Pariser Ohrstöpsel: Alpine MotoSafe

Vor einiger Zeit ging eine sehr aktive Marketing-Dame durch die Reihen, um Alpine-Ohrstöpsel zu verteilen, damit Motorradfahrer und -drüberschreiber sie ausprobieren. Sie fragte zum Beispiel, ob man nicht ein Gewinnspiel machen wolle. Um das Ganze abzukürzen, war mein Vorschlag, dass sie den Gewinn (die Stöpsel) doch gleich an ein paar Leser schicken könnte, damit die was drüber schreiben. Und dann mir noch einen Satz wegen Bildern. Das tat sie, und ich tat es sofort vergessen, weil ich gerade zu viel trin…arbeite. Einerseits erzähle ich dieses „wie es kam“, um ein bisschen Einsicht zu geben, andererseits glaube ich, dass die Ohrstöpsel dieses Marketing auch nötig haben. Denn sie funktionieren zwar ohne Zweifel, aber sie sind teuer und unpraktisch.

Die Existenz eines Etuis fanden viele überproportional toll. Es ist aufgebaut wie eine Fototasche, mit Schaumstoff zum die Sachen festklemmen.
Die Existenz eines Etuis fanden viele überproportional toll. Es ist aufgebaut wie eine Fototasche, mit Schaumstoff zum die Sachen festklemmen.

Aber zunächst die Plus- und Minuspunkte der Tester, damit die Ohrstöpsel nicht umsonst durchs Land geschickt wurden. Gut war:

  • Dämpfung entspricht Versprechen: Die zwei Filter dämpfen unterschiedlich stark, sodass zum Beispiel eine Ausfilterung von Windgeräuschen möglich ist, bei der Gespräche dennoch hörbar bleiben. Das ist ihr größter Vorteil gegenüber Einweg-Schaumstopfen, wobei es auch die nach Frequenz sortiert gibt. Selbst beim stärkeren Filter vermerkten Tester noch Gesprächstauglichkeit, beim schwächeren Filter sowieso.
  • Belüftung: Es findet durch die winzigen Löcher in den tauschbaren Resonator-Röhren ein geringer, aber vorhandener Luftaustausch mit der Umgebung statt, wodurch der Gehörgang weniger zumatscht.
  • Tragekomfort: Der Tragekomfort wurde als gut bis sehr gut angegeben, wobei mehrfache Wortnennungen Schaumstopfen weicher im Ohr fanden. Wahrscheinlich ein Fall für Ausprobieren.
  • Etui: Fast jeder empfand die Existenzs eines Etuis als toll, was ich nicht vollständig nachvollziehen kann, aber zu Protokoll geben möchte. Es besteht aus einer Neoprenhülle mit durchgelochtem Schaumstoff, in dem man die Einzelteile seines Sets einklemmt.
Die kleinen Filterröhrchen muss der Kunde selber an die Pömpel fummeln. Warum nicht zwei Sätze komplett beilegen, Alpine? So viel kann Gummi nicht kosten.
Die kleinen Filterröhrchen muss der Kunde selber an die Pömpel fummeln. Warum nicht zwei Sätze komplett beilegen, Alpine? So viel kann Gummi nicht kosten.

Schlecht war:

  • Preis: 20 bis 25 Euro ruft Alpine auf für die Sets, die sie verschicken. Darin sind zwei Stopfen, zwei mal zwei Dämpferröhrchen, ein (weitgehend unnützer) Applikator und ein Ersatzstopfen. Vor dem Hintergrund des Preises müssen alle folgenden Punkte bewertet werden.
  • Tragekomfort: Wie gesagt gut, aber eben nicht besser als die Schaumstopfen, im Gegenteil finden viele sie härter und dann bleibt nur noch die Belüftung als Pluspunkt.
  • Hygiene: Aufgrund ihres Preises muss man die Dinger waschen statt einfach tauschen. Das ist bestimmt supernachhaltig und so, aber es wäre nicht nur mir auf Dauer zu blöd beim Rennstreckeneinsatz. Oh, mein Turn fängt gleich an! Da geh ich doch gleich nochmal meine verschmalzten Ohrstopfen waschen! Nein. Sicher nicht. Ohrstöpsel waschen ist vielleicht was für Tourenfahrer, so meditativ abends im Hotel. Das kann ich mir vorstellen.
  • Handhabung: Dieses Gefummel mit den Filtern ist eine Scheißidee. Ich meine: Was kosten die Gummipömpel in der Herstellung? So viel kann es ja nicht sein, wenn ein Ersatz beiliegt (warum nicht ZWEI, Alpine?). Legt doch bitte einfach zwei paar unterschiedliche, fertig montierte Stopfen ins Neopren-Herrenbrusttäschchen. Für einen Zwanni ist das meine untere Erwartungsgrenze.
Es gibt einen Applikator, aber wie bei den Tauschfiltern fragt man sich: warum?
Es gibt einen Applikator, aber wie bei den Tauschfiltern fragt man sich: warum?

