Die verlassene Nike-Basis

Duke Going Lost Places: Die US-Atomraketenbasis

Von den Fünfzigern bis in die Achtziger betrieb das US-Militär bei Pforzheim eine streng bewachte Raketenabwehrbasis. Die dort stationierten Waffen konnten außer konventionellen Sprengköpfen auch Nuklearköpfe tragen, mit Sprengwirkungen bis zum Mehrfachen der Hiroshima-Bombe. Vielleicht interessiert sich Herr Trump dafür.

Viele Beobachter sehen in der aktuellen politischen Instabilität die Möglichkeit eines weiteren kalten Krieges. Wir, die wir den ersten erlebten, schaudern. Damals regierte ein Verrückter in Amerika. Sein Name war Reagan. Heute regiert wieder ein Verrückter. Sein Name ist Trump. Der Kalte Krieg endete mit dem Schweineglück, dass nie jemand Atomwaffen im Angriff einsetzte. Zur retrospektiven Feier dieses Glücks und zum möglichen Cold War Revival besuchten die Duke und ich eine stillgelegte Raketenbasis, auf der die US-Armee Abwehrwaffen vom Typ Nike-Hercules bereithielt, die auch atomar bestückt werden konnten.

Außer bei den Bewohnern vor Ort kennt heute kaum noch jemand die alte Militärinstallation im Hagenschieß bei Pforzheim. Schon bald nach dem Krieg plante die US-Armee im Jahr 1956, ihren Abwehrgürtel auch durch die Gegend Pforzheim zu ziehen. Zuerst sollte sie auf dem aus Kriegstrümmern aufgeschütteten Wallberg stehen. Der Gemeinderat lehnte das Gesuch ab, auch wegen massiver Bürgerproteste. Die Deutschen hatten alles mit Krieg satt. Natürlich wurde die Basis trotz mehrfacher Ablehnung und aller Proteste Ende 1959 doch gebaut, nun im Hagenschießwald an der Würm. Einweihung war 1961. Der General der zuständigen US-Brigade sagte zur Inbetriebnahme: „Diese Anlage ist so sicher wie eine Tankstelle und so wichtig wie die Polizei und die Feuerwehr.“

Auf einer eingezäunten Waldlichtung hatte das US-Militär drei Startstellungen (ganz militärtraditionell „Alpha“, „Bravo“ und „Charlie“ genannt), plus das Gefechtskörpermontagehaus, das gleichzeitig als Raketenmotorprüfstand dienen konnte. Auf jeder der drei Startstellungen standen vier Startrampen, ein unterirdischer Bunker, in dem je bis zu zehn weitere Raketen zum Nachladen bereitgehalten wurden und schließlich der oberirdisch aufgebaute Mannschaftsbunker, in dem die Betriebsmannschaften während des Einsatzes der Waffen von der Zündung an bleiben sollten.

Der Abwehrstellungsgürtel, zu dem diese Basis gehörte, sollte den bösen Russen abschießen, sobald er sich mit seinen Bombern über den nördlichen Schwarzwald wagte. Die Waffen schafften bis zu 30 km Höhe und flogen bis zu 150 km weit. Der Standard-Gefechtskopf funktionierte nach dem Prinzip der Rohrbombe: Stahlkugeln wurden von einer Sprengladung in alle Richtungen beschleunigt, was der Waffe einige Abdeckreichweite bescherte. Bis Anfang der Achtziger entwickelten die US-Militärs jedoch auch einen Nuklearsprengkopf dafür (W-31). Er konnte mit 2 bis 40 Kilotonnen TNT-Äquivalent Sprengkraft bestückt werden und man vermutet (weiß es aber nicht sicher), dass er auch im Hagenschieß montiert wurde.

Nie wieder Krieg! Schon gar nicht einen mit Atom!

Das war für die Friedensbewegung natürlich doppelt schlimm: Erstens, Kernwaffen überhaupt. Zweitens und wichtiger jedoch: Dieser Sprengkopf war taktisch nicht nur als Luftabwehr, sondern noch mehr als Bodenabwehr interessant, sodass außer im deutschen Luftraum explodierende Kernwaffen auch Boden-Boden-Einsätze im Umkreis der Waffenreichweite im Phasenraum der Möglichkeiten erschienen. Die Gefechtskörper konnten deutlich mehr Sprengkraft tragen als die Hiroshima-Bombe. Das führte 1984 erneut zu Bürgerprotesten. Die Demonstranten wussten allerdings nicht, dass die USA diese Basis schon 1983 ausgemustert hatten und unbrauchbar machten. Seit 1985 ist sie verlassen. Das Nike-System wurde durch das Patriot-System ersetzt, das (zumindest auf dem Papier) auch Marschflugkörper angreifen können sollte.

Diese Farbe schaut sehr frisch aus.

Ganz tot ist die Basis jedoch nicht. Wo damals unter Flutlicht außen und innen am hohen, mit Nato-Draht gekrönten Zaun Soldaten patrouillierten, mäht heute ein Landwirt vor den Zäunen zumindest noch regelmäßig das Gras. Auf dem Gelände selbst weiden manchmal Kühe. Geocacher und Spaziergänger finden sich beidseitig des Zauns. In einem Bunker sieht die Farbe der „Exit“-Markierungen sehr frisch aus. Von den Gebäuden stehen noch die Mannschaftsbunker, die Abschussrampendeckel und das Gefechtskörpermontagehaus (“Warhead Building“). Die Eingänge zu den Raketenlagerbunkern sind zugeschweißt. Umweltschützer freuten sich 2012 in der Pforzheimer Zeitung darüber, dass bedrohte Arten auf dem Gelände Schutz vor Menschen und ihren Haustieren finden. Eine geplante gewerbliche Nutzung wurde daher fallen gelassen.

Die Wiese wurde für die Verbreiterung der A8 als Ausgleichsnaturfläche ausgewiesen, der Abbruch der Betonreste begann. Auch die Straßen, die Bunker und der große Zaun sollten gehen, dafür sollten Pioniertümpel für Gelbbauchunken angelegt werden. Bis jetzt ist allerdings nichts davon passiert. Ich war dort unmittelbar nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten. Da strahlte der Ort das wohl von mir mitgebrachte Gefühl aus, er warte auf etwas. 2010 wurden die US-Atomwaffen auf deutschem Boden durch die neueste Generation ersetzt. Und jetzt will Trump das Nuklearwaffenarsenal der USA „deutlich stärken“. Die Wiese ist gemäht, der Platz ist frei …

Der Frieden des Wintertags verdeckt etwas die unentschiedene Zukunft des Areals. Kröten? Gewerbe? Landwirtschaft? Doch wieder die Amis?

Roadster

Die Reihe „Duke Going Lost Places“ läuft auch im Roadster-Magazin, diese Folge in Ausgabe 2/2017. Die alte Nike-Basis befindet sich hier:

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Kommentare:

ältere
  • Markus Golletz meinte am 20. Januar 2017 um 9:40:

    Hi Clemens,
    coole Reihe. Hätte da noch ein Buchtipp für Dich: ‚Stillgelegt‘, DuMont Verlag: https://goo.gl/8Kx9lt
    Grüße,
    Markus

    • Clemens Gleich meinte am 20. Januar 2017 um 15:26:

      Danke, schau ich mir mal an!

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