
Manchmal muss es auch für Tinerfeños flach sein.

Anders gesagt: Die Insel besteht hauptsächlich aus Kurven. Graden sind auch da, reichen aber meist nur dazu, zu beschleunigen und wieder abzubremsen. Oder die allgegenwärtigen Touristen in ihren Miet-Corsas zu überholen; Einheimische machen freiwillig Platz. Die Straßen lehren mich – wie auch auf Korsika – einer neuen Liebe zur EU. Wer diese Streckenführung und diese Beläge finanziert, kann kein schlechter Mensch sein und muss Motorräder lieben.

Ich tobe mich also aus, als ob es kein Morgen gäbe und selbst wenn, wäre es irrelevant, wie alles andere; das ist der Kern des Motorradfahrens, soweit das mit Worten zu erfassen ist. Gelungene Überleitung: Irgendwo im Amazonas gibt es ein Volk, die Pirahã, dessen Sprache einigen Linguisten zur Verzweiflung treibt, da ihre Grammatik anders ist, als die Linguisten sich die Welt erklären mögen. In einem ziemlich langen Artikel des New Yorker beschreibt der Linguist Dan Everett einen wesentlichen Aspekt dafür so:

When someone walks around a bend in the river, the Pirahã say that the person has not simply gone away but xibipío—‘gone out of experience’. They use the same phrase when a candle flame flickers. The light ‘goes in and out of experience.’

Hier erzählt Everett mehr darüber:

Wenn ich fahre, ist die Welt xibipío. Ich fokussiere auf den Trichter vor mir, die Welt zwischen Navi und Kurvenausgang, rolle entspannt durchs nächste Dorf und alle halbe Stunde muss ich anhalten, rauchen, Wasser trinken, weil mir schwindlig wird vom teneriffschen Straßenbau oder meine Ohren knacken von den Höhenmetern und Vegetationswechseln. Warum, frag ich mich später bei Paella und Cerveza, ist das so, und im zweiten oder dritten Cerveza find ich die Antwort, die Epiphanie:

Es gibt hier keine Geschwindigkeitsbeschränkungen. Also, es gibt schon Tempolimits, es gibt auch Polizei mit Blitzern und Teneriffos, die per Lichthupe warnen. In den Ortschaften, durch die ich durchrolle, um zwischen den Kurven Atem zu schöpfen. Aber da draußen, da bin ich die Geschwindigkeitsbeschränkung. Landstraße heißt für mich, auf Sicht zu fahren: langsam in die Kurve rein, schnell raus. Meiner Auffassung folgen, was denn an Asphalt folgen mag. Dann bin ich ganz und die Welt xibipío und das einzige, was mich in die Welt zurückreißt (und es ist jedesmal ein schmerzlicher Prozess), das ist ein rundes Schild mit rotem Rand und einer Zahl darin. Wenn nicht die Umstände, nicht die Welt, so wie sie ist, mir Grenzen aufzeigen, sondern ein Verwaltungsakt.

Hier gelten 90 km/h. 5 Mark für dich, wenn du hier geblitzt wirst.
Hier gelten 90 km/h. 5 Mark für dich, wenn du hier geblitzt wirst.

Wir hoffen drauf, dass die Welt ein gefräßiger Plapperkäfer von Traal ist: Wir schließen die Augen, sie verschwindet. Aber unsere Hoffnung ist vergeblich und die Welt wie sie ist. Weswegen mir nach der ganzen Epipahnierei nur dieser einfache Merksatz bleibt:

Wenn du auf den Tacho schaust, bist du auf der falschen Strecke.

Kommentare:

ältere
  • Der-Alte Griesgram meinte am 4. November 2013 um 10:19:

    Tempolimits sind per se böse, weil sie die Dummheit fördern.
    Tempolimits auf Landstraßen sind erzböse.
    Gilt so ähnlich für alle Verbote.

  • Frank meinte am 4. November 2013 um 10:20:

    Oh wie Recht Du hast!
    Wie häufig habe ich mich auch schon über unsere wilde Beschilderung (die oftmals ohne erkennbaren Sinn ist) geärgert und mich in kurvigen Urlaubsregionen über eben das Fehlen dieser gefreut habe.
    War übrigens auch schon auf Teneriffa und habe dort die Straßen genossen (mit einer geliehenen Transe), unbedingt machen!

