Kurzes Australien-Tagebuch: Moloch Melbourne

Als ich da in Ferntree Gully stand mit einer Buchung, aber ohne Zimmer, war ich froh, dass ich bei Booking gebucht hatte. Die haben sich an ihre Position gearbeitet, indem sie Probleme gelöst haben, auch und gerade die von Kunden, wenn es mal nicht lief. Wenn man bewerten will, mit wem man eine gute Geschäftsbeziehung führen kann, sagt einem das Fehler-Handling meistens am meisten. Das wäre also alles ganz schmuuv gelaufen, wenn meine Telefone funktioniert hätten. Ich hatte zwei dabei, mit zwei verschiedenen SIM-Karten. Das eine verweigerte komplett den Dienst. Das andere konnte dazu überredet werden, in Form von SMS zu kommunzieren, sprach (GSM) aber mit niemandem. Auch nicht mit dem freundlichen Herren von Booking. Die Empfangsdame fragte mich also, was ich machen wolle. „Ich will einfach nur schlafen“, sagte ich. Nach einigem Hin und Her fand sie mir ein Zimmer im Schwester-Motel 12 Kilometer die Straße hoch, wo ich eine Nacht bleiben könne und dann die restlichen Tage im Ursprungshotel buchen. Das Motel war sehr Motel-ig, mit Trucker-Bar, in der vier Mann auf der Bühne Musik machten für drei betrunkene Zuschauer, einem Spielcasino, einer Kebab-Bude und einem Parkplatz voller Holdens und Subarus. Eine fette Spinne begrüßte mich an Tür. „Hey, mate!“, grüßte ich sie und fragte mich, ob das so eine gute Idee gewesen war, länger zu bleiben.

Was vorher geschah.

Abendgast an der Motel-Tür.

Am nächsten Morgen traf ich mich mit Harald zum Frühstück auf dem Campus, im „Taste Baguette“. Was man wirklich sagen musste: So schmierig die Unterkunft auch war, die Uni Monash ist sehr gut. Alle Formalitäten laufen wie ein Uhrwerk. Die Leute sind ebenso nett wie kompetent. Das Gelände ist gut in Schuss und wird gerade noch einmal baulich aufgestockt. Und es gibt auf dem gesamten Campus schnelles, offenes WLAN. Darüber lud ich dann gleich mal meine Bildauswahl der Gixxer in den Nitschke-Verlag hoch. Im Hotel hätte das mehr als einen halben Tag gebraucht. Hier dauerte es drei Minuten. Gut gelaunt kehrten wir zurück zu Haralds Butze, vor der mein Mietwagen stand. Das war dann zunächst das Ende der guten Laune, denn ich wusste nicht, dass man in dieser Seitenstraße nur 30 Minuten parken darf (sonst hätte ich auf dem Hof der Butze geparkt). Ich wusste auch nicht, dass das gleich 78 Dollar kostet. Immerhin wirkte die schmerzhafte Erziehungsmaßnahme: Fortan schaute ich peinlich darauf, ob nicht doch irgendeine Parkeinschränkung existiert. Dasselbe gilt übrigens für Geschwindigkeitsbeschränkungen: Man halte sie besser ein. Die Strafen sind drakonisch. Zumindest das wusste ich, seit unser Flughafenbusfahrer uns in Zurschaustellung eiserner Disziplin 2 Stunden lang mit exakt 98 km/h von erlaubten 100 ans Ziel fuhr.

Essen in Australien

Das Parkticket illustriert jedoch gut ein großes Australien-Problem: Das grundsätzliche Niveau des Verdienstes liegt dort höher als anderswo, genauso wie die durchschnittlichen Lebenskosten. Wenn man Geld sparen will, muss man aufpassen wie ein Schießhund. Beispiel Fish ‚n‘ Chips: Ach, nur 6,50 Dollar, Schnäppchen, her damit! Aber für 6,50 gibt es dann nur den panierten Fisch. Wenn du auch Pommes (Chips) willst und eine kleine Cola, dann kostet es schon deutlich mehr als das Doppelte, und das ist immer noch ein vergleichsweise kleiner Preis dort. Die Geschwindigkeit, in denen wir diese 50-Dollar-Scheine aushändigten, machte Angst. Es war gut, dass ich das Cash der Chinesin zurückhatte, denn meine bisherige Kalkulation basierte auf Europa, auf den USA, auf irgendwo sonst. Eine korrekte Einschätzung hätte mir nur ein lokales Maximum wie St. Moritz gegeben.