Zum Schluss noch mein persönlicher Umgang mit Ohrstöpseln allgemein. Wenn ich lange Autobahnetappen fahre, dann gerne so schnell, wie die Maschine läuft. Das bedeutet Orkanlärm: Über Stunden wirkt der Schalldruck eines Punk-Konzerts auf meine Trommelfelle, sodass ich unverstopft zehn Stunden danach noch ein rauschendes Piepen im Ohr habe. Für diese Autobahnetappen oder vergleichbare Rennstrecken-Einsätze nehme ich Stopfen aus einem Spender, denn Ohrstopfen sind wie Zigaretten oder Kaffee oder Pariser reine Verbrauchsgüter. Ich wasch auch keine Pariser aus, und wenn es noch so nachhaltig ist. Für den Alpine-Preis gibt es schön dreistellige Stückzahlen an Stöpseln, sodass man damit das tun kann, wofür sie gebaut wurden: Sie sofort verlieren. Oder man kauft für drei Euro ein Zehnerset Luxus-Stopfen im feinst ziselierten Plastikmagazin mit Apple-artig gerundeten Ecken und allem. Unterschiedliche Frequenzbereiche gibts auch in Schaumstoff.

Was werde ich jetzt also mit den Alpine-Stöpseln tun? Sie wie die Verbrauchsware behandeln, die sie sein sollten: eventuell benutzen, auf jeden Fall verlieren, wegschmeißen, fertig. Ich meine das gar nicht böse. Nur habe ich (wie wohl die meisten) über den Tag noch mehr Dinge zu tun als Ohrstöpselgefummel. Wartungserwartung und Preis stehen bei den Dingern in keinem sinnvollen Verhältnis zum Nutzen.

Kommentare:

ältere
  • Winfried V. Berlepsch meinte am 15. Juni 2014 um 22:08:

    Ich war schon drauf und dran zu fragen, was daraus geworden ist.
    War nett, die eigenen Eindrücke nochmals von Dir formuliert zu lesen. Hat mich amüsiert. Danke.

  • Makkath meinte am 16. Juni 2014 um 15:36:

    Was kannst du den für Wegwerfstöpsel aus deiner langjährigen Erfahrung empfehlen?

    • Clemens Gleich meinte am 16. Juni 2014 um 16:45:

      Bei MO hatten wir einfach einen Sack aus dem Baumarkt (passenden Frequenzbereich beachten). Was ich noch gelegentlich fahre, sind die Schaumdinger von Ohropax, weil man sie überall kriegt, und die Wegwerfdinger, die auf Konzerten verteilt werden. Achtung: Alle Schaumstöpsel, die ich kenne, eignen sich definitiv nicht für Unterhaltungen. Wenn das Dein Wunsch ist, musst wirklich die Alpines kaufen. Ich hatte noch nie das Bedürfnis, mit Stöpseln ein Gespräch zu führen. Liegt aber auch an meinem Einsatz von „nur Autobahn und Rennstrecke“.

  • Matt meinte am 17. Juni 2014 um 11:34:

    Ich habe mit den Alpine MusicSafe Pro (gibts schon länger)
    sehr gute Erfahrungen gemacht.
    Warum?
    – Die Einwegdinger verstopfen den Gehörgang.
    Ich hatte damit auf dem Motorrad fast kein Gleichgewichtsgefühl mehr.
    – Filterstärke nicht variabel
    – Ton wird verfälscht

    Die MusicSafe waren bei mir in einer kleinen Plastikschachtel,
    die locker in die Innentasche meiner Jacke gepasst hat.
    Wirklich aufwendig reinigen tu ich die nicht.
    Hab da auch keine hygienischen Bedenken…

    Der Preis ist hoch, aber mein Satz hat sich bezahlt gemacht.
    Hab die Dinger schon auf dem Motorrad, im Club und zum Schlafen benutzt.

