Kurzes Australien-Tagebuch: GP-Strecke Phillip Island

Australien hat mich nachhaltig durchgeschüttelt. Der Grund meines Besuchs war die neue Suzuki GSX-R 1000 R, die auf Phillip Island vorgestellt wurde. Da mein geschätzter Freund und ehemaliger Kollege Harald Bögeholz aber zufällig zur selben Zeit seine Auswanderung startete, legte ich zum ersten Mal einen Rückflug um eine Woche nach hinten. Von diesen Tagen möchte ich ein paar Dinge erzählen.

Irgendwann in der Nacht wachte ich mitten über dem Indischen Ozean auf. Etwas hatte sich geändert. Das Rauschen wurde leiser. Ich vermutete, dass wir irgendwie zu gut in der Zeit lagen und der Kapitän daher Schub wegnahm. Die Wahrheit servierte der Kapitän zum Frühstück: Ein Triebwerk hatte zu stark vibriert, und weil diese Rolls-Royce-Triebwerke schonmal auseinanderreißen und den Flügel mitnehmen, hatte die Crew das Gerät in Absprache mit der Fluggesellschaft und Rolls Royce in der Nacht abgeschaltet. Ein A380 fliegt auch mit 3 Triebwerken sehr gut. Was sich jedoch herausstellte: Sie verbraucht dabei signifikant mehr Treibstoff. Bis zum geplanten Melbourne langte es nicht, an der Westküste Australiens gab es keinen Slot für uns, sodass wir den Blinker setzen und links nach Singapur abbiegen mussten. Ich erspare euch anstrengende Details. Das Resultat war eine auf fast 47 Stunden mehr als verdoppelte Reisezeit mit mehr als drei Mal so viel Stress ohne die geplante Pause vor der Pressekonferenz. Schielend saßen wir dann da drin und verpassten im Sekundenschlaf Teile von „impuruud coruneruringu“, die wir dann hinterher neu erfragen mussten. Dann ab ins Bett und morgens um 6 raus, leicht verstrahlt auf die schnellste mir bekannte Rennstrecke auf einem der schnellsten aktuellen Superbikes.

Ich fuhr nur Scheiß zusammen. Gern würde ich was Anderes schreiben, das wäre aber gelogen. Vor allem die letzte Kurve vor Start-Ziel ging an diesem Tag nicht mehr in meinen Schädel. Ich fuhr sie wie dein Opa in seine Einfahrt: verunsichert und trotzdem so, dass man denken musste, gleich fährt er irgendwo dagegen oder verstirbt mittendrin am Herzkasper. Das war aber nun einmal an diesem Tag nicht mehr zu ändern, also konzentrierte ich mich auf das Wichtige: Spaß haben. Ich hatte nämlich trotzdem einen herrlichen Tag. Das Wetter war perfekt. Die Suzuki ist großartig geworden, Onkel Kilogixxer ist zurück mit dem wahrscheinlich bombigsten Allround-Motor aller Reihenvierer-Superbikes. Das passt für die Landstraße mit Druck von unten, das passt überall mit Druck in der Mitte, das passt auf der Zielgeraden mit viel Topend-Leistung. Man musste aufpassen, weil Phillip Island von suizidalen Gänsen bevölkert wird, die zehn Runden lang zehn Zentimeter neben einer Horde von schreienden Superbikes auf den Curbs herumpicken, um in der elften Runde auf die Linie zu latschen. Mit Glück warnt dich ein Flaggenschwenker davor. Sonst wird es knapp bis hässlich. Die Möwen sind genauso. Mehrfach musste ich mich vor allem auf den schnellen Geraden aus ihren Kamikaze-Attacken herausducken. Kevin Schwantz kriegte am Tag vorher eine Möwe ab. Mehr Forschungen sind nötig, um das Verhalten dieser gestörten Viecher zu begreifen. Vielleicht sind sie ja gar nicht suizidal, sondern nur taub, blind und blöd geworden durch zu viel Rennbenzin trinken. Man weiß es nicht.

Bilder 1 bis 3 und 7 bis 9: Suzuki. Selbstverständlich habe ich auch ausführlich über die Gixxer getextet. Du findest meinen Test im nächsten „Motorradfahrer“, zusammen mit einem Technik-Feature des Geräts von Guido Saliger und einer Gixxer-Modellhistorie von Dieter Hamprecht. Außerdem habe ich einen Test online geschrieben. Du findest ihn nicht hier, denn die Kirschenkiste sagt, Tests sind gar nicht so interessant wie ich dachte. Stattdessen läuft er bei heise/autos unter „Die Rückkehr des Königs“.

