Wie man mit einem langsamen Motorrad schnell fährt

Anfang des Jahres fuhr ich KTMs Cup Racer der RC 390. Streckenerklärer dazu: Jeremy McWilliams. Im Sommer dann schaffte ich es mit der KTM 690 Duke R nach Oschersleben zum Renntraining. Dort gönnte ich mir eine Linienberatung bei Dario Giuseppetti. Interessant war, dass beide dasselbe rieten, und zwar etwas zumindest für mich Unerwartetes: Sie rieten zu einer asymmetrischen Kampflinie, bei der später eingelenkt wird, die Schräglagenphase wie bei allen Rennlinien verkürzt, der Kurvenscheitelpunkt nach hinten gesetzt und damit die Möglichkeit einer sehr frühen, sicheren Beschleunigung geschaffen wird. Sie rieten also zu dem, was die meisten alten Landstraßenhasen bereits kennen: zum sogenannten Hinterschneiden der Kurven.

Auf der Landstraße erkaufst du mit dem Hinterschneiden eine bessere Sicht auf den Kurvenausgang und viele Reserven beim Herausbeschleunigen. Auf der Rennstrecke geht es darum, mit deinem kleinen Küchenmaschinenmixermotörchen möglichst früh Vollgas geben zu können, um am Ende auf eine schnellere Rundenzeit zu kommen. Wie du in der überzeichneten Schauskizze erkennst, wird die Schräglagenphase verkürzt. Auch das ist Absicht. In tiefer Schräglage kann das Motorrad nur wenig bis gar nicht beschleunigen und dort unten ist das Sturzrisiko am größten. Der Kurvenradius wird damit gleichzeitig verkleinert. Das habe ich im Schaubild übertrieben gemalt, damit man es besser sieht. Ein kleinerer Radius heißt: Du musst Kurveneingangsgeschwindigkeit opfern, dieses Stück langsamer fahren, um insgesamt schneller zu werden. Früher bremsen musst du nicht, weil du ja später einlenkst, es steht also etwas mehr Bremsweg zur Verfügung für den geringeren Kurvenspeed.

Hinterschneiden auf der Mädchenlinie: Während die Fahrer auf der weiten Linie noch tief liegen, kannst du längst voll beschleunigen (gestrichelte blaue Linie im Kurvenausgang). Achtung: übertrieben gezeichnete Skizze!
Hinterschneiden auf der Mädchenlinie: Während die Fahrer auf der weiten Linie noch tief liegen, kannst du längst voll beschleunigen (gestrichelte blaue Linie im Kurvenausgang oben). Bremszone gestrichelt unten. Achtung: übertrieben gezeichnete Skizze!

Wenn man sich daran gewöhnt hat, kann man tatsächlich viel, viel, viel früher das Gas aufziehen als Ideallinienfahrer. Man betrachte die gestrichelten Linien: Der Ideallinienfahrer liegt noch weit im Kurvenausgang in tiefer Schräglage (durchgezogene Linie). Erst sehr spät kann er wirklich Drehmoment aufs Hinterrad geben. Aus eben diesem Grund fahren Rennfahrer ihre stark angespitzten Ideallinien: 1) auf der Bremse rein ins Eck 2) möglichst kurze, im Vergleich zur weiten Linie langsamere Schräglagenphase aufgrund des kleineren Kurvenradius‘ 3) möglichst früh das Motorrad aufrichten, damit viel Drehmoment am Hinterrad übertragen werden kann.

Der Unterschied mit dem kleinen Motorrad liegt in der Asymmetrie: Die Beschleunigungsphase wird hinterschneidend verlängert auf Kosten der Bremsphase. Der Grund ist die im Vergleich zum Superbike so große Asymmetrie von Bremsleistung zu Antriebsleistung. Es mag sein, dass eine 125er auf der klassischen Linie mit „möglichst viel Schwung mitnehmen“ schneller läuft, aber bereits die RC 390 mit ihren in der Cup-Version gedrosselten 38 PS läuft so insgesamt schneller um den Kurs, und weil sie auf Straßenreifen rennt, auch etwas sicherer. „Ich stelle die Maschine so früh wie möglich wieder gerade, damit ich Vollgas geben kann“, sagte Jeremy McWilliams als Rat.

Bilder: René Unger, Racepixx.de

Auf der Duke R in Oschersleben hatte ich zum Glück gescheite Rennstreckenreifen. Hier war das Problem, dass dich ein Superbike auf jeder noch so kurzen Geraden schnupft. Mit Darios Tipps war es dann interessanterweise möglich, jede Superbimpf auf einer weiten Linie sehr deutlich auszubeschleunigen und im Kurvenausgang zu überholen, weil sie ja ihre Power in der tiefen Schräglage nicht auf den Asphalt bringt. Die Reifen brauchen dort ganz unten ihre Verzahnung größtenteils für den nötigen Seitenhalt. Natürlich schnupft dich die BMW nach ein paar weiteren Metern trotzdem, sobald sie etwas aufrechter fahren kann. Aber diese paar Meter haben dann oft gereicht, in der Bremszone bereits wieder vorbeizukommen und über den Verlauf des Turns musste ich dann Fahrer nicht zehnmal, sondern vielleicht dreimal überholen, bis die Duke genügend Abstand herausfuhr. Hätte ich nicht gedacht, passt mir aber sehr gut, weil ich jetzt auf Landstraße und Rennstrecke einige gemeinsame Bewegungsentwürfe auf der Duke habe. Ausprobieren.

