Wie dumm ist Mario Barth wirklich?

Ich habe eben die Winterreifen auf die Duke gezogen: Michelin Pilot Power 3, weil die Serienbereifung mit Pilot Power auf der alten Duke so gut mit dem leichten Motorrad harmonierte. Werde berichten. Ein paar Tage vorher habe ich Pirelli Diablo Rosso 3 auf die Kawasaki Ninja 300 gezogen. Der Reifen rollte von Anfang an viel besser ab als die originalen Holzreifen und fährt auch nicht jeder Spurrille nach. Leider hat es seit dem Aufziehen jeden Tag nur gesifft, was ich mit dem Aufmacherbild dokumentieren möchte. Auch da werde ich also noch fahren und berichten. In der Zwischenzeit möchte ich mich der allgemeinen Weltuntergangsstimmung widmen. Also, dieser Mario Barth, was soll das mit der Überschrift?

Diese Überschrift ist natürlich „zugespitzt“, wie wir alten Springerianer sagen. Sie soll weniger den Artikel umreißen als vielmehr Aufmerksamkeit erzeugen. Der Gefahr, dass die meisten Facebook-Leser nur die Überschrift lesen, entweiche ich durch die Form der rhetorischen Frage, die ich sogleich beantworten möchte: Mario Barth ist allen Wahrscheinlichkeiten nach einfach normal intelligent. Er ist wie jeder von uns: nicht so schlau, wie er denkt, aber auch nicht so dumm, wie seine Feinde denken. Die Überschrift zeigt die Art, wie heute Nachrichten gemacht werden: für einen Aufmerksamkeitskult, dem alles Andere nachrangig wird. Focus.de. Im US-Wahlkampf waren die meistgelesenen Geschichten die frei erfundenen, weil die sich nicht von den banalen Zwängen der Realität bremsen lassen mussten. Sie konnten so sein, wie sie sein mussten, um verbreitet zu werden wie blöd.

Mario Barth war mein Aufhänger, weil er nach der Präsdentenwahl in den USA am Trump Tower vorbeiging und dort keine Demonstranten vorfand, über die er vorher Berichte gesehen hatte. Er tat das in einer halbironischen Art, bei der er immer sagen kann, er habe das nicht ernst gemeint. Durchaus kein dummes Verhalten, sondern eine Standardmaßnahme im Medienbetrieb, wenn jemand sich aus dem Fenster hängen will, ohne wirklich rauszuhängen. Periskop-hängen quasi. Oder Puppen-hängen. Auf jeden Fall ist vollkommen egal, welche Hedging-Taktiken Mario Barth für seine öffentliche Persona verwendet. Worauf es ankommt: Marios Videos gehen steil bei den Leuten, die glauben, dass jede News der etablierten Bezahlmedien oder Öffis eine Lüge ist und nur das Zeug von Outlets wie Kopp.de oder Russia Today deutsch stimmt. Gerade weil ich Herrn Barth für normal intelligent halte, behaupte ich, dass genau das von Anfang an seine Motivation war, denn aus dieser Richtung war der entsprechende Zuspruch zu erwarten.

Richard Gutjahr attackierte Frankreich

Die Trump-Wahl führt wieder zur Nabelschau der Intellektuellen. Der Journalismus hat versagt, weil er das Wahlergebnis nicht vorhersagte (?). Die Eliten haben versagt, weil sie dem ominösen „Mann von der Straße“ nicht zuhörten. Die Politik hat sowieso versagt. Ich möchte einen ganz anderen Gedanken einbringen, der erklärt, warum der öffentliche Diskurs im Sterben darnieder liegt, ohne den es keine gescheite Demokratie geben kann: Wir leben vollkommen aneinander vorbei in Parallelwelten. Vor einiger Zeit haben Forscher es auf Twitter anlässlich der Anschläge in Frankreich gemessen: Es gibt eine Realität, in der Richard Gutjahrs Mossad-Ehefrau verdächtigt wird, die Frankfurter Allgemeine nur verschleiern will und der Kaukasier in Europa ausgerottet werden soll, warum auch immer. Daneben gibt es eine Realität, in der die Themen näher am früheren Zeitungskonsens bewegen, weil die Menschen dieses Konsens‘ in ihr wohnen. Zwischen beiden Universen besteht nur noch funkenweise Kontakt. Wenn Menschen aus diesen Lagern miteinander noch zu sprechen versuchen, reagieren die Rechten überempfindlich und ziehen sich sofort zurück und die Linken reagieren mit überheblichem Spott. Beides sind Formen der Kommunikationssabotage. Eine Auseinandersetzung findet so nicht statt. Auf welcher Basis auch, wenn wir uns nicht mehr auf gemeinsame Kommunikationsnenner einigen? Also sprechen wir gegenseitig übereinander statt miteinander. Und die Anderen sind immer doof.