Leben wie die Chinesen in Melbourne

Als wir zurück zum Hotel kamen, atmete ich tief durch. Australien riecht wie nirgends sonst, warm, wild und rot. Ich freute mich auf ein paar Tage hier. Nach einer eher kurzen Nacht ließ ich den größtenteiligen Rest der deutschen Delegation nach Hause fliegen (ich hörte später, es hat auch zurück nichts geklappt) und holte mir meinen Mietwagen. Es erklärt vielleicht meinen Zustand, dass ich einen Suzuki Swift gemietet hatte, aber ohne größeren Protest einen Renault Koleos akzeptierte. Koleos! Der Name verrät schon, dass es sich um einen dieser scheußlichen Softroader handelt, die so langweilig sind, dass sie einen peinlichen Namen brauchen, damit man was Interessantes über sie sagen kann. Beleg dieser These: Lies irgendeinen Test über die Dinger, der Autor wird lang und breit daherfaseln, warum der Kackstuhl jetzt „Nissan Quatsch-Ei“ heißt, ein Name aus der Sprache der Wurrunggi, der „Abenteuer“ blafaselrhabarber. Der Grund war: im Renault gabs ein Navi. Aber es war von Renault, deshalb funktionierte es nicht. Kurz hoffte ich, dem Koleos-Dilemma noch zu entkommen, aber Hertz gab mir einfach ein australisches „Navmate“ mit einer Stimme, die ich sofort „Sheila“ taufte, weil sie in breitester australischer Mundart sprach.

Mit dem Koleos fuhr ich in meine Unterkunft. Gemietet hatte ich ein Zimmer. Die freundliche, aber knallharte Chinesin offenbarte mir, dass ich es nicht beziehen würde. Stattdessen habe sie mir im Wohnzimmer eine Matratze hingelegt. Das Problem war mir zu doof, ich vertagte es auf den Abend, wenn auf der Matratze hoffentlich ein Bezug drauf wäre. Also fuhr ich zur Monash University, um Harald Bögeholz zu besuchen. Harald, mein alter c‘t-Kollege, erreichte Melbourne zufällig genau zu meiner Anwesenheit. So eine Chance kommt nicht wieder. Harald ist nach Australien ausgewandert, zunächst einmal für mindestens drei Jahre, in denen er seinen Ph.D. machen wird. Danach wird er zusammen mit Michael Brand an den mathematischen Grundlagen des Maschinenlernens forschen, so zumindest Michaels Idee. Alle, die Harald kennen, sind sehr stolz auf ihn, dass er mit 50 Jahren noch einmal sein Leben umkrempelt, ein Stipendium erhält und auch im Beruf etwas völlig Neues anfängt, an der Cutting Edge aktueller Geschehnisse. Er hat Mut gezeigt und Grips, aber als ich ihn im Café der Uni traf, erzählte er mir zuerst einmal von seinem Chinesen-Los.

Seine Wohnung war eine schmierige Butze, in die er nachts um 2 Uhr kam, als es immer noch 30° C heiß war. Das ist jetzt dein neues Leben, muss er gedacht haben, und das war der Grund, warum ich meinen Plan, ihm moralischen Beistand zu leisten, beim Hören gleich viel besser fand. Es half auch, dass dieser moralische Beistand wie so oft bidirektional ausfiel. Mit Harald abzuhängen, erleichterte mir auch meinen eigenen Stress. Wer selber in Melbourne durch seine Dollars brennt wie mit einem Plasmaschneider und in sehr unschönen Verhältnissen nächtigen muss, versteht einen einfach besser als jemand, der dazu was Schlaues bei Facebook schreibt, während er in seinem klinisch sauberen Kingsize-Bett etwas Leckeres zu phänomenal billigen deutschen Lebensmittel-Tarifen frisst. Jedenfalls steigere ich den Erwartungsdruck an Harald, indem auch ich Besonderes von ihm erwarte. Harald gehört zu der Sorte Mensch, die so viel in ihrem eigenen Kopf leben, dass sie dort erstaunlich kindlich bleiben, und gerade deshalb Dinge denken, die typischeren Menschen nicht einfallen. Siehe auch: Andreas Stiller. Vielleicht interviewe ich ja in zehn Jahren Harald zu seinen Forschungen.

Die Tochter des Hauses zerstörte meine Gixxer. Ich vergab ihr, weil sie so fasziniert demontierte.