    Zwischenfrage zu Korsika (kurz erwähnt). War dort 2009 unterwegs und da war der Asphalt noch sehr wechselhaft: Von traumhaft bis schlimme Polterstrecke.
    Ist seitdem dort viel passiert was die Belagqualität angeht?

  • motophil meinte am 4. November 2013 um 11:01:

    Griesgram: Erinnert mich an Irland in den 90ern. Vor Kurven stand, da wo‘s nötig war: SLOW. Vor einem 90-Grad-Knick stand: DEAD SLOW. Das sagte alles was man wissen mußte.

  • Phil meinte am 4. November 2013 um 11:07:

    Die hiesigen Tempolimits alle 200m an freien Landstrassen sind eine von sehr vielen Manifesten des zunehmend benoetigten Exoskeletts aus irren Regelkonstrukten. Die Leute wollen/brauchen das. (Und ja, wir wollen doch geradezu abgehoert werden, sind wir doch ehrlich. Sonst wuerden wir ja nur noch Quatsch mailen, wenn da nicht wer aufpassen wuerde!)

    Es ist nicht nur so, dass das Unreglementierte als boese oder unsicher empfunden wird. Das darf doch nicht sein! Es ist vielmehr so, dass wir ohne die permanente Pseudo-Orientierungsmoeglichkeit durch teils komplett sinnlose Regeln das Dasein nicht mehr aushalten, weil gar kein Halt mehr da ist. Das macht aengstlich und somit aggressiv. Man stelle sich vor, niemand sagt einem, wie schnell man da an der Stelle fahren muss! Reaktionen waeren unterschiedlich: sofort asoziale Raserei als zwingende Konsequenz auf das Fehlen offensichtlicher Beschraenkungen. Egowahn. Oder prophetisches Mahnen und Noergeln, denn das muss ja schiefgehen. Oder etwa Selbstjustiz.

    Einfach sein Ding zu machen im Rahmen der kaum mehr empfindbaren menschlichen Freiheit und im Bewusstsein einer sozialen Verantwortung aber auch einer mitmenschlichen Toleranz (der Mensch ist angeblich ein soziales Wesen), das geht garnicht. Dafuer ist die Sensorik abhanden gekommen oder sowas.
    Wahrscheinlich eine selbsterfuellende Prophezeiung. Nimm das 70er/50er Taferl vor der Kurve weg, und sofort kracht es: „Da haetten die aber ein Warnschild aufstellen muessen“.
    Oder Oelflaschen fliegen.

    Die Tendenz ist m.E. beunruhigend, aber seit langem unaufhaltsam und voll im Trend.

    • Clemens Gleich meinte am 4. November 2013 um 13:45:

      Es reicht in rund 100 Prozent der Fälle auf Landstraßen das generelle Landstraßen-Tempolimit. Also bei uns 100 km/h, in der gestrengen Schweiz 80 und so weiter. Die roten Nummernschilder braucht kein Mensch, und dasselbe gilt für diese Gefahrenschilder: Was ist das erwartete Verhalten, wenn dieses Felsbrockenschild kommt? Langsamer fahren wegen „könnt was auf der Straße liegen“? Schneller fahren, um früher aus der Gefahrenzone zu sein? Bauen wir 99 Prozent aller Schilder ab, und es wird nicht mehr Unfälle geben, sondern weniger, weil man auf einmal auf die Straße schauen muss statt an den Schilderrand.