Wir haben uns diese Grube in den Neunzigerjahren gegraben, als die Newsfeeds personalisiert wurden. „Jeder wird nur noch mitbekommen, was er sehen will!“, warnten die Kassandras und wurden natürlich ausgelacht. Mit den sozialen Medien hat sich diese Entwicklung jedoch so stark beschleunigt, dass ein Wissen darum in fast allen Realitäten zum Konsens wurde (Begriffe: „Filterblase“ oder „-Bubble“). Die Schüler meiner Frau wissen als Selbstverständlichkeit, dass der böse Jude die Welt beherrschen will. Immer noch! Die Sau. Die Spätzlesmigranten vom Prenzlberg wissen als Selbstverständlichkeit, dass Impfen nix bringt außer Geld für die BASF. Motorradfahrer wissen als Selbstverständlichkeit, dass ihre größte Gefahr der sie über den Haufen fahrende Autofahrer ist. Allen diesen Weltbild-Selbstverständlichkeiten ist gemein, dass ihnen eine Gefahr innewohnt, wenn man sie als Selbstverständlichkeiten akzeptiert.

Außerirdische Besucher in Impfgegnerforen

Eine Gegenkraft zur Radikalisierung in der Blase entsteht üblicherweise durch ein Infragestellen des Weltbilds. Diesen Vorgang empfindet jeder Mensch als äußerst unangenehm. Die Verhaltensforschung zeigt uns, dass Menschen auf einen Weltbildangriff mit so starker Ablehnung reagieren wie auf einen Angriff auf jedes andere (virtuelle) Körperteil, zum Beispiel Arm, Kopf, Auto oder Motorrad. Änderungen hier geschehen also üblicherweise unter großem Mehrheitsdruck von außen. Ob die Mehrheit nun recht hat oder nicht, ihre Meinung setzt sich durch. Früher war es deutlich schwerer, sich einer Mehrheitsmeinung zu entziehen. Wer sich informierte, musste das über Massenmedien tun, in denen auch mir jeweils unliebsame Dinge verbreitet wurden. Heute lesen wir aber nur noch die Einzelartikel, die wir personalisiert präsentiert kriegen, von Facebook, vom personalisierten Google-Ergebnis, aus den vernetzten Kontakten. Heute kann es dir daher durchaus passieren, dass du eine Mehrheitsmeinung gar nicht mehr mitbekommst. Folglich muss sich der Demagoge heute nicht mehr gegen Mehrheiten stemmen. Er kann sich darauf konzentrieren, in der ihm passendsten Blase das zu tun, was er am besten kann: die Welt in der Erzählung so verzerren, dass sie dem Publikum schmeichelt und den ANDEREN alle Schuld gibt.

Die Folge: Dein Weltbild verfestigt sich in deiner Wahrnehmungsblase. Wenn dann jemand von außen hereinschreit, dass Motorräder nur ein Rad haben oder du meistens selber schuld bist, wenn du dich langmachst, dann ist das ein Vorgang ungeheurer Dreistigkeit und Dummheit. Der Hineinschreier muss ausgemerzt werden! Wer das nicht glaubt, der betrete bitte von außen die Blase der Impfgegner oder egal welcher Gruppe abweichender Ansichten und versuche eine normale verbale Auseinandersetzung. Sie wird scheitern.