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Kommentare:

ältere
  • Griesi meinte am 31. Oktober 2016 um 14:33:

    Wenn Du auf Deiner Skizze noch 1,2 und 3 einfügst und noch einen Fahrtrichtungspfeil, dann wird es noch deutlicher.

    • Clemens Gleich meinte am 31. Oktober 2016 um 16:10:

      Ich wusste, dass ich was vergessen hab!

  • Dirk Klatt meinte am 31. Oktober 2016 um 14:52:

    Die konservative Linie dürfte aber mehr Spaß machen, oder?

    • Clemens Gleich meinte am 31. Oktober 2016 um 16:12:

      Mir machts Spaß, Neues zu lernen. Aber sagen wirs so: Wenn du lernen willst, wie das Knie auf den Boden kommt, hilft dir eine möglichst lange Zeit der Schräglagenfahrt. Kommt also auf dein Lern- bzw. Unterhaltungsziel an.

  • Sabine Kastner meinte am 31. Oktober 2016 um 15:07:

    Das musst du mir und meiner Duke mal auffe Renne lernen! 😉

    • Clemens Gleich meinte am 31. Oktober 2016 um 16:13:

      Buchstu den Dario, der ist nämlich viel öfter an der Renne und kann das besser zeigen.

  • Kai meinte am 31. Oktober 2016 um 15:12:

    Wenn Du nicht damit aufhörst, immerzu hilfreiche Tipps zu geben und gelernten Scheißdreck auszuhebeln, dann wird Dir irgendwann noch Schwarze Magie unterstellt und Du endest auf dem Scheiterhaufen. Vorher sollten wir aber noch mal einer alternative Reisegruppe zelebrieren. <3

  • Volker meinte am 31. Oktober 2016 um 21:07:

    … sagte schon Hans „Dampf“ Eder in Marktl (http://www.kom-marktl.de/kom-marktl-supermoto) bei der Streckenbegehung: „DAS IST EINE GERADE!!!“ [1].

    Natürlich ist die Strecke dort quasi nur eine zu heiß gewaschene Version Deiner Erfahrungen in Oschersleben, meine „Sempre Competizione“ ist aber auch nur eine gut abgehangene Version der Geräte, die Du dort benutzt hast.

    Und die Moral…? Wieder was gelernt für die Landstraße, das „Winkelwerk“ [tm] (R) (C) und natürlich den Ready-to-Race-Trip zum Semmeln-Holen in die einzige Bäckerei, die Allerheiligen offen hat.

    Vol“Angst und Schrecken“ker

    [1] Videomaterial aus der Kohlenmonoxid-Hölle existiert, leider bei jemandem gelagert, der Spaß auf zwei Rädern mit einem einträglichen Geschäftsführerjob getauscht hat. Deswegen bleibt mir nur der Hinweis auf http://bartheld.net/lkm. Nein, der Knipser selbst ist nie im Bild, wie schräg er auch immer ums Eck geschlichen kam.

  • Durch das wilde Brandenburg #Roadblog2016 XII Etappe | Griesgram999 meinte am 1. November 2016 um 20:27:

    […] höher ist als das, was die Samstags-Ausflügler mit zwei und vier Rädern hier so fahren. Also Kurve hinterschneiden, früh und hart beschleunigen und hoffen, dass der Vordermann auch sofort ansetzt zu überholen. Wenn ich jetzt das Gas kurz […]

  • zensorsliebling meinte am 2. November 2016 um 19:23:

    Warum soll ich dafür zahlen? Das ist doch 1:1 aus Bernt Spiegels „obere Hälfte des Motorrads“ geklaut. Die Jugend von heute hat wirklich keinen Respekt.

    • Clemens Gleich meinte am 3. November 2016 um 11:55:

      Bernt Spiegel behandelt (wie eine Million Artikel in Motorradheften) das Hinterschneiden auf der Landstraße mit den dortigen Vorteilen. Das hier behandelt eine hinterschneidende Rennlinie für entsprechende Motorisierungen. Da geht es um andere Dinge und zumindest mir war das in dieser Form neu.

      Zum Bezahlen erkennst du also den Vorteil eines freiwilligen Systems. Ein Klick aufs Fragezeichen erklärt dir sogar, wie das funktionieren soll: einwerfen, wenn du so etwas noch einmal sehen willst. Wenn nicht, dann nicht. Das Kapital stimmt ab.

  • zensorsliebling meinte am 6. November 2016 um 12:01:

    Blödsinn! Siehe Ausgabe 8 (2015), S. 79.

    • Clemens Gleich meinte am 7. November 2016 um 12:51:

      Heftname fehlt als Angabe. Ich kenne auch nicht jeden Artikel in jedem Motorradheft.

  • Max der racer meinte am 5. Dezember 2016 um 14:24:

    Warum mault man über eine freiwillige Bezahlversion?
    Entweder gefallen einem die Artikel (mehrheitlich) dann kann man das supporten, oder sie gefallen einem nicht, dann kann man sich das lesen aber auch sparen. Wie bei jeder freiberuflichen Tätigkeit ist man auf ein gewisses Zeit-ertrags- Verhältnis angewiesen. Ich finds gut gezielt sowas lesen zu können und nicht x€ für ne Zeitschrift zu bezahlen in der ich nur 1 oder 2 Artikel lesen möchte.

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