  • Frank Kemper meinte am 4. November 2013 um 15:01:

    In Sachen Tempolimit wünsche ich mir – es sind ja gerade Koalitionsverhandlungen – zwei grundlegende Änderungen:

    1. Will die Legislative irgendwo ein Tempolimit errichten, muss gleichzeitig beziffert werden, welcher positive Effekt mit diesem Tempolimit erzielt werden soll, also: Rückgang der Verkehrsunfälle in diesem Straßenabschnitt um X Prozent. Oder von mir aus auch Rückgang der Geräusch- oder Schadstoffbelastung um X Prozent. Dazu muss zuvor der Ist-Zustand erfasst werden, also die Verkehrsdichte und das Level an Unfällen/Lärm/Schadstoffen. Sodann wird festgelegt, dass Verkehrslimits, die innerhalb eines Jahres nach Einführung die bei der Einführung prognostizierten positiven Effekte nicht erreicht haben, automatisch wieder aufgehoben werden müssen. Man sollte dann auch eine Karenzregelung einführen. Wenn also nach einem Unfall ein Landstraßenlimit von 80 km/h eingeführt wird, und es verfehlt die prognostizierte Wirkung, dann ist an diesem Abschnitt erst einmal zwei Jahre Schicht im Schacht und nicht gleich eine Verschärfung auf 70 km/h möglich.

    2. (das geht jetzt einfacher und kürzer). Die Verfolgung und Ahndung von Verkehrsdelikten aller Art obliegt einzig und allein der Polizei. Eingenommene Bußgelder kommen dem Landeshaushalt zugute. Keinesfalls dürfen Kommunen einen Vorteil daraus ziehen, dass sie in Eigenregie die Voraussetzungen für Verkehrsverstöße schaffen (Parklizenzgebiete, Starenkästen in Verbindung mit sinnlosen Tempolimits) und anschließend die Knöllchen ausstellen.

    Es gibt sogar Bereiche, wo ich ein Tempolimit befürworte: Bei zweispurigen Autobahnen wäre ich für Tempo 120, bei gleichzeitigem Überholverbot für Lkw, Busse, Gespanne und Autos mit ausländischem Kennzeichen. Die Autobahnabschnitte, die noch zweispurig sind, sind binnen fünf Jahren mit dreispurigen Überholzonen alle fünf Kilometer auszustatten.

    • Clemens Gleich meinte am 4. November 2013 um 16:50:

      Das sind sehr vernünftige Vorschläge Frank, denen die meisten deutschen Verkehrsteilnehmer freudig zustimmen würden. Deshalb kannst sicher sein, dass in unserer Postdemokratie nichts Derartiges umgesetzt wird.

  • Bla meinte am 4. November 2013 um 22:56:

    Weg mit Warnschildern und Assistenzsystemen, her mit einem Dorn auf dem Lenkrad. Will ich ja schon lange.

  • mito meinte am 7. November 2013 um 17:59:

    Zu Korsika: ich war im Juni dort und bin die meisten Strassen gefahren ca. 1800 Kilometer. Die Verhältnisse sind von Super bis 20 Kilometer Baustelle. Wer sich davon nicht aufhalten lassen will und auf dynamisches Fahren steht sollte keinen Supersportler oder ne Harley mitbringen.
    Korsika ist der Wahnsinn. Da muss man mal gewesen sein.

    Zum Rest: die Regelungswut ist Wahnsinn. Ich meide daher fast immer „rote“ Strassen und betrachte die Schilder mit den Kreisen als Anhaltspunkte. Dann gehts.

  • markus meinte am 8. November 2013 um 0:50:

    Sehr schön – danke!

  • Lesestoff: BMW Café Racers | moppedfahren meinte am 5. Januar 2014 um 12:18:

    […] Lesestoff eingetroffen: BMW Café Racers von Uli Cloesen. Online gabs auch schöne Dinge, wie z.B. dieser lesenswerte Post im MoJomag, zu dem ich über VauZweiRad gekommen bin, das kranke Zeug, das Leute mit Vespas machen und ein […]

  • VauZweiRad » “Wenn du auf den Tacho schaust, bist du auf der falschen Strecke.” meinte am 20. Juli 2014 um 11:56:

    […] Axel Bergander hat auf mojomag was geschrieben was so sehr richtig ist, das ich es hier unbedingt verlinken muss: Geschwindigkeitsbegrenzungen und xibipío […]

  • Andre H. meinte am 24. März 2016 um 12:39:

    Deswegen fahre ich auch mindestens einmal im Jahr zur Nordschleife, einfach fahren wie es ein richtig erscheint ohne das man seinen Lappen verliert! 🙂

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.