In diesen parallelen Blasen geht der gemeinsame gesellschaftliche Konsens flöten. Selbstverständlich glaubten Journalisten weltweit daran, dass Clinton die Wahl gewinnt. In der Blase der Kopfarbeiter war das ja auch so: überwältigender Support, weil der Gegenkandidat so eine Null war. Es gab jedoch auch eine andere Blase, und in der erhielt Trump überwältigenden Support, weil seine Gegenkandidatin so eine Null war. Diese verkapselnde Zersplitterung unserer Gesellschaften tötet den öffentlichen Diskurs, der Weltbilder korrigieren kann – natürlich auch zum Schlechten, häufiger jedoch zum Realistischen. Wenn wir Überraschungen aus parallelen Universen vermeiden möchten, müssen wir mehr das tun, was ich immer propagiere: mit der anderen Seite sprechen.

Kommentare:

ältere
  • Stefan meinte am 17. November 2016 um 15:20:

    Du sprichst mir aus der Seele.
    Es braucht mehr Journalisten wie dich

  • Griesi meinte am 17. November 2016 um 17:55:

    Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Bevor wir mit den anderen reden müsse wir davon überzeugt sein, dass es nicht nur Idioten sind, die keine Ahnung haben.
    Das ist bei Menschen, die glauben, die Welt ist eine Scheibe schwer.
    Dann gibt es da diese Leute, die nicht auf rationale Argumente hören wollen, die emotional überzeugt werden wollen usw. usf.
    Das macht das miteinander reden nicht leichter, nur dringlicher.

    • Clemens Gleich meinte am 18. November 2016 um 10:56:

      Ich ändere die Scheide mal in eine Scheibe und denke, das ist in Deinem Interesse. Ich glaube übrigens, dass jeder Mensch sich schwertut mit rationaler Argumentation. Deshalb erfordert wissenschaftliches Arbeiten ein solches Training und trotzdem laufen die Forscher immer in dieselben emotionalen Fallen. Emotionale Argumentation kann dein Freund werden, wenn wir auf den Konsens zurückweichen, der uns allen gemein bleiben wird: auf den menschlichen.

  • Toast Toaster meinte am 17. November 2016 um 18:16:

    Konsens ist überflüssig, Abweichung ist Identität!

  • Martin meinte am 18. November 2016 um 8:21:

    Du hast vollkommen recht, zuhören und versuchen zu verstehen, ist in einer sachlichen Diskussion unabdingbar. Schwierig wird es für mich, wenn Fakten keine Rolle mehr spielen. Und ja, ich habe ein Problem mit Demagogen. Ich bin Familienvater, habe zwei gesunde Kinder und ein auskömmliches Einkommen. Trotzdem stört es mich ganz massiv, wenn gegen Minderheiten wie Behinderte, Kranke, bestimmte Religionen oder einfach gegen Menschen, die nicht so viel Glück haben wie ich, gehetzt wird. Ich gebe zu, dass es mir in Diskussionen mit Menschen, die das befürworten, mitunter schwerfällt, ruhig und sachlich zu bleiben. Versuchen sollte man es trotzdem

    • Clemens Gleich meinte am 18. November 2016 um 10:53:

      Mir und allen anderen fällt das auch schwer. Die meisten Leute hören aber mit dem Hetzen auf, wenn man sie auf einer persönlichen, menschlichen Ebene anspricht. Dann bleiben nur die wenigen echten Hetzer übrig, und weil das nicht so viele sind, ist es auch nicht so schlimm, wenn man an dieser Stelle aufhört.

  • Puttlich meinte am 20. November 2016 um 19:42:

    Sehr treffend …ich habe mich heute beim „Bericht aus Berlin“ selbst ertappt ….die LINKE ist eigentlich überhaupt nicht meine Richtung, aber heute habe ich einmal aufmerksam Frau Wagenknecht zugehört und was sie sagte, leuchtete mir sehr viel mehr ein, als was unsere Bundesmutti so von sich gibt, auch wenn es vielleicht gegen meine persönlichen Interessen steht.