Nach ein paar fettigen chinesischen Dumplings kehrte ich zurück in mein Wohnzimmer. Die große Scheibe nach vorne zum Garten hinaus konnte man nicht verhängen. Zum Flur gab es eine Schiebetür aus Glas. Dass ich den Chinesen meinen nackten Arsch würde zeigen müssen, tangierte mich in meinem Zustand eher peripher, aber ich konnte halt nur so lange schlafen, bis entweder die Sonne aufging oder einer der anderen Gäste im Haus durch den Flur oder vor dem Haus vorbeiging. Das war sehr kurz. Um fünf in der Früh traf ich eine chinesische Dame mittleren Alters auf der Toilette und stellte fest, wie die chinesischen Gäste im Haus (also alle außer mir) mit so einer Situation umgingen: ignorieren, dass andere Menschen existieren. Dazu fehlte mir allerdings etwas die Übung, sodass ich meiner Wohnzimmervermieterin sagte, sie solle mir einfach mein restliches Geld zurückgeben, damit ich in ein Hotel gehen könne.

Ich freute mich so auf ein bisschen Schlafen, wie es nur komplett Übernächtigte können. Deshalb war es ein bisschen doof, dass Booking.com mich das Hotel hatte buchen lassen, obwohl kein Zimmer frei war. Murphy blieb mein klettiger Begleiter …

… wird fortgesetzt.

1 Euro in die Australien-Kasse schmeißen! ?

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Kommentare:

ältere
  • tobi meinte am 23. Februar 2017 um 9:33:

    Ugh..rough weeks.

    Aufstehn, Krönchen grade rücken, weitermachen.

    Hauptsache Du hast Dich nicht mit der Gixxer (oder ‚nem anderen Möp) gelegt.

  • Jürgen 'JvS' Theiner meinte am 23. Februar 2017 um 10:28:

    TOP-Text! Brachte Sonne in den nebligen Vormittag.

    Es hat Dich zum Glück nicht umgebracht, dafür vertraue ich auf gesteigerte Härte 😉

  • Thomas Kittel meinte am 23. Februar 2017 um 13:58:

    Ich wollte ganz kurz den ausgesprochen guten Geschmack des kleinen, schlitzäugigen Mädchen festhalten. Die Demontage dieses Geschwürs von einem Endtopf ist eine ausgesprochen stilsichere Tat. Ich erwarte von allen zukünftigen Besitzern eine ähnlich konsequente Verbessung des Designs des Gixxers mittels sofortiger Ampution der Scheußlichkeit.

  • Volker meinte am 23. Februar 2017 um 18:42:

    Servus Clemens!

    Haha. Australien. Machen sie eine typische Handbewegung. Diese hier z. B.: http://bartheld.net/australien/slide002.html.

    Nein, wir hatten keinen Triebwerksschaden, aber der Flug nach Sydney mit Eklihad Airways (der Verschreiber ist beabsichtigt) war trotzdem kein Spaß. Scheintot im Hockergrab ist noch milde ausgedrückt.

    Und: Immer geil, in total übernächtigem Zustand ein Superspochtmurl zu testen. Das ist vermutlich wie MX auf einer italienischen WM-Strecke (z. B. http://www.motocrossmantova.com), wenn Du noch 1.5 Promille vom Vorabend hast.

    Sonst kann ich wenig mitreden, der Endtopf ist i. d. T. vergleichsweise häßlich, aber was will man angesichts der immer abstruseren Emissionsvorgaben auch sonst tun? Krawallowix wird sicher bald mit einer ABE-Einzelzulassung vom Prüfer mit der gelben Armbinde ums Eck geschlichen kommen.

    Ciao,
    Volker

  • Kurzes Australien-Tagebuch: Moloch Melbourne – Mojomag meinte am 24. Februar 2017 um 14:26:

    […] Was vorher geschah. […]

  • eugen meinte am 24. Februar 2017 um 20:58:

    äh, hab eh auch schon in die kirschenkiste eingeworfen, aber täuscht mich das oder klingen viele tests (und auch deiner) solcher raketen wie aus einem paralleluniversum? den in echt ist so ein krapfen mit nicht verstellbaren griffen, vorgegebener sitz- und fusshaltung (sowas traut sich nicht mal ein dacia), einem uraltantrieb (kette), einem zu fetten hinterreifen, der nur die kurve hindert und einem verbrenner, der im prinzip nix neues kann ausser zuviel leistung zu liefern, die in ihrer unangebrachtheit sowieso nur lächerlich ist, draufgesetzt eine elektronik, die das unfahrbare wieder irgendwie einfangen soll, ja doch völlig aus der welt gefallen, oder bin ich schon total verblödet? wo bleibt bei so einem krampf von ich weiss nicht 150 oder wieviel ps der spass an der bewegung und rumglühen? der teil sauft, ist von vorvorgestern, braucht trotzdem zu viel von allem und alle tun so, als sei das die neue gsxr 1000 r suzuki?, echt komisch ehrlich, ich hab das gefühl, dass wir irgendwann und irgendwo ganz falsch abgebogen sind und jeder tut so, als wär nix
    und niemand von uns motorradfahrer schimpft.