Bacon mit knorpeliger Schwartenrinde, matschige Pfannkuchen, und das oben drauf ist kein Eis, sondern ein Klumpen Buttah. Australian Cuisine. (Bild: Harald)

Für dieses viele Geld erhältst du die mit Abstand schlechteste Küche der Welt. Ich habe bei den anderen Dagebliebenen gefragt, um zu verhindern, dass es nur an mir liegt: Nein, in Australien wird bevorzugt das gegegessen, was die Briten halt in den Sechzigern so aßen. Heute isst man selbst im tiefsten mittleren England besser. Ich hatte gehofft, dass die australische Küche vom leckeren Pazifikraum beeinflusst wäre, aber Pustekuchen. Der Australier von heute hat sich dem Land seit der Zeit der ersten europäischen Siedler kaum angepasst. Er überlebt nicht durch Anpassung, sondern aus reinem Trotz. Man betrachte das Bild links. Das ist aufgenommen in einer Hipster-Frühstück-Location mit „Free Range“, „gluten free“ und Quinoa und allem (man beachte den Kellner). Das ist quasi schon das Yoga-Fressen. Als ich abends an meinem Hotel das All-you-can-eat-Buffet eine Preisetage tiefer roch, kehrte ich mit Übelkeit am Eingang um und ging ins Bett. Der Clemens vom Motorradmagazin Österreich schlug sich mit Subways-Sandwiches durch. Ich kaufte im Supermarkt Obst und andere Nahrungsmittel außerhalb der zweiteiligen australischen Ernährungspyramide (“Fett und Mehl“) ein. Harald hielt sich viel an die Asiaten. Also verbrannte ich mein vorher mühsam angefressenes Körperfett, schrieb meinen Test der GSX-R und gönnte mir am nächsten Tag eine Fahrt in die Dandenong Ranges, einen Naturpark nur wenige Minuten vom Hotel entfernt. Dabei lernte ich etwas sehr Interessantes darüber, wie die Australier über Sport denken.

Fitness in Australien

Über den Parkplätzen des Mount Dandenong gibt es das kleine „1000 Steps Cafe“. Dort frühstückte ich. Die Parkplätze waren rappelvoll, überall liefen Menschentrauben die Wege entlang. Alle trugen Fitness-Shirts mit Sponsoren und Schweißfunktion, Elasthan-Hosen mit iPhone-Taschen und bunte Turnschuhe mit Marshmallow-hohen Schaumstoffsohlen. Gab es heute ein sportliches Event da oben? Nach dem Ende meines Kaffees ging ich nach draußen und sprach eine Gruppe Männer mittleren Alters und übermittleren Gewichts an, die sich dort in ihren Sponsoren-Shirts und Turnschuhen an der Cafe-Bank dehnten: „Was ist denn da oben, wo laufen die ganzen Leute hin?“ Der freundliche Australier antwortete: „Da oben ist gar nichts. Wir sind einfach Exercise Freaks, deshalb laufen wir da hoch.“ Da machte es *Klick!*: Hier in Melbourne ist da hochlatschen (also wirklich gehen, nicht rennen) ein Sport. Bei uns würde man „Wandern“ oder sogar eher „Spaziergang“ zu diesen 2 (!) Kilometern sagen. Hier war das aber eine sehr ernsthafte Angelegenheit, die mit Fitnessstudio-Gesicht wie eine ungeliebte Hausarbeit hinter sich gebracht werden musste. Einen anderen Tipp gegen Übergewicht hörte ich im Radio: Beim Einkaufen weiter vom Eingang entfernt parken. Es muss nicht immer gleich der Zumba-Tätärä-Kurs sein! Zusammen mit dem Essen beantwortete das meine Frage, warum so viele Australier so fett sind. Es war ein sehr schöner Wald, also zog ich mir nach meinem Spaziergang mit Kamera auf den Gipfel noch meine Shorts an und rannte ein bisschen im Gehölz herum. Bis auf dass mich die Leute anstarrten, als hätte ich einen an der Waffel, war es erholsam, mir den Stress aus dem System zu rennen.

Mittags entdeckte ich mit meiner Papptüte voll Fish ‚n‘ Chips inmitten eines Kakadu-Schwarms eine weitere Eigenheit Australiens: Auf öffentlichen Picknickplätzen gibt es kostenlose öffentliche Gasgrills. „Barbecue ist in Australien ein Menschenrecht“, sagte Michael Brand zu Harald. Damit bot sich mir eine weitere potenzielle Überlebensstrategie: Fleisch und Obst im Supermarkt kaufen und heimlich doch pazifisch kochen – draußen.