  • luise meinte am 20. November 2016 um 20:16:

    Natürlich wird gelogen….man könnte ja mal sagen wer die Proteste finanziert und steuert….der werte Herr Soros ist mal wieder mit von der Partie.

    Die Amerikaner haben die Schnauze voll von Liberalen die sich selber die Tasche voll stopfen und das Land kaputt machen. Trump mag ein Grossmaul sein….er hat recht.

    https://www.youtube.com/watch?v=yjxnKeC_GD4

    Aber von Vertretern des liksliberalen Mainstreams erwarte ich nicht das sie sich die Dinge hinter der Fassade anschauen.

  • Volker meinte am 22. November 2016 um 12:29:

    Hi Clemens!

    Gut geschrieben. Ich wüßte gerne, welches Medium diese Kolumne abgelehnt hat, damit ich sie nicht aus Versehen kaufe.

    Davon ab: Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit und der sozialen Infrastruktur, ob sich jemand in den resignierten LMAA-Typen verwandelt, der seine Kippen in die Gegend schmeißt und mit dem Muttipanzer den Gehsteig vorm Kindergarten zuparkt oder eben ein radikalisierter Wutbürger wird.

    Vor dem Hintergrund hat – provokant ausgedrückt – Dieter Kaufmann (wir erinnern uns: der Schäuble-Attentäter) evtl. gar keinen an der Klatsche, sondern ist mit seiner Meinung „der bundesdeutsche Staat bedrohe seine Bürger im Allgemeinen und ihn im Besonderen“ einfach nur in der Wahrnehmung sensibel und in der schlußendlichen Reaktion nicht massenkonform.

    Ob jemand mit jemandem redet – obwohl er der Meinung, das sei komplett sinnlos – ist vermutlich eine Frage des Elternhauses oder sonstiger Einflußfaktoren. Der Rest geht nicht mal schnell die Welt retten, justiert achselzuckend seine Filterblase (ich kann mir beispielsweise Abends keine Filme mehr anschauen, wo irgendwelche in Schieflage geratenen Beziehungen portraitiert werden, hysterische Weibsbilder schreien, „Experten“ Menschen für dumm verkaufen wollen, usw.) oder löst Probleme eben auf die rustikale Art.

    Du hast Recht: Heutzutage geht es nicht um Wahrheit(sfindung) oder zumindest den Anspruch auf einen Blick über den Tellerrand, sondern um Reichweite. Mithin um Kohle.

    Ob sich daran auf absehbare Zeit etwas ändert? In der Generation der [X] Likes und Twitter-induzierten 30s-Aufmerksamkeitsspanne wohl nicht.

    SciFi-Literaturtip gefällig? Raymond F. Jones, „Was ein Junge braucht, um groß und stark zu werden“ aka. „A Bowl of Biskies Makes a Growing Boy“.

    Ciao,
    Volker

  • Uwe meinte am 25. November 2016 um 10:00:

    Prima, da treffend und wahr. So geht unsere Demoktatie zu Ende. Ich wage nicht zu deuten, wo genau das hinführt. Siegen wird aber sicherlich der, dem es als erstem gelingt die Legislative mehrheitlich zu dominieren, die Judikative nach seinem Belieben zu ersetzen und der die Exekutive beizeiten beherrschen und anführen wird. Schaut in die Türkei …

  • Frank meinte am 23. Dezember 2016 um 7:27:

    Was das „Versagen“ der Journalisten bei der korrekten Vorhersage des Trump-Wahlergebnisses angeht, so empfehle ich den lesenswerten Blog von Frank Stauss (bitte googeln): Der Mann ist Wahlkampfstratege und hat nachgewiesen, dass das Wahlergebnis weniger als zwei Prozent von den Prognosen abgewichen ist – eine Marge, die die Demoskopen sich immer gelassen hatten. Er erklärt genau, warum Clinton verloren hat, und ehrlich gesagt war sie auch eine besonders schlechte Kandidatin.

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