    • Clemens Gleich meinte am 25. Februar 2017 um 11:05:

      Jetzt mal unabhängig davon, dass man auch an der GSX-R einiges einstellen kann (die supertoll einstellbare KTM RC8 R kaufte übrigens kaum jemand), möchte ich doch fragen: Was würdest Du Dir denn wünschen, wenn das alles doof ist? Fahr mal einen Elektroantrieb im Motorrad. Du wirst feststellen, dass das typische Streunern damit einfach nicht geht, nicht mit heutiger Technik, nicht mit absehbar kommender Technik. Für eine Freeride E oder eine Energica brauchst du einen sehr genauen Einsatzbereich, der auf den Akku zugeschnitten ist, also einen Park oder eine Veranstaltung. Das ist der Stand der Technik. Dass dann der Markt für die sehr viel teureren Elektrokräder mikroskopisch ist, finde ich verständlich.

      Wenn man mit einem dünneren Hinterreifen schnellere Rundenzeiten fahren könnte, darfst Dir ebenfalls sicher sein, dass die Rennteams ihn montieren würden. Dem ist aber offenbar nicht so, sondern der breite Hinterreifen passt zum Antrieb. Vielleicht kommen wir zur Kernfrage: Wo bleibt der Spaß bei sowas? Das fragst Du. Vielleicht solltest Du es mal wieder ausprobieren. Die Illusion, dass ein 200-PS-Motorrad viel krasser sein muss als damals die Version mit 150 PS, die stimmt nämlich nicht. Im Gegenteil sind die heutigen Raketen viel einfacher zu fahren, auch für weniger Geübte. Im Übrigen ist es ja nicht so, dass „niemand“ schimpft. Du schimpfst über die Superbike-Entwicklung. Einige andere auch. Letztendlich wird wie immer der Markt entscheiden, was weiterhin gebaut wird. Es wird aber wahrscheinlich wieder eine offen laufende Kette haben.

  • eugen meinte am 25. Februar 2017 um 16:57:

    sorry, was ich meinte, ist, dass z.b beim neuen 911er (bei dem sieht man es ganz gut, finde ich, sauteuer, technik bis zum abwinken, manpower, cleverness und ingenieurskunst auf höchsten niveau, ein irrer aufwand) und in echt findet dann bis zumindest 80km/h (!) bewegung gar nicht mehr statt, man sitzt in der kiste und jemand zieht die gegend rechts und links und die strasse unten einfach vorbei, und alle sind voll begeistert.

    • Clemens Gleich meinte am 27. Februar 2017 um 10:39:

      Ich verstehe es immer noch nicht ganz. Ich bin den aktuellen 911er auch gefahren. Das macht doch sehr viel Spaß. Es gibt die Gegenthesen mit Caterham und Co., aber das ist ein Nischenmarkt. Die meisten Kunden wollen eher sowas wie den Porsche: schnell, spaßig, kannst aber auch zum Einkaufen fahren damit. Da finde ich es schon verständlich, dass das Vielen gefällt.

  • Jürgen 'JvS' Theiner meinte am 27. Februar 2017 um 10:48:

    ich zitiere:

    “wo bleibt bei so einem krampf von ich weiss nicht 150 oder wieviel ps der spass an der bewegung und rumglühen?“

    Also, nachdem ich von der 690er Duke III – mit der das Leben im Gebirge wirklich ein einziger Spass an der Freude war – auf die 1290 Superduke umgestiegen bin, die Mutter aller übermotorisierten Motorräder, hat der Spass am Hooligan-Dasein überhaupt nicht abgenommen, im Gegenteil..

    Hab‘ mich auch schon mal von einem Literbike getrennt, weil ich die Drehzahl selten über 8000 brachte, ohne mich einzunässen. Das war aber am Beginn meines einspurigen Lebens. 2 Jahre danach hatte ich wieder die grosse Packung unter‘m Hintern.

    Für den Kampf um die Ehre bewege ich eine 748er Ducati durch die Welt. Die einzige Elektronik an diesem Motorrad ist das Batterie-Ladegerät im Winter. Macht natürlich Laune – aber auf die Erste-Hilfe-Männlein in der grossen Duke möchte ich ebenfalls nicht mehr verzichten.

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