  • Bla meinte am 17. Juni 2014 um 19:04:

    Wie wir letztens bei Twitter feststellten, haben Musicsafe (lila) und Motosafe (grün) den gleichen Frequenzgang. Ich Dödel habe beide seit vielen Jahren und nutze sie seltenst. Der gelbe ist eh immer derselbe.

  • Volker meinte am 18. Juni 2014 um 14:13:

    3M E-A-R Ultrafit UF01014 kosten beim Engelbert (http://www.engelbert-strauss.de/Arbeitsschutz/Gehoerschutz/3M_Gehoerschutz-Stoepsel_E_A_R_-ULTRAFIT-7020080-7441008-0-0.html) satte 1,89€. Das blaue Bändsel ist optional. SNR 32dB, funzte beim Barras mit der Panzerfaust und sollte es auch auf dem Deltaboxtorpedo tun. Abwisch-/wasch-/wiederverwendbar, wegen der Umwelt, der Wale und dem pazifischen Müllstrudel und so. Von der Warte sind 20-25€ also reiner Nepp. Und auf die Sprachverständlichkeit ist auch gepfiffen, ich will angasen und nicht beim Poetry-Slam zuhören.

    Ach ja: Ich nehme normalerweise die Ohropax(klone), die ich aus dem Kernspintomografen klaue. Mehrfach dieselben. Weil ich zerfressen bin vom Geiz.

  • Michael B. meinte am 7. Juli 2014 um 15:38:

    @ Clemens: Wow, irgendwie bekomme ich doch das Gefühl, dass es dir beim Motorradfahren nur pur um die Geschwindigkeit und nicht um den Genuss des Fahrens und der Motorengeräusche selbst geht.

    Ich fahre nun auch schon einige Jahre Motorrad und habe mich ewig an den dicken, unbequemen Schaumstöpseln gestört. Hier hört man den Straßenverkehr, der für die eigene Sicherheit auch wichtig ist, nicht einmal mehr gut genug. Und die herrlichen Motorengeräusche fallen auch fast ganz weg.
    Anstelle mir gleich maßgefertigte Ohrstöpsel für 140€ anfertigen zu lassen, habe ich mir die Alpine MotoSafe angeschafft. Ich möchte diese auch echt nicht mehr missen. Auch wenn diese qua Form am Anfang gewöhnungsbedürftig waren, habe ich zumindest seitdem keine Probleme mehr hinsichtlich der Windgeräusche (goodbye Piepen!) und den Verkehr höre ich noch einwandfrei. Ich habe diese Ohrstöpsel jetzt schon anderthalb Jahre und sie funktionieren noch super und sitzen immernoch angenehm.

    @ Matt: Die Reinigung dieser Ohrstöpsel ist meiner Ansicht nach auch nicht zwingend erforderlich. Das muss letztendlich jeder selbst wissen. Ich finde es einfach nur ne gute Idee das man dem Verbraucher die Möglichkeit hierzu gibt. Immerhin denkt jeder anders über das Thema Hygiene.

  • Alpine Gehörschutz meinte am 11. Juli 2014 um 11:35:

    Hallo Clemens,

    zuallererst möchten wir uns für das Ausprobieren der Alpine MotoSafe herzlich bei dir bedanken. Mit allem Respekt vor deiner Meinung würden wir jedoch trotzdem gerne noch ein paar Dinge erläutern:

    – Gehörschutz
    Es ist sehr erfreulich zu lesen, dass du dies betonst. Gerade deshalb, weil es noch so viele Motorradfahrer gibt, die die Notwendigkeit von Ohrstöpseln nicht einsehen. Dies, während viele Studien bewiesen haben, dass auch bei Geschwindigkeiten von 140km/h noch rund 102 dB (A) an Windgeräuschen unter dem Helm herrschen. Dies ist bereits nach 3 Minuten schädlich für das Gehör.