Öffentlicher Picknickplatz mit kostenlosen Grilleinrichtungen. (Bild: Harald)

Wird fortgesetzt, auf der Great Ocean Road.

Einen Euro in den Gasgrill-Fonds schmeißen! ?

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Kommentare:

ältere
  • Kurzes Australien-Tagebuch: GP-Strecke Phillip Island – Mojomag meinte am 24. Februar 2017 um 14:27:

    […] … wird fortgesetzt. […]

  • Jürgen 'JvS' Theiner meinte am 24. Februar 2017 um 14:51:

    Das ist also das (dicke) Ende der Welt..

    Könnte mir irgendwie sehr gefallen – Turnschuhe und T-Shirts mit Schweißfunktion (<- Wortschöpfung des Jahrzehnts *g*) habe ich zur Genüge auf dem Fußboden aufgehängt, und 2 km Wanderung schaff' ich grad noch so..

    Im falsch Parken bin ich große Klasse; ich sollte mal nach AUS eingeladen werden, ganz eindeutig.

  • Volker meinte am 27. Februar 2017 um 13:44:

    … Clemens über
    – Australische Mobiltelefonie,
    – herbe Strafzettel,
    – belegte Hotelzimmer,
    – Vogelspinnen,
    – teures Fastfood,
    – Nordic Walking „Down Under“.

    Je nun, „andere Länder, andere Sitten“ stelle ich einigermaßen mitleidslos fest.

    In Sydney zumindest fand ich es jetzt so schlecht nicht (http://bartheld.net/australien), bin aber auch nicht gleich in die erstbeste Freß- und Schlafbutze hineingestolpert.

    Mobilnetze sind ein Thema für sich, meine Erkenntnis (aus diversen USA-, Indien- und Japanaufenthalten) ist, daß man ohne ein UMTS-fähiges Quadbandhandy ziemlich angeschissen ist. Im Wilden Westen des Landes der begrenzten Unmöglichkeiten orgte ich mir umgehend eine lokale Prepaid(SIM)karte, mit Ca$h aufgeladen. In Bangalore funktionierte überraschenderweise mein Simyo/Blue-Auslandsroaming incl. SMS (bei deutschen Prepaidverträgen eine echte Seltenheit), für Australien hat mir http://www.australien-info.de/daten-telefon.html einigermaßen weitergeholfen.

    78AUD kann man ja noch als relativ fair bezeichnen, ein etwa gleichgelagerter Verstoß in San Francisco schlug mit 50$ zu Buche, in Mantova (Italien) war danach das Auto nebst Motorradanhänger weg. Hätte ich doch nur das klitzekleine Schildchen mit sinngemäßer Aufschrift „Parkverbot Marktsonntag 6:00-18:00“) gesehen.

    Vogelspinnen (http://bartheld.net/australien/slide098.html) sind doch possierliche Tiere! Hüte Dich stattdessen vor der ebenfalls dort beheimateten Trichternetzspinne, die ihrer stärker behaarten Schwester ein bißchen ähnlich sieht. Der Geheimtip unter Motocrosskumpanen lautet: IMMER DIE STIEFEL VOR DEM ANZIEHEN AUSLEEREN. Bei mir kam eines Morgens ein lustiger Skorpion zum Vorschein, schätze, der hätte mir das Morgenründerl ganz schön vermiest.

    Pseudosportler gibts doch überall – Du darfst Dich glücklich schätzen, nicht von einer Horde „Nordic Walker“ überrannt worden zu sein, wild mit ihren Skistöcken fuchtelnd.

    Das Menschenrecht auf Grillfleisch kenne ich aus Amiland schon, erleichtert die schmackhafte Selbstverpflegung ungemein, die ohnehin ganz oben auf der Prioritätenliste des kostenbewußten Individualreisenden steht.

    Ich wünsche weiterhin einen entspannten Aufenthalt!

    Grüße,
    Volker

    P. S.: Ich fand meinen (leider viel zu kurzen) Australientrip übrigens ziemlich geil. Würde ich Neuseeland vermutlich vorziehen. Und dem Vernehmen nach kommen im Landesinneren sowie im tropischen Norden auch Motorfreaks auf ihre Kosten. OK, eine Kilogixxer ist evtl. etwas deplaziert.

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