    – Tragekomfort
    Du selbst bist sehr zufrieden über die Passform der bekannten Schaumohrstöpsel. Zum Glück sitzen diese bei dir stundenlang angenehm im Ohr. Jedoch ist dies bei sehr vielen Menschen nicht der Fall. Bei mehr als 80% der Motorradfahrer tun diese sehr weh, passen nicht vollständig in den Gehörgang oder fallen jedes Mal wieder heraus. Diese große Gruppe Motorradfahrer fährt größtenteils ohne Ohrstöpsel, da es keine andere Alternative gibt/gab. Diese Gruppe Menschen profitiert von dem Tragekomfort der Alpine MotoSafe, welche aus speziellem AlpineThermoShape Material hergestellt sind.

    – Preis
    20 bis 25 Euro für einen Satz MotoSafe, womit du durchschnittlich 3 Jahre fahren kannst, kostet dir durchschnittlich 7€ pro Jahr. Sobald du im Winter kein Motorrad fährst und somit, zum Beispiel, nur sieben Monate pro Jahr fährst, kostet es dir sogar nur noch 1€ pro Monat. Falls diese dir die Möglichkeit bieten, um mit viel Freude und ohne Pfeifen in den Ohren zu fahren, ist dies nicht teuer. Im Übrigen nutzt 36% der MotoSafe Benutzer immer den Applikator.

    – Extra Filter
    Herzlichen Dank für den Tipp! Diesen Aspekt haben wir intern besprochen. Diese Angelegenheit wird in Bearbeitung genommen.

    Die MotoSafe sind für Motorradfahrten mit mehr Tragekomfort und ohne Pfeifen in den Ohren gedacht, während die Wahrnehmung des Verkehrs noch einwandfrei ist. Falls dies bei dir auch der Fall sein sollte bei den bekannten Schaumohrstöpseln und diese prima passen, dann ist es super. Falls dies nicht der Fall sein sollte, dann ist der MotoSafe die ideale Lösung hierfür. Der nächste Schritt könnte dann sogar ein Satz maßgefertigter Ohrstöpsel sein für 120€. In den Niederlanden fährt jeder Motorradpolizist oder Motorrad-Rettungssanitäter, da dies gesetzlich festgelegt ist, mit maßgefertigten Ohrstöpseln. Diese sind dann ausgerüstet mit Alpine Filtern.

    • Clemens Gleich meinte am 11. Juli 2014 um 12:11:

      Hallo Alpine-Pressestelle,

      danke für den ausführlichen Kommentar. Es gibt, wie ihr am Feedback sehen könnt, genügend Leute, für die so ein Ohrstöpsel interessant ist. Zu denen gehören wie im Artikel beschrieben halt nicht die, die ihre immer sofort verlieren wie ich. Manchmal verliere ich die Dinger, bevor ich sie überhaupt benutzt habe. Deshalb ein Sack voll Schaumdinger. Dann fällt auch weg, Stöpsel zu reinigen: Man nimmt drei neue, verliert einen, steckt zwei in die Ohren.

  • Alpine MotoSafe Langzeittest | moppedfahren meinte am 25. August 2014 um 13:17:

    […] meinen Feedreader wieder, also: Andere Reviews, die ich gelesen habe, waren von abgeschweift.de, MoJomag, kettenritzel.cc, moppedblog.de, lawbike.de, cafe-culture.de, motorradonline.de und […]

  • Christoph meinte am 28. August 2014 um 5:07:

    Hi,

    Benutze seit Jahren Alpine „PartyPlug“. 9,99€ das Paar in einer Kunststoffbox. Eben weil ich zu denen gehöre, die Schaumstoff als unangenehm empfinden. Sehen genauso aus wie die Stöpsel hier in diesem Artikel. Angenehm weich und reduzieren die Lautstärke zuverlässig, wobei ich sogar noch kurze Konversationen an der roten Ampel verstehe. Und die bekomme ich in jeder Innenstadt beim Akustiker, die freien oder eben bei Kind. Durch die Kunststoffbox, die zugegeben immer billiger wird, verliere ich sie auch nicht, sind dadurch immer in der Mopedjacke. Das Reinigen geht nun wirklich schnell. Und ein Zehner pro Saison ist mir mein Gehör auf jeden Fall wert.

  • Weggeschmissen: Alpine Motosafe – Mojomag meinte am 27. Mai 2017 um 13:34:

    […] gibt es in meinem Job, diesmal war jedoch Eines anders: Zum ersten Mal, seit sie der Hersteller mir schickte, vergaß ich meine Test-Ohrstöpsel Alpine Motosafe NICHT. Ich wünschte mir aber bald darauf, ich […]

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